kriminalitaet

Strafverfahren in der Schweiz

Die beim UN-Hilfsprogramm Öl für Lebensmittel ans Licht gebrachten Korruptionsvorwürfe beschäftigen auch die Schweizer Behörden. Bisher sind vier Strafverfahren eröffnet und Bankkonti gesperrt worden.

Die Bundesanwaltschaft hat im Zusammenhang mit dem Untersuchung zum «Oil-for-Food»-Programm der Uno in der Schweiz bisher vier Strafverfahren gegen vier Personen eröffnet und Bankkonten gesperrt, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) bekannt gab. Sollte der Schlussbericht des Independent Inquiry Committee (IIC) unter der Leitung von des früheren US-Notenbankchefs Paul Volcker zeigen, dass sich weitere Firmen oder Personen rechtswidrig verhalten haben, würde das Seco diese bei der Bundesanwaltschaft anzeigen, wie Othmar Wyss, Leiter Exportkontrollen und Sanktionen im Seco sagte. Nähere Informationen zu den bereits laufenden vier Strafverfahren waren zunächst nicht erhältlich. Wie das Seco weiter mitteilte, hatte es bereits vor der Einsetzung des IIC eine Genfer Ölhandelsfirma wegen einer unerlaubten Zahlung an Irak zu 50’000 Franken Busse verurteilt.

Viele Firmen zu illegalen Zahlungen bereit
Der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth, der Mitglied des Uno-Untersuchungsausschusses war, zeigte sich erschüttert über die hohe Zahl von Firmen, die beim Uno-Hilfsprogramm «Oil for Food» zu illegalen Zahlen bereit gewesen seien. Belege seien allerdings nicht in allen Fällen vorhanden, und sämtliche Firmen verneinten, dass sie bewusst solche Zahlungen gemacht hätten, sagte er. So unter anderem auch die im Schlussbericht namentlich erwähnten Unternehmen Marc Rich + Co. und Glencore, die beide ihren Firmensitz im Kanton Zug haben. Ihnen wird ebenfalls die Zahlung von Schmiergeldern vorgeworfen.

Keine Anzeichen für Fehlverhalten der Banken
Die Abklärungen der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) bei den Schweizer Banken haben dagegen bisher keine Verstösse gegen die Sorgfaltspflichten ans Licht gebracht. Sollte der Schlussbericht aber neue Erkenntnisse bringen, würde neue Untersuchungen aufgenommen. Den weiteren Ausführungen der EBK ist zu entnehmen, dass rund die Hälfte des für rund 64 Milliarden Dollar unter dem Programm «Oil-for-Food» verkauften Erdöls über in der Schweiz niedergelassene Firmen finanziert worden ist. Dies erstaunt gemäss dem Seco nicht, weil der Genfer Finanzplatz in der Finanzierung des Ölhandels seit langem international eine wichtige Rolle spielt.

Nach Angaben des Seco haben in der Schweiz niedergelassene Firmen insbesondere im Ölhandel mit Irak eine bedeutende Rolle gespielt. Das Seco erteilte im Rahmen des «Oil-for-Food»-Programms insgesamt 75 Firmen eine Bewilligung für den Handel mit irakischem Erdöl. In der Schweiz domizilierte Ölhandelsfirmen kauften direkt aus dem Irak Erdöl für rund 3,5 Milliarden Dollar, was rund fünf Prozent des gesamten im Rahmen des «Oil-for-Food»-Programms verkauften Erdöls im Wert von rund 64 Milliarden Dollar entspricht.

kriminalitaet

Kuscheln mit der Mafia

Stephan Fuchs Piero Grasso, Italiens oberster Mafia Jäger legt sich mit der Politik an. In einem Interview mit dem Staatssender RAI beschuldigt er Politiker und Unternehmer ihre Hand schützend über den obersten Mafiosi zu legen. Ein Duell der Bosse mit ungewissem Ausgang.

Mit der Festnahme des seit fünf Jahren gesuchten Umberto Di Fazio ist der Polizei auf Sizilien ein aufsehen erregender Schlag gegen die Cosa Nostra gelungen. Di Fazio war Chef des Santapaola-Clans und wurde seit fünf Jahren wegen Erpressung und Mord mit internationalem Haftbefehl gesucht. Der 42-jährige Di Fazio hatte die Führung des Clans übernommen, nachdem 1993 sein Vorgänger Nitto Santapaolo verhaftet worden war.

Als die Polizei die Mafia Wohnung in Palermo stürmte, war der grösste Fisch aber bereits weg: Bernardo Provenzano „der Traktor“. Er hatte es wieder einmal geschafft, in letzter Sekunde zu flüchten. Immer wieder gelingt es dem alten Mann in letzter Sekunde zu entwischen. Seine Informationen müssen, da ist Grasso überzeugt, aus erster Hand sein. Der frühere Oberstaatsanwalt von Palermo kennt die Szene wie kein anderer: „Provenzano wird von Menschen aller Berufe geschützt: von Politikern, Unternehmern und Polizisten“ meint Piero Grasso entnervt.


Die Nervosität geht um.

Einem Carabinieri-Offizier, so Grasso, wurde nachgewiesen, dass er Ermittlungsgeheimnisse an einen bekannten sizilianischen Krankenhaus-Besitzer verriet, die dieser wiederum an Provenzano weitergeleitet haben soll. Und ein Regionalparlamentarier der Regierungspartei Alleanza Nazionale nahm nach Darstellung eines Kronzeugen vor der letzten Wahl über Mittelsmänner Kontakt zu Provenzano auf – mit der Bitte, der oberste Mafiaboss solle für ihn Unterstützung und Stimmen in Sizilien organisieren.

Provenzano gilt als Nachfolger des so genannten Bosses der Bosse, Salvatore „Toto“ Riina, der 1993 festgenommen wurde. Unterdessen riefen die Vorwürfe Grassos unterschiedliche Reaktionen hervor. Justizminister Roberto Castelli forderte ihn auf, genau darzulegen, was er wisse. Expräsident Francesco Cossiga regte an, eine parlamentarische Kommission zu bilden, um den Vorwürfen nachzugehen. Die Nervosität geht um.

Zwischen Corleone und New-York
Provenzano gilt als der Boss der Bosse und ist seit 42 Jahren auf der Flucht. Provenzano gehört dem Clan der „Corleonisi“ an. Einer der mächtigsten Mafia-Familien aus dem Bergstädtchen Corleone, die es auch in Amerika zu blutigem Ruhm gebracht haben. Die „Cosa Nostra“ zog sich aus dem Zigarettenschmuggel zurück und stieg im grossen Stil in die Heroinproduktion ein. Ein Milliarden Markt, der vor allem von der Corleonesi- Familie beherrscht wurde.

Als im Jahr 1948 Michele Navarra, der damalige Pate der Corleonesi, ermordet wurde, war Provenzano bereits dabei. Navarras Nachfolger war Luciano Leggio, der den Mord Navarras veranlasst hatte. Während eines Bandenkrieges anfangs der 1960er Jahre tauchte Provenzano unter. Als Leggio wegen Mordes verurteilt worden war (1974), wurde Totò Riina sein Nachfolger; Provenzano galt seither als dessen Rechte Hand. Im Verlaufe eines gnadenlosen Mafia-Krieges 1981-82, dem Hunderte Mafiosi zum Opfer fielen, stiegen die Corleonisi zur führenden Mafia-Familie in Sizilien auf.

Im Januar 1993 wurde Riina verhaftet und schließlich verurteilt. Ihm wird vorgeworfen in die Attentate auf den Anti-Mafia-Richter Giovanni Falcone und des bekannten Mafia-Strafverfolgers Paolo Borsellino beteiligt gewesen zu sein; Provenzano soll sofort sein Nachfolger und damit faktisch Capo di tutti Capi – Boss aller Bosse – geworden sein. Mehr als 100 Fahnder sind seit Jahren nur auf den Boss der Bosse angesetzt.

Heroin & türkischer Honig
In der Umgebung von Palermo richtete die „Cosa Nostra“ vier Labors ein, in denen zwischen 1975 und 1982 jedes Jahr rund 5 Tonnen Heroin hergestellt wurden. Die Tonnagen gelangten fast ausschliesslich über die Pizza Connection in New York in den Strassenhandel. Der Heroinhandel brachte den Familien astronomische Gewinne, sie deckten einen drittel des amerikanischen Heroinbedarfs. Anfangs der 80er Jahre kostete ein Kilo Morphinbase in Afghanistan rund $2000, in der Türkei $3500 und in Mailand bereits $12’000.

Nunzio La Mattina und Tommaso Spadaro beschafften enormen Mengen an Morphinbase, aus der in Palermo das Heroin gefertigt wurde. Die Herkunft der Morphinbase und deren Finanzierung gehörte lange Zeit zu einem der bestgehüteten Geheimnisse der Mafia. Die Lösung des Rätsels, wen wundert’s, lag in Zürich beim türkischen Drogenhändler Yasar Avni Musullulu in dessen Büro am Bahnofplatz, in dem Nunzio La Mattina regelmässig verkehrte. Die Pizza Prozesse in New York, Florenz und Lugano enthüllten Mussululu später als Morphin – Hoflieferant der sizilianischen Mafia.

Alleine La Mattina bezog über Musullulu innerhalb von zwei Jahren 52 Tonnen Morphinbase und bezahlte dafür rund 100 Millionen Schweizer Franken. La Mattina und Tommaso Spadora gehörten zusammen mit ihrem Boss Michele „der papst“ Greco zur Familie der Corleonesi um Salvatore „Totò“ Riina und Provenzano.

Verquickung mit Geheimdienst?
Der Chef der italienischen Geheimdienste, Mario Mori, wurde wegen der Verschleppung von Anti-Mafia-Ermittlungen angeklagt. Mori liess sich Jahre lang als Held bei der Festnahme des berüchtigten Paten Salvatore „Totò“ Riina feiern. Die Carabinieri sollen damals, 1993, ein schmutziges Spiel gespielt haben: Als der Staatsanwalt die Durchsuchung der Riina-Villa in Palermo forderte, riet Mori ab. Es sei besser, die Villa mit Kameras zu überwachen, um eventuelle Komplizen zu erwischen.

Dann wurden die Kameras noch am gleichen Tag abgeschaltet – und fast drei Wochen blieb die Mafia-Villa unbewacht. Als schließlich die Fahnder anrückten, war sie komplett ausgeräumt. Möglicherweise belastendes Material war Ermittlern zufolge zu diesem Zeitpunkt längst aus dem Anwesen verschwunden. Seither hält sich hartnäckig der Verdacht, der heutige Cosa-Nostra-Chef Bernardo „der Traktor“ Provenzano habe „Totò“ Riina an die Carabinieri verkauft und im Gegenzug die Zusage erhalten, er könne sämtliches Beweismaterial abtransportieren lassen – darunter auch eventuell Belastendes über Kontakte zwischen Politik und Mafia.

Traktor in der Gesichtschirurgie
Provenzano, das Phantom aus Corleone hat schon fast den Status eines Volkshelden. Konsequent verzichtet er auf moderne Kommunikationsmittel und erteilt seine Befehle auf handgeschriebenen Zetteln. Grasso erklärt: „Das ist ein System, das antiquiert wirkt. Aber wenn er moderne Technologien benutzen würde, gelänge es uns wahrscheinlich sehr viel mehr Sachen zu entdecken. Mit den Zetteln aber sind unsere Möglichkeiten begrenzt – sie werden an Orten weitergegeben, an die wir nicht kommen ohne entdeckt zu werden. Das wird genutzt, um die Kommunikation in der Organisation Cosa Nostra abzuschotten.“


Traktor in der Gesichtschirurgie

Seit den frühen 1960er Jahren wurde er nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen Da es nur ein Fahndungsfoto aus seiner Jugendzeit gibt, veröffentlichte die italienische Polizei ein Phantombild – bislang ohne greifbaren Erfolg. Als 1992 seine Frau und die Kinder ihr Versteck verlassen hatten, gab es Vermutungen, er selbst sei nicht mehr am Leben. Dem war aber nicht so: Provenzano soll sich mehreren chirurgischen Operationen unterzogen haben, um unerkannt zu bleiben. Im Oktober 2003 unterzog er sich in einer Privatklinik nahe Marseille/Frankreich einer Prostata-Operation, von der die Fahnder zu spät erfuhren. Das 72 jährige Phantom aus Corleone muss mächtige Helfer haben.

Der Artikel als PDF Download
Pizza aus dem Hindukusch gefällig?
Italienischer Geheimdienstchef angeklagt
Die Mafia Bibel

kriminalitaet

Sollen Chemieunfall-Folgen vertuscht werden?

Wie die dpa berichtet, sehen Bremer Forscher die Aufklärung der Spätfolgen eines der schwersten Chemieunfälle in der Geschichte der Bundesrepublik gefährdet. Nach Angaben des Bremer Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS) will das Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt am Main Forschungsdaten über den Unfall bei der Hoechst AG vom 22. Februar 1993 vernichten lassen. Zudem sollten Ergebnisse von Nachuntersuchungen zu Spätfolgen nicht veröffentlich werden. Das Gesundheitsamt wies die Vorwürfe als unbegründet zurück.

Das BIPS verfasste nachfolgende Chronologie zum Hoechst-Störfall sowie dem Gerangel ein Forschungsprojekt dazu:

Chronologischer Abriss des Forschungsprojektes um den Hoechst-Störfall von 1993

• 1993 ereignete sich bei der Firma Hoechst in Frankfurt ein schwerer Chemieunfall, als dessen Folge ein „gelber Regen“ auf Frankfurt-Schwanheim niederging. Dabei handelte es sich um ein Gemisch verschiedener u.a. krebserregender Stoffe. Als Folge mussten nicht nur Häuser und Autos von einer gelben Schicht befreit werden, sondern auch die Bevölkerung von Schwanheim ärztlich versorgt werden, und zwar wegen Hautausschlägen, Atemproblemen, Kopfschmerzen und weiteren akuten Symptomen. Neben diesen akut auftretenden Gesundheitsproblemen befürchtete die betroffene Bevölkerung Spätfolgen, insbesondere aufgrund des krebserregenden Potenzials der freigesetzten Chemikalien. Es wurde daher entschieden, ein so genanntes Expositionsregister anzulegen, das eine spätere Nachverfolgung („Follow-up“) der betroffenen Bevölkerung ermöglichen würde. Das BIPS wurde mit der Erstellung dieses Registers betraut.


Ergebnisse von Nachuntersuchungen zu Spätfolgen sollen nicht veröffentlich werden Foto: Bill Tompkins

• 1995 führte das BIPS in Schwanheim eine Querschnittsstudie durch, um die akuten Beschwerden zu untersuchen. Weiterhin wurden alle Bewohner in einem Expositionsregister erfasst. Es wurden Daten von ca. 20.000 Personen abgespeichert. Es wurde der Bevölkerung zugesichert, dass die Daten beim BIPS verbleiben und dort unter Einhaltung der Datenschutzbestimmungen verarbeitet werden. Von ca. 15.000 Personen wurde die Einwilligung eingeholt, sie zu späteren Zeitpunkten erneut zu befragen. Eine erste Befragung sollte nach 10 Jahren erfolgen. Die personenbezogenen Daten des Expositionsregisters sollten gemäß den Empfehlungen der Fachgutachter für einen längeren Zeitraum von ca. 30 Jahren aufbewahrt werden, um mögliche Spätfolgen mit langer Induktionszeit – wie Krebserkrankungen – mittels eines Follow-up bzw. eines Linkage mit dem zukünftigen Krebsregister zu ermöglichen. Ein geeignetes Krebsregister existiert bis heute nicht.

• 2002/2003 fanden Auseinandersetzungen zwischen den Stadtgesundheitsamt Frankfurt unter Leitung von Frau Dr. Stark und dem BIPS unter Leitung von Herrn Prof. Dr. Greiser statt. Das Stadtgesundheitsamt bestand auf einer Herausgabe der Daten des Expositionsregisters, um nach ihrer Auskunft eine öffentliche Ausschreibung des Follow-up zu ermöglichen. Unter Berufung auf die mit dem BIPS getroffene Vereinbarung und unter Hinweis auf den mit einer Daten Herausgabe verbundenen Vertrauensverlust und der dadurch zu erwartenden mangelnden Bereitschaft der Bevölkerung, an nachgehenden Untersuchungen teilzunehmen, verweigerte das BIPS die Herausgabe der Daten.

• 2004 legte Herr Prof. Dr. Ahrens dem Stadtgesundheitsamt in ausführlichen Briefen die wissenschaftlichen und rechtlichen Gründe für die Verweigerung der Datenherausgabe seitens des BIPS dar.


Höchst Unerfreuliches aus dem Chemiewerk Frankfurt-Griesheim der Hoechst AG: Zehn Tonnen eines Reaktiongemisches des Farbstoff-Vorproduktes „ortho-Nitroanisol“ wurden 1993 in die Luft geschleudert und gingen als klebriger, gelber Niederschlag in den Frankfurter Stadtteilen Schwanheim und Goldstein nieder. [M]

• Anlässlich einer von den Bürgerinitiativen (BIs) am 23.03.2004 veranstalteten Podiumsdiskussion fand ein erstes persönliches Gespräch zwischen Vertreterinnen des Stadtgesundheitsamts und dem BIPS vertreten durch Herrn Prof. Ahrens und Frau Prof. Pigeot (seit März 2004 Institutsdirektorin) statt. Zu Beginn des Gesprächs bestand Frau Dr. Stark erneut auf der Herausgabe der Daten. Im Laufe des Gesprächs konnte jedoch Einverständnis über das weitere Vorgehen erzielt werden. Insbesondere versicherte das BIPS dem Stadtgesundheitsamt, dass dem BIPS an einer auf Vertrauensbasis begründeten Zusammenarbeit und nicht an einem Konfrontationskurs gelegen ist. Das BIPS wurde daraufhin aufgefordert, einen Stufenplan zur Untersuchung der Spätfolgen zu entwickeln und dem Stadtgesundheitsamt vorzulegen. Die anschließende Podiumsdiskussion verlief zur Überraschung der BIs konfliktfrei zwischen BIPS und Stadtgesundheitsamt. Insbesondere zeigte sich das Stadtgesundheitsamt zum ersten Mal zum Einlenken bereit.

• Der Stufenplan wurde am 24.04.2004 an das Stadtgesundheitsamt geschickt.

• Der vom BIPS beim Stadtgesundheitsamt eingereichte Stufenplan wurde Ende 2004 einer internationalen Expertin auf diesem Gebiet, Frau Prof. Dr. Ackermann-Liebrich, Basel, zur Begutachtung vorgelegt. Frau Ackermann gehörte bereits zu den Gutachtern des Vorgehens bei der Anlage des Expositionsregisters. Frau Ackermanns Gutachten bezeugte das einwandfreie wissenschaftliche Vorgehen. Der Stufenplan wurde auf den Adress-Follow-up und die Mortalitätsstudie eingeschränkt. Die Mortalitätsstudie zum jetzigen Zeitpunkt könnte erste Hinweise auf mögliche schwerwiegende Spätfolgen liefern. Sie ist aber auch deshalb geboten, weil die dabei erhobenen Todesursachen-Bescheinigungen in einigen Bundesländern nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist vernichtet werden und damit spätere Mortalitätsrecherchen hinsichtlich ihrer Aussagekraft geschwächt würden. Die Kosten für den Adress-Follow-up und die Mortalitätsstudie wurden vom BIPS auf € 140.000 kalkuliert. Die tatsächlichen Kosten liegen höher. Das Projekt wurde von allen Parteien in Frankfurt befürwortet.

• Am 27.01.2005 beschloss die Stadtverordnetenversammlung Frankfurt/Main, dass das BIPS beauftragt werden soll, Adress-Follow-up, Vitalstatuserhebung und Analyse der Sterblichkeit einschließlich Auswertung und Berichtlegung durchzuführen.

• Am 09.03.2005 erhielt das BIPS die Aufforderung, ein Angebot (Zuschlags- und Bindefrist: 30.06.2005) auf eine freihändige Vergabe des Stadtgesundheitsamts einzureichen. In einem persönlichen Gespräch am 11.03.2005 in Frankfurt wurden die kritischen Punkte, Publikationsrechte und Datenhaltung des Adress-Follow-up, einvernehmlich diskutiert und das BIPS gebeten, dazu einen Vorschlag zu unterbreiten.

• Das Angebot ging am 15.03.2005 an das Stadtgesundheitsamt; die gewünschte Ergänzung bzgl. Publikationsrechten und Datenhaltung erfolgte am 06.04.2005.

• Am 20.05.2005 ging ein Schreiben vom Stadtgesundheitsamt an das BIPS, in dem einige Punkte der ursprünglichen Aufforderung zu einem Angebot drastisch verändert wurden. So werden dem BIPS sämtliche Publikationsrechte verweigert, was den offiziell verabschiedeten Regeln der Guten Epidemiologischen Praxis widerspricht. Zudem wird verlangt, dass sämtliche Daten nach Abschluss dieses Auftrags vernichtet werden, was eine Weiterverfolgung der Spätfolgen (Erkrankung an Krebs) unmöglich machen würde und dementsprechend in unseren Augen ethisch nicht vertretbar ist. Die in dem Schreiben vorgebrachten Bedenken der Datenschutzbeauftragten scheinen vorgeschoben, da zum einen in solchen Fällen nach unserer Erfahrung die Interessen der Allgemeinheit über die Interessen des Einzelnen gestellt werden und zum anderen eine Einverständniserklärung der Betroffenen für die nun zunächst geplanten Stufen (Ermittlung von Vitalstatus und Todesursache) gar nicht erforderlich ist.

• Unsere Versuche, telefonisch mit Frau Dr. Stark Kontakt aufzunehmen, sind gescheitert. Am 25.05.2005 haben wir ihr daher schriftlich mitgeteilt, dass wir unter den von ihr nachgeschobenen Bedingungen nicht in der Lage sind, die Studie durchzuführen.

• Daraufhin haben wir in einem ausführlichen Schreiben am 31.05.2005 die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) als oberste wissenschaftliche Instanz um Stellungnahme gebeten.

• Am 25.07.2005 erhielten wir ein Schreiben von der DFG, das uns in unserem Verhalten bestärkt hat.

• Am 22.08.2005 haben wir erneut Frau Dr. Stark angeschrieben und sie noch einmal gebeten, uns mit der Durchführung der Studie ohne die vom Stadtgesundheitsamt im Schreiben vom 18.05.2005 nachträglich genannten Zusatzbedingungen zu beauftragen.

• Im Antwortschreiben vom 31.08.2005 teilte uns Frau Dr. Stark mit, dass die Studie jetzt öffentlich ausgeschrieben würde, da wir nicht in der Lage seien, diese durchzuführen, und wies uns daraufhin, dass wir uns bewerben könnten. Dies ist eine Verfälschung des von uns am 25.05.2005 an Frau Dr. Stark gesendeten Briefes, in dem wir ihr mitteilten, dass wir aufgrund unseres Selbstverständnisses als unabhängige Forschungseinrichtung unter den nachträglich gestellten Bedingungen aus wissenschaflichen und ethischen Gründen nicht in der Lage wären, die Studie durchzuführen.

Weiterführende Artikel & Links
– Das Dokument als PDF Download

– Störfall-Serie in den Werken der Hoechst AG im Frühjahr 1993 von Dipl.-Kfm. Frank Roselieb

– Hoechst: Drei Störfälle in vier Tagen (1998)

„In der ZEMA werden alle nach der Störfall-Verordnung (12. BImSchV) meldepflichtigen Ereignisse erfasst, ausgewertet und in Jahresberichten veröffentlicht. Die meldepflichtigen Ereignisse werden entsprechend ihrem Gefahrenpotential in Störfälle und in Störungen des bestimmungsgemäßen Betriebs unterteilt.“

Vom Störfall zur Kultur
Der Störfall von Hoechst im Jahre 1993 inspirierte Harald Haack zum Schreiben einer Erzählung. Auch komponierte er Musikstücke, die ebenfalls den Störfall zum Thema haben. Anfang 2003 schrieb er in Bern und Hamburg das Tanztheater CARPUT MORTUUM. Es dürfte das erste Tanztheater sein, in dem nicht nur der Störfall von Hoechst im Jahre 1993, sondern auch umweltmedizinische und gesellschaftspolitische Problematiken verarbeitet wurden. Im von der Chemischen Industrie ausgerufenen “Jahr der Chemie”, 2003, wurde es im Oktober in Bern uraufgeführt. „Was ist kaputter als der Tod?“ fragt der Protagonist keck in dem Stück. Denn: „Er sah’s einmal mit eigenen Augen…“

Carput Mortuum

Die von Harald Haack komponierte Musik zum Stück Carput Mortuum im MP3 Format:
Carput Mortuum 6 (Er sah’s einmal mit eigenen Augen…): 7,9 MB
Carput Mortum 6 7 8 (der gesamte musikalische Komplex) 18,5 MB

kriminalitaet

Notenbankchef Fazio von Staatsanwaltschaft vernommen

Der umstrittene Notenbankchef Italiens, Antonio Fazio, ist von der Staatsanwaltschaft in Rom vernommen worden. Er musste sich wegen seines Verhaltens in einem grenzüberschreitenden Banken-Übernahmekampf verteidigen.

Gegen den auf Lebenszeit ernannten Gouverneur der Banca d’Italia ermittelt die Justiz wegen Verdachts auf Amtsmissbrauch. Ihm wird vorgeworfen, als oberster Bankenaufseher im Übernahmekampf um die Banca Antonveneta den niederländischen Finanzkonzern ABN Amro benachteiligt zu haben.


Gegen den auf Lebenszeit ernannten Gouverneur der Banca d’Italia ermittelt die Justiz wegen Verdachts auf Amtsmissbrauch.

Fazio wurde am zwei Stunden lang befragt. Wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch laufen auch Ermittlungen gegen den Chefinspektor der Zentralbank, Francesco Frasca, und gegen den Ex-Chef der norditalienischen BPI, Gianpiero Fiorani.

Fiorani wurde ebenfalls vernommen. Ihm wird zudem Bilanzfälschung vorgeworfen. Im Visier der Ermittler ist darüber hinaus Ex-BPI-Präsident Giovanni Benevento.

Die Staatsanwaltschaft in Rom führt Ermittlungen gegen die Banca Popolare Italiana (Pop Italiana) und ihre Verbündeten wegen vermuteter krimineller Handlungen bei der gescheiterten Übernahme der Banca Antonveneta.

Fazio war von Ministerpräsident Silvio Berlusconi wegen seines Verhaltens bei den Übernahmeverhandlungen für die Bank Antonveneta zum Rücktritt gedrängt worden. Der Streit hatte auch zum Rücktritt von Wirtschaftsminister Domenico Siniscalco geführt.

Von der Regierung kann Fazio nicht entlassen werden. Der Notenbankchef beteuerte mehrmals, korrekt gehandelt zu haben und verweigert seinen Rücktritt.

Nach der Befragung haben die Staatsanwälte mehrere Wochen Zeit um zu entscheiden, ob sie Anklage gegen Fazio erheben wollen. Amtsmissbrauch kann in Italien mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden.

kriminalitaet

Bank für Superreiche

Aktuelles update zum Artikel: 19 jährige Deutsche soll Beihilfe am Mord des Bankier Gottes geleistet haben:

Die zum Swiss-Life-Konzern gehörende Banca del Gottardo erhält einen neuen Chef und richtet sich strategisch neu aus: Auf Reiche und Superreiche. Das Institut bleibt aber entgegen den Spekulationen der Finanzgemeinde unter dem Dach des führenden Schweizer Lebensversicherers. Die Gotthardbank erhält einen neuen Chef. Rolf Aeberli, der zurzeit Finanzchef der Privatbank Julius Bär ist, übernimmt den Posten bei der Swiss-Life-Tochter auf den 1. Februar 2006.

Weiterlesen bei Swissinfo.

kriminalitaet

19 jährige Deutsche soll Beihilfe am Mord des Bankier Gottes geleistet haben

Stephan Fuchs – In Rom beginnt heute vor einem Schwurgericht der Prozess um den Tod des italienischen Vatikan-Bankiers Roberto Calvi. Auch dieser Prozess wird mit höchster Wahrscheinlichkeit und nach bester Tradition im Sand verlaufen. Wie schon so viele andere wo Mafia und Politik verstrickt sind. Der Prozess ist Unsinn.

Der schwarze Mönch hängt in der Brücke
Am morgen des 18. Juni 1982 entdeckte ein Mitarbeiter der Londoner Tageszeitung Daily Express unter dem zweiten Bogen der Blackfriars Bridge in London den Leichnam von Roberto Calvi, besser bekannt als der „Bankier Gottes“. Sein Bein war angewinkelt, in seinen Jackentaschen waren Backsteine, die ihn ordentlich nach unten zogen und mehr als 10’000 in bar. Die Polizei ging von Selbstmord aus, doch die war von Anfang an unglaubwürdig. Demnach sollte Calvi, ein alter, kleiner, untersetzter Mann von stattlichen 120 Kilo Körpergewicht am 17.Juni 1982 abends im Stockdunklen über eine schmale, glitschige Leiter die Blackfriars Bridge hinabgestiegen, sodann über einen schmalen Gang entlangbalanciert und ein hohes Gerüst hinabgeklettert sein.


Mit 120 Kilo & Backsteinen in den Taschen über glitschige Treppen zum hängen gehen

Am Ende hätte er sich, knapp über dem Wasserspiegel der Themse einen Strick um den Hals legen müssen, den er zuvor am Gerüst hätte befestigen müssen, um sich dann ins Wasser gleiten zu lassen, und das alles mit den schweren Steinen in den Taschen, die man in seinem Anzug fand. Im Juli 2003 erklärte die italienische Staatsanwaltschaft in Rom, daß Roberto Calvi ermordet wurde. Am 18. April 2005 wurde schliesslich Anklage wegen Mordes an Calvi gegen die damals 19 Jährige Kärntnerin Manuela Kleinzig, ihr Ex-Freund und Calvis Geschäftspartner Flavio Carboni sowie gegen zwei mutmaßliche Mafiosi, Pippo Calo und Ernesto Diotallevi erhoben. Diese stehen nun heute vor Gericht.

Mit der Gnade Gottes Milliarden verschwunden
1957 gründete Roberto Calvi in Lugano die Banca del Gottardo mit späteren Zweigstellen in Zürich, Chiasso, Lausanne, Frankfurt und Nassau. Der Liechtensteiner Rechtsanwalt Walter Keicher gründete in Vaduz die Firma Lovelock, die später zur Basis einer ausgedehnten Geheimstruktur neben der legalen Banca del Gottardo werden sollte. 1960 übernahm die Ambrosiano Bank 40 Prozent der Banca del Gottardo. 1963 gründete die Lovelock in Luxemburg die Firma Copendium, welche schon bald damit begann, an der Börse von Mailand insgeheim Ambrosiano Aktien aufzukaufen. Darauf wurde in Lugano die Ultrafin gegründet, wo ebenfalls Calvi im Verwaltungsrat sass. So baute sich Calvi im Verlauf der 60er Jahre systematisch eine Doppelstruktur im Ausland. Der geheime Teil wurde unter dem Dach der Liechtensteiner United Trading getätigt, die von den Gottardo Managern Garzoni und Bolgiani kontrolliert wurden.

Dann intensivierte die Banco Ambrosiana die Zusammenarbeit mit der Vatikanbank IOR (Istituto Opere di Religione), es kam gar zu einer strategischen Allianz. Präsident der IOR war der aus Chicago stammende Erzbischof und ehemaliger Papstleibwächter Paul Marcinkus. Er beteiligte sich an der Geheimstruktur Calvis. Dazu übernahm die IOR Anteile an der Cisalpine Bank in Nassau, einer offiziellen Ambrosiano Tochter die Calvi 1971 mit Fernando Garzoni von der Gotthard Bank gründete.


Flavio Carboni (l) im Gespräch mit seinem Anwalt Renato Borzone. Foto: Reuters/Max Rossi

Der ritte im Bunde von Calvi und Erzbischof Marcinkus wurde Michele Sindona, der Bankier der sizilianischen Mafia und Mitglied der Geheimloge Propaganda Due, P2. Sindona war ursprünglich ein Steuerberater aus Messina, siedelte 1946 nach Mailand aus und arbeitete seit den 50er Jahren für die legendäre New Yorker Mafia Familie der Gambino. Das Trio war perfekt. Die umstrittene Geheimloge P2, die Mafia und Geheimstrukturen des Vatikans verstrickten sich im Sumpf. Die Schäfchen Gottes konnten gerissen werden. Dabei verschwanden zwischen 1972 und 1981 mehr als 1,3 Milliarden US-Dollar.

Gottes Zorn
Sindona, der in Amerika, Italien und in der Schweiz Banken und Parabanken gründete verspekulierte sich gewaltig, bis sein Imperium zerfiel. Die Geldzuflüsse der Gambino Familie versiegten. 1980 wurde er in Amerika zu 25 Jahren Zuchthaus wegen betrügerischen Bankrotts verurteilt und 1984 nach Italien abgeschoben. 1986 wurde Sindona als Auftraggeber der Mörder von Giorgo Ambrosoli, der eine offizielle Untersuchung des Ambrosiano Bankrotts gemacht hatte, zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Zwei Tage nach dem Urteil starb Sindona im Gefängnis an einer Prise Zyankali im Kaffe.

Der Bankrott der Sindona Banken brockte seinen Partnern Calvi und Marcinkus einige Probleme ein. Calvi verschwand vor seinem Tod mehrere Tage lang spurlos. Angeblich hatte er eine Tasche mit belastenden Unterlagen über hohe italienische Politiker bei sich. Calvi flüchtete über Österreich nach England, dort soll er von der Mafia abgeholt worden sein. Ein Auftragsmord, ausgeübt von zwei Mafia-Killern? Tatsächlich berichtet ein Zeuge, dass zwei Italiener Calvi in seinem Hotel abgeholt hatten. Danach wurde er nicht mehr lebend gesehen. Die beiden Männer könnten Calvi erzählt haben, dass er mit ihnen seine geheimnisvolle Flucht fortsetzen soll und ihn so in ein Boot gelockt haben. Flavo Carboni habe den Auftrag dazu erteilt. Carboni ist eine schillernde Figur mit Kontakten zur Wirtschaft, dem Vatikan, der Politik – und der Mafia. Er organisierte damals Calvis illegale Reise, er war in London als der „Bankier Gottes“ starb und mit ihm war seine damals 19 Jährige deutsche Freundin Manuela Kleinzig.

Carboni wurde 1989 wegen Hehlerei angeklagt. Er soll versucht haben, Papiere aus Calvis Aktentasche an den Vatikan zu verkaufen. Ein Mafia-Pate sagte Anfang der 90er Jahre aus, Calvi sei ermordet worden. Die beiden mutmaßlichen Killer seien inzwischen aber selbst getötet worden. Manuela Kleinzig hatte sich gemeinsam mit Carboni in London aufgehalten, als Calvi dort zu Tode kam. Sie hat stets ihre Unschuld beteuert. Heute ist sie Mutter eines achtjährigen Kindes. Ihre Anwältin Ersilia Barracca versteht die Anklage nicht: „Bei einem Prozess um Calvis Tod in Mailand hatte man meiner Mandantin nur vorgeworfen, dem Bankier geholfen zu haben, Italien zu verlassen. Damals wurde sie freigesprochen. Ich begreife nicht, wie man ihr jetzt Beihilfe in einem Mordfall vorwerfen kann“.

Der Artikel als PDF Download

kriminalitaet

Prozess gegen Sohn von New Yorker Mafia-Paten geplatzt

Stephan Fuchs – Weil sich die Geschworenen nicht auf ein Urteil einigen konnten, ist der Prozess gegen den Sohn des früheren New Yorker Mafia-Paten John Gotti geplatzt. Vermutlich kommt John Gotti Junior bis zu einem neuen Verfahren gegen Kaution auf freien Fuss.

Dies sagte die Richterin am Dienstag (Ortszeit) in New York. Ein Datum für einen neuen Prozess wurde zunächst nicht festgesetzt. Der 40-jährige Gotti soll versucht haben, den Gründer der Bürgerwehrtruppe „Guardian Angels“ („Schutzengel“), Curtis Sliwa, zu entführen.

Sliwa wirft ihm zudem vor, ihn 1992 auf der Strasse angeschossen zu haben, nachdem er in einem Interview Gotti Senior kritisiert hatte. Sliwa äusserte sich enttäuscht; er warte seit 13 Jahren auf eine Verurteilung Gottis. „Aber der Prozess geht in eine zweite Runde“, fügte Sliwa hinzu.

Die Schwester des Angeklagten weinte dagegen vor Freude. Es bedeute den Männern in der Familie und ihren Söhnen viel, dass Gotti Junior nach Hause zurückkomme, sagte Victoria Gotti. „Das heisst, dass man nicht jemanden nur wegen seines Nachnamens verfolgen kann.“

Victoria und John sind die Kinder von John Gotti Senior, dem früheren Paten des Gambino-Clans. Er starb im Jahr 2002 im Alter von 61 Jahren in einem Gefängniskrankenhaus im Bundesstaat Missouri an Krebs.

Unter seiner Führung hatte der Gambino-Clan in den 80er Jahren den Höhepunkt seiner Macht erreicht. 1992 wurde er zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

kriminalitaet

Pizza aus dem Hindukusch gefällig?

Stephan Fuchs – 1971 hatten französische und amerikanische Drogenfahnder in Südfrankreich und auf Korsika mehrere Heroinküchen ausgehoben und damit die Monopolstellung der French Connection gebrochen. Mit dessen Zusammenbruch witterte Nunzio La Mattina die grosse Chance der sizilianischen „Familien“. Die „Cosa Nostra“ zog sich aus dem Zigarettenschmuggel zurück und stieg im grossen Stil in die Heroinproduktion ein. Ein Milliarden Markt, der vor allem von der Corleonesi- Familie beherrscht wurde.

In der Umgebung von Palermo richtete die „Cosa Nostra“ vier Labors ein, in denen zwischen 1975 und 1982 jedes Jahr rund 5 Tonnen Heroin hergestellt wurden. Die Tonnagen gelangten fast ausschliesslich über die Pizza Connection in New York in den Strassenhandel. Der Heroinhandel brachte den Familien astronomische Gewinne, sie deckten einen drittel des amerikanischen Heroinbedarfs. Anfangs der 80er Jahre kostete ein Kilo Morphinbase in Afghanistan rund $2000, in der Türkei $3500 und in Mailand bereits $12’000.

Nunzio La Mattina und Tommaso Spadaro beschafften enormen Mengen an Morphinbase, aus der in Palermo das Heroin gefertigt wurde. Die Herkunft der Morphinbase und deren Finanzierung gehörte lange Zeit zu einem der bestgehüteten Geheimnisse der Mafia. Die Lösung des Rätsels, wen wundert’s, lag in Zürich beim türkischen Drogenhändler Yasar Avni Musullulu in dessen Büro am Bahnofplatz, in dem Nunzio La Mattina regelmässig verkehrte. Die Pizza Prozesse in New York, Florenz und Lugano enthüllten Mussululu später als Morphin – Hoflieferant der sizilianischen Mafia. Alleine La Mattina bezog über Musullulu innerhalb von zwei Jahren 52 Tonnen Morphinbase und bezahlte dafür rund 100 Millionen Schweizer Franken. La Mattina und Tommaso Spadora gehörten zusammen mit ihrem Boss Michele „der papst“ Greco zur Familie der Corleonesi um Salvatore „Totò“ Riina und Provenzano.

Türkischer Honig und italienische Pizza
Als die Sizilianer in der Umgebung von Palermo ihre Labors einrichteten, begann eine intensive Zusammenarbeit zwischen der italienschen Cosa Nostra und ihren türkischen Waffenbrüdern. Die türkischen Mafiosi hatten den Rohstoff und die Italiener den Vertrieb. Die Lieferanten der Morphinbase nutzen die enorme Nachfrage nach Waffen zu einem verhängnisvollen Tauschgeschäft. Die Base wurde zum Teil nicht mit Geld, sondern mit Waffen bezahlt. Plötzlich traten Mafia Familien und Geheimdienste nebeneinander auf: Erstere hatten ihre Finger im Drogengeschäft, letztere im Schwarzhandel mit Waffen. Ein Bandwurm an Abenteuern und halbstarken Waffenschiebern mischte plötzlich im grossen Geschäft mit. Nicht wenige davon blieben auf der Strecke im eigenen Blut liegen. Schnitt- und Angelpunkt war immer wieder die Schweiz… des Geldes und der guten Luft im Justiz- und Geheimdienstwesen wegen. Musullulu wäscht seine Profite auch über Mohammed Shakarchi, der auch für die CIA Gelder wäscht, und Hans Kopp, der Ehemann der Schweizer Justizministerin.

Maulwurf oder nur Löcher in der Schweiz?
Erster Geldwäscher der Pizza Connection in der Sonnenstube Tessin war der mit Merkwürdigkeiten nicht zurückhaltende Salvatore Amendolito. Noch 1979 war er ein verschuldeter Fischhändler aus Mailand, als ihn zwei gutbetuchte Sizilianer aus der Misere hievten. Die beiden brachten ihn in Kontakt mit Salvatore Miniati, dem Mailänder Filialmanager der Schweizer Finanzgesellschaft Finagest. Miniati bot ihm einen lukrativen Hob als Finagest Geldbote an. Er soll Bargeld von den USA in die Schweiz bringen, welches Oliviero Tognoli gehörte. Tognoli ist die Zentralfigur der Schweizer Geldwaschoperationen. Amendolito stieg kurzerhand auf das Angebot ein. Von da an klapperte er die Pizzerias von New York und New Jersey ab und brachte die Banknoten in den sicheren Hafen in die Schweiz, bis er von der Mafia vorsichtshalber aus dem Verkehr gezogen wurde. Die Stelle von Amendolito nahm Franco Della Torre ein, der mit Vito Palazzola den Geldtransfer von Amerika in die Schweiz übernahm. Am Karfreitag 1982 sollen Tognoli, Della Torre und Plazzola dem türkischen Morphinbaselifernaten Paul Waridel und Mussululu in Bellinzona fünf Millionen Dollar in bar übergeben haben.

Bis 1990 blieb es verhältnismässig ruhig um Amendolito. Dann zündete er eine Bombe, die bis dato nicht bestätigt, aber auch nicht verworfen werden konnte. In einem Brief an den italienischen Staatsanwalt Giovanni Falcone (er starb bei einem Bombenattentat) behauptet, bei der Staatsanwaltschaft in Lugano sitze ein Maulwurf der Mafia. Er sei als V-Mann für die US Regierung in einer Operation unterwegs gewesen und plötzlich enttarnt worden. Die Analyse dieses Vorfalls habe ihn zur Auffassung gebracht, Carla del Ponte müsse Verbindungen zur Mafia haben. Amendolito schickte meterlange Faxe an die Bundesanwaltschaft, anderen Behörden und an die Presse, in denen er del Ponte denunzierte. Im Pizza Prozess von New York fungierte Amandolito als Hauptbelastungszeuge und beförderte sich später zum International Corporate Finance Consultant mit Büro in Washington. Dazu muss man wissen, dass Amendolito in Washington die richtigen Leute kannte, hatten doch drei der Ankläger im Pizza Prozess nach den Verhandlungen eine grosse Karriere gemacht: Louis Freeh wurde oberster Chef des FBI, Robert Bucknam wurde Vizeunterstaatssekretär für Justiz in der Bush Administration und Rudi Giuliani Stadtpräsident von New York.

Weiterführende Artikel:

kriminalitaet

Tato: Undercover Agent ohne Cover

Stephan Fuchs – Ein Mann in ständiger Gefahr: Fausto Cattaneo, bis Anfang der 90-Jahre einer der weltweit erfolgreichsten Undercoveragenten, fürchtet um sein Leben. Der Polizist aus der schweizerischen Sonnenstube im Tessin, hat unter dem Decknamen „Tato“ mit den größten Drogenbossen Geschäfte abgewickelt – und sie auch hinter Gitter gebracht.

Fausto Cattaneo kennt sich aus im Untergrund, in den Kreisen von Mördern, Drogenhändlern und Drahtziehern des organisierten Verbrechens wie kein anderer. 1970 trat er der Polizei bei, 1972 übernahm er die Leitung der Rauschgift-Abteilung in Locarno und seit 1984 leitete er die Sonderabteilung gegen organisierte Kriminalität bei der Kantonpolizei Tessin. Als Vertreter der Schweiz wurde er seit 1989 bei internationalen Undercover-Fahndungen eingesetzt. Die vorläufige Bilanz eines ereignisreichen Lebens – Commisareo Cattaneo war einer der weltweit erfolgreichsten Undercoveragenten bei internationalen Drogenoperationen und erhielt für seine Arbeit zahlreiche Auszeichnungen, auch von der amerikanischen DEA.

Wegen seiner großen Erfolge wurde er von Antidrogenbehörden in aller Welt unterstützt und erlangte fast legendären Ruf. Er ließ ganze Schiffsladungen mit Kokain und Heroin beschlagnahmen, komplette Rauschgiftringe flogen auf. Mächtige Gangster schworen Rache – Tato steht auf ihren Todeslisten.

Seine größten Coups waren die Verhaftung des kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar Junior, die Zerschlagung der Libanon-Connection der Brüder Magarlan und die Festnahme des türkischen Drogenchefs Haci Mirza. Alle waren große Fische – und doch, glaubt Cattaneo, sind die wirklichen Drahtzieher unantastbar: „Wir sind nur Ameisenjäger“, sagt Cattaneo, „die Elefanten laufen frei herum.“ Und sie tun’s noch heute.

Mato Grosso
Dann die Operation Mato Grosso: Tato war einem weltweiten Drogen- und Geldwäscherring auf der Spur. Als er bei seinen Ermittlungen entdeckte, dass einige seiner Schweizer Kollegen Drogengelder kassierten, bekam er Druck von ganz oben. Zu viele Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft hatte er als Helfershelfer der Drogenkartelle entlarvt. Die Aktionen und Verhaftungen wurden abrupt gestoppt – von der zuständigen Staatsanwältin im Tessin, Carla del Ponte, der heutigen Chefanklägerin des Den Haager Tribunals. Unter dem Vorwand von Korruption und Spionage ließ sie den Agenten suspendieren und liess ihn im Stich. Er wurde von der Drogenmafia enttarnt – für Cattaneo ein Todesurteil.

Freiwild…
Cattaneo wurde vom Jäger zum Gejagten. Doch er gab nicht auf, sondern fuhr fort, in eigener Sache weiter zu ermitteln. Schließlich konnte er aufdecken, dass man ihn loswerden wollte, weil er zu viele Fragen provozierte – auch hinsichtlich der dubiosen Polizeimethoden. In diesem Zusammenhang erhebt der Ex-Agent schwere Vorwürfe gegenüber ehemaligen Kollegen und der heutigen Chefanklägerin des UN-Menschenrechtstribunals und damaligen Tessiner Staatsanwältin, Carla del Ponte: „Als ich herausbekam, dass Leute meiner Abteilung bei großen illegalen Drogengeschäften direkt beteiligt gewesen waren, habe ich auch herausgefunden, dass Frau del Ponte das alles ganz genau wusste“, erklärt Cattaneo. „Frau del Ponte wusste das also alles, zog es aber vor, darüber zu schweigen.“

…in der Falle
Der ehemalige Undercoveragent Tato saß in der Falle, dachte an Selbstmord. Aber er lebt, wurde rehabilitiert. Trotz aller Bedrohung, der er nach wie vor ausgesetzt ist: Cattaneo schweigt nicht. Er warnt vor den Verstrickungen von Drogenschmuggel und Geldwäsche mit amerikanischen Banken, italienischer Mafia und Schweizer Finanzfirmen. Er ist sicher: Auch in Deutschland gibt es Verbindungen zwischen Politik und organisierter Kriminalität.“

Fausto Cattaneo, geboren 1943 in Roveredo, Graubünden. Ursprünglich Polizeiinspektor und Verantwortlicher des Informationsdienstes Drogen der Schweizer Bundespolizei, war bis 1992 als Undercoveragent bei internationalen Anti-Drogen-Operationen tätig. Sein Einsatz ermöglichte große Fahndungserfolge. Cattaneo erhielt mehrere Auszeichnungen. Er lebt heute im Tessin.

MP3 Audio File bei [Stephanfuchs.ch] Interview mit Fausto Cattaneo

Weiterführender Artikel: