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Das jüngste Gericht

Lukas Vogelsang – Die Schweiz ist ein lustiges Land, das haben wir hier schon ein paar Mal erwähnt. Im Frühsommer des Aprils, mit unseren Sennenkäppli und Alphörnern, spielen wir unsere Sandkastenspielchen. Feinstaub und Katzenkot sehen wir natürlich nicht. Zwischendurch zerstören wir des Nachbars Sandburg und dann lachen wieder alle. Nur jener vor dem getrümmerten Sandhaufen rumpelt fünf Minuten vor sich hin, spielt dann aber wieder munter weiter. Der Sandkasten hat einen Namen: «Demokratie». Und jeder und jede, die darin spielen wollen, erhalten genügend Becherchen, Schäufelchen und Kesseli – eben ganz sozialistisch, kommunistisch, kapitalistisch, nationalistisch, violett, dunkelblau und pink… Es ist alles demokratisch und hat bestens Platz im Sandkasten.

Die Schweizer spielen also in der «Demokratie», das Spiel heißt «Neutralität». Und wir müssen uns um nichts sorgen, denn alle wissen: Wenn in der Demokratie mal etwas nicht klar ist, dann gibt’s ein Gericht. Also, nicht ein demokratisches Gericht, sondern eines, das alles weiß, eines, welches über allem steht: das Militärgericht. Und da ein Militärgericht nicht demokratisch ist, muss es sich nicht um Sozialisten, Kommunisten, Kapitalisten und Nationalisten kümmern. Nur um die Journalisten. Dieses Lumpenpack hat nämlich die Eigenschaft, den Schweizern in der «Demokratie» die Spielregeln zu erklären, aber allem Anschein nach die falsche Version. Doch das ist ein alter Sandkastenhut (Schlapphut).

Nun, im ganzen Drama ging’s ja eigentlich um die Frage der Existenz von CIA-Gefängnissen in Europa. Das ominöse Fax, mit den veralteten Infos, das ein paar dreiste Journalisten veröffentlichten, war nur deswegen brisant, weil es zeigte, dass die Schweiz befreundete Regierungsbotschaften überwacht oder abhört. Es ging nicht um unerlaubte CIA-Gefängnisse. Die Journalisten mussten deswegen vor ein Sondergericht, eben dem Militärgericht, weil sie Informationen veröffentlicht hatten. Das macht alles total Sinn. Man fragt sich allmählich, wer hier in der Schweiz das Sagen hat: Das Militär oder das Militär?

In diesem Zusammenhang ist etwas Lustiges mit dem explodierten Tornado in Lauterbrunnen passiert. Eigentlich ist da ein Flugzeug verunglückt, nur war es ein deutsches Kriegsflugzeug auf einem angeblichen Trainingsflug. Nun stellt sich heraus, dass auch andere Kriegsflugzeuge in der Schweiz trainieren – für vielleicht Afghanistan oder so. Also, nicht nur die Flieger, sondern auch am Boden spielen ein paar Soldaten aus anderen Ländern. Das Militär hat damit wieder über den Sandkasten hinweg entschieden. Natürlich sind damit für den Schweizer und die Schweizerin nur ein paar Sandburgen kaputtgegangen – wenn überhaupt. Die Tornadoaffäre klingt wie eine misslungene Geheimoperation, die dummerweise in der Öffentlichkeit explodierte.

Dumm gelaufen, ein fremder Tornado sollte nicht alleine in der Schweiz rumkurven können – schon gar nicht, wenn er seine Flugerlaubnis erst in Emmen in Empfang nimmt. Es war immer nur von einem Flieger die Rede. Gespannt warteten wir also auf die Auswertung des Flugschreibers – mit der Gewissheit, dass uns das Militär sicher nicht erklären wird, was wirklich geschehen ist. Und es ist schwer anzunehmen, dass die Journalisten keine Fragen stellen werden – wenigstens keine elementaren und unangenehmen.

Zum Beispiel wäre da die Erkenntnis, dass der Flugschreiber überhaupt nichts mit der Flugerlaubnis zu tun hatte. Und so warteten alle auf die «Public-Related-Messages», eine durchgeknetete Schönwetternachricht, aufbereitet für die Medien mit dem Inhalt: Alles unter Kontrolle.

Zum Glück haben die SchweizerInnen in den Aprilferien eh nichts mitbekommen und nachträglich Fragen zu stellen, schickt sich nicht, der Alltag stellt uns vor ganz andere Probleme. Und da «20 Minuten» die meistgelesene Zeitung ist, müssen wir uns nicht um unsere demokratische Sandburg bangen. Unser jüngstes Gericht, das Militärgericht, wird’s richten.

Dieser Artikel erschien erstmalig im Berner Kulturmagazin ensuite

Fax Affäre
CIA-Fax-Affäre: Blick Journalisten freigesprochen
Drei Schweizer Journalisten kommen vors Militärgericht
Der Schlapphut
Schweiz: Mann wegen CIA-Fax in Haft
Schweizer Faxaffäre: Regierung verliert die Nerven
VBS Beamte abgeführt
Geheim-Fax lag im Intercity
Militärgericht hebt SonntagsBlick-Urteil auf
Brigade 41 – Sie liefern perfekte Leistungen ab
ONYX – Die langen Ohren der Schweiz
Spionage leicht gemacht
CIA-Agenten im Internet enttarnt
Meisterleistung oder tückische List?
Schweizer Militär am kuschen?
Helvetia schläft mit dem Boss! Und der Boss ist die CIA

Deutscher Tornado abgestürzt
Schweizer Neutralität geopfert?
Flugdatenschreiber des deutschen Tornado gefunden
Schweizer Behörden schuld am Tornado-Absturz?
Verkommt die Schweiz zum Kriegstrainingslager für Afghanistan?
Deutscher Tornado – Mal schnell über den Gletscher ziehen
Kein Witz – Bundeswehr-Tornado bei Lauterbrunnen abgestürzt

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Bundeshauptstadt Bern ohne Zeitung

Stephan Fuchs – Heute Donnerstagmorgen hat die Bombe eingeschlagen: Die Berner Zeitungen „Bund“ und die „Berner Zeitung“, unter dem Schirm der Berner Espace Media Groupe, wurden an das Zürcher Medienunternehmen Tamedia verkauft. Tamedia beteiligt sich mit 80 Prozent an Espace Media. Somit ist Bern noch zahnloser geworden als bis bisher – bald kann nun auch das Bundeshaus nach Zürich verkauft werden.

Der Medienriese Tamedia ist Verlegerin von14 Zeitungen und Zeitschriften. Die bekanntesten Titel sind der Tages-Anzeiger, die SonntagsZeitung, das gratis Pendlerblättchen 20 Minuten, das Frauenmagazin Annabelle, die Schweizer Familie und das Nachrichtenmagazin Facts. Im weitern besitzt Tamedia den Privatfernsehsender Tele Züri und die beiden Privatradios Radio 24 und Radio Basilisk. Die Espace Media Groupe ihrerseits kontrolliert 8 Zeitungen, darunter die Berner Zeitung, den Bund und die Wochenzeitung Automobil Revue. Das Berner Unternehmen ist zudem Besitzerin des Privatfernesehsenders TeleBärn und der beiden Privatradios Capital FM und Canal3. Zumindest bei den Langweilern von Telebärn und Capitol FM täte eine Zürcher Politur gut.

Der Kaufpreis beträgt 205 Mio. Franken in bar sowie 600’000 Tamedia-Aktien, die im Rahmen einer Kapitalerhöhung geschaffen werden sollen. Der Wert der Aktien beträgt nach aktuellem Kurs 103 Mio. Franken. Die bisherigen Mehrheitseigner der Espace Media Groupe, in erster Linie die Familien Erwin Reinhardt-Scherz und Charles von Graffenried, beteiligten sich damit „substanziell“ an Tamedia, wie es in der Mitteilung heisst. Espace-Verwaltungsratspräsident Charles von Graffenried soll zudem in das Aufsichtsgremium von Tamedia gewählt werden. Bern, die Schweizer Bundes- und Hauptschlafstadt, hat ihre Zeitungen in die Aare, respektive in die Limmat geworfen.

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Tratschundlaber

Sonja Wenger – Jesses, da fragte die deutsche «Gala» vor kurzem allen Ernstes, ob die «verlorenen Kinder von Hollywood» noch zu retten sind, deren Leben von Drogen, Alkohol und Magersucht bestimmt wird. Ja aber was soll man denn sonst tun außer saufen in einer Welt, in welcher der Papst wie der Chancellor aus «Star Wars» aussieht? In einer Welt, in der auf web.de Jude Law wegen seiner «hinterhältigen Affäre mit dem Kindermädchen» als die «grösste Liebesratte» bezeichnet wird, und der britische Sender BBC die Geschichte eines Kameramannes im Irak nicht ausstrahlt, weil es für den Titel «Weddings and beheadings» jetzt gerade ein etwas unpassender Zeitpunkt sei.


Juhuii! Es gibt einen Hoffnungsschimmer am Ende des Bunten-Blätter-Dschungels: Kate Middleton ist wieder Single!

Wir leben auch in einer Welt, in der man Christina Ricci nicht mehr wieder erkennt, weil sie ihr süßes Mondgesicht genauso der Dürrezeit geopfert hat wie Courtney Love, die, nein, nein, «keine Magenoperation hatte», jetzt wie der Klon von Dolly Parton aussieht und ihre 23 Kilo weniger einer «gesunden, kalorienarmen Ernährung und Diätshakes» verdanke. Klar. Immerhin gibt es einen Hoffnungsschimmer am Ende des Bunten-Blätter-Dschungels: Kate Middleton ist wieder Single. Offenbar sind noch nicht alle klugen Frauen verhungert, denn niemand mit auch nur einem Funken Verstand bleibt in dieser Familie – und sei es nur um dem Horrorszenario zu entfliehen, jedes Jahr einen doofen Hut nach Ascot tragen zu müssen.

Noch mehr Hoffnung macht, dass nun endlich auch in der «Schweizer Illustrierten» Platz für ernsthafte politische Analysen geschaffen wurde. Nur so ist zu erklären, dass Andreas Thiel über SVP-Präsident Ueli Maurer schreiben durfte: Er «glaubt an Gott, stammt aber intellektuell vom Urknall ab». Auch die deutsche «taz» schrieb kürzlich Kuddiknuddelknut und «duzziduzziduzzi», und hat damit eigentlich alles auf den Bär gebracht – sogar die Norweger wollen ihn jetzt offenbar adoptieren, denn bei ihnen sei es viel kälter.

Der wahre Grund aber ist wie immer Geld. Wenn das nächste Mal irgendwo ein Tierbaby ansteht, dann kaufen Sie Aktien – diejenigen des Berliner Zoos zumindest haben seit der Ära Knut ihren Wert verdoppelt. Und noch jemand wird seinen Wert vervielfachen:

Das neue Exemplar des Mister Schweiz ist da und heisst Tim Wielandt. Aber lassen wir ihn erst mal in Ruhe – denn die Schlagzeilen der letzten Tage sprechen für sich: «Mr. Schweiz – Die Beichte: Ich habe gekifft. Ich war untreu. Ich habe randaliert». Er sei nicht glatt rasiert – aber bestimmt eine ehrliche Haut, oder im «Blick»-Jargon: «Mister Arglos».

Tratschundlaber erscheint im Berner Kult & Kulturmagazin ensuite
Alle Tratschundlaber

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The Assassination of Journalists – Protected by States Secrets

Larisa Alexandrovna – I wrote about this two years ago:

„The Mirror, a UK publication which reported Tuesday on an alleged US plan to bomb an Arab TV station seen as anti-US, has been gagged from reporting any further on the memo and its contents by Attorney General Lord Goldsmith, RAW STORY has learned.

The publication reported on the contents of a five page memo, stamped Top Secret, alleging that President Bush had threatened to undertake military action against al-Jazeera, a TV station located in the country of Qatar. While al-Jazeera is seen by some in the Bush administration to be largely anti-West, Qatar is an American ally.

According to sources familiar with the case, it was the recent attack on Fallujah that had Bush concerned about what al-Jazeera might report.“

Continue reading „The Assassination of Journalists – Protected by States Secrets“ @ Larisa Alexandrovna’s Weblog

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Berner Kulturagenda kann sich kaum mehr überbieten

Stephan Fuchs – Ich bin einer der wenigen der die Berner Kulturagenda regelmässig liest. Praktisch ist, dass nicht viel drinsteht und sie nicht täglich erscheint. Vor allem das Editorial ist immer eine Minute wert, häufig ist es eine gute Mischung aus Tragik, Plüschtieren und Fröhlichkeit. Also wie Kultur eben ist: Vielseitig.


Bonsai! Effekt: Russische MiG-21F

Gestern hat sich das Heftli dann überschlagen: Nachdem wir im Editorial gelernt haben, dass Beat-Man gepflegt werden will und Gegenstände mit Sorgfalt bedacht werden sollen, hat sich das dünne aber sündhaft teure Heft einen besonderen Werbegag ausgedacht. Mit Ebay soll jeweils zweiwöchentlich ein erwerbbares Kultobjekt vorgestellt werden. „Denn“, so die Redaktionsleiterin Franziska Egli, „wer, wenn nicht das Online-Auktionshaus, bringt wirklich wahres Kultgut unters Volk?“ Und: „Nun, ab dieser Nummer verehren auch wir jeweils ein kultiges Objekt.“ Gute Idee nicht?

Egli schreibt dann auch gleich was es bei Ebay alles geben kann: Eine Michael Jackson Jacke – das ist nicht Kult sondern eher schmuddelig bei dem Bubenliebhaber. Eine Seele… das ist schon kultig, aber eher satanistisch und ein russischer MiG-21F Kampfjet. Bonsai! Da werde ich natürlich heiss!


Gähn Effekt für 100 Stutz: Keramiktöle

Hat es sich das erste Mal gelohnt die Berner Kulturagenda zu lesen? Die Enttäuschung war gross, natürlich nicht. Keine Jacke des bleichen Perverslings, keine verlorene Seele eines Satanisten und kein Kampfjet der sowjetischen Armee. Die Kooperation mit Ebay hat nicht mehr hervor gebracht als einen lebensgrossen Keramikhund, obwohl man bei Ebay innert Minuten hundert heisse, verrückte, und wirklich kultige Gegenstände finden kann. Die Töle indes, ist weder Kult noch lustig, noch kann man ihn verehren. Aber das machen wir mit der Berner Kulturagenda ja auch nicht.

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Die Heuschreckenpresse

Malte Olschewski – Outsourcing, Gratisblätter, Heuschrecken und Konkurrenz im Internet machen den traditionsreichen Lokalzeitungen das Überleben immer schwerer. Die einst blühende Landschaft, in der hunderte „Boten“ und „Kuriere“ unterwegs waren, wird eingeebnet und kahlgefressen. Gab es vor zehn Jahren in Deutschland noch 354 lokale und regionale Abonnentenzeitungen mit einer Gesamtauflage von 18 Millionen, so sind es heute mit weiter fallender Tendenz nur mehr 334 Blätter mit rund 14 Millionen Auflage.

Unter vielen Verlegern hat sich die Meinung eingebürgert, dass Zeitungen ein Produkt wie Wäscheklammern oder Nasenspay seien und einzig dem Profit zu dienen hätten. Redakteure, Kommentatoren oder Reporter werden dabei eher als hinderlich empfunden, zumal ja ringsum ein Ozean von Informationen zu wogen scheint. Daher wird „ausgelagert“. Meist wird das Lokalressort als Herzstücke jeder Zeitung einem spezialisierten Dienstleistungsanbieter übergeben, der keine Tarifverträge kennt und den gekündigten Journalisten zu minimalen Löhnen weitere Beschäftigung anbietet. Spezialisierung von „Ressort-Löwen“ ist nicht mehr möglich. Neue Multifunktionsjournalisten müssen einen Mord ebenso gut recherchieren wie Theaterkritiken schreiben können. Mit umgehängter Kamera sind sie ihre eigenen Bildberichterstatter.

Erst im Jänner dieses Jahres sahen sich zwei Dutzend Redakteure der „Münsterschen Zeitung“ über Nacht freigesetzt. Herausgeber Lambert Lensing-Wolff suchte neue Kräfte für das „bundesweit innovativste Redaktionsteam“. Dieses Team fand sich jenseits der Tarifverträge in der Neugegründeten „Media Service GmbH“ zusammen. Der Verlag wurde in Billigeinheiten ohne einen Hauch von Mitbestimmung zerlegt. Auch bei der „Frankfurter Rundschau“ arbeiten Redakteure und Outgesourcte vom „Pressedienst Frankfurt“ Tisch an Tisch. Wozu soll man sich hochbezahlte Redakteure mit einem Fachwissen in Aussenpolitik und Geschichte halten, wenn die Stummelsätze für die Kurzfassung des Weltgeschehens auch von Mittelschülern aus dem Internet destilliert werden können?

Eine Entprofessionalisierung eines ganzen Berufsstandes
Der besondere Status des Journalismus kommt den Verlegern zugute. Denn kaum ein Beruf ist unter der jüngeren Generation so begehrt wie der eines Journalisten. Ohne lästige Kenntnisse eines guten Stils oder eines Fachbereiches tappen die multifunktionellen Reporter auch für Löhne wie in Somalia in die Tasten. Es kommt bei immer stärkerer Konzernbildung der Heuschreckenpresse zu einer Entprofessionalisierung eines ganzen Berufsstandes.

Anfang 2006 hatte der britische Investor David Montgomery nach der „Berliner Zeitung“ und dem „Berliner Kurier“ auch die „Hamburger Morgenpost“ gekauft. In drei Jahren will Montgomery den Profit aller drei Blätter vervierfacht haben. Dementsprechend wird „outgesourct“. Die „Rhein Zeitung“ hat ihre Lokalredaktion ausgelagert. Eine Presseagentur „Funk“ liefert ihr nun komplette Lokalseiten zu Dumpingpreisen.

Auch in Österreich hat Anfang März die Tageszeitung „Standard“ die Hälfte aller Angestellten in die Tochterfirma „Standard Service“ zu schlechteren Bedingungen umgesiedelt. Doch dieser outgesourcte Journalismus vergisst auf die grosse Enthüllungsgeschichte und auf den Solo-Aufriss. Seine Geschichten sind immer in der Nähe der PR und der Politik angesiedelt. Eine Beliebigkeit wird zur Titelgeschichte erhoben. Eine Selbstverständlichkeit erzeugt Schlagzeilen. Fast immer tauchen am Rande Politiker, Parteien, Organisationen und Konzerne als Sponsoren auf. Der Multijournalist enthüllt nicht mehr, sondern er sucht die PR in ihrer Nacktheit irgendwie zu verhüllen.

In Deutschland hat die Politik rechtzeitig Schritte gegen so genannte „Gratiszeitungen“ unternommen, denen per Gesetz die Bezeichnung „Zeitung“ verweigert wurde. Sie durften sich nur mehr „Anzeigenblätter“ nennen und konnten kein grösseres Publikum erreichen. Ganz anders verlief die Entwicklung in Österreich und der Schweiz, wo man langsam in einem Berg kostenloser Massenblätter versinkt, die sich alle aus den Anzeigeneinnahmen finanzieren. Sie kommen mit wenig Personal aus.

Sie produzieren entbehrliche Informationen bis hin zu blossem Gewäsch. Die vielen kostenlosen Printorgane scheinen alle die „Kronenzeitung“ zu imitieren. Dieses Blatt mit einer Auflage von rund einer Million Exemplaren hat bei einer Bevölkerung von acht Millionen Menschen eine nahezu obszöne Reichweite von drei Millionen Lesern. Die Moser-Holding gibt der „Krone“ nachempfundene, wöchentliche Gratiszeitungen in den Bundesländern Tirol, Salzburg, Burgenland und Niederösterreich heraus, während die Styria-Verlagsgruppe die Bundesländer Steiermark und Kärnten abdeckt.

Im wuchernden Livestyle-Ressort durchgekaut
Die „Kronenzeitung“ im Eigentum des Verlegers Hans Dichand und der deutschen WAZ entdeckte die Wiener U-Bahn als Absatzlokal. Seit September 2004 liegt nun in eigenen Entnahmeboxen die Gratis-Tageszeitung „Heute“ auf, als deren Herausgeberin die Schwiegertochter Dichands agiert. Eva Dichand hat wenig Kosten für das Personal aufzubringen, da sich das Blatt grossteils von Abfällen der „Kronenzeitung“ nährt. Da „Heute“ in die grossen Städte Graz und Linz zu expandieren suchte, sind dort in grosser Eile ähnliche Produkte auf den Markt gekommen. Seit Mai 2006 bewirft in Graz der Styria-Verlag alle Massenverkehrsmittel mit dem Produkt „OK“, während in Linz „Die Neue“ unentgeltlich zu haben ist.

Da die Expansion von „Heute“ nicht ganz gelang, wird in den Entnahmeboxen der Wiener U-Bahn ab März jeden Freitag eine achtzig Seiten starke Hochglanzillustrierte „Live“ zu holen sein. Gleichzeitig wird auch aus Linz ein ähnliches Produkt unter dem Titel „Weekend“ nach Wien geworfen. Schon seit Monaten mischt die Fast-Gratiszeitung „Österreich“ der Brüder Fellner auf dem überfüllten Markt mit. Das in der Produktion teuer gemachte Blatt wird für 50 Cents abgegeben und zu einem gewissen Prozentsatz auch glatt verschenkt. „Österreich“ sucht in dicken Schlagzeilen zu randalieren und unterhält mehrere, der deutschen Sprache nicht mächtige Prominente als Kommentatoren.

All diese bunt glänzenden und adipösen Blätter unterbieten einander in Qualität. Es schien mit der „Kronenzeitung“ schon die unterste Grenze erreicht zu sein, doch zeigte sich, dass die Qualität nach unten kaum Grenzen zu kennen scheint. Dabei sind es auf immer die gleichen oder die ähnlichen Themen, die im wuchernden Livestyle-Ressort durchgekaut werden: Was Prominente so tun und lassen? Womit sich Prominente bekleiden? Was Prominente so essen?

Peinlich vermieden werden alle Berichte, die die herrschende Ordnung hinterfragen oder kritisieren würden. Der Raubtierkapitalismus in seiner gegenwärtigen Phase will, dass Gewinner und Verlierer im System genau und streng unterschieden werden. Daher dürfen die Gewinner auf wachsenden Flächen in Print und TV ihre Zähne blecken und grinsen. In die Lücke zwischen redaktionellen Text und Werbung werden Gratiszeitungen geworfen, in denen die Verlierer als Kompensation zum Kauf unnötiger Dinge verleitet werden sollen. Das System wird freudig als das beste aller Welten abgenickt. Es regiert das grosse „Ja!“

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Werben mit Fakten auf „Journalismus – Nachrichten von Heute“

Werben mit „Journalismus – Nachrichten von Heute“ ist Werben auf Content mit Fakten: 26 Journalisten aus 8 Ländern bringen Hintergrundreportagen und News mit politisch, kulturellem und gesellschaftlich relevantem Inhalt. „Nachrichten von Heute“ liefert vielfach brisante Informationen, bevor sie von den Printmedien aufgegriffen werden.

Mit „Journalismus – Nachrichten von Heute“ werben Sie mit unkonventionellen Formaten auf einer ästhetisch anspruchsvollen und inhaltlich reichen Online-Plattform für Ihr Produkt. Die drei Werbeplatz-Pakete bleiben beschränkt und somit exklusiv. Sichern Sie sich heute einen Monatsplatz.

Im PDF finden sie sämtliche Informationen:
Eckdaten und Stand Januar 2007
Layout Werbeplätze Positionierung
Werbeplatz Formate und Preise
Kontakt: pressesyndikat (at) swissinfo.org

Download: PDF-Unterlage (pdf)


Layout mit den drei limitierten Werbeblöcken

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Promote: Journalismus – Nachrichten von Heute

Journalismus – Nachrichten von Heute ist die Plattform für Journalisten und Whistleblowers. Die aus verschiedenen Staaten stammenden Autoren bringen News, Hintergrundberichte und Reportagen zum Politik- und Kulturgeschehen auf Ihren Newsdesk. Häufig ist „Journalismus – Nachrichten von Heute“ ein Vorkäuer und legt die Stories, die nächste Woche im Print gelesen werden, heute auf den Tisch. Helfen Sie mit „Journalismus – Nachrichten von Heute“ bekannt zu machen. Dazu können Sie unsere Full Size- und Half Size Banner verwenden. Klicken Sie dazu auf Ihren Lieblinsbanner und kopieren Sie den Code in Ihre Webseite.

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Die Schweizer Medien sind die Besten

Lukas Vogelsang – Jetzt habe ich genug gelästert über die Schweizer Medien. Ich muss auch einmal ein Lob aussprechen, denn die Schweizer Medien sind die Besten! Zwar hat der Köppel, oder besser sein Engeler, mit der Weltwoche noch ein Problem mit den Rätoromanen zu lösen. Die haben diese nämlich verklagt, weil der Engeler die Rätoromanen unter anderem als «räuberisch» und «erpresserisch» bezeichnete.

Das stosse gemäss dem klagenden Anwalt gegen den Rassismus-Artikel. Nun, das sind Bagatellen des Wohlstandes und die Rätoromanen sollten für die Köppelsche Schar Verständnis zeigen: DieWeltwoche wird bald weg sein – das politisch unkorrekte Zappeln sollte man deswegen nicht allzu ernst nehmen. Ist doch ganz lustig, wie die untergehen (Die letzte Ausgabe war schon schwarz gekleidet…).

Etwa genau so unterhaltsam ist der Sonntags-Blick! Mei, die haben ja den Vogel total abgeschossen. Und genau das meine ich mit «die Schweizer Medien sind die Besten!»: Wir haben Zeitungen mit totalem Unterhaltungswert! Das ist sooo lustig, wenn man sich mit dem Artikel «Tomy hat auch meine Frau begeistert» (SoBli, 21.1.2007) den Sonntag verdummen kann. Das ist wie die Afterhour- Party zum SRG-Programm.

Für jene, die jetzt nicht durchblicken: Der besagte Artikel beschwört einen Erich von Däniken, der nach zwanzig Jahren Schweigen endlich verrät: «Ich lebte vier Wochen mit einem Ausserirdischen». Und jetzt kommt’s erst: «Spätsommer 1987: Der Solothurner Erich von Däniken, damals 52 Jahre alt und längst weltberühmt, reist durch Belutschistan, das Wüstengebiet zwischen Iran und Pakistan.

Die Nacht ist sternenklar. Der prominente Autor schläft auf dem Dach seines Range Rovers. ‹Plötzlich knallte es, ich erwachte abrupt. Ein Blitz, die Trinkwassertanks neben mir rissen. In die ausströmende Flüssigkeit hinein materialisierte sich ein Mensch. Aus Fleisch und Blut. Direkt vor meinen Augen!›»

Und? Haben Sie jetzt auch Pickel gekriegt? Ist doch beste Unterhaltung – das ist der Stoff, der unser Leben pflastert. Da kann der Chris von Rohr einfach einpacken – so was Blödes kriegt der gar nicht unter seine Mähne. Doch die Konkurrenz belebt das Geschäft, ich freue mich schon darauf, was der SRG dazu einfallen wird. Es ist 1:0 für den SoBli und bleibt spannend bis zur EURO 08. (Da werden wir dann das Plus entdecken…).

Aber die Schweizer Medien sind nicht nur inhaltlich super. Nein, auch im Rechnen haben sie’s total im Griff. Jetzt haben die Verlage uns ein Jahr lang vorgerechnet, dass es schlimm um die Werbung steht, dass man kein Geld mehr habe, die Werbeeinnahmen so schlecht sind, dass man die Leute rausschmeissen muss. Überhaupt war die klassische Zeitung am Ende. Und dann kommt das «Gugguus, Däddää»-Spielchen im Januar 2007, wo so ein trübes Loch herrscht und niemand so richtig lachen will: «Mit einem Plus von 8,5 Prozent stiegen im Jahr 2006 die Brutto-Werbeinvestitionen auf 3,674 Milliarden Franken, wie die Marktforschungsfirma Media Focus mitteilte.

Damit sei der bisherige Spitzenjahrgang 2000 überflügelt worden. Zum ersten Mal seit über 10 Jahren gewinne die Mediengruppe Tageszeitungen an Marktanteil und sei gleichzeitig der wichtigste Treiber der Gesamtmarktentwicklung». Meine Güte, zum Glück können die Medien nicht rechnen. Dieser Spass wäre uns glatt verdorben worden.

Wie gesagt, die Schweizer Medien sind die Besten. Immer für ein Scherzchen aufgelegt und nie so ernst, dass wir sie ernst nehmen müssen. Zum Glück!

Von Menschen und Medien: «Tischlein Entdeck Dich!»
Dieser Artikel erschien im Berner Kulturmagazin ensuite

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Von Menschen und Medien: «Tischlein Entdeck Dich!»

Lukas Vogelsang – Das Tischlein ist gedeckt und der Roger Köppel (37) sitzt mit dem Lätzli vor seinen Aktien und leckt die Finger: 99,5 Prozent der Weltwoche gehören jetzt ihm – also die ganze Zeitung mit allem Plunder dazu (Bücher, Internet und so). In einer spektakulären Pokeraktion haben die ganz Grossen in den letzten Monaten gedealt – und dabei sind einige Krümmel neben den Tisch gefallen. Köppel hat nur erhalten, worum sich die Grossen nicht interessierten: Ein Köppel-Wochenblatt. Denn eines ist klar, Köppel hin oder her, die Weltwoche ist nicht der Spekulanten-Liebling.

Und da der Jetztalleinchef Köppel nun das Steuer in der Hand hat, kann ihm auch keiner mehr widersprechen. Wenn doch, so lässt der Köppel den Knüppel aus dem Sack und legt sich mächtig ins Zeug. Meistens ruft er dabei die Chefredaktoren an. Am 13. Februar 2005 titelte die NZZ (und das ist jetzt zufälligerweise ganz schnell im Internet zu googeln!) «Die Aufl age der ‹Weltwoche› brach abrupt ein, als sie vom ehemaligen Chefredaktor Roger Köppel auf SVP-Kurs gesteuert wurde.

Mittlerweile erholt sich das Wochenmagazin langsam wieder.» (Als dieser wieder gegangen war). Das gab Schelte. Jetzt ist er leider wieder zurück, zu 95 Prozent als Journalist und zu 5 Prozent als Verleger. («95 Prozent meiner Arbeit ist Journalismus» sagt er im «Schweizer Journalist».) Er meinte natürlich: «Ich bin Journalist, der gleichzeitig Verleger ist.» Herr Köppel, wir können lesen.

Aber ob das Köppelsyndrom funktionieren soll, haben wir in den letzten Monaten zu spüren bekommen. Seit Oktober ist der Köppel aus dem Sack und die Weltwoche inhaltlich am Boden. Einen solchen Mediensturzfl ug erlebt man selten.

Die aufreisserischen Artikel von Naomi Campbell oder Jack Nicholson waren nur abgeschriebene BlaBla-Texte, der Rest entsprang der SVP-Parteihymne. Nichts von dem verschwörerischen «wir sind doch faktisch das einzige Blatt, das andere Akzente setzt, auch die scheinbar ganz fest gefügten Gewissheiten in Frage stellt.» (Zitat Köppel im «Schweizer Journalist»). Genau dies ist doch der Leitsatz der SVP!

In der Weihnachtsnummer («Was wirklich zählt») haben Sie, Herr Köppel, uns zum Beispiel das SVP-Bild der Frau eingehämmert: Entweder sie sieht gut aus (SEX!) oder trägt einen Öko-Strickpulli (Suggeriert: Frau hat nichts zu sagen.), redet über Sex (SEX!) oder Soziales (Suggeriert: Frau hat nichts zu sagen.) Und wenn von alle dem nichts ist, dann muss noch ein Sexthema her. «Sex sells», denn jetzt ist der Köppel aus dem Sack und der zeigt uns, wie’s geht. «Die bestverkaufte Ausgabe der letzten drei Jahre war das ‹Femal Brain›-Cover mit dem Bild von Marilyn Monroe.» (Zitat Köppel im «Schweizer Journalist».)

Traurig, oder? Gerade jetzt, wo die Weltwoche im Sommer einen Höhefl ug hatte. Gerade jetzt, wo’s spannend wurde, weil eine kritische Redaktion Mut fasste und nach all den turbulenten Jahren eine Wochenzeitung wirklich Biss und Farbe erhielt. Wo wir LeserInnen mit roten Klobrillenrändern durch die Welt marschieren und dabei ein gutes, gebildetes Gefühl hatten… Einzig ein Satz von Köppel selbst rechtfertigt die 29-köpfi ge Jury, welche ihn Ende 2006 zum «Journalist des Jahres» kürte: «Ich hoffe nur, dass Sie mir den Preis nicht aus Mitleid gegeben haben.» Vielleicht hatte die Jury ja wirklich Hoffnungen – oder zuwenig Sex.

Der Tisch ist gedeckt, doch was mir serviert wird, schmeckt nicht. Im Gegenteil, mir ist schlecht. Und wie im Grimm-Märchen «Tischlein deck dich» rufe ich mit letzter Kraft: «Knüppel in den Sack!»

„Von Menschen und Medien“ erscheint im Berner kult und Kulturmagazin ensuite