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Bukowski. Der Schriftsteller am Ende der Docks.

Das war’s! Marina Luise Bukowski wollte nicht, Michael Montfort konnte nicht. So sah es einige Tage vor Redaktionsschluss aus und ich war nicht glücklich. Zu gerne hätte ich Stimmen gehört, die Henry Charles Bukowski näher gestanden sind und ein subtileres Verhältnis mit dem Autor gepflegt haben. Menschen, die Dinge erzählen konnten, die man von Bukowski eben nicht erwartet. Der amerikanische Poet und Schriftsteller, Sohn deutscher Einwanderer, schrieb eine eindrückliche Menge an Gedichten, Kurzgeschichten und Romane. Seine Arbeit war, seit seinem ersten Gedichtband „Flower, Fist and Bestial Wail“ aus dem Jahre 1960, ein Gräuel für die Wächter des literarischen Elfenbeinturms und der Aufwärtsstrebenden Konsumgesellschaft: Bukowski das Scheusal, der „dirty old man“, der Alkoholiker, Autor und Antiheld amerikanischer moderner Literatur… das prügelnde, Frauenverachtende und auf das Leben fluchende Monster schlechthin. Schlagende Worte die, wenn man Bukowski gelesen hat, auch schnell so assoziiert werden können. In einem kurzen Moment des Augenschließens… sind wir ehrlich, da werden alle zu einem kleinen, wenn vielleicht auch nur träumenden Bukowski. Irgendwie, irgendwann. Und das ist sehrwahrscheinlich auch schon das ganze Geheimnis um den Erfolg des „dirty old man“. Er schrieb, was Menschen lieber verdrängen.


Am Ende der Docks

Die einzige Tochter von Bukowski, Marina Luise Bukowski, lebt heute als Computer Programmiererin, Ehefrau und Mutter in San Rafael, Kalifornien. Auf die Frage, ob sie Lust hätte über ihren Vater ein paar Zeilen für Ensuite zu schreiben, hat sie dankend und schmunzelnd abgelehnt. „I am to busy running around“ meinte sie. Über ihren Vater sagt sie: „Nein, ich habe ihn nie betrunken gesehen, er ist nicht anders als andere Väter. Wenn wir gestritten haben, dann über Jazz. Ich liebte Jazz, er hasste ihn. Mein Vater war, auch wenn man ihn anhand seiner Arbeit anders interpretiert, ein großartiger, liebenswerter Mann und ein guter Vater.“ Offensichtlich liebte Marina ihren Vater. Großgezogen wurde Marina allerdings von ihrer Mutter, der Poetin Frances Dean Smith. 25jährig, ehelichte Marina ihren langjährigen Freund Jeffrey Stone. An derer Hochzeit blies ein greiser Musiker Debussy, Papa Hank kam in nagelneuen Schuhen, feinem Zwirn und blütenweißem Hemd und stand strahlend da. Nüchtern.

7 Stunden Abgrund?
Bukowskis Lieblingsfotograf Michael Montfort, mit dem sich eine 20jährige Freundschaft verband liegt, nachdem ich ihn endlich lokalisiert hatte, wegen eines schweren Schlaganfalls in einer Prager Klinik. Er kann nicht, sehr wahrscheinlich nie mehr, erzählen wie Hank wirklich war. Er war mit Bukowski unterwegs, hat ihn in seinen Höhen und Tiefen erlebt, flog mit ihm nach Deutschland und stand mit ihm an den Pferderennbahnen. Tausende von Fotos sind das Resultat. Am Tag vor Charles Bukowskis letztem Geburtstag führte Montfort’s Kollege, der Journalist Gundolf S. Freyermuth, mit Bukowski ein siebenstündiges Gespräch.

Über dessen ungewöhnliche Karriere die ihn aus dem Pennerleben unter die Hollywoodstars führte, über das Handwerk des Schreibens, über Schriftstellerkollegen wie William S. Burroughs und Norman Mailer, über Ruhm und Geld und natürlich über den Tod… Es sollte das letzte Interview des „dirty old man“ werden. Michael Montfort nahm während dieses siebenstündigen Marathon Gespräches die letzten Bilder des Schriftstellers auf. Montfort zeigt einfühlsame Fotos. Bilder eines Mannes, der die Abgründe seines Selbst und die Abgründe verschiedener Milieus lebt und gelebt hat. Beide waren Boxkampf Fans. War ein Kampf, beide sind sie hin gerannt. War ein Pferderennen, beide waren sie da und haben gewettet, manchmal horrende Beträge. Beide haben getrunken… Jungs eben.

Leben zuvorderst an der Front!
Unbedingt: Bukowskis literarische Werke sind aggressiv, grausam und obszön, aber gleichzeitig auch außerordentlich witzig, ehrlich und zärtlich. Geschichten vom Suff und von der Lust. Protokolle der alltäglichen Hölle, Hinterhofballaden, Liebesversuche in einer grausamen Welt, in Absteigen, Bars, Hurenhäusern und Schlachthöfen. Und das ist es; Leben zuvorderst, Leben an der Front. Da, wo die Kanten noch rau sind, ungeschliffen vom ranzigen Fett der Gesellschaft. Bukowskis Erzählungen sind nicht die Seifenopern in diffusen rosa Nuancen unter dem peinlichen Abgang jeglicher Realität. Bukowski erzählt aus der Welt des wirklichen Lebens vieler Leute die am ende der Docks, am filigranen Abgrund zwischen Wahn und Witz stehen. Ohnmacht, Wut, Depression, Verlorenheit, Gier und Leidenschaft in all ihrer Wucht.

Bukowski ein Scheusal? Nein. Vielleicht nur ein Mann, der einer Welt angehört hat die den meisten fremd ist. Die Welt der Zigarren, der Drinks, des Schweißes, des Spiels, der Explosivität, des Instinktes… eines Raubtieres gleich hin und her tigernd. In der Tat eine raue Welt, aber auch eine sinnliche Welt. Eine Welt, die menschlicher und gegensätzlicher wohl nicht sein kann. Ganz klar: der Schriftsteller berührt und bewegt und das reichlich tief. Tief geschaut hat er auch als Trinker.

Als überaus menschenscheue Person, waren ihm Lesungen ein Gräuel. Bei Lesungen trank er unbegreiflich viel, betrunken haben ihn seine Zuhörer gesehen, vom trinken hat er geschrieben und als Trinker kannte man ihn. Am letzten Tag im Spital, als Bukowski wusste, dass er sterben würde, kam der Diensthabende Arzt, hockte sich auf dessen Bett und stellte seinen Pager aus. Er vergaß darüber die Nacht. Sie diskutierten über Poesie.

Henry Charles Bukowski, starb vor zehn Jahren in der Nacht auf den 4. März 1994 in Los Angeles an Blutkrebs.

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Abenteuer auf Lust, Trost und Dramen

Herr Suske, haben sie heute auch schon so viel gelogen?

Was?! Ob ich heute schon viel gelogen habe…Wie meinen sie das? Das ist eine Frage der Definition… Lassen sie mich mal sehen: andere willentlich Belügen, oder sich selber in die Tasche lügen… ich denk die Dunkelziffer beim sich selber belügen ist wohl ungemein grösser, nicht?


Durch die Lüge erzählt man ein Stück Wahrheit

Oh ja, bestimmt! Ich habe vor einigen Tagen versucht herauszufinden wie viel ich Lüge und bereits um 10 Uhr morgens wieder aufgehört zu zählen.

Ha! Das ist grossartig, sind ihnen die Nummern ausgegangen?

Quasi. Es wurde mir zu peinlich. Angeblich lügt ein Durchschnittsmensch täglich rund 200 mal. Erstaunlich nicht? Offensichtlich ist der Mensch von Natur aus ein manischer Lügner. Jetzt aber mal ehrlich, da sind doch Schauspieler auf der Bühne wohl noch exponierter. Sie schlüpfen in die Rollen anderer und belügen ihr Publikum so gut sie nur können…

Das ist die Frage, ob das Lüge ist oder der Wahrheit nicht näher kommt. Abgesehen von der mutwilligen Lüge sind Lüge und Wahrheit manchmal Schwestern. Oder anders gesagt, durch die Lüge erzählt man ein Stück Wahrheit. Es sind Betrachtungsweisen.

Ist nicht das ganze Leben in dem Sinne ein grosses Schauspiel?

Ja?? In der Schweiz auch, Fragezeichen? Eigentlich zu wenig für meine Begriffe. Ich glaube das hierzulande dem Theater, ganz speziell dem Schauspiel gegenüber viel „Skepsis“ entgegengebracht wird. Alles Theatralische, alles was mit Show und mit Selbstdarstellung zu tun hat ist hier eher verpönt, oder sagen wir mal negativ besetzt. Mehr als das in anderen Ländern der Fall ist. Das hat vielleicht mit dem Calvinismus zu tun.

Das Alpenland Schweiz, als Flachland der Mittelmässigkeit?

Naja, es macht manchmal so den Eindruck. Das sieht man auch in der Politik. Ein Politiker, ganz egal aus welchem Lager, einer der Ecken und Kanten hat und sich zu weit aus dem Fenster lehnt, der wird hier häufig geschnitten. In Deutschland und in Österreich, da kracht’s ab und zu mal verbal, da ist auch die Show ein wichtiger Aspekt und auf dieser Schiene passiert ein wichtiger Diskurs. In der Schweiz kennt man diese Kommunikationsform weniger.
Jean Ziegler, so wie ich das damals miterlebt habe, ist so ein Beispiel. Was geschehen kann wenn man sich zu sehr ins Rampenlicht schiebt. Damals wurde über Ziegler ein Dokumentarfilm gedreht und durch ein komisches zeitliches Zusammentreffen gab es auch eine Abstimmung über das Filmförderungsgesetz und dabei wurde das Budget radikal um eine Million gekürzt. Nur weil die Bürgerlichen sauer waren, dass gerade über den unbequemen Ziegler ein Film gedreht wurde. Hätte man gleichzeitig auch einen Film über einen konservativen Politiker gedreht, wäre die Abstimmung wohl anders ausgegangen. Jean Ziegler ist gewiss kein einfacher Mann. Er setzt sich bewusst in Szene, um seine Inhalte besser verkaufen zu können. Im angrenzenden Europa aber, da ist er eine angesehene Person.

Das Muster zieht sich doch durch die ganze Gesellschaft.

Natürlich, aber das Laute, Grelle, Polarisierende ist das eine, dann gibt es aber, um wieder aufs Theater zu kommen, Stücke die leben nur von Zwischentönen und Schwebezuständen, wo sich die Menschen nicht immer direkt ins Gesicht sagen was sie denken. Das ist auch interessant: wenn sich etwas verbirgt und Absichten verheimlicht werden. Das kann sehr spannend, manchmal mystisch sein.

Sind sie ein Mystiker?

Mmmnö. Ein Beobachter. Ich bin nicht einer der sich gerne in den Vordergrund stellt. Mir reicht es, wenn ich auf der Bühne stehe. Im privaten bin ich ein stiller Mensch. Ich fühle mich da wohl, wo ich einen Fundus an Beobachtung habe, dann bin ich nahe dran und sehe die Dinge, eben auch die Lügen, die ich im Theater umsetzten kann. Da entsteht die Substanz, die man im Schauspiel spürt. Schauspiel ist ein Spiegel der Gesellschaft, manchmal ein Katalysator.

Nahe dran sein. Den Puls der Gesellschaft fühlen, da sein wo es knistert, da gleichen sich unsere Berufe sehr. Wohl auch bei der Jagd nach neuen Quellen.

Ja, da haben sie recht. Man kann einerseits aus dem Innenleben viel schöpfen. Das ist ein Königreich, das aber auch Gefahren beinhaltet. Es gibt ganz selten SchauspielerInnen, die derart spannend sind, dass sie ein Leben lang aus sich selbst schöpfen können. Die Gefahr besteht darin, dass es schwierig ist herauszufiltern, wann das Ego überbordet und sich alle anderen mit der Frage was in dir vorgeht, nur noch langweilen. Ich finde mich übrigens selber nicht so interessant, als das ich daraus lange schöpfen könnte. Die meisten Rollen spiele ich aus der Beobachtung. Das ist meine Art der Arbeit. Mich interessieren gesellschaftliche und historische Zusammenhänge und andere Menschen. Wenn ich da weit genug komme, was meine eigenen Ansprüche betrifft, bin ich mit meiner Arbeit zufrieden.

Ist der Beobachtungswinkel nicht auch eine Verfälschung der Realität?

Nun die Qualität der Beobachtung ist natürlich individuell. Beobachtung kann auf einer Physischen Ebene, wie bewegt sich der, wieso macht er das, wieso handelt er so, was denkt er, et etc. gemacht werden. Das gibt schon eine grosse Menge an Information, die man dann filtern muss und sich so einen „neuen“ Charakter zulegt. Das ist eine spannende Aufgabe. Man kann aber auch beobachten in dem man etwas selber tut. In England zum Beispiel, machen sich das die Schauspieler fast zum Sport. Die meisten müssen, gezwungenermassen neben der Schauspielerei, noch irgendwo arbeiten gehen und die meisten jobben dann in einer Kneipe. Die erarbeiten sich einen grossen Reichtum an Erfahrung, der in der Arbeit umgesetzt werden kann. In der Schweiz sollten das die SchauspielerInnen vor allem an den Schulen vielleicht auch vermehrt machen: mehr rausgehen, hinschauen. Ich hab manchmal das Gefühl, in den Schauspielschulen geht es zuviel um Kunst und zu wenig um Realität. Hier, da wo wir leben, dieses Land, diese Stadt, diese Kneipe und dieser Tisch. Hier findet das Leben statt und von hier geht’s auf die Bühne. Nahe dran sein, das ist es. So kann Schauspiel auch auf Aktualitäten Bezug nehmen. Obwohl es dauert, bis ein Stück bühnenreif ist. Manchmal ist es auch ein Risiko, ob das Stück dann tatsächlich noch a jour ist.

Im Prinzip kann Schauspiel als Nachrichtenagentur verstanden werden.

Theater sollte darüber hinausgehen, muss das Gesehene ja umsetzen, kann Elemente aus der „Weltlage“ ganz anders bearbeiten, ist dadurch langsamer, aber nicht wirkungsloser.
Insofern erlebe ich das Dreispartenhaus auch nicht als fossile Institution. Wir haben in Bern eine enorme Chance, eine riesige Bereicherung. In dem Haus steckt viel Energie, kreative Macher, fantastische Musiker, Tänzer und Schauspieler. Das alles kann genutzt werden. Oper, Ballett, Schauspiel, wir haben alles was man braucht. Was wir jetzt machen müssen ist, für diese Chance und Qualität ein Bewusstsein bei den BernerInnen zu fördern. Wir müssen raus, müssen den Menschen in Bern sagen: Kuckt es euch an. Wir zeigen euch Dinge, die euch berühren. Wir zeigen Dinge aus eurem Leben.

Also kein Shakespeare mehr?

Aber doch und wie: „Der Sturm“ von William Shakespeare ist das erste was wir zeigen werden. „Der Sturm“ könnte zeitgenössischer nicht sein. Zaubermärchen und Rachedrama, Weltmodell und Politstück zugleich. Shakespeare aufzuführen, heisst nicht alten Kaffee aufzuwärmen, sondern ist in der Interpretation vom Regisseur, Christoph Frick, ein packendes Stück, ganz auf unsere schwierige Zeit bezogen. Im Stück geht es um hochaktuelle Themen; Mythos versus Business, wie verträgt sich die Zivilisation mit der Freiheit und wann schlägt Freiheit in Anarchie und Zerstörung um. Fragen die aktueller gar nicht sein können.

O lala… In der Tat brisante Auseinandersetzungen mit der heutigen Zeit. Sagen sie, haben sie nicht Angst, dass viele Abonnenten dem Stadttheater den Rücken kehren werden?

Nein. Es wird vielleicht einige geben die sich von uns verabschieden, aber davor habe ich keine Angst. Wir sind nun mal in einer toten Ecke gelandet in Bezug auf Zürich, Basel, und Luzern und müssen neue Wege gehen. Unsere Produktionen sollen wieder zum Stadtgespräch werden. Das wäre ein Geschenk für das Stadttheater. Wir möchten Produktionen zeigen, die anregen, die berühren, über die man spricht,

Wird die neue Dynamik auch den Austausch mit anderen Häusern beinhalten?

Im Schauspiel im Augenblick nicht. Der interne Austausch hat Vorrang. Sicher wird eine vermehrte Zusammenarbeit mit dem hauseigenen Ballett stattfinden. Wir können viel von einander lernen und die Qualität beider Sparten noch mehr steigern. Für die zweite Spielzeit ist mit Stijn Celis, dem neuen Ballettdirektor, eine Koproduktion geplant. Da wird vielleicht ein Austausch mit anderen Theatern möglich.
Bern überhaupt hat wirklich viel Potential. Ein riesiges Potential. Diese Energien müssen wir jetzt bündeln , damit das Publikum zum vollen Genuss kommt

Panik?

Warum? überhaupt nicht! Wir gehen entspannt und zuversichtlich an unsere Aufgabe.

Wird sich aber die ältere Generation noch erfreuen können an ihrem Haus der schönen Künste?

Wieso sollte sie nicht? Weil wir neue Wege gehen, heisst das noch lange nicht dass wir Unsinn spielen. Wir spielen Stücke die verführen, die nachdenklich machen, die auch humorvoll und spannend sind. Und überhaupt, die ältere Generation lebt doch heute mit ähnlichen Bedürfnissen wie jüngere.

Welche Bedürfnisse.

Das Bedürfnis nach Antworten, auf Abenteuer, auf Lust, Trost, Dramen. Da wo die tägliche Informationsflut endet, da beginnt das Schauspiel.

Hach! Das erinnert mich an Jonas Raeber, den Trickfilmer. Der meinte beim Ensuite Interview, dass Zeichentrick da beginnt wo Schauspiel aufhört. Das ergibt doch eine schöne „Chronologie de l’art“. Und ich gebe euch beiden recht. Doch hat die Kunst überhaupt eine Chance gegen die Informationsflut und dem daraus resultierenden Dessintresse an aktiver Kunstbetrachtung wie dem Schauspiel gegenüber?

Oh ja, da bin ich überzeugt davon. Schauen sie es sich an. Das letzte was dem Mensch in Zeiten grosser Desorientierung, von Chaos, oder in der Angst bleibt, das sind einzelne Passagen aus Liedern, Phrasen die daraus gesungen werden, Klänge auf einer Geige, die aus der Erinnerung heraus gespielt werden, Fetzen aus Dramen und Dichtungen die einem geblieben sind, Tänze die man nicht vergessen hat. Dachau, Buchenwald, da wo der Mensch am Ende seiner Würde steht, da wird Kunst wieder zu einem Instrument des Überlebens. Nicht dass wir soweit sind, überhaupt nicht, Gott sei Dank, aber wir leben in einer Angst, im Zorn, oder in der Trauer und in einem Zustand des „wie geht’s denn weiter“. In dem Moment werden alte Geschichten wie z.B das Gilgamesch-Epos wieder lebendig. Dieser Stoff wäre übrigens eine adäquate Antwort auf den Irak-Krieg gewesen.
Wir haben eine wichtige Arbeit vor uns.

Ja, das habt ihr. Herr Suske, ich wünsche ihnen viel Erfolg als Schauspieldirektor und bedanke mich herzlich für das Gespräch mit ihnen.

Stefan Suske ist ab August 2004 neuer Schauspieldirektor des Stadttheater Bern. Seit 1991 ist er im Ensemble des Stadttheaters. Daneben war er immer wieder in Hauptrollen von Kinofilmen wie „Einstweilen wird es Mittag“, „Schweinegeld“ und „Liebe Lügen“ zu sehen, zuletzt in Christoph Schertenleibs „Grosse Gefühle“. Für seine Darstellung des Linus in „Grosse Gefühle“ wurde er mit dem Schweizer Filmpreis 2000 als bester Schauspieler ausgezeichnet. Das Interview mit Stefan Suske, fand im Juli 2004 in Bern, Schweiz statt.

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Hochwürden sind Sie besessen?

Stephan FuchsReverend Beat-Man, seit drei Tagen habe ich keine Angst mehr vor dem Tod! Ist das normal?

Reverend Beat-Man: Oh ja, keiner sollte sich vor dem Tod fürchten. Was nahm Ihnen denn die Angst?

Die neue Platte „Flammend’ Herz“ von „The Dead Brothers“, die in Ihrem Label „Voodoo Rhythm“ erschienen ist. Die Musik muss an meinem Begräbnis gespielt werden. Hoffentlich live, auch wenn die Herren bis dahin alt und grau sind.


Das Leben ist grossartig! Ja, es ist gefährlich, es ist voller Überraschungen, leidenschaftlich, fleischlich, manchmal gar teuflisch…

Ich verstehe. Die Band ist wirklich gut. Die Musik kommt auch von tief, tief unten, aus dem Grabe sozusagen. Sie hören der Band zu und es ist als ob Sie mit am Piano sitzen und mit einer Bande von Gipsys in der Hölle musizieren würden.

Ja, aber ich mein das ernst. Wissen Sie, täglich kreuzen mich Gangster, Agenten und Politiker. Manchmal kommt es hier und da auch zu klandestinen Treffen… und Reverend, ich habe mich vor diesen Treffen nicht gefürchtet. Nie! Und trotzdem, wohl unbewusst, ängstigte mich der Gedanke eines plötzlichen Todes. Stellen Sie sich das vor, erschossen zu werden und keiner spielt am Grab des geschundenen Körpers. Grässlich! Ich bin überzeugt, dass der, der sich vor dem Tod fürchtet, auch das Leben fürchtet. Was meinen Sie? Fürchten Sie sich vor dem Leben?

Nein! Das Leben ist grossartig! Ja, es ist gefährlich, es ist voller Überraschungen, leidenschaftlich, fleischlich, manchmal gar teuflisch… und der Tod… ich denke er ist das grösste Glück, die Erlösung unserer irdischen Form oder ein neuer Anfang, das Licht von etwas Neuem. Verstehen Sie? Angst ist etwas für die Ratten die sich im Dunkeln tummeln, die sich des Lichtes wegen ängstigen. Das Leben aber ist umwerfend. Und gerade des Todes, des Lichtes wegen haben wir Menschen im Leben nichts zu verlieren, nichts zu sündigen. Wir sind doch frei von Sünde.

Mein lieber Schwan! Sie sprechen hier vom Teufel, von Fleisch, von Sünden…

Genau! Ich spreche deutlich vom Leben. Hier und jetzt. Leben! Ich habe die Bibel ausführlich gelesen und ganz klar, die Bibel ist eines der absolut grossartigsten Bücher. Nur: Die Bibel lesen ist eine wunderbare Sache… die Bibel leben ist etwas anderes. Wer LEBEN als solches versteht, der lebt automatisch nach dem Buch der Bücher. Wer lebt, der kann gar nicht schlecht sein. Satan, der Vater… diese Dinge sind für die Ängstlichen, für die, die ohne Weisung nicht klarkommen; die Diktatur ist dann wohl nicht fern. Jesus lebte gefährlich, er lebte mit dem Fleisch, er hatte eine Vision, er hatte Leidenschaft, für die er offenbar starb. Sein Vater richtet nicht, wie das viele glauben. Der Vater hat vielmehr verziehen. Jedem. Dem Massenmörder genauso wie dem Weib, welches sich schindet und sich für ihre Kinder aufopfert. Das ist für mich die Bibel. Die Bibel muss man nicht lesen, die muss man leben. Und das kann jeder. Das ist noch nicht mal christlich, das ist menschlich, oder?

Reverend, Ihre Freundin Scarlette Fever aus L.A. ist Burlesque-Tänzerin; Tänzerin der legendären Velvet Hammer Tanzrevue. Varieté, Moulin Rouge, Erotik… und entschuldigen Sie… damit verbunden ist die Sünde. Wie können Sie hier sagen das sei „ok“?


Burlesque ist Geschichte, Spannung, Theater, Varieté.

Burlesque, Moulin Rouge, das ist Leidenschaft, das ist nicht Cüplisex und da geht es nicht um Geld und Dollar Noten, die man einer Tänzerin in die Strapse steckt, in der Hoffnung sich deren Schenkel auf dem Schoss zu wiegen. Burlesque sind Geschichten, Spannung, Theater, Varieté. Burlesque ist eine sehr, sehr menschliche Geschichte, dazu noch mit Charme. Auch da geht es wieder um Leidenschaft. Die Frauen sind nicht doof, das ist nicht Prostitution. Scarlette Fever ist auch Journalisten, sie arbeitet für den L.A. Weekly, sie war Art & Lifestyle Editor des L.A. Reader, sie ist Grafikerin des Los Angeles Zoo und des botanischen Gartens. Valentina und Scarlette sind mit ihrem Programm „A Boozin’ Burlesque Explosion“ die Königinnen des Old-School-Striptease. Gehen Sie sich das mal anschauen und Sie werden sehen, mit Sünde hat das gar nichts zu tun.

Gebucht! Wann kommt sie?

Im Moment leider nur in die Schweiz, am 19. November ist sie im Varieté des Café Kairo in Bern. Zusammen mit Valentina Violette und dem Pornostuntman, dem absolut „most sexy“ DJ mit makellosem Las Vegas Zuhälterblut. Und natürlich mit mir als DJ. Ich, der garantiert jede Party ruiniert. Aber wer weiss, vielleicht sind sie auch bald mal in Deutschland zu sehen.

Ich glaube, das muss ich mir schon angucken gehen. Reverend, sind Sie eigentlich besessen?

Ja bestimmt! Von guter Musik, schlechtem Geschmack, guten Partys und guten Geschichten. Besessen zu sein ist ein guter Antrieb Dinge zu leisten, die ein nicht Besessener nie tun könnte.

Sie waren aber auch handfest besessen: Von dunklen agressiven Mächten in Form einer mexikanischen Wresting Maske, durch die Sie geistig und körperlich fast zerstört wurden. Dem Tod entronnen, quasi als Wiedergeborener, ziehen Sie nun predigend durch die Welt. Sie gelten als Priester des „primitive Rock’n’Roll“.

Ja, ich habe das Licht am Ende des Tunnels gesehen. Ich war damals Jahre lang als Ein-Mann-Band unterwegs. Ich habe mir diese mexikanische Wrestler-Maske über mein Gesicht gezogen und habe auf der Bühne „Appartment-Wrestling“ gemacht. Ich habe mich tatsächlich mit meiner Gitarre und dem Publikum, vor allem aber mit mir selber geprügelt, wobei ich glücklicherweise immer als Sieger hervorging. Einige Zeit lang war das lustig, doch die aggressive Maske nahm überhand und immer öfter war nicht ich der Sieger, sondern eben die schwarzen Mächte der Maske. Es war furchtbar… ich habe mich selber auf der Bühne so verprügelt, dass ich mir die Nase, den Arm brach, schlussendlich hab ich mir beinahe den Rücken gebrochen, musste ins Spital, viel ins Koma und sah das Licht.

Reverend…!

Ja, ich sah das Licht, voller Freude habe ich mich darauf zu bewegt. Am Ende des Tunnels sah ich Screamin Jay Hawkins, den legendären Musiker… ich fiel auf meine Knie und weinte. Ich weinte wie ich in meinem ganzen Leben noch nicht geweint habe. Ja, ich wollte zurück. Zurück auf den Planeten des Hasses, zurück zu meiner Musik. Und glauben Sie mir, Hawkins half mir. Er sagte: „Beat Man, wir haben gesehen was du auf dem Planeten des Hasses gemacht hast, die Menschen brauchen dich dringend. Geh zurück und predige… PREDIGE!! Erzähl’ den Menschen die Geschichte über Primitive Rock’n’Roll, die Geschichte über Blues Trash und Gospel Trash.“ Augenblicklich erwachte ich aus dem Koma und ich wusste, was zu tun war: Ich verbrannte meine Maske, packte meine Gitarre und das Kick-Drum in mein altes Auto, fuhr von Stadt zu Stadt und… predigte!

Das war die Geburt von Reverend Beat Man. Sie touren Japan, Amerika, Südamerika, England, den Kontinent… Sie sind ein Star!

Ich bin Musiker und Priester, habe ein eigenes Label, eben Voodoo-Rhythm und verdiene mit meinen Shows kein Geld. Es ist mein Herzblut, mein persönliches Flammend’ Herz. Lohn bekomme ich vom Publikum. In Form von Briefen, von… Danke Reverend. Sie schätzen was ich mache… aber vor allem bin ich Vater.

Ein sehr liebender, Zeit Investierender – wie ich sehe.

Mein Junge ist mir das wichtigste. Er ist es, der jetzt da ist, er hat ein ganzes Leben vor sich, und da will ich ihm ein guter Vater sein. Mein Leben ist da nicht mehr so wichtig.

Werden Sie alt, Reverend?

Ha, nein! Aber ich bin weniger auf Tourneen. Obwohl, morgen geh’ ich wieder mit den „Monsters“ auf Tournee durch Frankreich, Deutschland, Holland und die Schweiz. Einzelne ausgesuchte Auftritte als Reverend Beat- Man mache ich schon auch, aber ich kümmere mich nun mehr um mein Label, dadurch gibt es viel Arbeit zu Hause die sehr wichtig ist, den Geist des Primitiv Rock’n’Roll weiter zutragen. Es ist auch wichtig für meinen Sohn. Er braucht mich, er braucht ein Zuhause und er braucht eine Familie, die ihn liebt und ihn auf seinem Weg unterstützt. Das ist meine wichtigste und grösste Show, die ich je haben werde!

Reverend, Sie sind ein richtiger Kerl…

Das denken wohl nicht alle. Wer mich nicht kennt der schaut lieber weg, der grüsst mich nicht, schenkt mir kein Lächeln. Mein Lebensinhalt hat mich vielleicht zu einem Outlaw gemacht. Aber eben, es ist mein Weg, mein Leben und ich bin stolz darauf.

Sie dürfen auch stolz auf ihr Label sein nicht? Ihr Label „Voodoo Rhythm“ gilt als Ground Zero für Primitive Rock’n’Roll, Slopabilly und die nie gehörten Sounds aus allen Schichten menschlichen Wahnsinns. Was fehlt Ihnen noch im Repertoire?

Klassik! Das wäre für mich ein Geschenk. Ich bin fasziniert von klassischer Musik. Sie ist dem Wahn näher als man denkt und in einer emotionalen Tiefe… Klassik ist wirklich faszinierend.

Also keinen Grund vorzeitig zu sterben. Haben Sie eigentlich eine Funeral-Band, die an Ihrem Begräbnis spielen wird?

Ich möchte für mich selber spielen. Vielleicht find ich da irgendwie irgendeine Möglichkeit. Die Welt ist doch bunter und runder als sie scheint.

Sie haben mit meiner Funeral Kapelle „The Dead Brothers“ ja auch einen dicken Fisch im Korb nicht?


Leidenschaft für richtige Kerle

Das werden wir sehen. Die Platte „Flammend’ Herz“ ist der Soundtrack zum gleichnamigen Film in einer schweizerisch-deutschen Film Produktion. Es ist ein Zeitdokument dreier Hamburger Freunde. Das sind drei alte Männer um die Neunzig, aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen kommend. Was sie verbindet ist einzig die Leidenschaft für Tätowierungen. Richtige Kerle. Die drei sind geeint im Willen nur so zu leben, wie sie wollen. Ihre Häute sind Geschichtsbücher, Biographien ihrer eigenen bewegten Geschichte, gezeichnet in blauer Tinte. Was für ein Reichtum!

Na, dann wohl auch ein finanzieller Reichtum für Sie, Reverend?

Pa! Muss es das? Ist das so wichtig? Wer weiss. Sicher, ich hätte Freude für meinen Sohn, dem ich die Schule, seine Ausbildung bezahlen könnte. Schauen Sie, ich habe mit allen Bands unter meinem Label ein Gentleman Agreement. Wir haben keine Verträge. Wir sind Jungs, die für die Musik leben und mit ihr sterben. Wir sind Gentleman und bauen an derselben Kiste. Verstehen Sie?

Ja, die Sprache versteh’ ich. Es gibt zu wenige aus diesem Holz. Kerle, die ranstehen, die aus Leidenschaft machen, sich gegenseitig aus der Patsche hauen und sich anschliessend `ne Zigarre anzünden.

Ja, das sind Dinge die im Leben zählen. Die Nacktheit der Ehrlichkeit, die Leidenschaft. Die Momente in denen sich die Nackenhaare sträuben, sich die Nasenflügel blustern und man für eine kleine Insel kämpft. Frauen und Männer die zusammenstehen, die gute alte Mafia, welche die Insel und die Familien vor den Banditen und den Aposteln der Geldgierigen schützt.

Reverend, Sie sprechen mir aus dem Herzen. Herzlichen Dank, dass Sie mich empfangen haben. Bitte beten Sie für mich, die alten Familien und unseren Kampf um die Insel.

  • Das Interview erschien im berner ensuite kulturmagazin und bei DYNAMITE! Magazine Issue 43