kultur

4. Schweizer Hackbrett Tag

Bern – Man sagt „Zigeuner“ hätten dieses Instrument mitgebracht. Aus Persien ins Appenzell. Dort ist es im 16. Jahrhundert aufgetaucht und hat sich zum typisch charakteristischen Instrument der Appenzeller Musik entwickelt. Über die ersten Hackbretter in der Schweiz liest man jedoch 1447 in Ratsbüchern von Zürich, oder in Gerichtsprotokollen z.B. vom 24. April 1631 aus Bern, wo berichtet wird, man habe verbotenerweise zum Hackbrett getanzt.


Gilbert Paeffgen: Engelsinstrument feiert Renaissance

Doch das Trapezförmige Instrument hat sich schon viel früher in Europa festgesetzt. Das zurzeit älteste Zeugnis eines Hackbrettes in Europa ist aus dem Jahr 988 und findet sich auf einem Bild in der Hofkapelle des Bischofs von Canterbury im Süden Englands. Vom Appenzell, Wallis, Bayern, Tirol, über England, Griechenland, Ungarn Rumänien und Weissrussland, das Hackbrett scheint überall – als Inbegriff der urigen Volksmusik aufzutauchen.

Jetzt feiert das Engelsinstrument Renaissance. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert hat das Hackbrett kontinuierlich an Popularität gewonnen, auch zeitgenössische Komponisten wie Klaus Huber, Heinz Holliger, Alfons Zwicker und der Schweizer Daniel Ott, haben für das Hackbrett komponiert. Aus sämtlichen Stilrichtung des klassischen Repertoires gibt es heute Bearbeitungen – viele von ihnen noch nicht publiziert und manchmal schwierig zu erhalten. Nun wird das Instrument zunehmend auch in der populären Musik, vor allem im Jazz Entdeckt.

Roland Schildknecht gewann mit seiner Hackbrett Komposition am Jazzfestival in Kaiseraugst. Walter Alder mit seiner Alder – Argentia – Appenzell Gruppe und Remo Crivelli mit Selection sind Pioniere auf dem Feld zeitgenössischer Musik. Auch das Gilbert Paeffgen Trio oder Irish – Steirisch und No Strings Attached zeigen neue Wege mit dem Umgang des Instruments, verweben traditionelle Klänge mit modernen Rhythmen und neuen Instrumentalbesetzungen. Ihnen und natürlich vielen anderen Gruppen und Instrumental – Experimentalisten, auch aus der Traditionellen Ecke, ist es zu verdanken, dass Volksmusik wieder als Musik des Volkes verstanden und geschätzt werden kann. Defnitiv eine Bereicherung unserer Kultur. Unverkennbar, das Hackbrett wird zum Trend und am Samstag 12. März 2005 findet in Burgdorf der 4. Schweizer Hackbrett Tag statt. Der Verband Hackbrett Schweiz präsentiert das urchig vertraute Instrument in all seinen Facetten: Nebst vier verschiedenen Workshops und einer Einführung in das Walliser Hackbrett, können auch spannende Konzerte Besucht werden.

Am Nachmittag spielen Schülerinnen und Ensembles von verschiedenen Lehrkräften. Ab 18:30 spielt das Echo vom Säntis. Wohl eine der bekanntesten Kapellen aus dem Appenzell mit Holderegger, Holderegger und Holderegger sowie Werner Alder am Hackbrett. Die Oberwalliser Ländlerwerkstatt, das Gilbert Paeffgen Trio, mit Gilbert Paeffgen am Hackbret und Schlagzeug sowie der Gruppe La Folia. Wenn das kein spannender Ohrenschmaus wird!

4. Schweizer Hackbrett Tag: Samstag 12.03.2005 // Kornhaus Burgdorf, Kornhausgasse 16, Burgdorf/ 13.00

Bild: Gilbert Paeffgen

kultur

Reduktion in die Qualität des Klanges

Das Gespräch mit Don Li

Don Li, ich habe Ihnen zwei Sachen mitgenommen: Eine furchtbare CD eines Musikers, den wir beide kennen und eine andere CD, auch schlimm, die Sounds vom Mond Titan, aufgenommen von der Huygens-Sonde.

Oh ja, also die erste CD ist wohl… na ja! Wissen sie was? Ich schenke ihnen das nächste Mal die schlimmste meiner CDs. Was halten sie davon?

Grossartig! Ich befürchte nur, dass Ihre CD, die sie mir schenken wollen, ein Genuss sein wird.

Lassen Sie sich überraschen! Aber die Titan Sound Files… das ist Grossartig. Wieso finden sie die so schlimm?

Allem voran herrscht da oben offensichtlich das grosse Rauschen. Bei genauem hinhören aber, kristallisiert sich ein Ticken… ein sanftes Wummern heraus. Ich war gerührt, denn das ist ein jungfräuliches Geräusch eines uns 1,2 Milliarden Kilometer entfernten Mondes. Das fand ich fantastisch! Es war die Reduktion die das Erlebnis ausmachte. Nachher, bitte entschuldigen Sie, dass ich ausschweife, habe ich Musik von ihnen gehört. Ich war zu Tränen gerührt, ich bekam Hühnerhaut! Auch Sie reduzieren Musik auf die Substanz, auf die Wichtigkeit des einzelnen Klanges und der Repetition. Don Li, Sie sind ein Meister!

Ich danke ihnen… ich glaube meine Musik ist, ähnlich wie bei Ihrem Erlebnis der Musik des Mondes Titan, vom grossen Rauschen befreit. Ich habe alles Rauschen, alle Eskapaden zurückgenommen und die Musik auf den Klang reduziert. Die Musik, die ich im Tonus Labor komponiere und mit den Musikern vom Orchester damit experimentiere, lebt erst durch die Reduktion. Da liegt ein grosses Potential an Energie.

Empfinden sie die Reduktion als Qualität?

Ja, unbedingt! Schauen Sie, es rauscht um uns unaufhörlich. Selbstverständlich ist es ein Genuss, wenn das ein Jazzkonzert, Klassik, irgendein Musikstück ist. Für mich geht das Erlebnis Musik aber weiter. Qualität ist Entwicklungsfähigkeit, Eigenständigkeit, Charakter, tiefes Handwerk, Inhalt. Qualität ist Zeitlos. Qualität ist bestimmt nicht etwas, das schnell kommt und schnell geht. Das Erleben wir auch mit unserem kulturellen Fundament: Klassik, Jazz… Formen, auf die ich mit dem Tonus Orchester zurückgreife…

Sie machen eine musikalische Zeitreise.

Nein, das klingt zu utopisch. Ich verbinde nur Zeiten. Ich versuche die Werte der klassischen Musik mit den Werten des Cyberspace zu verbinden. Eine Verbindung von klassischen Werten, Groove- und Minimal Music. Ich reduziere auf das Wesentliche. Qualität hat nichts mit Menge zu tun… vielleicht im Gegenteil, mit der Leere.

Das ist was ich erlebt habe bei Ihren Kompositionen. Dadurch werden Sie im ersten Moment endlos anstrengend…

…bis Sie sich gehen lassen. Es sind nicht endlose Wiederholungen des immer Gleichen, sondern eine Vertiefung des immer Gleichen…

…genau! Ich empfand es als Befreiung. Die Kompositionen gaben mir das Gefühl der Musik gegenüber mündig zu sein, selber zu entscheiden, was ich damit kreiere. Und dabei habe ich Ihre Musik als geballte Kraft erlebt.

Ja, es ist auch diese geballte Kraft des Zurückhaltens. Stellen sie sich das vor: Sie beherrschen Instrumente in der vollen Virtualität und Bandbreite. Sie dudeln damit eine dicke Wand bis sie explodiert… und Buff… und dann? Nichts geschieht weiter. Halten sie diese Energie zurück und geben diese in einen Ton… in eine Schlaufe, die Tore öffnen sich, der Klang bekommt Tiefe, bekommt Information, und eine neue Qualität. Dann bekommt jede Note Power. Das ist für mich auch Qualität. Dann bekommen Noten einen Kontext.

Kommt es nicht auch auf den Empfänger an, wie er einen Klang aufnimmt?

Sicher, der… wie Sie sagen „Empfänger“… füllt einen Klang mit seinen eigenen Werten. Er gibt ihm Inhalt und modifiziert den Wert der tonalen Information. Genau so wie Sie es bei den jungfräulichen Sounds des Titan Mondes gemacht haben.

Das ist aber eine rechte Herausforderung an den Zuhörer. Um ehrlich zu sein habe ich nur diese einzige Notiz zum Interview aufgeschrieben: Ihre Musik ist nicht Erholung, sie ist Herausforderung.

Sie machten sich wohl eine Reduktion des Interviews. Musik ist immer eine Form der Kommunikation. Sie können sich nach hinten lehnen und unterhalten lassen, oder Sie können sich Räume schaffen, Sie können sich darin aufhalten, forschen, und neues entdecken. Sicher, man muss die Bereitschaft haben zu entdecken, das mag anstrengend sein, muss aber nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass je mehr ein Musiker seine Tonleitern technisch perfekt rauf und runter spielt, also mehr quantitativ arbeitet, desto mehr krebst ein Hörer zurück. Ich habe das selbst auch erfahren. Bis vor kurzem hielt ich mein Labor hermetisch. Das heisst der Hörer kam, wurde mit meiner Musik konfrontiert und ging wieder. Ich habe dabei der Musik das Geheimnis weggenommen. Ich machte keine Ansage, nichts! Das war zu dieser Zeit sicher richtig, denn ich hatte eben mein eigenes Ding erschaffen: mein Labor, und damit musste ich mich auch klar positionieren. Jetzt hat sich das geändert. Ich habe mich positioniert. Und ich habe dabei entdeckt: Ich will nicht einen geschlossenen Raum schaffen, sondern Einladen. Heute mache ich das wieder. Ich erkläre die Musik, lade den Hörer ein, sich vorzubereiten und schaffe es so, die Bereitschaft zum hören zu öffnen. Das hat nicht im Geringsten mit Mystik zu tun, sondern mit meiner Arbeit als Musiker im experimentalen Bereich.

Also doch ein Exzentriker?

Nein, ich muss mich nicht mehr vor anderen – und vor allem mir – nichts mehr behaupten. Ich glaube, das ist der Punkt.

Wie meinen Sie das?

Schauen Sie, ich habe jahrelang gesucht. Kennen Sie das Gefühl? Sie wissen etwas ist da, und sie finden es nicht. Nirgends finden sie das Gesuchte und Sie wissen aber, dass es existiert. Irgendwo da draussen. Ich habe die Musik, die ich wollte, aber nicht gefunden. Also hab ich sie selber gemacht. Ich habe mir mein Tonus Labor eingerichtet, habe meine eigene Musik gespielt, habe experimentiert, habe mich ausgetauscht. Klar ich wurde auch belächelt und schubladisiert…

Jetzt sind Sie ein Meister!

Bin ich das? Ich glaube nicht.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich vergleiche das nun einmal mit dieser Huygens-Sonde: Der Kerl ist vor Jahren los geflogen in eine andere Welt und wurde selbst von NASA Leuten belächelt. Was nützt uns als Gesellschaft da ein fliegendes Ding, haben wir uns gefragt. Reichlich wenig…

…wirklich?

Eben! Huygens gibt unserer Gesellschaft Impulse, abgesehen von technischen und wirtschaftlichen Errungenschaften. Es gibt uns philosophische und gesellschaftliche Impulse. Neue Sounds, neue Gedanken, dadurch ein neues Verständnis. Vielleicht nicht in unserer Generation, aber bei unseren Kindern. Visionen wie eine Huygens-Sonde, ein vielleicht dummes Beispiel, hat Einfluss auf die Kultur. Sie, Don Li, stehen eben auch weit vorne. Da, wo die Gesellschaftsmusik aufhört, da beginnen sie. Sie kreieren mit Ihrer Musik das Verständnis der Gesellschaft von morgen.

Wenn Sie das so sagen, kann ich das akzeptieren. Ja, ich bin vorne. Ich kreiere, ich bin aktiv am Suchen, ich kann nicht stehen bleiben, auch wenn ich dabei gut Geld verdienen könnte.

Das ist das Los, das Sie tragen.

Ich kann nicht anders. Ich würde mich selber töten, wenn ich des Geldes wegen meine Forschungen unterbinden würde. Viele Musiker haben das gemacht. Sie waren innovativ, sie waren on the edge und haben sich blenden lassen von den vollen Konzertsälen.

Reizt Sie das grosse Geld nicht?

Ich brauche Geld zum Überleben, um meine Versicherungen zu bezahlen und meinen Kühlschrank zu füllen. Wissen sie, es liegt noch so viel in meinen Händen. Ich habe noch so viel zu tun. Ich will da weiter gehen. Die Musik und das ganze daraus resultierende Gebilde sind unerschöpflich.

Wissen Sie was? Vielleicht spielt man Sie in fünfzig Jahren im Stadttheater Bern und alle finden das modern.

Ja, wer weiss. Davon werde ich auch nicht viele Kühlschränke füllen können. Im Moment geht es aber, neben dem Kühlschrank füllen, auch um die Entwicklung einer Sprache für meine Musik.

Wie darf ich das verstehen?

Ich arbeite viel mit dem Streich-Quartett und mit anderen Musikern. Das sind traditionelle Instrumente, Holzinstrumente, Blasinstrumente, Geige. Um einem klassischen Orchester zu vermitteln, was in meinem Kopf an Klangvorstellung herrscht, reichen die traditionellen Ausdrücke, die in der Klassik Verwendung haben, nicht mehr aus. Erklären Sie einem klassischen Orchester mal die Klangfarben in ihrem Kopf. Sounds, die es als Sprache noch nicht gibt.

Das sind Ausflüge auf fremde Monde. Vorstellungen zu benennen und sprachlich begreiflich zu machen für die es keine Worte gibt… Wie erklären Sie denn ihre Klangvorstellungen den Musikern?

Ich habe die Sprache noch nicht entwickelt. Es ist wirklich nicht ganz einfach. Im Moment mit Beschreibungen, oder Umschreibungen. Ich habe gemerkt, dass die Beschreibungen mehr mit einem Gefühl zu tun haben. Ein Adagio zum Beispiel ist jedem Musiker absolut klar. Das klingt so und nicht anders. Erklären sie aber mal den Klang einer aalglatten Fläche. Da kommen sie ins Rutschen.

Können sie das in Bern erreichen? Ich meine, da sind die Forschungsressourcen doch recht begrenzt oder?

Ja, Sie haben zum Teil Recht. Bern hat schon Ressourcen. Gute Musiker, absolut interessante Künstler, die sich weit vorwagen und mit ihnen arbeiten wir zusammen. Doch jetzt darf ich nicht stehen bleiben. Das Tonus Labor wird nach Manhattan New-York gezügelt und ich gehe natürlich mit. Darauf freu ich mich sehr. Da, in N.Y. ist ein noch grösserer Pool an Forschungsmöglichkeiten, ein gutes Netzwerk und eine breitere Austauschmöglichkeit, die meine Arbeit vorantreiben wird.

Was heisst das. Gute Nacht Tonus Labor Bern?

Das Tonus Musiklabor werde ich in beste Hände legen. Das Tonus Labor Bern wird es weiterhin geben, aber es jetzt Zeit mich wieder zu bewegen.

Don Li, Sie zu treffen war eine grosse Bereicherung… herzlichen Dank. Ich wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrer Reise in die Qualität des Klanges.

Don Li & Tonus Music labor

Don Li wurde 1971 in Bern geboren. Mit 16 Jahren schrieb er erste eigene, repetitive Kompositionen und befasste sich intensiv mit den Strukturen der Jazzmusik. Seit seinem 17. Lebensjahr lebt Don Li ausschließlich von der Musik. Don Li wirkte als Saxophonist, Klarinettist, Komponist und später als Produzent auf über 20 CDs und spielte mit unzähligen international renommierten Musikern.
1993 gründete er das für seine Arbeit Grundstein bildende Trio TONUS. Der Klangkörper diente dem Komponisten zur Entwicklung seiner musikalischen Intentionen. Die Gruppe wuchs bald zum Quartett und zum Quintett heran, mit dem neben minimalistisch, repetitiven Strukturen das Erforschen und Erreichen grösstmöglicher Fingerfertigkeit und vertrackter Rhythmen im Zentrum standen. Ab 1996 veröffentlichte er insgesamt vier Tonträger, wovon „Suun“ 1998 zu den best verkauften Schweizer Jazz CDs gehörte.

TONUS-MUSIC ist ein musikalisches und kompositorisches Konzept der Reduktion und Repetition. Dabei interessieren Don Li Elemente der Metrik, der Verzahnung des Gleichgewichts von rhythmischen Strukturen in Kombination mit musikalischer Askese und Meditation. Bislang schrieb er unter diesem sich ständig weiterentwickelnden Konzept über siebzig Kompositionen die er seit 1993 laufend durchnummeriert und mit japanischen Haikus vergleicht.

Im Jahr 2000 gründete Don Li zur Vertiefung und Entwicklung von TONUS-MUSIC, das TONUS-MUSIC LABOR in Bern. Seither arbeitete er dort mit über 80 Konzerten, von tibetischen Mönchen zur Butho Tänzerin bis zu indischen Meistern, und MusikerInnen wie Ania Losinger.

Die Entwicklungen aus dem Labor bezeichnet er als TONUS-MUSIC LABOR RESEACH RESULTS und spielte im Januar 2002 unter diesem Namen am Jazzfestival Bern ein fünfstündiges Marathon-Konzert mit wechselnden Formationen. Das Konzert wurde vom Schweizer Fernsehen für 3Sat und vom Radio DRS2 aufgezeichnet.
2002 gewann Don Li das New York Stipendium des Kantons Bern.
Mit der dort entstandenen 60 Minuten Surround-Komposition „THE LONGEST JOURNEY“, das binnen 6 Stunden zwischen Video-Installation und live gespielter Komposition hin und her spielt, bestätigt sein Interesse an zeitgenössischer Konzeptkunst und wurde im 2003 in der Diapason Gallery in N.Y. uraufgeführt.
Darauf folgte am 1.Mai 2003 die erfolgreiche Uraufführung des 60 Minuten Werkes „TONUS-MUSIC“. Die erste Komposition der Welt für Sinfonie Orchester und Xala.

Im August 2003 präsentierte Don Li am Jazzfestival Willisau seine neuste 60 Minuten Surround-Komposition „TIME-EXPERIENCE“ und setzte damit für Willisau technisch und konzeptionell neue Maßstäbe.
Zurzeit arbeitet Don Li an einer neuen Umsetzung von Steve Reichs Komposition „Different Trains“ aus dem Jahre 1988.

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Commerce – vom schwelgen mit Fischen

Stephan Fuchs– In dieses Aquarium haben schon einige geguckt. Jean-Paul Belmondo, seine Ursula Andress, der Philosoph Jean Gebser, Meret Oppenheim und… eine weitere Aufzählung erübrigt sich, nahezu die gesamte Berner Kunst und Intelligenzija Szene der 50er 60er 70er und 80er Jahre. Den Fischen war das wohl egal, für Bern war das die glänzendste Epoche als Kunststadt.

Bern als geheime Kunstmetropole, das Café Commerce war Dreh und Angelpunkt. Im Verlag Gachnang & Springer erschien das wunderbare Buch „Café du Commerce“, herausgegeben von Markus Jakob. Das 112 Seiten umfassende Buch beschreibt die rauschende Geschichte eines der bis jetzt unverwundeten Beizen in Berns Herz. Das Buch macht ein Stück Berner Kulturgeschichte greif- und nachvollziehbar. Zeitzeugen erzählen von Erlebnissen, Zusammenkünften und zollen fantastische Einblicke in die Szene hinter den grossen Museen und Persönlichkeiten, in den spannenden Auf – und Abstieg des Restaurants und eben in Kneipenkultur, die es heute fast nicht mehr gibt.


Musik plärrt keine aus den Boxen, das babbeln der Fische umso mehr.

Das Commerce hat von diesem Charme nichts eingebüsst – auch wenn diese Generation Kunstschaffender in ferne Länder gezogen oder… verstorben ist. Das Commerce ist eines der wenigen Kneipen die nicht ausgeschlachtet und mit Tarnkappe einem neuen Trendpublikum untergeschoben worden ist. Musik plärrt keine aus den Boxen, das babbeln der Fische umso mehr. Wer eintritt in die unveränderte Gaststube, der ahnt welche Geschichten das Holz abgewetzt haben. Und immer noch tun. Das Restaurant Commerce wird wieder entdeckt. Vermehrt sitzen wieder Maler, Musiker, Schriftsteller, Ballerinas und andere Handwerker in der Gaststube. Das Wirte Paar Rui und Annabela Pacheco sind sich ihres Schatzes durchaus bewusst und pflegen ihn dementsprechend fürsorglich. Der Ober, Paul Carreira, der charmanteste Ober Berns wohlgemerkt, kennt die Tücken seiner Schäfchen, versucht unmögliches möglich zu machen. Die Küche lässt nicht die Fische schwelgen, sondern überrascht mit guten preiswerten Essen.

Mit dem Buch aus dem Hause Gachnang & Springer hat der Verlag ein Dokument publiziert, das gerne als Geschenk an Bern bezeichnet werden darf. Vielleicht gibt es den Kunstschaffenden und den Behörden Auftrieb, Bern wieder dahin zu führen wo die Stadt wieder hingehört: als die geheime Kunstmetropole.

Markus Jakob « Café du Commerce ».
eine Berner Kulturgeschichte seit 1947. Erschienen im Verlag Gachnang & Springer 2004.
112 Seiten, 92 Abbildungen, davon 13 in Farbe. 22 x 28 cm, broschiert, ISBN 3-906127-76-1. Das Buch ist auch im Restaurant Commerce erhältlich.

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Hidden Garden – Tanzabend

Bern 08.01.2005 – Stijn Celis neuer Ballettdirektor des Stadttheater Bern, hat die Erwartungen übertroffen. Hidden Garden der Tanzabend war anders, vielleicht gar eine kleine Revolution am konservativen Haus. Über das Stück, eine Uraufführung, zirkulierten bereits Gerüchte über die kaum aushaltbare Brutalität des Stückes, von einem Angriff auf das Aushaltbare, gar von pervertierter Aggression war die Rede. Die Gerüchte erwiesen sich als falsch – und doch wahr. Es ist wohl die Imagination, vielleicht die eigene krude Perversität die solche Bilder heraufbeschwören kann. Vielleicht soll. Da beginnt das Abenteuer. Nur im verborgenen Garten existieren diese Geschichten, die der Vorstellung wegen weit weggeschlossen werden; und doch begierig an der Oberfläche kratzen. Nacktheit, Aggression, Sehnsucht, Angst, unhaltbare Betroffenheit wenn die Traurigkeit das Herz erfüllt – oder sich abzulösen droht von den Tränen der… Lust.


Begierig an der Oberfläche kratzen

Ganz klar, bei den Stadttheater Bern Besuchern tobt ein Kampf der Generationen. Die hinteren Reihen – auch ältere Besucher – gaben eine kleine Standing Ovation, während vorne ein gutes halbes duzend den Saal vorzeitig verliess. Vielleicht, so macht der Anschein, versucht die Stadttheaterleitung auf biegen und brechen den Daumen auf den Puls der Zeit setzen zu wollen. Doch eigentlich ist der Puls schon ganz woanders…
Ganz im vertrauen: es dauerte geschlagene 90 Jahre, bis die Versuche vom Monte Verita nach Bern gekommen sind. Aber das soll kein Kriterium sein, ein Stadttheater ist ja nicht der Untergrund, sondern spült aufgewärmtes nach oben. Stijn Celis, der belgische Choreograph und seine kleine Balletttruppe schaffte es trotzdem ein atemberaubendes Hidden Garden zu präsentieren.


Scheidet die Geister

Emma Murray, die gut besetzte Figur von Celis, überzeugt in ihrer Rolle absolut. Zum Teil wirkt sie zu dominant, alle anderen kommen nicht so recht zum Zug. Oder eben doch: durch TV Monitore wird ein grosser teil der Choreographie Bachstage, also hinter der Bühne getanzt. Live gefilmt erscheinen die Tänzer und Tänzerinnen mit absolut brisanten Schauspielerisch und tänzerischen Seitengeschichten auf den Monitoren. Phänomenal Abigail Cowen als atemberaubende Boxerin, Bruce McCormick, ebenfalls im Bachstagebereich und Joshua Monten als alter Ego. Anil van der Zee und Yael Zuckmann überraschen sowohl als Solisten und noch mehr mit ihren ergreifenden Lebensgeschichten.
Ganz klar: das Stück Hidden Garden scheidet die Geister. Man liebt es oder eben nicht.

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Hinter Schmerz wohnt Schönheit

Félix Duméril, Balletdirektor des Bernballetts über Risiko,
Traumwelten und Schmerz

Das Interview als PDF Download

Stephan FuchsGanz am Anfang deiner Karriere als Ballettdirektor, haben wir im Zug nach Bern über deine Visionen des Balletts gesprochen. Das war absolut spannend Felix. Jetzt sitzen wir wieder zusammen und ich vermute fast, deine Visionen sind zertrümmert.


„Symbolik ist etwas Gewaltiges“ Félix Duméril

Überhaupt nicht. Sie haben sich verändert. Rückblickend kann ich stolz sein auf die Arbeit die die Compagnie geleistet hat und ich kann meine Arbeit als Direktor und Choreograph mit gutem Gewissen betrachten. Wir haben spannende und abwechslungsreiche Aufführungen gemacht. Ich glaube sogar, wir haben das Bestmögliche gemacht.

Da bin ich überzeugt. Ich habe jedes deiner Ballette gesehen. Klar, alles kann nicht gefallen, aber ich habe die Leidenschaft, die Tränen und die Euphorie, die auf und hinter der Bühne stattgefunden haben erlebt. Felix, deine Arbeit hat wirklich berührt und ich bin sicher ich bin bei dieser Impression nicht der einzige. Und trotzdem bist du gescheitert, dein Vertrag wurde nicht verlängert.

Gescheitert? Nein! Das bin ich bestimmt nicht. Das Ballett und die Choreographien haben national & international große Beachtung gefunden. Unter anderem war das Bernballett unter meiner Leitung die erste Kompanie des Stadttheaters Bern, die auf Auslandtournee war. Wir waren in Prag, in Brno. Und wir hatten Erfolg. Und gerade wenn du sagst, daß dich das Ballett als Zuschauer berührt hat, dann können wir nicht gescheitert sein.

Anders gesehen warst du ja auch jung, du bist als Tänzer von Martin Schläpfer’s eigenem Stall zum Ballett Direktor mutiert, ein Posten der viele Gefahren und viel Neues birgt.


„Navigieren als Flaggschiff“ Abigail Cowen & Marius van Dane

Ja, das war für mich ein Risiko das ich eingegangen bin. In der ganzen Geschichte um die „Nichtverlängerung“ meines Vertrages gibt es für mich noch immer Ungereimtheiten. Da ist etwas schiefgelaufen, vielleicht in der Kommunikation. Ich denke für mich ist diese Geschichte dieser „Nichtverlängerung“ vorbei. Ich mache hier meine Arbeit zu Ende und ich bin um eine große Erfahrung reicher geworden und das in vielen Belangen. Ich muß dir sagen, ich hatte eine spannende Zeit am Berner Stadttheater. Ich bin als 28 jähriger Tänzer und Choreograph in eine Position gekommen, die ich zuerst kennenlernen mußte. Ein Navigator mit seinem ersten Flaggschiff sozusagen. Das war das eine. Auf der anderen Seite schmolz das Ballett aus Geldgründen zum Ballettchen zusammen. Die Zeit des großen Balletts, Schwanensee zum Beispiel, war so gar nicht mehr möglich. Viele Gäste kamen aber noch immer mit der Vorstellung ins Theater, klassisches Ballett in großer Formation und im traditionellen Rahmen zu sehen. Das ging doch gar nicht mehr. Obwohl, wir haben versucht weiterhin klassische Elemente einzubinden. Für mich war das kleine Ensemble aber auch eine große Chance: Neues zu zeigen. Am Puls der Zeit zu sein. Wagnis addiert mit neuen Horizonten. Es war Aufregend. Ich glaube genau über diesen Punkt haben wir damals diskutiert im Zug nach Bern.

Ja, das war’s! Du hast an einem etablierten Haus versucht den Zeitgeist einzubinden, ohne dabei konventionelle Produktionen zu vergessen. Viele deiner Stücke, ganz besonders dein letztes Stück „Sismographes“ arbeitet viel mit Symbolik. Ein Juwel.

Danke. Symbolik auf die Körpersprache zu übertragen ist schon etwas Gewaltiges. Im Stück „Sismographes“ bekommt die „Körpersymbolik“ eine aufregende Form. Symbole haben ja auch viel mit dem Archetypus zu tun…

…C.G. Jung, der Tiefenpsychologe?

Ja! Ein aufregender Mann der sich mit dem Archetypus, den vererbten Urbildern von menschlichen Vorstellungsmustern, die in Symbolgestalt durch unsere Traumwelten hervortreten, auseinandergesetzt hat. In der Choreographie wird also der Körper zum Symbol. Dadurch, so hoffte ich, können archetypische Vorstellungen geweckt werden. Ein geistiger Raum, der sich für eigene Interpretationen der Träume entstehen läßt. Symbole sind nicht direkt lesbare, sondern energetische, durch die Ebene des Unterbewußtseins entstehende Bilder. Das sind Traumbilder, die Hoffnung erzeugen, die aber auch Angst machen können…


„Zugänge zum Traum schaffen“: Hildur Ottarsdottir

…ist das der Moment wenn der Nacken kribbelt, wenn einem die Tränen in die Augen schießen und das Gefühl hochkommt von: Meine Güte ich bin berührt?

Da könnte die Reise beginnen. Dabei spielt es keine Rolle wie intelligent, oder in welchem alter ein Mensch ist. Das zeigt auch wie vielfältig der Mensch sein kann. Eigentlich hätte jeder Zugang zu diesen Träumen, aber die meisten Leute interessieren sich nicht mehr für Träume. Dabei ist das ihr eigener persönlicher Mikrokosmos und ich glaube, daß wenn Träume aufhören, dann ist der Mensch am erstarren.

Die meisten Menschen sind täglich einem infernalen Bombardement von Informationen und Bildern ausgesetzt, da bleibt nicht viel Freiraum für den eigenen Mikrokosmos. Muß man denn in der Kunst gezwungen philosophisch sein?

Oh, nein überhaupt nicht! Schon auch in einem begrenzten Masse, aber ich empfinde es als unheimlich wichtig, daß man als Choreograph im Tanz, oder in der Kunst im allgemeinen, den Boden der Realität nicht verliert. Mahatma Gandhi, der Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung zum Beispiel, hat als Philosoph und intellektueller Denker, täglich gestrickt um den Faden zur Realität nicht zu verlieren. Im Prinzip machen wir was Ähnliches im Ballett Training. Klassik, Klassik, immer wieder. Das hält uns, da wir eigentlich auch von der „normalen“ Außenwelt abgeschnitten sind, am Boden. Ich arbeite auch viel mit humoristischen Elementen, ich vertraue darauf, daß Handwerk und das Bodenständige als wichtiges Element zur Geltung kommt. Ich finde es wichtig, daß sich die Waage hier hält und ich versuche mich immer offen zu halten. Sonst verliert man den Zugriff zur Realität.


Der Schmerz wird auch zur Leidenschaft: Hildur Ottarsdottir

Gerade deine abschließende Choreographie läßt einiges an Interpretation zu. Die Masse als dirigierbares Objekt, der Dirigent als Ausdruck für Macht, Schmerz…

… gerade die Kraft des Schmerzes ist eigentlich ein sehr starker Motor, von alldem was wir machen. In diesem Stück geht es um Grundfragen die bewegen. Dabei spielt der Schmerz in diesem Stück sicher eine große Rolle. Der Schmerz wird auch zum Opfer… zur Leidenschaft… Wie kann ein Mensch wie Dmitrij Schostakowitsch, der Komponist meiner Choreographie „Sismographes“, unter so viel Schmerz und Machtmißbrauch den er erlebt hatte, etwas so überaus schönes produzieren? Es ist die Schönheit, die man mit einem nassen und mit einem trockenen Auge genießen kann…

…das ist atemberaubend!

Schmerz kann auch Passion sein, wie in religiösen Bekenntnissen. Dabei lastet auf dem Menschen ein unvorstellbarer Druck. Wie viele Kriege wurden aus Vergeltung gefochten? Jeder ist sensibel auf Schmerz und Schmerz kann in der Masse gezielt in das Böse umgewandelt werden…

…durch Propaganda, Massenbewegungen, Hetze. Auswüchse, wie sie in Nürnberg während des dritten Reiches zur Blüte kamen mit Fahnen, Fackeln…

…und Symbolen wie dem Hackenkreuz, den archetypischen Implikationen, welche mittlerweile auch gut dokumentiert sind. Dem ganzen Irrsinn, wie er noch heute angewandt wird.


„Brücke zwischen Schmerz und Böse niederreissen“

Genau diese Bilder kommen in deinem Stück hoch! In deinem Stück kann tatsächlich jedes Regime gesehen werden, es könnte auch der Marxismus sein. Wir könnten diese symbolisch implizierte Brücke zwischen Schmerz und Böse niederreißen, vielleicht kämen wir der Schönheit wohl um einiges näher. Genau dieser Satz: „Hinter dem Schmerz liegt die Schönheit“ wurde auch als Schlußsatz im Programm Heft zu deiner Choreographie „Sismographes“ gesetzt. Vorneweg sind vier Abschnitte, die die einzelnen Sätze von „Sismographes“ beschreiben. Für mich klangen sie, als ob sie biographisch, jeder für sich für ein Jahr deiner Arbeit als Ballettdirektor stünden.

Ich glaube schon, da hast du recht. Das ist sicher unbewußt autobiografisch zu sehen. Ich habe nicht eigentlich daran gedacht, daß die vier Sätze der Choreographie periodisch sein sollen, aber es hat definitiv mit mir zu tun. Jede Kreation ist natürlich in irgendeiner Form mit dem Choreographen eng verbunden. Mir ging es auch um die Körpersprache, um die minimalisierte Form der Symbolik. Obwohl, man kann schon sagen, das Stück ist wohl vom Bewegungsmaterial her nicht das innovativste. Aber es hat etwas im Stück das jemand bewegt. Ich vermute es hat den Archetypus getroffen.

Das hat es. Das ist doch auch das einzige Kriterium an der Kunst im allgemeinen. Kunst ist ja nicht klassifizierbar in gute Kunst und schlechte Kunst. Sondern ob einem Kunst emotionell bewegt, ob es den „…ich bin hingerissen“ Effekt gibt.

Was meinst du, Kunst ist nicht kritisierbar? Wie würdest du denn eine Ballettkritik schreiben?


Hinter dem Schmerz die Schönheit: Abigail Cowen & Marius van Dane

Ei, jetzt drehen wir den Spieß um! Ich werde mich hüten, jemals eine Kunstkritik zu schreiben. Ich bin dazu gar nicht fähig. Kunst zu kritisieren verlangt ein so enormes Verständnis an Zusammenhängen, philosophischem Rüstzeug, die Bereitschaft aus verschiedensten, gegensätzlichen Blickwinkeln zu betrachten, geschichtliche und soziale Aspekte et etc. nein, nein, Felix, da halt ich mich raus. Alles was ich ehrlicherweise schreiben könnte ist: es berührt mich, oder eben nicht. Basta. Dem Leser kann ich eigentlich nur anbieten an der Kunst Teil zu nehmen, an einem Moment wie bei unserem Gespräch hier, dabei zu sein und Gedanken anzuregen. Kunst muß jeder selber erleben. Aber kehren wir den Spieß lieber wieder um: Ist der Satz: „Hinter dem Schmerz liegt die Schönheit“ auch für dich gerechtfertigt?

Ich glaube schon. Ich hatte lange dieses unangenehme Gefühl, nachdem mein Vertag nicht verlängert wurde: Wie geht es weiter? Jetzt, seit etwa zwei Wochen, gehen plötzlich neue Türen auf. Das ist schon ein erleichterndes Gefühl. Lassen wir uns überraschen. Ich sehe vor mir einen neuen Horizont. Und der ist auf jeden Fall da und darauf freu ich mich enorm! Hinter dem Schmerz, da liegt für mich in der Tat die Schönheit.

Felix, ich bedanke mich ganz herzlich für dieses umfangreiche Gespräch und speziell für 5 Jahre spannende und auf hohem Niveau stehende Ballettabende, die du den BernerInnen geschenkt hast. Für die Zukunft wünsche ich dir das Beste und einen herrlichen Horizont.

Félix Duméril ist seit 1999 Ballettdirektor am Berner Stadttheater. In dieser Zeit schuf er für das Bernballett 12 Choreographien, die national und international Beachtung gefunden haben. Duméril wurde 1971 geboren. Er ließ sich bei Anne Wooliams ausbilden und war Schüler von Martin Schläpfer. Er setzte seine Ausbildung an der John Cranko Schule in Stuttgart fort und schloß mit Diplom des Königlichen Konservatorium in Den Haag ab.

Félix Duméril auf dem Weg zum geheimen russischen Juwel
Fotos: Philipp Zinniker, Bern
Dieses Interview erschien erstmalig in der Printausgabe des Berner Kulturmagazin
Ensuite


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Das Interview zum Duell mit Marco Delgado und Malcolm Braff

Stell dir das mal rein theoretisch vor: Du betrittst einen imaginären Raum und alles ist in absoluter Stille erstarrt. Grauenvoll nicht! Jetzt kommt die Frage die mich gestern eine Nacht lang unterhalten hat; was geschieht in einem solchen Raum als erstes: Bewegung oder Klang?


Ohne diesen Trieb für neue Formen würden wir noch immer keinen Jazz spielen…

Delgado: Genau das ist es. Was kam zuerst? Nicht nur du hast darüber eine schlaflose Nacht verbracht, die Frage ist elementar. Aus Bewegung entsteht Klang und Klang braucht die Bewegung. Aber was gibt den Anstoß? Ich weiß es nicht. Dieser Frage möchte ich mich in diesem Experiment auch nähern. Meine Frage ist in erster Linie wie ein Tänzer auf den Klang reagiert. Und wie reagiert der Pianist auf Bewegung? Und da finde ich mit Malcolm einen Konsens denn meine Sprache ist, ebenso wie die seine, Rhythmus. Da finden wir uns. Daraus entsteht Kommunikation, Konfrontation und schlußendlich eine Osmose, oder Durchmischung wenn du so willst. Das ganze beruht auf Improvisation! Doch eine Frage weiter; wo befindet sich die Qualität?

Nun das wird sicher relativ empfunden werden oder?

Delgado: Bestimmt! Und das ist bei mir der Moment der mich kribbeln läßt. Ästhetik wird meistens linear zum Zeitstil wahrgenommen. Etwas ist in Form, etwas ist konform und dann scheint es den meisten Betrachtern, oder Zuhörern automatisch zu gefallen. Schau dir zum Beispiel klassisches Ballett an. Eine „Arabesque“, ein „grand jeté“ wird als wunderschön empfunden, die Zuschauer finden das umwerfend…

…ist ja auch toll!

Delgado: Na sicher! Aber das ist doch nicht der Sinn des Lebens! Ohne diesen Trieb für neue Formen würden wir noch immer keinen Jazz spielen und würden noch immer Gesellschaftstänze aus dem 15. Jahrhundert tanzen. Verstehe mich nicht falsch, das ist völlig o.k. und gut. Mir reicht es aber nicht und das ist auch der Grund weshalb ich die Cie DeFu Delgado/Fuchs gegründet habe. Für mich ist Bewegung, wie auch Musik, mit mehr Inhalt verbunden. Ästhetik in diesem Sinne als Tänzer, interessiert mich wirklich nicht sonderlich. Die Ordnung aus dem Chaos hingegen schon eher und der totale Moment, absolut. Jetzt! Die Interaktion momentaner Zustände. Das empfinde ich als Herausforderung.

Hola! Die Leute kommen doch vorwiegend weil sie sich unterhalten wollen nicht?

Braff: Das werden sie! Schau, als Musiker, als Pianist, lebe ich das jeden Tag. Für mich ist das Experiment einfacher: Ich unterhalte Menschen die Zuhören. Selbstverständlich gibt mir das Publikum auch etwas. Ich spüre es, dessen „Schwingungen“ nehme ich auf, das geht über mein Gehirn auf meine Finger, auf die Tasten, auf die Saiten und raus als Klang… Ich stimme mich einerseits auf den Zuhörer ein, aber auch auf den Tänzer, auf das ganze Umfeld und auf mich selber. Wenn du so willst, recht komplex. Aber: im Prinzip mach ich nur meinen Job als Musiker den ich liebe. Ich mache es bewußt, ein Banker macht seinen Job unter Umständen auch bewußt und wenn er das so macht ist er wohl ein guter Banker. Es geht mir bei meiner Arbeit um Bewußtheit.

Was der Zuschauer also sieht, ist quasi die Antwort auf seine Stimmung? Somit wären also nur beglückte Zuschauer in den Vorstellungen?

Braff: Nein, das bestimmt nicht. Improvisation ist etwas Aktives. Der Zuschauer muß, wenn er etwas davon haben will, sich genauso wie wir, jeden Moment entscheiden. Schlußendlich entscheidet der Besucher ob ihm der Abend gefällt. Er kann sich aber auch einfach nach hinten legen und genießen. Für uns geht es ja darum zu sehen wie Marco auf mich reagiert und umgekehrt. Wenn der Besucher offen und bewußt genug ist, wird er auf jeden Fall einen spannenden Abend verbringen. Improvisation ist ja genau dieser Moment. Der Verlauf der Vorstellung wird in jedem kleinen Bruchteil einer Sekunde entschieden. Für alle.

Das ist höchst spannend. Aber ist denn, wenn wir kurz bei der Raumvorstellung bleiben, nicht die Gefahr groß, daß man sich als Protagonist in einer riesigen egozentrischen Konkurrenzschlacht schwelgt? Denn in jedem Raum wird Klang und Bewegung je nach Quantität zu einem Diktat und droht mit Überdominanz des einen oder des anderen, oder?

Delgado: Durchaus, dieses Risiko besteht. Aber wie du vorhin gesagt hast, ist das erstarren in der Stille der spannendste Moment. Da beginnt leben. Ich muß nicht den Spaßvogel trällern um mich darzustellen. Das ist es gerade; es geht quantitativ nicht um mich oder Malcolms Person, sondern um Qualität in der Auseinandersetzung.

Hast du ja auch nicht nötig, denn du bist ein schöner Mensch und deine Augen glühen wie ein neu geschlagenes Schwert… aber genug der Herzlichkeiten; ist es nicht schwierig die eigene Ausbildung und das „Geformt sein“ zu untergraben?

Delgado: Vielleicht. Jeder ist geprägt in einer Form. Dies aufzubrechen, Normen zu durchstoßen und aus der kleinsten nackten Form neues gedeihen zu lassen ist berauschend. Improvisation ist dabei ein spannendes Konzept…

…Das sich auch immer mehr im Leben durchsetzen wird. Improvisation wird immer wichtiger. Ob du Kinder hast, drei Jobs oder eben keinen, ob du willst oder nicht, Improvisation wird in unserer Gesellschaft immer mehr zu einer wichtigen Eigenschaft werden.

Delgado: Trotzdem erschrecken die meisten wenn es darum geht zu Improvisieren, oder dessen Möglichkeiten zu betrachten. Das ist einfach den meisten völlig suspekt und man läßt sich vielfach überfordern. Vielleicht traut man sich die Spontanität zur Improvisation in vielem auch nicht zu. Schau es dir mal konkret an, Menschen planen dauernd, sie werden unruhig wenn sie nicht wissen was auf sie zukommt. Das ist verrückt. Dabei verpaßt man das halbe Leben und die andere Hälfte verkümmert an verpaßten Möglichkeiten, dem eigenen Weg eine andere Richtung zu geben. Jede Sekunde ist Entscheidung, findest du nicht?

Selbstverständlich, es gibt im ganzen Leben nur den einen Moment den du festhalten kannst. Dieses zeitliche und räumliche Fenster ist sehr klein, alles andere sind Schatten und Abbilder, oder Wünsche. Trugbilder wenn du so willst. Aber dies aufzubrechen ist sehr schwierig oder?

Braff: Ja und dabei ist es doch so einfach. Wir reden hier über komplexe Konzepte, aber schlußendlich ist es so betörend einfach, daß man den eigentlichen Punkt unserer Diskussion nicht mehr sieht. Der eine Tanzt, der andere spielt Klavier. Ein Duell. Das ist alles. Es geht um den Austausch, es geht um Kommunikation, es geht um das Leben. Simpel.

Delgado: Simpel.

Simpel. Marco Delgado, Malcolm Braff, herzlichen Dank für das anregende Gespräch.

Marco Delgado, geboren 1968 in Brüssel, studierte am Königlichen Konservatorium und am Konservatorium Jacques Saussin in Brüssel. Er arbeitete unter anderem am Ballet de Wallonie in Liège, mit Cie Nomades le Loft von Vevey und dem Bern Ballett. Seit 2001 arbeitet er mit Nadine Fuchs in deren Kompanie cie DeFu.

Malcolm Braff, der Pianist und Komponist, ist gebürtiger Brasilianer. Braff wuchs in Senegal auf, wo er seit seines sechsten Lebensjahres die Ausbildung zum klassischen Pianisten erhielt. Seit 1982 lebt und arbeitet er als Pianist in der Schweiz. Er spielte an verschiedenen großen Festivals, darunter dem Montreux Jazz Festival. Malcolm Braff setzt sich seit Jahren intensiv mit Polyrhythmik und Phrasierung auseinander und hat diese Aspekte in seine improvisierende Musik integriert.

kultur

Aussenluft muss man schnappen

Stephan FuchsDonal, bist du ein schreibender Traditionalist?

Donal McLaughlin: Wieso? So kann man das eigentlich nicht sagen. Weißt du, das… sagen wir mal „Hochenglische“ wird in Schottland seit über zwanzig Jahren in Frage gestellt. Damals, anfangs der achtziger Jahre, war das ein harter Kampf um die Freiheit der eigenen Sprache, eben in den verschiedenen Formen von „Scots“ zu schreiben. James Kelman, Alasdair Gray und Tom Leonard haben dabei den Anfang gemacht, das waren drei befreundete Autoren in Glasgow. Die haben es zu Beginn wirklich schwer gehabt, haben sich aber durchsetzen können. Das hat andere animiert, da weiter zu machen. Jüngere wie etwa Irvine Welsh, der dann auch mit Trainspotting einen Riesenerfolg hatte. Diese Art zu schreiben hat sich plötzlich durch das ganze Land verbreitet. Das fing in Glasgow an, kam dann nach Edinburgh im Osten Schottlands, bis rauf nach Aberdeen und in die Highlands. Immer mehr Schriftsteller entdeckten ihre Sprache wieder. Dann gibt’s aber auch Leute wie ich, irische Schotten, es gibt mittlerweile auch asiatische Schotten, italienische Schotten, die sich in den 90ern gesagt haben: Wir haben auch unsere Sprache, wir sind auch ein Teil von Schottland. Das war schon spannend.


Es kommt auf dich selber an, was du mit Kultur machst. Der Trick ist der, dass du sie für dich überhaupt entdeckst, nicht?

War diese Bewegung denn ein bewusster Kampf gegen England, quasi eine schreibende Revolte?

Nicht unbedingt. Es ist auch so, dass gewisse Engländer inzwischen unsere Arbeit gesehen haben und längst begonnen haben, in ihrer Sprache zu schreiben…

…Cockney in London, zum Beispiel?

So ähnlich, ja. Ganz andere Stimmen ­ wir sagen voices – werden jetzt gehört. Wenn das eine Revolte war, dann war das ein Kampf gegen…nun mal vereinfacht gesagt…Bloomsbury in London. Bloomsbury ist jener Stadtteil in London, wo all die grossen Buch- und Zeitungsverlage zuhause sind. Und Bloomsbury hat früher quasi bestimmt, was als Literatur gelten durfte und in welcher Sprache gelesen wurde. Schlussendlich entschied Bloomsbury, wer und was gelesen wird – und was nicht. Neben Bloomsbury konnte man früher auch Elite-Universitäten wie Oxford und Cambridge setzen. Wenn schottische Schriftsteller vor 20 Jahren einen Kampf führten, dann gegen diese Monopole – und nicht gegen England oder gar die Engländer. Die Bewegung, die keine war, zeigte, was man mit der „Sprache der Sprachlosen“ machen kann und gab den angeblich Sprachlosen ihre Sprache zurück.

Wie übt Bloomsbury diese Macht aus?

Du, ich kann nicht sagen, ob das bewusst gesteuert wurde, dass unsere Literatur nicht publiziert wurde. Das wäre eine Unterstellung. Mittlerweile haben sie aber auch gemerkt, dass das, was in Schottland gemacht wird, allemal so interessant ist wie das, was aus London rauskommt. London verlegt auch längst die Schotten. Da ist schon etwas im Wandel. Trotzdem kann man nach wie vor kritisieren. Die grossen Verlage entscheiden nämlich, was man liest, indem sie sagen: Kurzgeschichten nein, Poesie auch nicht, aber Romane ja. Die Leser sehen das vielleicht anders, aber der Markt ist inzwischen König.

Ist denn deine Art zu schreiben nicht auch elitär, indem du für ein eigentlich kleines Publikum schreibst?

Nein, das sehe ich nicht so. Denn seit über 20 Jahren gehen wir bewusst raus aus den Universitäten etc. Die Schriftsteller gehen da hin, wo ganz normale Leute sind.

Und wie funktioniert das in der Schweiz?

Sagen wir mal so: Die erste Lesung, die ich in Zürich besucht habe, war ein Schock für mich. Man bezahlte 15 Franken Eintritt, und es war todernst. Mir ist auch aufgefallen, wie grau- bzw. weisshaarig das Publikum war. Die Veranstaltung war teuer. Für das Geld hätte ich, ich hab noch einen Freund eingeladen, mir doch das gebundene Buch kaufen können, oder?

In Schottland geht das anders?

Oh ja! Da sind vor allem alle Generationen vertreten. Da wird auch gelacht. Diskutiert. Da ist ein Prozess im Gang während einer Lesung. Die Leute kommen vor allem ins Gespräch. Anschliessend wird in der Kneipe weiter diskutiert. Der Veranstalter sagt auch an, wo.

Da kommen mir die Tränen vor Eifersucht. Da ist Literatur so, dass sie zugänglich gemacht werden kann.

Ich muss aber ehrlich sagen, hier in Bern hab ich das auch ansatzweise gesehen. Letztens hab ich z.B. in einem Atelier neben dem Rosengarten gelesen, da war auch die Fussball-EM-Übertragung. Da war das auch so. Die Leute kamen um gemeinsam Fussball zu kucken ­ die Schweiz gegen Frankreich war’s. Man wusste: da wird noch gelesen und so kamen auch Leute extra dahin. Sie haben sich das angehört ­ Fussballerisches von Beat Sterchi und mir. Wir haben Fussball geschaut, geredet und diskutiert. Geld? Es gab eine Kollekte, und die Leute gaben, was sie konnten oder wollten. Das war schon schön. Locker. So sollte Literatur sein. Öffentlich. Zugänglich. Erschwinglich.

Hat die Literatur-Bewegung auch die schottische Politik und die schottische Seele in Bezug auf ein eigenes Parlament und mehr Unabhängigkeit London gegenüber gestärkt?

Ja, auf jeden Fall. Das hat sich nahezu parallel entwickelt. Noch 1979 hatte es eine Umfrage gegeben, da sind aber viele Schotten nicht zur Urne gegangen. Meine älteren Kollegen beklagten sich damals auch viel darüber, dass London sie gar nicht hören wollte. Als Bürger und Schriftsteller hatten sie nichts zu melden gehabt. Da ihre Stimmen in der Politik nicht gehört wurden, begannen sie in den 80er Jahren, diese Stimmen zu Papier zu bringen. Auch andere Künstlerinnen haben in dieser Zeit auf die Kultur gesetzt. Filme, Bücher, Gedichte und Geschichten sind entstanden. Auch viel Musik. Die Autoren sind unter die Leute gegangen, sind raus aus den Institutionen, auch raus aus der Innenstadt, damit. Das war spannend. Man hat sich mit der eigenen Kultur wieder und ganz anders identifiziert. Kulturell gesehen ­ wenn nicht in politischer Hinsicht ­ war man unabhängig. Eine zweite Umfrage ­ 1997 ­ ist dann auch ganz anders ausgegangen…

Seit 1999 gibt es nun ja ein schottisches Parlament.

Genau. Und bei der Abstimmung wurde auch gefragt, ob die Bürger bereit wären, mehr Steuern für Schottland zu bezahlen. Das Resultat der beiden Abstimmungsfragen war ganz klar: Ja, wir wollen ein schottisches Parlament und ja, wir werden dafür mehr bezahlen.

Oh, das heisst was… Die Schotten gelten doch allgemein als geizig.

Ja, das war ein klares Signal an London. Wir sind bereit, drei Prozent mehr Steuern zu bezahlen um die eigene Politik auch umsetzen zu können. In punkto Bildungssystem, zum Beispiel. Oder Gesundheitsdienst. Das zeigt auch, dass es in Schottland noch eine linke Politik gibt, die sich von der angeblich linken Politik der Labour-Partei in England unterscheidet.

Trotzdem kennt man schottische Autoren, abgesehen von Irvine Welsh und nun Donal McLaughlin, nicht.

Du übertreibst, was meine Person angeht! Problematisch ist im Ausland vielleicht, dass man – wenn man schon von Engländern und von England spricht – alles in einen Topf wirft und Grossbritannien meint. Grossbritannien ist aber nicht England. Grossbritannien ist Wales, Schottland und England zusammen. Beim Vereinigten Königreich kommt Nordirland, wo ich geboren bin, dazu. Ich habe aber auch hier in Bern – in der Buchhandlung Stauffacher zum Beispiel – gesehen, dass es unzählige Schotten zu lesen gibt. Man erkennt sie bloss nicht als schottisch, sondern als britisch, bzw. englisch. Die Bücher sind auch ins deutsche übersetzt. Unter den Neuerscheinungen findest du momentan James Kelman und A L Kennedy zum Beispiel. Im Tessin hab ich sie sogar auf Italienisch gesehen. Fast alle Bücher von Bernard Mac Laverty waren vorhanden. Also du siehst, die Schotten sind da. Dazu kommt, dass ich in der NZZ und im Bund auch Buchbesprechungen hab lesen können. Und nicht zu vergessen: wer Ensuite in den letzten sechs Monaten gelesen hat, der kennt auch schon einige Schotten.

Schottland wie auch andere Länder sind ja aber schon ein klassisches Beispiel wie versucht wird die regionale Muttersprache zu unterbinden?

Ja, das ist wohl überall so. Bzw. war. In der Schule, zum Beispiel. Ältere Kollegen erzählen das ­ und ich hab das zum Teil noch selber erlebt: Vorne stand der Lehrer, der alles zu wissen meinte und da sassen die Kinder oder Studenten die eigentlich Lust hatten, etwas zu lernen ­ aber bloss nicht selbständig und kritisch werden sollten. Des Lehrers wirkliche Begabung war leider oft, einem die Literatur zu verderben. In Schottland wurde z.T. im Englisch-Unterricht terrorisiert. Man wurde früher offenbar geprügelt wenn man Scots sprach. Die Prügelstrafe galt bis in die achtziger Jahre. Lehrer hatten die Macht, das Wissen und wollten das oft für sich behalten. Da konnte man weniger Freude an der Literatur entdecken, es sei denn, man hatte das grosse Glück einen guten Lehrer zu erwischen…

Trotzdem hast du doktoriert…

….ach, das ist gar nicht wichtig. Wichtiger war: anders zu unterrichten, auch Literatur anders zu unterrichten. Anders auf die StudentInnen einzugehen. Ich bin aber vor 2 Jahren ausgestiegen. Durch Lesungen, Festivals usw. habe ich nun andere ­ bessere ­ Chancen, Literatur zu vermitteln, mich dafür einzusetzen.

Ist wahr. Was ich in den letzten sechs Monaten durch dich erfahren und gelernt habe, übertrifft bei weitem auch was mir meine Lehrer auf den Weg geben konnten. Danke Donal.

Du übertreibst wieder! Aber bitte… Literatur ist halt lebendig. Darauf kommt es mir an.

Es beeindruckt mich zu sehen, wie einerseits der Druck Richtung Globalisierung von allen Seiten vorwärts gepeitscht wird und die Literatur regionaler eben auch sprachlich sich etabliert. Ist das ein Gegenstrom der Sprachlosen?

Hmm, da muss man vorsichtig sein. Ich verstehe was du meinst, du hast auch Recht, aber es kommt noch dazu, dass das, was in Schottland passiert, keineswegs provinziell ist, sondern durchaus internationale Modelle hat. Klar, was Kelman in den 80ern gemacht hat, das war schon gegen Bloomsbury, gegen das Etablissement gerichtet. Sein Modell war aber z.T. die Literatur der Karibik. Auch Goethes Werther ist für Kelman sehr wichtig. Für mich persönlich sind deutschsprachige Autoren der Nachkriegszeit ­ Andersch, Böll, Grass, auch Frisch und Dürrenmatt ­ von grosser Bedeutung. Sich regional einzubunkern, das ist sicher nicht das Ziel, – und wir sind alles andere als provinziell. Es findet doch ein grosser und vielfältiger Austausch der Sprachen und Kulturen statt. Du siehst: wir sind keine Heimatdichter im engsten Sinne.

Und diese Literatur-Bewegung ist auch nicht auf dem Weg in die Isolation?

Bloss nicht, dadurch würden wir alle nur noch schwächer werden und wären so den Tendenzen von denen du sprichst, eher ausgesetzt. So hätte man noch weniger Chancen. Nein, das Regionale muss man mit dem Internationalen verbinden, wie ich das sehe. Aussenluft muss man schnappen. Sprachlich und kulturell gesehen ist die Schweiz da beispielhaft. Dieses Nebeneinander von Rätoromanisch, Italienisch, Französisch und Deutsch liebe ich. Dieses Sowohl-als-auch anstatt von Entweder-Oder. Dialekt ist auch längst radiofähig, tagesschaufähig, unifähig. In Schottland hingegen wurde man vor nicht allzu langer Zeit dafür geprügelt. Diesen Stellenwert gibt es bei uns noch immer nicht ­ aber man tut wieder was dafür.

Ja gut, das hat ja auch einen geschichtlichen Hintergrund, die Schweiz wurde nie annektiert. Aber unser kulturelles Gut wird immer enger und kleiner.

Woran liegt das, meinst du?

Einer der Gründe ist vielleicht, dass Politiker Kultur für ihre Programme einverleiben. Allen voran Christoph Blocher, der es schafft schweizerische Urkultur mit dem Gütesiegel seiner Person oder seiner Partei zu besetzen. Das schreckt viele Leute ab, sich mit traditioneller Kultur und den Werten auseinander zu setzen. Man gilt dann schnell, vor allem bei jungen Menschen, als Patriot, was immer das dann wieder heisst.

Das fände ich sehr schade ­ und problematisch. Während meines Aufenthaltes hab ich mir z.B. die grosse Hodler-Ausstellung in Zürich angeschaut, ich bin auf dem Weg der Schweiz gewandert – und ich gehe noch morgen auf das Rütli zu der Tell-Inszenierung. Für mich ist das jeweils eine Bereicherung. Eine Begegnung mit der Schweiz. Ich wusste gar nicht, dass diese von Blocher gesponsert werden.

Bravo, Donal. Das ist ja eigentlich ein Beweis hierfür, dass Kunst und Kultur eben unbelastet entdeckt werden und auch genossen werden kann. Kultur gehört ja dem Menschen und nicht der Politik.

Ja, es kommt auf dich selber an, was du mit Kultur machst. Der Trick ist der, dass du sie für dich überhaupt entdeckst, nicht? Und dabei kritisch und offen für anderes bleibst. Aber das ist bei uns genau dasselbe. Der Kilt, also der Schottenrock, die Volkslieder, Dudelsack, die irischen Lieder und so weiter – das war in meiner Jugend auch verpönt. Galt alles als lächerlich. Ich war genau so vorbelastet. Ich musste Irland neu entdecken und Schottland für mich entdecken. Perlen gibt’s nämlich, auch wenn ­ klaro ­ es auch Schwächeres gibt. Inzwischen habe ich ein ganz anderes Verhältnis zu meinen kulturellen Wurzeln. Das ist ein Teil meines Lebens. In dem Sinne kann man sagen: ein Blocher blockiert nur, wenn man das zulässt.

„Blocher blockiert“ ist wunderbar! Vielleicht hast du damit einigen Lesern Mut gegeben, sich ihre Kultur und ihre Heimat Zurückzugewinnen. Donal, an dieser Stelle möchte ich mich auch ganz persönlich für wundervolle sechs Monate bedanken. Ich glaube, du hast Bern und den Lesern deiner Beiträge ein Fenster nach Schottland und neuer Ideen geöffnet. Bis bald, Donal, wir freuen uns…

Donal McLaughlin ist gebürtiger Nordirländer, lebt aber seit 34 Jahren in Schottland. Er ist als Autor, Übersetzer/Dolmetscher & Herausgeber tätig. McLaughlin ist seit Februar 2004 der erste Scottish Writing Fellow der Stadt Bern.

kultur

Félix Duméril auf dem Weg zum geheimen russischen Juwel

Félix Duméril, der ehemalige Ballettdirektor des Bern Ballett ist am 30. Dezember nach St.-Petersburg, Russland abgeflogen. In seinem Gepäck hat der Choreograph sein am Stadttheater Bern Uraufgeführtes Stück „Sismographes“ mitgenommen.


Felix Dumeril könnte unter guten Sternen stehen

Die mit besten Kritiken beglückwünschte Ballett Choreographie Dumérils könnte unter guten Sternen stehend in der russischen Metropole einstudiert und aufgeführt werden. Duméril verwendete für seine Choreographie die Streichersymphonie op. 118a und Fragmente aus dem Leben des Komponisten Dmitrij Schostakowitsch. St.-Petersburg war Schostakowitschs Heimatstadt. Nicht nur, St.-Petersburg ist auch Heimstadt des 1975 verstorbenen Choreographen Leonid Jakobson. Er, ebenso Opfer und tragische Figur der sowjetischen Macht wie Schostakowitsch, gilt als best gehütetes Geheimnis und Juwel des sowjetischen Balletts. Seine kreativen und experimentellen Choreographien wurden zensiert, Aufführungen unterbrochen und behindert. Félix Duméril wurde nun vom St.-Petersburg State Academic Ballet, an dem Jakobson engagiert war, eingeladen. Dort wird Duméril während knapp zweier Monate Master Unterricht erteilen und wenn möglich sein Stück „Sismographes“ einstudieren. Dann geht’s für Duméril weiter nach Perm, in die bis 1991 verbotene Stadt.ensuite– das Kulturmagazin bleibt dran.

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kultur

Ein Knall und der Himmel öffnet sich…

Er der eigenwillige, aus aristokratischer Familie stammende Graf Giacinto Scelsi (1905- 1988) war wohl Zeit seines Lebens nicht einzuordnen: Der Komponist, Mystiker, Verrückter, Sphärenwanderer, der mit tibetanischen Mönchen betende und mit den berühmtesten Malern, Dichtern und Musikern befreundete Scelsi bleibt biographisch unerfassbar. Konsequent widersetzte sich der Ligurer aus La Spezia den Klischees seines Berufsstandes. Er war gewiss keiner der sich groß um das Publikum zu kümmern brauchte, keiner, der sich anzubiedern gedachte. Der Graf war ein wohlhabender Querdenker. Seine eigene Person stellte Scelsi demonstrativ in den Hintergrund, um sich kompromisslos seinen musikalischen Abenteuern und Gedanken zu widmen. Hätte Scelsi diese Freiheit nicht gehabt, er wäre wohl durch den äußerlichen Druck oder die erzwungene Kastration seiner unerhörten Improvisationsgabe zerbrochen. Er war besessen – besessen vom Klang und den daraus entstehenden mikrotonalen Veränderungen, seinen physikalischen Interaktionen. „Denn…“ so Scelsi, „…in Wahrheit ist der Ton sphärisch!“ Oder ist die Musik des eigenwilligen Komponisten Giacinto Scelsi einfach nur wertlos, verdient sie eigentlich gar keiner Beachtung, wie einer seiner italienischen Kollegen nach Scelsis Tod 1988 meinte? Scelsi wäre deshalb wohl kaum erschüttert gewesen, denn er verstand sich nie als Komponist in diesem Sinne, sondern vielmehr als Übermittler. Er empfing seine Werke auf dem Weg der Improvisation. Ein Jahr vor seinem Tod erst, erlebte der Greis 1987 den triumphalen Erfolg seiner Orchesterwerke in Köln.

Zu Ehren seines einhundertsten Geburtstages am kommenden 10. Januar, spielt die basel sinfonietta am 11. Januar in der Dampfzentrale fast alle großen Orchesterwerke aus Scelsis reifer Schaffensperiode aus den 1960er Jahren. Eine seltene Hommage an den brisanten Grafen, wahrlich ein Geburtstagsgeschenk.

Auch Geburtstag, den fünfundzwanzigsten, feiert das zelebrierende Orchester, die basel sinfonietta. Aber, weit gefehlt, ohne Geburtstagsgeschenk: An der Basler Volksabstimmung vom 26. September 2004, strich die eiserne Sparfaust der Schweizerischen Volks Partei SVP Basel-Landschaft und ein grotesker Kantönligeist dem international renommierten Orchester die Subventionen. Mit wüster Polemik, die zum Teil im Reich dreister Geschmacklosigkeit gipfelte und einer wirtschaftlich erstaunlichen Kurzsichtigkeit, offenbarten sich die SVP Politiker, die ihrer Basler Kultur keine wohlwollende Beachtung schenkt. Das „Komitee gegen Luxus-Subventionen“ eliminiert vielleicht sogar ein Stück Schweizer Kultur, denn die basel sinfonietta ist ein Exportschlager und begeistert durch ihre Eigenart auch ein junges Publikum. Die Zukunft für das Orchester mit seinen 90 Musikern ist nun ungewiss. Die basel sinfonietta hätte vom Kanton Basel-Landschaft für die Jahre 2004 – 2006 jährlich einen Betrag in Höhe von CHF 650.000,- erhalten sollen, womit die mittelfristige Zukunft des 90-köpfigen Orchesters gesichert gewesen wäre. Diese ist nun, da der Subventionsvertrag mit dem Kanton Basel-Stadt Ende 2005 (jährlicher Beitrag CHF 305.000,-) auslaufen wird, aufs äußerste gefährdet und die Existenz des Orchesters ist nun, im 25-jährigen Jubiläum ernsthaft in Frage gestellt.

Doch die Musikerinnen und Musiker des Vereins basel sinfonietta stehen geschlossen für die Zukunft des Klangkörpers: Innovation, Programmwitz und das engagierte Musizieren sowie ein privatwirtschaftlicher Eigenfinanzierungsgrad von 2/3 des Budgets sind weltweit einmalig und kommen Basel und der ganzen Region zu Gute. Seit 25 Jahren bringt es die basel sinfonietta mit Bravour und oft in kürzester Zeit fertig, vielschichtige und begeisternde Projekte zusammenzustellen. Zur Aufführung gelangen bekannte aber auch unbekannte moderne und klassische Werke, die untereinander oder mit Musik aus den Bereichen Jazz, Performance oder Chorgesang gekonnt verbunden werden.

Dieser international renommierte Klangkörper ist in der Tat einmalig: Die Musiker, allesamt Profis, arbeiten mit Herzblut und höchster Qualität für das eigensinnige Orchester. Für unglaublich bescheidene Honorare, tief unter dem Schnitt jedes anderen Musikers in klassischen Orchestern, realisieren sie Projekte und Musikerlebnisse, die so in der Schweiz einzigartig sind. Geld müssen die Musiker in den Musikschulen verdienen.

Die Erfolge der Konzerte der letzten Jahre und die stetig steigenden Abonnentenzahlen lassen dem Orchester keine andere Wahl als weiterzumachen. Nur die Weiterführung des qualitativ hoch stehenden Programms sichert das Prestige und die Anerkennung und damit die Zukunft der basel sinfonietta. Im Zusammenhang mit der in den letzten Jahren vorangetriebenen Professionalisierung des Orchesters verfügt die sinfonietta, die 1980 als Alternative zum konventionellen Orchesterbetrieb aus der Taufe gehoben worden war, mittlerweile über einen vollamtlichen Geschäftsführer und zwei weitere Personen, die für die Öffentlichkeitsarbeit und die Konzertorganisation besorgt sind. Der Ausbau der Managementkapazitäten hat nicht nur zu höheren Kosten, sondern auch zu einer besseren Vermarktung des Ensembles und zu einer Verdreifachung der Sponsoring-Einnahmen geführt. Längst ist die basel sinfonietta weit über die Kantons- und Landesgrenze heraus berühmt geworden, bewirbt durch ihre Arbeit die beiden Halbkantone von Basel und bringt damit rückwirkende Gelder. Nicht nur dies, sie sichert den Jugendlichen eine profunde musikalische Ausbildung an den Musikschulen durch die MusikerInnen der basel sinfonietta – doch das überstieg wohl die Weitsicht des SVP dominierten Komitees.

Gut möglich, dass die basel sinfonietta bei anderen Kantonen, oder als schweizerische Eigenart gar beim Bund Asyl erhalten könnte. Verdient hätte es das Orchester zweifellos. Einblicke in die Bedeutsamkeit des Orchester und in die Schaffenswelt Scelsis, unter anderem mit seinem Stück Phat, dem jüngsten und kürzesten von Scelsis Orchesterwerken zeigen sie am 11. Januar in der Dampfzentrale. Der Himmel über Bern möge sich öffnen.

So unverbunden ist Bern der basel sinfonietta nicht, denn sie bringt ein Wiedersehen mit dem Berner Dirigenten und Komponisten Jürg Wyttenbach. Als Dirigent hat Wyttenbach über 100 Werke zeitgenössischer Komponistinnen und Komponisten, die meisten in Ur- oder Erstaufführungen mit den großen Orchestern Europas aufgeführt, unter anderem die Uraufführung von Scelsis Phat im Jahre 1986, zwei Jahre vor Scelsis Tod. Für die Einspielung des Gesamtwerkes von Giacinto Scelsi für Chor und Orchester erhielt Wyttenbach die Auszeichnung des „Grand Prix du Disque“ und der Preis der deutschen Schallplattenkritik. Er konzertierte u.a. mit der Dresdener Philharmonie und dem Sinfonieorchester Krakau. Auch die Solistin, Bettina Boller, ist Bernerin. Sie hat sich als eigenwillige und ausdrucksstarke Violinistin einen Namen gemacht und die Werke schweizerischer Komponisten zu internationaler Beachtung geführt. Bettina Boller, bekannt auch als Gastgeberin in der Kultursendung des Schweizer Fernsehens „Sternstunde Religion, Philosophie und Kunst“, spielte als Solistin an der Carnegie Hall in New York, konzertierte die meisten europäischen Länder und brillierte als Solistin in preisgekrönten Musikvisualisierungen. Unterstützt wird die basel sinfonietta durch die Chöre des Gymnasiums Neufeld Bern und des Gymnasiums Liestal.

Die basel sinfonietta sind Musiker, die mit Herzblut die Geschichte großer Meister weitertragen. Ganz im Sinne des mystic Scelsi, der sich zeitlebens den berauschenden Erfolgen und dem Ruhm verschloss, sich aber der Musik öffnete und sich ins Innerste, in das Herz des Klanges drängte: „Wissen sie, ich liebe die Verrückten. Geben sie sich ein bißchen Mühe!“ Bern wäre stolz auf ein Orchester wie die basel sinfonietta und gewiss, die basel sinfonietta sind Verrückte.

kultur

Kultur des Grauens

Stephan Fuchs – Die „Kultur des Grauens“ ist allgegenwärtig. Nicht nur im Film oder in der Musik wird der Konsument mit Entsetzen und Erschütterung konfrontiert. Ganz generell hat sich in der Massenkultur ein konstanter Schock Effekt etabliert und sich in der Gesellschaft so verankert, dass sich ein Betrachter längstens schon daran gewöhnt hat. Durch Werbung, Video Spiele, Printmedien, Comics und TV Shows werden wir täglich mit dem schockierenden Augenblick konfrontiert. Die Kultur des Grauens generiert einen Massen Trend des Unwohlseins und noch schlimmer eine Gewöhnung des Unwohlseins. Ein seltsamer Faktor, mit interessanten Folgen: Es scheint offensichtlich, dass Kunst nicht nur das Grauen darstellen kann, sondern das Grauen selbst antreibt. Spannungen werden trainiert, bis gar nichts anderes mehr erwartet wird als die blanke Panik.

Andererseits, kann die Kultur des Grauens auch immer wieder als warnendes Symbol verstanden werden. Künstler stehen vielfach ungehört da wenn es darum geht, Gesellschaftsdramen in einem kritischen Kontext durch eine Kunstform zu zeigen. Nur zu oft werden ihre Botschaften nicht wahrgenommen oder enden, wie im Fall des „Critical Art Ensembles„, in den Mühlen der Justiz.

Vorauseilendes Gerücht
Neu ist dieser Disput freilich nicht. Zu Zeiten der rein mündlichen Überlieferungen eilten die Gerüchte von Gräueltaten einem Kriegsheer voraus, teils geschürt von den Kriegsherren selber. Doch seit es Bilder und Fotos gibt, kommt jeder Horror zweimal vor: Erst in der Realität und dann im Bild. Seit es nun bewegte Bilder und eine atemberaubende Computertechnologie gibt, ist es genau anders herum. Nun ist der Horror zuerst im Bild und anschließend in der nacheifernden Realität. Lange bevor das World Trade Center angegriffen wurde, konnten Kinder auf dem Flugsimulator die Twin Towers auf dem Heimcomputer von zu Hause aus angreifen. Lange vor dem Krieg gegen den Terror, wurden Filme über Katastrophen in N. Y. und Kriegsfilme gegen irgendwelche „Barbaren“ in der Wüste zum abendfüllenden Erfolg in den Kinos. Langeweile schleicht sich in den Kinos ein, sofern nicht mindestens ein Stadtteil brennt, dutzende von Autos explodieren und Kinohelden über Leichenberge gehen können. Schon Napoleon Bonaparte erklärte: „Befehlen heisst zu den Augen zu sprechen“, Kafka schliesslich bekräftigte: „Das Kino bedeutet eine Uniformierung des Auges“. Und beide haben sie Recht, denn das Auge ist in der Tat das Fenster zur Seele.


Kriegs-Spiel oder Spielkrieg

Explosionen im Hirn
In Japan zum Beispiel haben Ärzte herausgefunden, dass Videospiele die extrem schnelle abfolgen von Explosionen und Blitzen darstellen, bei Kindern epileptische Anfälle erzeugen können. Jedes Jahr werden Verbindungskonferenzen mit Kriegspiel Herstellern, an denen Firmen wie GTInteractive und Fachleute der militärischen Defense Intelligence Agency DIA teilnehmen für den gegenseitigen Meinungsaustausch organisiert. Was dabei rauskommt sind Spiele wie Soldier of Fortune, das sich rühmt einen „bislang unerreichten Grad an Gewalt“ zu zeigen. Eine Information freilich, auf die Spielhersteller mit besonderem Stolz hinweisen. Das von id-Software entwickelte Spiel Doom (1993) wurde über Lizenzen vom Marine Corps Combat and Development Command, zum Marine Doom weiterentwickelt, welches als virtuelles Training für Elitesoldaten eingesetzt wird. Die Produzenten des Spieles Carrier Strike Fighter bekamen sogar eine Befugnis auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln zu Filmen um so eine möglichst realitätsnahe Visualisierung des zivilen Spieles zu erreichen. Das Spiel BattleZone von Atari wurde für das Militär konzipiert und ist auch zivil, jedoch unter anderem Namen zu kaufen. Weit über zwanzig Spiele die öffentlich zugänglich sind wurden so modifiziert, dass sie einen Dual use Charakter haben. Kriegsspiele können somit im zivilen Spektrum genau so verwendet werden, wie für das Training der Soldaten.

Mediale Blutgeilheit
Immer wieder hört man aus den Medien, dass verübte Gräueltaten aus Sequenzen von Horror Filmen und Computer Spielen, oder von „Shock Musikern“ übernommen worden sind. Marilyn Manson, dem Dark Wave Musiker, oder Slipknot der ultra brutalen Powerband wird vorgeworfen jugendliche Fans so beeinflusst zu haben, dass ein Massaker wie jenes an der Colombine Highschool in Amerika erst möglich wurde. Solche Urteile über „verteufelte Musik“ kennt man bereits aus der Beatnik Zeit… Sind das nicht auch Propagandatricks, ähnlich deren der Kriegsherren, die erst den richtigen Sumpf bereiten um anschliessend den erforderten Absatz zu finden? Ist es dann nicht ein Trick der PR Abteilungen die den Journalisten Informationen mit all den möglichen Gräueltaten und okkulten Hintergründen der Bandmitglieder zustecken? Ist es dann folglich nicht die „Blutgeilheit“ der Medien die Bands wie Sklipknot dafür verwendet die Kultur der Angst zu nutzen um bessere Umsätze für ihre Zeitung zu erheischen? Da herum generiert sich wohl der Kult um Blut, Abenteuer und Horror in der Massenkultur.

Der seelische Zustand
Kann man den seelischen Zustand einer Gesellschaft anhand der Kunst ablesen? Auf jeden Fall! Wie angetönt gibt es auch Künstler die durch Gesellschaftsanalysen Warnungen in ihre Arbeit einfliessen lassen. Richard Huelsenbeck, einer der Begründer des Dadaismus, meinte 1918 in einem Vortrag in Berlin über die neuen Tendenzen der Kunst: „Wir waren für den Krieg und der Dadaismus ist noch heute für den Krieg. Die Dinge müssen sich stossen: es geht noch lange nicht grausam genug zu.“ Die Futuristen betrachteten in einem Manifest von 1908 den „Krieg als Hygiene der Welt“. „Der Schrei“ von Edvard Munch, 1893, welches im August aus dem Edvard Munch Museum in Oslo gestohlen wurde, könnte moderner nicht sein: Das Bild gilt als Symbol des ungeschützten modernen Menschen. Doch die Warnungen haben sich in den Sand geschlagen.

Die Fleischmaschine
Nach zwei verheerenden Weltkriegen im 20. Jahrhundert haben wir uns in Europa für Jahrzehnte der Illusion eines beständigen Friedens hingegeben. Spätestens seit dem Krieg in Jugoslawien, allerspätestens seit dem Krieg gegen den Terrorismus ist diese Illusion dahin. Krisenherde entstehen offensichtlich immer wieder und sie werden, wie oben beschrieben, immer mehr in das zivile Umfeld getragen. Ein Blick auf die Mode bestätigt es. Tarnkleider und uniforme Abschriften militärischer Dresscodes wurden seit den 90er Jahren immer aktueller. Aktueller wurde auch die Bedrohung des menschlichen Seins: Cloning. Der Krieg gegen menschliche Schwächen wird, dank dem Unternehmen Genom immer mehr zur Wirklichkeit und zeichnet sich bedrohlich am Horizont des menschlichen Dramas ab. Gentechnik und die so genannte biotechnische Revolution sind nicht erst seit der Sloterdijk Debatte um eine mögliche „Menschenzüchtung“ Themen der künstlerischen Imagination. Einige Künstler setzten sich mit diesen Gedanken kritisch, spielerisch und visionär auseinander. Das „Critical Art Ensemble“ aus New York ist eine jener Gruppen, die sich mit eben dieser Frage auseinander setzt. Ihr Bio Projekt, „Flesh Machine“ wurde den Künstlern kürzlich beinahe zum Verhängnis:

Am 11. Mai verstarb Hope Kurtz, die 45 jährige Frau vom Kunstprofessor, Künstler und Gründungsmitgliedes des „Critical Art Ensembles“ Steve Kurtz. Selbstverständlich rief Kurtz bei der Notfallnummer an, neben Sanitätern kamen auch Polizisten, welche die Wohnung inspizierte. Was die Polizei in der Wohnung des Künstlers sah, ließ bei ihnen den Verdacht aufkommen, sie hätten das Nest eines Bioterroristen entdeckt: Sie fanden seltsame Laborausrüstungen, Petrischalen und Bakterienkulturen… Grund genug, die Joint Terrorism Task Force – die endlich mal zum Einsatz kam – zu alarmieren. Obwohl Kurtz kooperativ reagierte wurde sein Haus von der Antiterror Einheit in Schutzanzügen durchsucht und die gesamte Strasse abgesperrt. Eine Art Probe für den Ernstfall. Ein „totaler Zirkus“, meint der Rechtsanwalt von Kurtz. Anschliessend wurde Steve Kurtz aufgrund des 175igsten Abschnittes des US Biological Weapons Anti-Terrorism Act von 1989, der durch den Patriot Act erweitert wurde verhaftet und in einem Hotel während zweier Tage vom FBI verhört. Durch die Erweiterung des Partriot Act verbietet das Gesetz den Besitz von „jeglichen biologischen Stoffen, Giften oder Herstellungsmitteln“, die nicht durch „prophylaktische, schützende, gutgläubige Forschung oder einem anderen friedlichen Zweck“ gerechtfertigt ist.

Critical Art versus Bio-Kampfstoff
Beatriz da Costa, Dorian Burr und Steve Barnes, drei weitere Mitglieder des „Critical Art Ensembles“ wurden Vorladungen ins Haus geschickt. Hope Kurtz ist, nach Auskunft von Ärzten, an Herzversagen gestorben. Es liegt kein Verdacht vor, dass ihr Tod durch irgendwelche biologische Kampfstoffe verursacht wurde. Die gefundenen Bakterienkulturen (E. coli, Bacillus globigii und serratia) wurden untersucht – ohne Ergebnis. Trotzdem hielt das FBI an dem Verdacht fest, dass bei dem seltsamen, noch dazu gesellschaftskritischen Künstler der mit dem „Critical Art Ensemble“ Bücher wie Electronic Civil Disobedience und Other Unpopular Ideas and The Electronic Disturbance geschrieben hat, ein Gefahrenpotenzial sein muss. Adele Henderson, die Leiterin der Kunstinstituts an der Universität von Buffalo an der Kurtz arbeitet, wurde von FBI-Agenten befragt ob es sie überraschen würde, wenn dieser mit Bioterrorismus zu tun habe. Steve Kurtz drohen 20 Jahre Haft.

Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg
Damit wurde nun neben der altbekannten Fragestellung, ob etwas Pornografie oder Kunst ist, vielleicht erstmals die mit erheblichen Folgen verbundene Frage gestellt, ob Bakterienkulturen oder Laborausrüstungen Material eines Künstlers oder eines Terroristen sind. Wie kann in Zeiten des Amoks, des Terrors und des Krieges, eine Kunst aussehen, die eine Plattform für humanitäre Agenden gegen Gewalt und Ungerechtigkeit sein will? Das freudsche Diktum: „Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg“ kann man wohl revidieren. Könnte es nicht sein, dass in der Kulturentwicklung selbst, Momente enthalten sind die die Kriegsbereitschaft fördert? Ist es möglich, dass die Kunst nicht nur pazifistische, sondern auch militärische Intentionen hat? Gibt es, nach Paul Virilio, nicht nur eine Kunst des Schreckens, sondern auch einen Schrecken der Kunst? Ganz klar: Wenn Umsatz und Einnahmen stimmen, darf durch die Massenkultur Grauen, Angst und Unsicherheit verbreitet werden und kann uns so fit für die nächste Katastrophe machen. Auf der anderen Seite stehen jene Künstler die unsere Gesellschaft auf Gefahren, Ängste und Unsicherheiten aufmerksam machen am schrillen Abgrund. Sie bezahlen einen hohen Preis für ihre warnenden Werke.

Dieser Artikel erschien im Berner Kulturmagazin Ensuite & Factum