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007 ONLY: Her Majesty’s Best…

Stephan Fuchs – Dass James Bond seine Girls reihenweise in die Pfanne klatscht, ist so sicher wie die Ladehemmung seiner Beretta 905B im entscheidenden Moment. Das war ja allerhand peinlich. Seither spielt Bond lieber mit einer Walther PPK, oder mit Raketen schiessenden Zigaretten vom japanischen Geheimdienst, die sind in doppelter Hinsicht tödlich… Das ist doppelzüngig, denn die vertrackten Raketen wurden just in dem Film „Man lebt nur zweimal“ eingesetzt.


Die guten Bondsounds des englischen Secret Service auf Abenteuerreise mit einem Haufen charmanter Girls.

Nun aber fachsimpeln und Girls zur Seite gelegt. Es gibt ja noch wahre Geheimnisse um James Bond. Wussten Sie, dass Mr. 007 ab und an in Bern ist? Wussten Sie, dass er im Silo eine Premiere vom besten gibt? Eben. Und das nackt, also ohne Walther PPK und ohne Auftrag der Königin, sondern mit seinem Lieblingsgirl und seinen Lieblingsfeinden. 007 ONLY nennt sich das Spektakel mit dem Sound der Bondklasse, ausgetüftelt in den Kellern der Abteilung Q, dem Waffenmeister des englischen Geheimdienstes. Mit der Bondklasse ist nicht unbedingt ein russisches Frequenz-U-Boot gemeint, sondern eher die Klasse mit Geschmack: Die guten Bondsounds des englischen Secret Service auf Abenteuerreise mit einem Haufen charmanter Girls.

Ob es seiner Majestät und „M“ gefällt oder nicht, die Mission will gespielt sein: Mr. Bond an der Seite seiner bezaubernden Miss Sabrina Undress im unerbittlichen Kampf mit Mr. Mini Me, dem kleinen aber grossen Bösen an sich, dem einflussreichen im afghanisch-türkischen Heroingrosshandel mächtig gewordenen Mafiosi Don Tomaso del Günzürüs, dem mit ELF-Wellen weltbeherrschenden Mr. Tastenhauer und natürlich dem fiesesten aller Fiesen… Mr. Seitenzupfer. Soll noch einer sagen die amerikanischen und britischen Geheimdienste seien wegen al-Qaida nervös.

Nervös macht allen voran Miss Sabrina Undress, ihre Waffen kennen Insider bereits, denn sie machte kurz mal Furore als Agentin von Telesuzi, bevor sie eines unnatürlichen Todes starb. Hier schliesst sich das linke Auge mal kurz, denn selbstverständlich war das nur ein vorgetäuschter Tod um nun… Abarakadabara mit Mr. 007 wieder in Aktion zu treten. Ob der gute alte Mr. Q wieder seine Trickkiste geöffnet hat? In diesem Fall wohl kaum, denn eines der wichtigsten Bond Zitate aus den Quereleien mit Golden Eye sei hier kurz rezitiert, als 006 meint: „Für England, James?“ 007: „Nein, für mich!“ Also hingehen, Bondsounds hören und nicht abschiessen lassen. Auch die Ladehemmung kann ein Trick sein.

Silo, Mühlenplatz 1, 3011 Bern, 20. Dezember um 21:30
Voc
Vocals, Stephan Greminger & Sabrina Bühlmann, Git. Toby Rüest, Keybords Tom Steiner, Bass Housi Ermel und Drums Tom Günzburger

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Kahns ritt auf der Sinuswelle

Stephan Fuchs – Dem amerikanischen Klangkünstler Jason Kahn reichen mit Wein gefüllte Gläser nicht. Vielmehr füllt er sie mit Piezo Lautsprechern und lässt sie durch Sinuswellen erklingen. Das ist eigentümlich. Ebenso, dass er Schlagzeuger bei „Universal Congress of“ war… einer Kultband mit gängigem Namen. Dass sich ein Musiker wie Kahn durchaus noch als Perkussionist versteht, ist für viele Hörer ebenfalls eigentümlich, wenn sie sich seine Musik zum ersten Mal anhören.


Knacken, surren & rauschen

Es knackst, surrt, rauscht, ich überprüfte sogar die Boxenkabel weil manchmal auch nichts zu hören ist. Und nun? Kühne Kunst? Ein Irrer der Dinge macht die man nicht Versteht? Bestimmt! Kahn hat die Bands, Clubs und Studios mit Musikern wie David Moss, Evan Parker, Christian Marclay, Kevin Drumm, Steve Roden und vielen anderen zwischen N.Y und Tokio rauf und runter gespielt… irgendwann langweilt sich der Geist. Der gebürtige New Yorker Jason Kahn, sich noch immer als Perkussionist verstehend, reduziert seither Klänge. Verdichtet sie, packt sie in seinen Computer, würgt sie durch dessen Eingeweide und spukt sie als veränderte Wirklichkeit wieder aus. Das ist die eine Seite.

Kahn kann man vielleicht als Sensibelchen beschreiben… im musikalischen Sinn natürlich. Er spürt Klänge auf die unsereins nicht mehr hört, zu abgestumpft sind die normal Ohren. Der Sound-Kreator verbindet seine archäologischen Klangsammlungen zu… jetzt braucht man ein paar Gläser Wein, einer Matrix organischer Klangrealitäten. Nun kommt auch die Architektur ins Klangspiel: In der Raum-Installation „Gläser“ werden 16 Wassergläser im Raum verteilt. In jedem Glas steckt eben ein Piezo-Lautsprecher. Sinuswellen werden von acht individuellen Audio-Kanälen über die Piezo-Lautsprecher wiedergegeben, um jedes Glas zum Schwingen zu bringen. Die Sinuswellen werden in unregelmäßigen Zeitabständen abgespielt, mit dem Resultat, dass manchmal mehrere Gläser gleichzeitig tönen und manchmal keines. Ziel der Installation „Gläser“ ist es nicht nur, die Schönheit klanglicher Charakteristik der schwingenden Wassergläser zu erleben, sondern eine sich stets neu entfaltende Raum-Topografie zu kreieren. Wie und ob das im herkömmlichen Sinne mit kreativem musizieren noch etwas gemein hat? Jason Kahn meint ja. „Für mich gibt es keinen Unterschied ob ich nun elektronische Musik mache oder in einer Band spiele. Die Musik, die Sounds, kommen immer noch von mir. Sie hat meine Ästhetik. Ich glaube auch nicht, dass elektronische Musik mehr Möglichkeiten offenbart.“ Elektronik die im Zusammenspiel einer Topografischen Gegebenheit und verfeinertem Musikgespür letztendlich doch zu spannenden Klangerlebnissen führen kann. Aus dem kratzen, knacksen und surren entsteht plötzlich eine Landschaft der Klang-Realität die, beim konzentrierten hinhören mehr offenbart als uns lieb ist.

Weblink Jason Kahn

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i-notes

Lukas Vogelsang – Nun ist der Hund draussen: 8.7 Millionen will die Stadt Bern – sprich der Kultursekretär und seine Mannschaft – zusätzlich politisch im neuen Kulturkonzept festnageln.

Das mag auf den ersten blick super klingen. Die begleitenden Worte sind dementsprechend nachdrückliche Pharsen, die erst mal beeindrucken. aber eben, nicht alles was glänz ist gold.

Am Inhalt und an der Vision fehlt es noch immer. Da mag auch das Geld nicht darüber hinwegtäuschen. Die Positionierung reicht von Tanz zu Jazz und will eigentlich alles – nur nicht sich festlegen. die schwindenden Zuschauerzahlen bei vielen Veranstaltern werden nicht mitgerechnet, aber dafür „eventitis“ überall.

Die Feststellung, dass wenn man die Leute anständig bezahlen kann, vielleicht auch mal eine Spitzenleistung hervortritt – so der Kultursekretär Christoph Reichenau in der Zeitung „Bund“ – zeigt, dass was bisher geboten, qualitativ nicht ausgereicht hat. Geld ändert den Inhalt nicht. Visionen kommen nicht durch Geld – und wenn Geld im spiel ist, so wird es eine kommerzielle, wirtschaftliche Angelegenheit.

Doch statt eine Eigenbewirtschaftung zu fördern und die Kultur als Gesellschaftsreflektierendes Instrument zu erkennen, wird sie eingekauft und monopolisiert. Wer zahlt hat zu sagen. Die Stadt Bern würde – falls dieses Konzept angenommen wird – jegliches privates Sponsoring verunnötigen. Wer soll sich für Kultur noch einsetzen, wenn die Stadt Bern Hauptsponsor ist? Und dann wird nur noch bezahlt, was der Abteilung kulturelles in den Kram passt. Sie wird entscheiden, was Kultur ist.

Die Stadt übernimmt mehr und mehr eine Machtrolle in Sachen Kultur. Die gesamte Kulturinformation will sie koordinieren, das Geld und es bestehen auch Ansätze und Ideen, die kulturlokale zentral zu managen. keine gute Prognose, denn die Vielfalt und die kraft in Berns kultureller Einzigartigkeit liegt nicht im Geld und im Monopol – im Gegenteil. Was in 25 Jahren aufgebaut wurde und funktionierte könnte tief im Hochwasser enden.

Kultur ist auch macht. Ich bin – obwohl wir ebenfalls von dem Mehrgeld profitieren könnten – nicht für eine Lösung mit mehr Geld. Die Zeit ist nicht richtig dafür. Und meine zentrale Frage lautet auch: braucht Bern so viel Kultur?

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Die Irre Tour – Japan Now 2005

Shibusashirazu, um es gleich vorweg zu nehmen, ist zu heiss um cool zu sein. Shibusashirazu ist Programm. Die Japaner stellen mehr als 20 Musiker auf die Bühne, mit ihnen Reisen Go Go Girls, Butho TänzerInnen, Live Painter und jede Menge Schnick-Schnack, unter anderem ein 20 Meter Heliumdrachen.


Combo die den Göttern zürnt

Der heisse Gipfel des Fernost Jazz tritt mit einer explosiven und einzigartigen Performance an, in der traditionelle japanische Tanz Formen ebenso Platz haben, wie sensationeller Multimedia Zauber. Seit 1998 zieht das Orchester um die Welt und begeistert. Vom freien Funk, zu opulenten Wagnerklängen, japanischem Enka und PowerJazz spielt die Combo alles, was die Götter zürnt, nur noch ein bisschen Durchgeknallter.

Japan Now ist bereits das dritte Festival in seiner Art. Das Festival wurde von dem Theater- und Festivaldirektor Shigeo Makabe aus Tokio und dem Berner Buthotänzer und Choreografen Imre Thormann initiiert, um die unterschiedlichsten Formen zeitgenössischer japanischer Kunst in Europa zu zeigen. Vom erfolgreichen Punksänger zum Schweizermeister in Taekwon Do folgen sieben Jahre Unterricht mit Buthomitbegründer Kazuo Ohno und lebt seither in Tokyo. Als einer der führenden Butho Autoritäten eröffnete er seine eigene Buthoschule im Herbst 2002 in Tokyo. Ihnen ist es zu verdanken, dass sie uns Langnasen mehr über Japan wissen lassen als Sushibrötchen vom Coop.

Und das schaffen sie definitiv mit dem Programm. Nebst dem auf keinen Fall coolen Orchester im Dachstock der Reitschule, werden in der Dampfzentrale nicht minder faszinierende Abende auf uns warten. Am ersten 09. sind Yui Kawaguchi & Ayako Shimizu zu Gast.


Yui Kawaguchi & Ayako Shimizu

Die beiden Tänzerinnen bringen ihre neue Kreation „Wenn ein Ei kaputt geht…“ auf die Bühne. Kubikukuri Takuzou hängt sich. Natürlich als Kunstform, verwirklicht das selbstmörderische Bild des Hängenden „Kubikukuri“ und drückt Konflikte als Atmung aus. Postmodern zeitgenössisch ist seine Partnerin Mika Kurasowa. Ihre Performance erzeugt Doppelbilder zwischen Verstand und Verrücktheit.

Diese Vorschau erschien in der September Ausgabe von ensuite kulturmagazin

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Schotten dicht…

… Urlaub ist angesagt. Muss ja auch mal sein. Vorerst allerdings noch die erste Buchpublikation des neuen Berner Buchverlages edition ■ ensuite:

edition ■ ensuite präsentiert «the artist’s residence: Donal Mclaughlin» Bestandteil ist das Interview mit Donal Mclaughlin «Aussenluft muss man schnappen». Ein Grund heute dabei zu sein und mitzufeiern…

Artists in Residence sind willkommene Gäste einer Kulturstadt. Ihre Netzwerke tragen viel zum Kulturexport und dem internationalen Kulturverstehen bei. Doch nur selten sind ihre Spuren nachträglich noch sicht- oder nachvollziehbar. Die Serie «the artist’s residence» versucht, die Momente dieser Begegnungen festzuhalten und kulturvermittelnd umzusetzen.
Donal McLaughlin, ein irischer Schotte, Autor, Übersetzer/ Dolmetscher und Herausgeber, war von Februar bis Juli 2004 der erste Scottish Writing Fellow der Stadt Bern. Ein halbes Jahr «Begegnung mit Bern» von und mit dem Autor: vier Artikel (ensuite – kulturmagazin, Bern), zwei Geschichten und ein Interview, sind in diesem ersten Band zusammengestellt worden. Das Vorwort schrieb Peter Schranz von der Abteilung Kulturelles Bern.

Lesung und Eröffnungsfest:
29. Juni im PROGR_Zentrum für Kulturproduktion; Waisenhausplatz 30; 3001 Bern // 20.00 h
Einige kurze Ansprachen, der Autor liest aus dem Buch (Deutsch/ Englisch), Musikperformance von ZIMOUN und Christiaan Virant.

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Wenn reden langweilig wird…

Lukas Vogelsang – Sie kommen in den leeren Raum und innerhalb von 5 Minuten organisieren sie ihre Instrumente und beginnen zu spielen – ohne grosse Worte zu verlieren. Welche und wozu auch? Jeder weiss was zu tun ist. Seit 1983 treten «I Salonisti» als Ensemble auf und zum 21-x-sten Mal proben sie für das jährlich neue Stück im Stadttheater Bern. Es gibt also ein weitaus farbigeres Leben – auch nach dem Titanic-Filmerfolg – für das fantastische Berner Quintett.


Sie spielen die Vorstadt von «Buenos Aires» und eine Pause riecht nach einer Träne und nicht nach Taktstrich.

«Japidi-pada» – noch ist alles technisch. Das neue Programm «RadioTango» wird geprobt, Abläufe werden durchgespielt, geübt im Zusammenspiel – der gemeinsame Rhythmus wird gesucht. Aufwärmen für den Tango. Der ist noch weit weg, aber die Bewegung mit jeder Minute klarer erkennbar. Im Proberaum im Zingghaus in Köniz wird gearbeitet. Es ist ungefähr die dritte Probe für dieses Stück in der ich beisitzen darf, und ich verzweifle schon beim Gedanken, Worte über die Musik suchen zu müssen. Nach einer halben Stunde sind in meinem Notizbuch so viele Seiten verkritzelt, mit Gedanken und Bilder, dass ich mich eher frage, was ich nicht schreibe… Die Entstehungsarbeit dieser Musiker hat eine faszinierende Form: Sichtbar und spürbar entsteht eine Geschichte, die Dramaturgie, und davon verstehen diese Profis wirklich etwas. Mühelos wird gestaltet und man hat den Eindruck, dass sie mit Pinseln und Farben, als mit Tönen arbeiten. Die Präsenz und Wachheit im Klang zusammen ist betörend – und dabei ist es nur ein normaler Probeabend. Viele Details werden noch schnell angepasst, locker die Stimmung. Doch die «I Salonisti» spielen definitiv keine Noten. Sie spielen die Vorstadt von «Buenos Aires» aus der Sicht eines Taxis und eine Pause riecht nach einer Träne und nicht nach Taktstrich. Auf diesem kreativen Niveau zu spielen ist ein Geschenk.

RadioTango – Juan und Juana, ein Paar aus «Buenos Aires», sind die Hauptprotagonisten. Es geht um Liebe – um den Tango. Es geht um Weltliches, im Alltag einer Grossstadt. Zwischen Realität und Traum. RadioTango ist ein täglich ausgestrahltes Radio-Feuilleton und dieses porträtiert die zwei Liebenden aus der Vorstadt. Gekonnt ist die Geschichte selber zwischen Welten, vermischen sich Realitäten und werden wir ZuhörerInnen mit dem warmen und weichen Zauber umhüllt. Eigentlich ist RadioTango ein langes Abschiednehmen, doch durch so viel Leben bleibt die Erinnerung ein realgewordener Traum.

Die vier Episoden wurden von Jorge Zulueta (Musik), Jacobo Romano und Marcia Romano (Szenario und Worte) geschrieben. Die Regie führte Jacobo Romano. Für den Gesang wurde Susanna Moncayo (Teatro Colón, Buenos Aires) als Juana und Armando Noguera (Opéra Bastille, Paris) als Juan engagiert. Leider waren die Zwei bei der Probe nicht mitdabei – doch es wird für sie unschwer sein, auf diesem schon bestehenden Klangteppich, wie Alchemisten, Gold zu gewinnen.

«Lasst es uns noch einmal versuchen» Die «I Salonisti » sind unermüdlich in der Radiosendung eingetaucht. Lorenz Hasler leitet das Quintett, spielt die Violine und ist gleichzeitig der Erzähler des Stückes. Alle zusammen bewegen sich zwischen dem Radiosprecher, dem Disc-Jockey (DJ), den Werbern, Mister Horoskop, der Wetteransage… und aber auch der Stimme der Hörer. Und dies ist das grosse Geheimnis: «I Salonisti»
beherrschen die Kunst, die Musik in unseren Knochen klingen zu lassen. Die HörerInnen werden zum erweiterten Instrument – nicht nur in der Geschichte. So sind die rund 70 erbaulichen Minuten ein guter Grund das Stadttheater bis an die Decke zu füllen und lassen uns für einmal versöhnlich dankbar sein dafür… «Japidi-pada, Japidi-pada, Japidi-pada…»…

I Salonisti live zum (Er)Leben:

  • 1. Juli 2005 / 10:30 und 13:30 Uhr
    Zentrum Paul Klee
    Programm: klingende Zeitfenster

Informationen zum Ensemble:
Die fünf Musiker treten seit 1983 als Ensemble auf. In den vergangenen 20 Jahren hat das Quintett die vielfältigsten Programme mit viel Erfolg im In- und Ausland gespielt. Ihre Konzertauftritte sind von der grossen Spielfreude des Ensembles geprägt, eine Folge des lustvollen Sich-Bewegens in den verschiedensten musikalischen Welten.
Für den Film Titanic wurden I SALONISTI von James Cameron als Bordorchester verpflichtet. Als tragende Darsteller ist das Ensemble in diesem Jahrhundert- film zu hören und zu sehen.

Foto: Lukas Vogelsang

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China Connection krabbelt aus der Röhre

„Schauen sie mal da hinein in diese alte Flimmerkiste“. Der Mann aus China fuchtelt mich wild zum Fernsehen. Sitzen wir nun da auf dem Ledersofa und stumm flimmert ein beruhigendes blaues Grün vor sich hin. Wir sind im PROGR, dritter Stock. “Haben sie gesehen? Da!“ Ich sehe zwei Körper, Nadine Fuchs und Marco Delgado, die zwei Hoffnungsträger der freien Berner Tanzszene. Bizarr anzuschauen, perfekt im Tanz, dann abrupt unterbrochen. Stummel, Fragmente und noch mal das selbe. Delgado am Boden, Fuchs den Tränen nahe.


Ist spannend die da drin schwitzen zu sehen.

„Streiten die?“ „Weiss nicht…“ erwidert der Chinese. „…ich weiss es nicht, ich dachte eher sie lieben sich.“ „Ach was!“ klingt es von hinten. Zimoun der Musiker setzt sich zu uns. „Ich schau denen jeden Tag von hier draussen zu, ich verbringe hier vor der Röhre meine Pausen. Ist spannend die da drin schwitzen zu sehen.“ Zimoun, begnadeter Klangkünstler, wird an der Produktion China Connection Teil von Delgado-Fuchs sein. „Wissen sie meine Herren,“ sagt der Mann aus China, „wir werden durch ein Labyrinth geführt, ohne den Ausweg zu kennen. Ich bin nun schon seit Beginn der Proben hier, was ich da sehe verändert sich immer.“ Ich schau ihn fragend an. „ Sie sehen Geschichten ohne Anfang, ohne Höhepunkt, ohne Ende und Logik, aber doch auch immer wieder das selbe, es scheint eine Logik zu haben.“ Wir schauen gebannt wieder auf den Bildschirm, Nadine Fuchs scheint sich gefasst zu haben. Nein sie lacht, grinst breit in die Kamera. Sie bewegen sich in ästhetischer Klarheit. Für die beiden kein Problem, ihre tänzerische Perfektion haben sie Jahre lang unter Beweis gestellt. Unerwartet hält das Duo wieder inne und fährt an einem komplett aus dem Kontext gerissen Ort weiter.

„Diese Brüche faszinieren mich“, meint der Herr aus China, sie sind wohl ganz gezielt eingesetzt, richten sich direkt ans Publikum und evozieren Fragen.“ „Ja“, beantwortet Zimoun, „welches ist die Rolle des Interpreten, welche die des Publikums? Wer tanzt überhaupt, wer urteilt? Was machen sie als Zuschauer damit? Sind wir überhaupt zuschauende oder nicht doch verantwortliche?“ „Sie haben recht Zimoun, aber wollen sie mir weismachen, dass Delgado & Fuchs sämtliche Proben quasi öffentlich übertragen?“ Ja, nicht nur das, die Flimmerkiste läuft Tag und Nacht. Jedes Detail kann von allen mitverfolgt werden. Es gibt Leute, die kommen bewusst hierhin, setzten sich vor den Schirm und sehen sich die Show an. Die machen eine Art Big Brother hier.“ „Ich denke das ist zu einfach,“ fügt der unbekannte Mann aus dem fernen Osten bei, „ es geht auch um Transparenz, um Partizipation. Die beiden haben sich die letzten Jahre eingebunkert, haben hart und in der stillen Kammer an sich gearbeitet. Jetzt ist es Zeit die Öffentlichkeit mit einzuschliessen. Sie involvieren das Publikum in ihren Prozess. Ich habe gehört, dass die Proben sogar über Internet zugänglich sein werden.“


„Ich würde sie gerne begleiten wenn sie erlauben.“

„Verzeihen sie, dass ich mich in ihr Gespräch einmische. Mein Name ist Roberto Garieri, ich bin der Schauspieler der China Connection. Haben sie Herr Fuchs, nicht einen Termin mit den Tänzern? „Ja den hab ich, ich wurde hier vor den Fernseher gefuchtelt und hab mich kurz mit den Herren unerhalten. Ist es Zeit zu gehen?“ „ Ich denke schon. Wenn sie wollen, können sie ihren Freund aus China gerne mitnehmen.“ Mein unbekannter „Freund“ springt begeistert auf. „Ich würde sie gerne begleiten wenn sie erlauben.“ Einen kurzen Moment schauen wir noch gebannt auf den Bildschirm. Die tänzerische Fertigkeit fesselt mich. Es ist die Körpersprache, dieser Wille, diese ungebrochene Energie die mich an den beiden Tänzern schon immer faszinierte. Es ist spannend ihnen zuzusehen, sie zu beobachten. Was mich wirklich begeistert ist ihre Leidenschaft, doch der Mann aus China zerrt mich zur Türe… Wir verabschieden uns von Zimoun und Roberto Garieri, öffnen die Tür und treten ein. Der Raum ist leer. „Wissen sie was Herr Fuchs, ich will mit ihnen Tanzen!“ „Der spinnt!“ schiesst es mir durch den Kopf.


„Ob die wohl Streit haben?“ „…ich weiss nicht Nadine, ich denke die Lieben sich.“

Draussen vor der Tür sitzen sie; Delgado, Fuchs, Zimoun und Garieri und schauen gebannt auf den Bildschirm. „Weisst du Nadine, ich bin mir nicht ganz sicher was die da drin machen: Ich komme jeden Tag in meiner Pause hierhin, setz mich auf das Sofa und schaue diesen komischen Typen da drin zu.“ „ Ich weiss Marco. Stummel, Fragmente sind das einzige was wir hier sehen. Der Chinese tanzend, der andere schaut blöd in die Kamera. Und nochmals das selbe. Der eine, der immerzu tanzt und sich am Boden windet und der andere den Tränen nahe. Ob die wohl Streit haben?“ „…ich weiss nicht Nadine, ich denke die Lieben sich.“ „Ach was!“ klingt es von hinten. Zimoun der Musiker setzt sich zu ihnen. „Ich schau denen jeden Tag von hier draussen zu, ich verbringe hier vor der Röhre meine Pausen. Ist spannend die da drin schwitzen zu sehen. Ich denke wir werden durch ein Labyrinth geführt, ohne den Ausweg zu kennen.“

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Marilyn Manson; des Teufels Sekretärin liebster Kerl

Rock Oz’ Arènes, das kleine Festival im schweizerisch –keltischen Dorf Avenches zelebriert am 17. August mit Schockrocker Marilyn Manson. Mit Marilyn Manson kommen auch die ganz wüsten, bizarren Geschichten, die sich in den Medien immer gruslig gut verkaufen. Kaum einer der sich mehr Todeswünsche auf den Hals jagt als „Es“. Kaum einer den die Medien und die Öffentlichkeit mehr zu spalten vermag als „Es“. „Es“ wird verantwortlich gemacht, wenn sich Massentötungen an Schulen und rituelle Bluttaten ereignen.


Inbegriff des Schreckens und des Bösen schlechthin halb Biest, halb Engel

„Es“ ist schuld am Zerfall der Normen. Fernsehprediger halten beschwörend die Bibel hoch, vor den Stadien verteilt die Christenheit Flugblätter. „Es“ gilt als die androgyne Missgeburt Satans, als Inbegriff des Schreckens und des Bösen schlechthin halb Biest, halb Engel. Der erste Jugendverderber der Nation, der Lieblingsfeind – das ist die Paraderolle des Mannes, der den Vornamen eines Starlets und den Nachnamen eines Mörders führt. Helter Skelter findet aber nicht statt.

Kunstblut, Lederstrapse, Auftritte im speckigen Stützkorsett – nach Antichrist Superstar, dem Großwerk von 1996, das ihm den Durchbruch in den Mainstream bescherte und schwer überbietbare Maßstäbe in punkto satanischen Stadion-Glamour setzte, wirkt Manson manchmal wie des ewigen Provozierens müde. Sein Job ist schwer und er wird immer dann ans Tageslicht gezerrt, wenn bessere Erklärungen Mangelware sind: zuletzt nach dem Highschool-Massaker von Columbine, als Eric Harris und Dylan Klebold 1999 elf Mitschüler und einen Lehrer erschossen und 23 verletzten. Harris und Klebold waren keine Nazis, aber sie bewunderten sie. Ein Paar Wochen vor dem Massaker schrien sie in ihrer Bowlingklasse „Sieg Heil!“ und „Heil Hitler“ und hoben dazu ihre Arme zum Nazigruß. Sie hörten sich die gleiche Musik an: Dunklen, düsteren Industrial Metal von Bands wie Rammstein und KMFDM. Offensichtlich sind diese „Bösartigkeiten“ Faktum genug um elegant mit dem Finger auf Manson und ähnliche Bands zeigen zu können. Die Gesellschaft kann sich retten, schuld sind die anderen. Dann rüstet ihn die Plattenindustrie großherzig wieder auf und lechzt auf das neue Blutbad und das erneute Klingeln der Kasse. Auch wir, die Journalisten freuen uns auf das nächste Blutbad, denn auch bei uns klingeln die Kassen, ohne allzu tief in die Trickkiste gucken zu müssen. So kriegt der Liebling des Teufels Sekretärin was er dringend braucht: Publicity.

Des Teufels Liebling weiss was „Es“ tut

Auch Manson weiss was er tut – und macht sich seinen Reim auf die Sachverhalte. Man muss ihn in Bowling for Columbine gesehen haben, Michael Moores Oscargekrönte Dokumentation über eine Nation unter Waffen. Wie er in voller Montur, mit Leichenschminke und milchiger Lieblingskontaktlinse im linken Auge entschieden weniger verrückt wirkt als die anderen Irren die diesen Film, den Präsidenten der Vereinigten Staaten inbegriffen, bevölkern. Wie er in klaren, wohlgesetzten Worten das Böse als Schatten des Guten beschreibt und die Abwehr als Funktion der Angst.


So spricht nicht der Teufel, als vielmehr einer, der die Mechanismen des „teuflischen“ verstanden hat.

„Nicht Musik sondern Angst und Konsum sind Ursachen der Gewalt“, meint Manson. So spricht nicht der Teufel, als vielmehr einer, der die Mechanismen des „teuflischen“ verstanden hat. Einen posterboy of fear nennt er sich vor laufender Kamera und rät seinen Kritikern, der Jugend von heute lieber zuzuhören, statt sie zu verurteilen.
Wer die Botschaft ernst nimmt und den Aufklärer unter der Teufelsfratze erkennt, kann aus seinen Werken manches lernen. Über Kreuzzüge und Gegenkreuzzüge. Über den latenten Fundamentalismus eines Landes, das seine Missionen mit Feuer und Schwert verfolgt. Darüber, dass eine Nation seine Feinde braucht, um sich selbst als Nation zu fühlen. Wie Moore, wenn auch mit drastischeren Mitteln, hält Manson seinen Landsleuten einen Spiegel vor, in den die moral majority ungern schaut, weil das Zerrbild der eigenen Kultur darin zu sehen ist. Er singt von der Verkommenheit der Gesellschaft im Allgemeinen und der weißen Mittelstandsgesellschaft im Besonderen, von toten Göttern, toten Gefühlen, toten Präsidenten und einem Himmel, der so blau ist „wie eine Schusswunde“. In immer neuen, grandios eitrigen Farben malt er die Apokalypse an die Wand – und bleibt als Gefürchteter den Werten verpflichtet, die er bekämpft. Manson und der amerikanische Traum: eine Zwangsgemeinschaft zum wechselseitigen Profit. Freilich hat er auch diesen Zusammenhang längst durchschaut und in einen Aphorismus gegossen: „America needs Marilyn Manson as much as Marilyn Manson needs America.“ Die Plattenindustrie freuts.

Manson Runen schockieren nicht mal Europa

Ob die Plattenindustrie mit der Manson Attacke auf Europa ihre Erwartungen erfüllt und die Wellen der Empörung auch hier Kreise ziehen und Millionen von neuen Käufern dem Bösen in Popstar-Gestalt verfallen, kann bezweifelt werden. Auch mit Nazi Outfit, SS Runen und anderem nationalsozialistischem Klimbim. Von den richtigen Neo-Nazis wird er verspottet, von den wirklichen Satanisten bemitleidet. Europa ist, im vergleich zu Amerika zu aufgeschlossen und vielschichtig.


So hat seine Tournee eine durchaus positive Botschaft

Vor allem aber fehlt in Europa die Macht des Tabus das der Provokateur braucht, um es zu brechen: Ohne eine konservative Umgebung wirkt der Verstoß halb so schockierend. Die letzte Lektion aus Marilyn Mansons kleiner Horrorschau besteht darin, dass Europa, nach einem halben Jahrhundert Demokratisierung durch amerikanischen Pop, liberaler geworden ist als das Ursprungsland. Versteht man auch dies als Spiegel, so hat seine Tournee eine durchaus positive Botschaft: Unter aufgeklärten Bedingungen ist auch der Teufel nur so ernst, wie man ihn nimmt.

Dieser Artikel ist eine textliche Zusammenstellung

Weiterführender Artikel:


http://rcm-de.amazon.de/e/cm?t=journalnachri-21&o=3&p=8&l=as1&asins=B000001Y2U&fc1=000000&=1&lc1=0000ff&bc1=000000&lt1=_blank&IS2=1&bg1=ffffff&f=ifr

kultur

The Fuckadies – you are the Bunny, I’m the beast

Ja Hallo! Nach der zerbrechlichen Gustav CD ist das dann doch deftig. Ratzingers päpstliche Hauskapelle wird Fuckadies wohl nicht sein. Fuckahä, Fuckaho, Fuck-D und Fuckchap ficken sich mit brachialem Sound und Gentlemen like gekonnt durch den heissen Dschungel der Schweizer Rockclubs.


Eine Spur schneller um des Teufels Sekretärin rollen

Die Berner Herren zelebrieren noch die Musik für Kerle und Ladies, die eine Spur schneller um des Teufels Sekretärin rollen als andere. Die Combo ist scharf, präzis, schnell und nur gut wenn saulaut. Fuckadies sind im internationalen Vergleich nicht nur in der Vorhölle, sondern direkt am Lagerfeuer wo es am schönsten ist. The Bucks freilich, hört sich ein bisschen raus, das liess sich wohl nicht vermeiden.

Das merken aber auch nur die alten Knacker und macht weiter nichts, denn selbst die Kollegen vom Star Wars Epos haben bei ihren Kumpels abgeguckt. Die härteste Band Berns ist mit Sicherheit aus der Schweizer Chorknaben Szene nicht mehr wegzudenken. Sie verbinden echten Rock’n’Roll und die Indie/Punkrock Szene zu einem echten Feuerwerk in Ratzingers Albträumen. Gentlem, es wird Zeit, dass ihr bald mehr im Ausland tüchtig für gute Musik sorgt.

Diese CD Kritik erschien in der ensuite kulturmagazin Printausgabe Nr. 30, Juni 2005. Die PDF Datei finden sie im PDF Archiv unter: Gustav – Fuckadies

Band Link: Fuckadies

MP3 Audio Kiss Me Goodbye

kultur

Gustav – Rettet die Wale

Stephan FuchsEigentlich ist Gustavs Musik furchtbar, stimmt mich melancholisch und macht mich mürbe. Brabbeln find ich das. Denn sind wir ehrlich; irgendwie ist das Cover ja auch komplett schräg mit diesem Wal im Herzen des Heidilandes. Sorry, eine kurze Gustav Kritik für das Berner Kulturmagazin Ensuite möchte ich lieber nicht machen.


Sticht, sobald sie singt, in mein Herz still und tief

Schräg find ich aber spannend, hör mir die CD doch an. Gustav, die Multiinstrumentalistin aus Wien sticht, sobald sie singt in mein Herz still und tief, dass mir die Tränen kommen! Ihrer Zerbrechlichkeit der Stimme nicht genug, sie scheint den innersten Nerv berührt zu haben. Die Österreicherin Eva Jantschitsch ist wohl des Landes interessantester Kulturexport und dafür muss ich mich bei ihr bedanken! Soviel Brisanz, Qualität und politische clevere Subversivität ist kaum ertragbar. Oder eben doch, sie ist vielen aus dem revolutionären Kuchen ein gutes Stück voraus, macht Mut da weiter zu gehen, wo sich die eigenen Träume zur Errettung der Wale im Heidiland schon tief begraben haben.

Gustavs Musik ist gar nicht so übel, sie ist wohl genau so subversiv wie ihre Texte. Feingliedrig, punktiert eingesetzt und erschütternd, gräbt sie sich tief in die Seele. Der Schrei, der sich nicht entfalten darf. Danke Gustav, du bringst die Träume zurück.

MP3 Audio Gustav in Genua hören

Gustav – rettet die Wale: Mosz Records

Gustav Artist page: Gustav

Vertrieb Schweiz: Karbon Distribution

Siehe auch: The Fuckadies – you are the Bunny, I’m the beast

Diese CD Kritik erschien in der ensuite kulturmagazin Printausgabe Nr. 30, Juni 2005. Die PDF Datei finden sie im PDF Archiv unter: Gustav – Fuckadies