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„Das System ist korrupt!“

Karl Weiss – Am Sonntag, den 19.2.06 gab es ein bemerkenswertes Spektakel auf dem Sender CNN International zu sehen: Larry King interviewte die beiden Helden des Watergate-Skandals, Woodward und Bernstein, zur aktuellen Situation in der Politik der Vereinigten Staaten. Bernstein sagte u.a.: „Das ganze politische System in den Vereinigten Staaten ist korrupt.“


Wie viel Journalisten gibt es schon, von denen man sagen kann, sie hätten wesentlich zum Rücktritt eines US-Präsidenten beigetragen.

Die beiden, damals junge Journalisten im Dienst der ‚Washington Post’, wurden durch einen Informanten, der anonym blieb („Deep Throat“), auf die Machenschaften des damaligen US-Präsidenten Nixon und seiner führenden Assistenten aufmerksam gemacht. Sie recherchierten und die Chef-Redaktion der ‚Washington Post’ entschied, den Skandal ans Tageslicht zu bringen (was das letzte Mal war, dass diese einen solchen Mut aufbrachte). Kriminelle waren im Auftrag des Präsidenten in das Wahlhauptquartier der gegnerischen demokratischen Partei im Watergate-Hotel in Washington eingebrochen und hatten sensibles Material gestohlen, das mit dazu beitrug, dass Nixon damals die Wahlen für eine zweite Amtszeit gewann.

Im weiteren Verlauf des Skandals versuchte Nixon verzweifelt, den Skandal zu vertuschen. Die Helfer Ehrlichmann und Haldemann mussten für ihn die Schuld auf sich nehmen und bekamen sogar kleine Gefängnisstrafen. Am Ende stolperte Nixon über seine eigenen Lügen bei den Vertuschungsversuchen und musste zurücktreten.

Woodward und Bernstein wurden für einen Teil der US-Amerikaner und viele Journalisten zu Helden. Wie viel Journalisten gibt es schon, von denen man sagen kann, sie hätten wesentlich zum Rücktritt eines US-Präsidenten beigetragen. Es wurde ein Film gedreht, in dem Robert Redford den Woodward und Dustin Hoffman den Bernstein spielte. Der Film war ein grosser Erfolg.

Das alles war in den Siebziger Jahren. Heute sind Woodward und Bernstein ältere Herren und wohletablierte Journalisten in den USA, die hauptsächlich von ihren Büchern leben. Umso interessanter, was sie nun auf Larry Kings Fragen zu dem Lobby-Skandal oder auch Abramoff-Skandal (Die Berliner Umschau berichtete schon davon) sagten. Ihr Urteil war vernichtend, nicht nur für den Präsidenten und seine republikanische Partei, sondern für das ganze politische System der USA. „It`s all about money.“ „Es geht nur ums Geld.“ „Its not about this lobbyist, it`s all corrupt.“ „Es geht nicht um diesen Lobbyisten (Abramoff), es ist alles korrupt.“ „It`s a corrupt system.“ „Es ist ein korruptes System.“

Der Skandal hatte u.a. aufgedeckt, dass das Abstimmungsverhalten von Abgeordneten des Repräsentantenhauses wie auch von Senatoren von zahlungskräftigen Interessengruppen für gutes Geld zu kaufen war, wenn bestimmte Lobbyisten an bestimmten Abstimmungen interessiert waren. Im Einzelfall schrieben sogar Interessenvertreter die Reden von Parlamentariern. Das betraf zwar überwiegend republikanische Volks-„Vertreter“, aber auch demokratische.

In der US-Öffentlichkeit versucht die Politik krampfhaft den Eindruck zu erwecken, es handele sich um Einzelfälle, um einige wenige „faule Äpfel“, aber was die beiden renommierten Journalisten sagen, ist etwas anderes. Man kann davon ausgehen, daß sie solche Dinge nicht leichtfertig aussprechen, denn sie, wenn überhaupt jemand, wissen um die Brisanz von weitgehenden Aussagen, die man an die Öffentlichkeit bringt.

Wohlgemerkt handelt es sich nicht um den Irak-Krieg, nicht um die Abhör-Affäre, jene beiden Themen, die momentan die Hauptgründe für die niedrige Popularität des Präsidenten Bush in seinem Land sind, sondern „nur“ um den Skandal des Kaufs von Abgeordnetenstimmen, der in großen Teilen außerhalb des Interesses der europäischen Medien abläuft.

Damit kann man davon ausgehen, dass das politische System der Vereinigten Staaten von Amerika heute nicht einmal mehr formal eine Demokratie ist, dass Wahlen und Abstimmungen nichts als ein Rauchvorhang sind, um die unmittelbare Auslieferung der US-Machtorgane an die Meistbietenden zu verschleiern.

Deep Throat outet sich
Geheimnis um Watergate bald gelöst – Deep Throat angeblich todkrank
Im Mp3 Format: Die Smoking Gun Sequenz zwischen Nixon & Haldeman

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TRATSCHUNDLABER

Sonja Wenger – Wir leben noch immer in chauvinistischen Zeiten und ein ums andere Mal fragt man sich, was einem die Zeitungen mit den grossen Buchstaben und bunten Bildern noch alles zumuten wollen. Das Urteil eines italienischen Gerichts in einem Vergewaltigungsfall war nur eines von vielen Beispielen, bei denen einem die Galle hochkommen kann.


Ist Reese Witherspoon das «schönste Gemüse der Welt?»

Doch wie soll es auch anders sein? Steht es im Blick, ist es ein Thema! Und da steht denn nun, dass Reese Witherspoon das «schönste Gemüse der Welt» ist, weil sie so «jung und knackig» aussieht. Die stellvertretende Chefredaktorin sinniert gleich daneben in «Lifestyle im Alltag» über die notwendige Generalüberholung der Frau im Frühling und es scheint eine Meldung wert zu sein, dass erstmals seit 67 Jahren wieder eine Stute ein Pferderennen gewonnen hat. Für die lebenswichtigen Informationen darüber, welcher Promi gerade wieder welches Accessoire mit welchem Fummel kombiniert gibt es eine Fülle von People-, InStyle-, Lifestyle-Heftchen und Sendungen und die Schweizer Illustrierte ist stolz darauf, ein neues Frauenmagazin herausgebracht zu haben mit dem innovativen Titel «Style». Dieses «einzigartige Magazin» richtet sich an die «junge und jung gebliebene Frau» und ist «prall gefüllt mit allem, was im Leben Spass macht.» Na dann.

Allerdings müssen wir uns ja auch wirklich ablenken von den dringlicheren Fragen, ob denn nun die «Todesseuche» auch unsere Büsis killen kann. So ist es sicher beruhigend, zu erfahren, dass die Schweiz zwar «von toten Schwänen umzingelt» ist, wir aber immer gut dabei aussehen. Den Gänsen der Modelwelt droht auch weiterhin keine Gefahr – der Schein trügt hier zur Abwechslung mal nicht. Der «offene Brief» der Girls von «Germany’s Next Topmodel» in diversen grossen Zeitungen könnte einen jedoch zur Annahme verleiten, dass hier ein Hirnschlag immer ein Schlag ins Leere ist. Hauptsache das Buffet für die Möchtegernmodels ist «superlecker» und alle dürfen an der Verwirklichung ihrer Träume arbeiten. Und sind wir auch froh, dass es noch Männer gibt, welche die inneren Werte ihrer Frauen zu schätzen wissen. Miss Schweiz Lauriane Gilliéron hält nämlich die Leidenschaft für ihren Freund am Leben, indem sie ihm MMS Fotos von sich schickt. Aber ungeschminkt soll sie sein, denn er «vermisst ihr kleines Puppengesicht.»

Sonja Wenger’s Tratschundlaber erscheint im Berner ensuite kulturmagazin

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Guten Morgen Bern – RaBe strahlt

Stephan Fuchs – Das Berner Radio RaBe feiert zehn Jahre Ätherkultur. Grund genug das Bestehen, die MacherInnen und die Idee zum einzigen freien Radio von Bern zu feiern. Stadtweit. RaBe ist ein nicht wegzudenkendes Stück Berner-, wenn nicht gar Schweizer Radiogeschichte. Für das kulturmagazin ensuite und Stephan Fuchs Anlass, mit dem Mitinitiator, Rechtsanwalt und Radiomacher Dr. Willi Egloff Kaffee zu trinken.

Herr Willi Egloff, Bern feiert 10 Jahre RaBe. Herzliche Gratulation. Aber braucht es in Bern überhaupt ein Radio RaBe?

Auf jeden Fall. Radio RaBe braucht es. Erstens weil wir grössere Bevölkerungssegmente haben, die in den Medien überhaupt nicht zu Wort kommen. Zweitens braucht es Radio RaBe, weil es das einzige wirklich zweiseitige Radio ist. Ein Radio das keine klare Trennung zwischen Macher und Publikum kennt, sondern wo sich jeder und jede aktiv an der Gestaltung dieses Mediums beteiligen kann. Schliesslich braucht es Radio RaBe auch, weil grosse Kulturbereiche in anderen Radios schlicht ausgeblendet bleiben.

Sie sagen Radio RaBe braucht es. RaBe ist aber auch ein Freies Radio, es ist Bestand von AMARC, der World Association of Community Radio Broadcasters. Ein linkes Oppositionsradio in einer links regierten Stadt? Das versteh ich nicht.

Das ist durchaus richtig. RaBe ist in dem Sinne oppositionell oder ergänzend, dass es sich primär dem widmet, was in den anderen Radios nicht stattfindet, aber eigentlich genau so berechtigt ist. Wenn sie sich die musikalische Programmierung von DRS 1, 2 oder 3 anschauen, dann gibt es da klar Bereiche die nicht berücksichtigt werden. Zum Beispiel im Hip-Hop, oder in der experimentellen Musik. Sicher, bei Radio DRS ist die Musikauswahl viel breiter als bei den Berner Radios BE1 und CapitalFM, wie das jetzt offenbar heisst. Es gibt daneben aber noch eine sehr breite Palette relevanter Musik… und die spielt Radio RaBe.

Es geht ja aber nicht nur um Musik, sondern auch um Inhalt…

…natürlich geht es auch um Inhalt. Inhalt, der in der relativ einförmigen Schweizer Presselandschaft auch praktisch nicht vertreten ist. Alternative Informationen.

Und wie darf ich das verstehen?

Man darf politische Information nicht an der parlamentarischen Politik festmachen, denn jene repräsentiert ja auch nur einen Teil unserer Bevölkerung. In der Stadt Bern leben19% der Einwohnerinnen und Einwohner ohne Schweizer Pass. Ihre Anliegen finden in der Politik schlicht nicht statt, denn sie versprechen keinen Wahlstimmen-Anteil. Bei Radio RaBe bekommen sie eine eigene Stimme und werden akzeptiert. Es gibt auch grössere Segmente der Bevölkerung die sich an der parlamentarischen Politik nicht beteiligen, obwohl sie das Stimmrecht hätten. Auch sie- und das sind nicht nur Junge – finden über RaBe Gehör. Man kann eben durchaus in rot-grüner Opposition zur RGM-Politik stehen, das ist eine gesunde Opposition.

Verstehen sie RaBe auch als Instrument die Pressefreiheit aufrecht zu erhalten?

Es ist schon auffallend, dass RaBe von den Berner Zeitungen seit Anbeginn totgeschwiegen wird. Die einzige Nachricht über uns in den Berner Tageszeitungen war, dass Radio RaBe demnächst sterben werde. Das wurde vor zehn und dann vor neun Jahren geschrieben und noch einige Male wiederholt, bis auch das niemand mehr glaubte. Seither war RaBe in den Berner Medien nicht mehr präsent. Der „Bund“ hat wenigstens unsere Programme abgedruckt, die „Berner Zeitung“ konnten wir nur mit massivem Druck dazu bringen, dass sie auf der Radioseite auch unser Programm abdruckte. Wir mussten ihr eine Kartellklage androhen, weil sie ihr eigenes Radio Extra Bern mit der Nichterwähnung unseres Senders privilegiert haben.

Das ist starker Tobak.

Richtig.

Ist denn RaBe überhaupt eine Konkurrenz gegenüber den Flachlandradios der Stadt Bern?

Ja und Nein. Die anderen Stationen in der Stadt Bern sind als Begleitradios konzipiert, wir nicht.

Was heisst das?

Das heisst: Sie fahren Auto oder arbeiten im Büro und hinten dran plätschert das Radio. RaBe hingegen ist ein „Einschalt Radio“. HörerInnen schalten bewusst RaBe ein, weil sie aktiv Musik hören möchten oder eine Sendung mitverfolgen wollen, die sie interessiert. Wir konzipieren aber einen Teil des Programms auch als Begleitradio. Dort wird RaBe zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz.

Wie verhält sich der Marktanteil?

Das ist eine schwierige Diskussion und es ist dabei zu definieren was Marktanteil heisst. Wir haben eine sehr grosse maximale Reichweite. Das heisst, es gibt sehr viele Leute, die im Verlauf eines Monats Radio RaBe einschalten. Das sind mehr Menschen als zum Beispiel beim ehemaligen Radio Extra Bern. Wenn man allerdings von Marktanteil spricht, dann spricht man in der Regel von der Tagesreichweite und dabei liegen wir im Schnitt zurück, da unser Radio eben nicht unbedingt ein Begleitradio ist.

Sie sind Mitinitiator von RaBe, sie machen selber auch aktiv eine Sendung, sie kommentieren dabei politisch aktuelle Themen und illustrieren sie mit klassischer Musik. Das ist ein aufwändiges und teures Hobby.

Ja, das ist ein teures Hobby. Radio RaBe ist für mich eben etwas, das ich nicht aus kommerziellen Überlegungen mache. Wenn ich da eine Sendung produziere, dann ist das nicht nur sehr viel Arbeit, sondern ich muss dafür auch noch bezahlen. Radio machen und unterhalten ist eine teure Sache, da haben sie Recht. Obwohl viele Leute ehrenamtlich mitmachen und das Radio mitgestalten, entstehen enorme Kosten, vor allem in der Infrastruktur. Wir werden vom BAKOM subventioniert, der Rest wird fast ausschliesslich von den rund 500 Mitgliedern getragen.

Wie drückt sich das in Finanzzahlen aus?

Das Radio kostet jährlich eine halbe Million Franken. Dabei wird rund die Hälfte für reine Technikkosten, für Übermittlungskosten und andere Fixkosten aufgewendet. Das sind ausschliesslich Kosten, überhaupt senden zu können. Da gibt es keine Sparmöglichkeiten.

Das ist, nach Abzug der BAKOM Subvention wohl ein recht grosser Batzen der von den Mitgliedern getragen werden muss. Ist Radio RaBe die Geschichte des Robin Hood?

Vielleicht ja. Radio RaBe ist etwas wichtiges, das man nicht aus kommerziellen Überlegungen macht. Es gibt in der Schweiz aber viele Menschen, die Geld für Freizeitaktivitäten ausgeben, die einem grösseren Interesse und der Öffentlichkeit dienen. Zum Glück! Also insofern ist das Engagement für Radio RaBe nicht eine Ausnahmeerscheinung.

Ist RaBe fähig, technisch und konzeptionell eine Entwicklung durchzumachen?

Ja natürlich. Vor zehn Jahren war Radio machen bei uns ganz anders. Damals lief alles über Freiwilligenarbeit. Heute gibt es eine personelle Infrastruktur. MitarbeiterInnen, die ein Minimum an Lohn garantiert bekommen und die sicherstellen, dass der Betrieb funktioniert. Dann sicher auch die Sendetechnik, die sehr viel raffinierter geworden ist und dafür sorgt, dass Ausfälle fast nicht mehr vorkommen können. Das ist für die MacherInnen, aber auch für die HörerInnen eine wichtige Sicherheit. Wir sind heute auch viel besser in der Lage, Direktübertragungen zu realisieren, wir können raus zu den Menschen – ein wichtiger Schritt. Wir haben aus unseren Erfahrungen viel gelernt und die Programmstruktur hat sich weiterentwickelt.

Inwiefern?

Insofern, dass wir das Programm besser und kompakter gliedern. Die Rockliebhaberin soll wissen, an welchem Tag sie das zu hören bekommt, was ihr am liebsten ist. Ebenso die Informations- und die fremdsprachigen Sendungen. Das ist einwichtiger Schritt, hin zum aktiven Hören.

Sie haben eben die Fremdsprachen angesprochen, auf die sie im Radio grossen Wert legen. Da kommen mir schon Gedanken, die auch ein Freies Radio an die Grenzen bringen kann.

Wie meinen sie das?

Ich denke das könnte bisweilen ja recht kompliziert werden, wenn sich zwei Menschen aus einer Kriegsregion begegnen… Noch markanter die Vorstellung, wenn jemand zum Terror aufrufen sollte. Kommen sie da nicht in einen Clinch mit der Freiheit?

Die Frage stellt sich und hat sich auch schon gestellt. Übrigens stellt sich diese Frage auch bei RadiomacherInnen mit Schweizer Pass. In jedem Medium. Es ist natürlich besonders aktuell, wenn wir Radiomacherinnen und Radiomacher aus Krisengebieten haben. Wir mussten schon während des Kosovokrieges serbische und albanische RadiomacherInnen aneinander vorbei schleusen. Trotzdem – oder erst recht -geben wir ihnen eine Stimme. Sie wohnen bei uns, sie haben etwas zu sagen. Wir wollen zur Kommunikation zwischen diesen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, zur sozialen Integration beitragen. Die Sendungen drehen sich daher in der Regel, auch die fremdsprachigen, um Belange der Region Bern oder Stadt Bern. Dass jemand zum Terror aufruft, das halte ich nicht für möglich.

Was macht sie da so sicher? Kein Berner versteht diese Sprachen…

Wir schon. In unsrer Programmkommission sitzen Leute, die diese Sprachen verstehen. Wenn das nicht der Fall ist, ziehen wir Leute mit den entsprechenden Sprachkenntnissen bei. Wir wissen was im Programm ist. Das ist nicht eine „Gesinnungskontrolle“, sondern eine Qualitätskontrolle, wie sie in jedem Radio betrieben wird. Wir haben schliesslich eine redaktionelle und eine rechtliche Verantwortung.

Sehen sie RaBe überhaupt als ein politisches Sprachrohr?

Nein, nicht unbedingt. Selbstverständlich wurde das Radio als linkes Radio konzipiert, dabei geht es aber mehr um gesellschaftspolitische und kulturpolitische Aspekte als um parlamentarische Fragen. Es geht um Information, aber vor allem auch um Musik, um Kultur und Kulturaustausch.

Rabe hat sich in den zehn Jahren gewandelt. Auch personell. Haben sie ein Problem mit den Generationenwechseln?

Nein im Gegenteil, das ist ein Aufsteller. Das zeigt, dass die Idee tragfähig und nachhaltig ist.

Herr Doktor Egloff, ich bedanke mich für das anregende Gespräch und wünsche ihnen und den MacherInnen von Radio RaBe weiterhin gute und spannende Radiosendungen.

Radio RaBe
Das Interview erschien erstmalig in der Print Ausgabe des Berner kulturmagazin ensuite

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Markennamen für die besseren Kriege der Zukunft

Norman Solomon – Wirklich keine leichte Sache, einen Krieg zu vermarkten. Denn, welches Produkt könnte einen wohlklingenden Markennamen wohl dringender benötigen, als eins, das derart verschwenderisch mit Ressourcen bzw. mit Menschenleben umgeht (wie Krieg) – wobei die Tötung von Menschen durchaus vorsätzlich geschieht. Der Trend in den USA, über derlei Abenteuer einen euphemistischen Vernebelungsschleier zu breiten, ist bereits seit Jahrzehnten deutlich zu erkennen.


Krieg verkaufen – Krieg schönreden

Lange her, seit US-Regierungen noch ein ‘Kriegsministerium’ hatten oder beispielsweise ein ‘Kriegsbudget’. Heutzutage spricht man in diesem Zusammenhang von ‘Verteidigung’ – ein Wort, umflort von der Aura der Rechtschaffenheit. Wie in manipulativer Hinsicht erfolgreich derlei Namensänderungen sind, ist schon allein daran zu sehen, dass (oft) selbst harsche Kritiker unserer rücksichtslosen Militärausgaben lediglich von ‘Verteidigungsausgaben’ sprechen. Während der letzten dutzend Jahre haben zwei Straßen zueinander gefunden: die Madison Avenue* (New York) u. die Pennsylvania Avenue* (Washington). Dies führte zu einer Medien-Mesalliance, die organisierte Massenvernichtung – sprich: Krieg – immer heftiger schönredet.

‘Verdienst’ der ersten Bush-Regierung war es, die Public-Relations- Techniken zur Vermarktung von US-Militäraktionen ungemein zu verbessern. Dabei wurden “für diese Operationen Namen gewählt, die darauf abzielten, die politische Haltung der Leute zu formen”, so der Linguist Geoff Nunberg. Die Panama-Invasion, Dezember 1989, wurde beispielsweise unter dem Namen ‘Operation Gerechte Sache’ durchgezogen – ein Ausdruck, der sofort zum Medienhit wurde. “Eine Reihe wichtiger Nachrichten-Sprecher stürzte sich sofort auf den Begriff von der ‘Gerechten Sache’, was sowohl die Bush- als auch (später) die Clinton-Regierung dazu ermutigte, diesen tendenziösen Begriff beizubehalten”.

Nunberg weist darauf hin, dass “alles nur eine Frage des ‘Markenetiketts’ ist. Zudem sicher kein Zufall, dass die neue Form der Benennung, siehe ‘Gerechte Sache’, ausgerechnet dann Mode wurde, als die Kabelnachrichten damit anfingen, Reportagen zu wichtigen Themen mit einprägsamen Namen u. Logos zu versehen”. (Und noch eine Parallele:) Just seit jener Zeit, als das Pentagon sich angewöhnte, dem Fernsehen einprägsame Untertitel zu liefern, liefert es ihm auch Bildaufnahmen von US-Raketenangriffen, die frappant nach Videospielen aussehen.

Seit 1991, also als der Golfkrieg stattfand, haben sich jede Menge Leute – von ganz Rechts bis ganz Links im politischen Spektrum – angewöhnt, diesen schrecklichen Blutrausch (Golfkrieg) als ‘Operation Wüstensturm’ (Desert Storm) zu bezeichnen – oder häufig einfach als ‘Wüstensturm’. Bei beiläufigem Hinhören denkt man bei ‘Wüstensturm’ an so was wie ein Naturereignis – bzw. an höhere Gewalt. Vielleicht auch an beides zugleich – Leute wie Dick Cheney, Norman Schwarzkopf oder Colin Powell scheinen ja ohnedies zu glauben, sie hätten den ‘natürlichen’ Willen Gottes getan, indem sie einen Sturmwind entfacht und Lasergesteuerte 1000-Kilo-Bomben aus heiterem Himmel Niederregnen ließen. Vage genug ist ‘Wüstensturm’ u. lässt viel Raum für Phantasie.

Kurz nach Ende des Golfkriegs – pardon, nach dem Abflauen des ‘Wüstensturms’ – sagte der Chef des Öffentlichkeitsbüros der US-Armee, Generalmajor Charles McClain: “Die Art u. Weise, wie eine derartige Operation aufgefasst wird, ist für deren Erfolg manchmal nicht weniger entscheidend wie die eigentliche Ausführung der Operation”. Und was könnte wohl effektiver sein, um der öffentlichen Kriegs-Auffassung den richtigen Dreh zu geben (solange der Krieg in Gang ist bzw. im historischen Rückblick), als ein Saubermann-Image, das kleben bleibt? Erinnern wir uns an Oktober 2001: Die Raketen hageln schon auf Afghanistan nieder, da überrascht uns das Bush-Team mit ‘Operation Grenzenlose Gerechtigkeit’ (Infinite Justice) – kaum ausgesprochen, verschwindet der Begriff aber schnell wieder in der Schublade. Man hatte festgestellt, dass er auf Muslime beleidigend wirken kann; gemäß deren Auffassung ist nämlich nur Allah ‘grenzenlos gerecht’. Als Ersatz-Etikett für die Operation wurde anschließend ‘Ausdauernde Freiheit’ (Enduring Freedom) aus dem Hut gezogen. Dieses Etikett kam bei den amerikanischen Massenmedien äußerst gut an – was nur damit zu erklären ist, dass die heutigen US-Massenmedien eine ironie- freie Zone darstellen. Niemand – oder sagen wir mal nur den Allerfrechsten, denen mit der größten Impertinenz – kommt auch nur in den Sinn, mit ‘ausdauernd’ könnte das Bombardement gemeint sein – das auf die leidenden Afghanen niederprasseln zu lassen, sich das Pentagon die ‘Freiheit’ nahm.

Und wer bis heute immer noch nicht begriffen hat, dass unsere Exekutive (also unsere Regierung) von waschechten Geschäftsleuten gemanagt wird, die nebenbei auch noch Militäraktionen planen, der ist, mit Verlaub, wirklich naiv. Ein echter Freud’scher Versprecher, als Andrew Card, Generalstabschef des Weißen Hauses, vor einem Monat gegenüber der New York Times äußerte: “Vom marktstrategischen Gesichtspunkt aus ist es einfach Blödsinn, ein Produkt im August auf den Markt zu werfen”. War es daher purer Zufall, dass man die Bombe bzgl. „neuer und noch ausschlaggebender Fakten“ für einen Irak-Krieg (überwiegend) erst im September platzen ließ?

Und was die nahe Zukunft anbelangt: Bestimmt sind unsere Medien-Magier vom Weißen Haus schon rastlos dabei, ihre neuen Entwürfe durchzusieben – um dem kommenden Angriff auf dem Irak ein entsprechend (nettes) Etikett zu verpassen. Und keine Angst, bevor dieser Krieg zu Ende sein wird, werden wir alle mit Sicherheit dessen positiven Kode-Namen verinnerlicht haben – ganz im Gegensatz zu den Namen jener irakischen Menschen, die bis dahin in unserm Namen getötet sein werden.

Anmerkung d. Übersetzerin
*Worauf Solomon hier anspielt, ist die ‘Zusammenarbeit’ zwischen dem Fernsehsender CBS News, mit Sitz in der Madison Avenue, New York, u. dem Weißen Haus, das an der Pennsylvania Avenue in Washington liegt.

Dieser Artikel erschien in der deutschen Übersetzung von Andrea Noll erstmalig bei Zmag.de


Norman Solomons aktuelles Buch ‚War Made Easy: How Presidents and Pundits Keep Spinning Us to Death‘

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Heimisches Lügen

Norman Solomon – Mit Pauken und Trompeten stellte Oprah Winfrey James Frey eine Frage, bei der sich Journalisten der Massenmedien weigern, sie George W. Bush zu stellen: „Warum haben sie gelogen?“

Viele Mediengurus and -sendungen glucksten darüber, als Frey als ein Lügner demaskiert wurde. Das Echo ging von Schundmedien bis zu hochgeistigen Publikationen. Am 27. Januar, demselben Tag, an dem die „News Hour with Jim Lehrer“ auf PBS eine ganze Sendung dem Geschehen widmete, publizierte die New York Times auf Seite eins einen redaktionellen Artikel, der schlussfolgerte, dass „Frau Winfrey dem Publikum, uns miteingeschlossen, das gab, was es sich erhoffte: Die Forderung, die Wahrheit zu hören.“

Ein grundlegender Fakt der Spionagegeschichte der National Security Agency („Nationale Sicherheitsbehörde“) ist: Präsident Bush hat gelogen. Doch fehlt in der Medienberichterstattung standardmäßig eine Forderung nach der Wahrheit.

Mehr als zwei Jahre, nachdem er das NSA-Spionageprogramm im eigenen Land, das einer rechtlichen Grundlage entbehrte, in Gang gesetzt hatte, verschaffte sich Bush unmissverständlich Gehör. Während einer Rede in Buffalo am 20. April 2004 betonte er: „Jedes Mal, wenn Sie hören, dass die US-Regierung über Abhöraktionen redet, erfordern sie – eine Abhöraktion erfordert eine gerichtliche Verfügung. Nichts hat sich daran geändert, nebenbei bemerkt. Wenn wir uns darüber unterhalten Terroristen zu jagen, dann sprechen wir davon, eine gerichtliche Verfügung zu erlangen, bevor wir dies tun können.“

Frey log in einem Buch über sein Privatleben und das verärgerte Oprah Winfrey. „Es ist sehr schwierig für mich, mit Ihnen zu reden, fühle ich mich doch sehr hinters Licht geführt“, sagte sie und konfrontierte ihn damit in ihrer Show vom 26. Januar. „Ich fühle mich hinters Licht geführt. Und was noch viel wichtiger ist, ich meine, dass Sie Millionen von Lesern betrogen haben.“

Andererseits sind Journalisten, die Bush interviewen, nicht gewillt, ihm diese Fragen in ähnlicher Form zu stellen.

Der Präsident hat nicht bloß Millionen von Lesern betrogen. Er betrog Hunderte Millionen von Bürgern.

Bush hat über grundlegende bürgerliche Freiheiten der Vereinigten Staaten gelogen. Statt sich auf beschönigende Beschreibungen zu verlassen, sollten Informationsmedien also auch ihn direkt mit der Frage konfrontieren: „Warum haben sie gelogen?“

Während der „Oprah Show“, indes sie einem mächtigen Funktionär eines Verlags, der geholfen diese Verlogenheit des Autors möglich zu machen, eine Vortrag hielt, erklärte zu zudem: „Das muss sich ändern.“ Was geschieht aber mit den mächtigen Leitern der Nachrichtenanstalten, die weiterhin Bushs Verlogenheit ermöglichen?

Als Frey versuchte sich aus der Verantwortung zu winden, eine heuchlerische Geschichte über eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung erfunden zu haben, unterbrach die Gastgeberin nach den Worten „Ich habe mit dem Gedanken gerungen…“

„Nein, mit der Lüge“, sagte Winfrey. „Es ist eine Lüge. Es ist keine Idee, James, es ist eine Lüge.“

Hochrangige Journalisten jedoch scheuen sich davor, Präsident Bush im nationalen Fernsehen mit solch klaren Worten zu konfrontieren: „Das ist Lüge. Es ist keine Idee, George, sondern eine Lüge!“

Dieser Artikel erschien in der deutschen Übersetzung von Daniel Müller erstmalig bei Zmag.de


Norman Solomons aktuelles Buch ‚War Made Easy: How Presidents and Pundits Keep Spinning Us to Death‘

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OSCE ASKS SWISS TO ADD RIGHT TO KNOW TO SECRECY LAWS

The OSCE Representative on Freedom of the Media, Miklos Haraszti, has voiced his concern over possible consequences for the media stemming from investigations into the disclosure of confidential military information by a Swiss newspaper.

Swiss Federal and Military Attorneys have started probes into SonntagsBlick’s publication on 8 January of classified data on the interception by Swiss military intelligence of a fax from the Egyptian Foreign Ministry to its Embassy in London. The fax, sent via a satellite link on 15 November 2005, was a summary of world press reports on the issue of alleged clandestine CIA prisons in Europe.
In letters to Defence Minister Samuel Schmid, and Justice Minister Christoph Blocher, Haraszti has requested the Swiss Government to do everything in its power to limit action against the media in the SonntagsBlick case.

He also asked the Government to start amending the country’s punitive provisions on breach of confidentiality, in order to bring them into line with modern concepts of the overriding public interest.

„The protection of government should be balanced with the internationally recognized principle of the public’s right to know“, he wrote. „The concept of overriding public interest – already applied by some courts in Switzerland – should be built into the provisions which penalize the breach of state secrets.“ Haraszti also noted the media could not be held accountable for revealing confidential information.

Weiterführende Artikel:
Ist die GPDel geblendet?
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Spione machen den Kotau
Schweizer CIA-Affäre: Blankoschein von Delegation
SonntagsBlick“-Chef verweigert Zusammenarbeit mit Militärjustiz
Kartell des Schweigens
Geheimdienstdokument im Schreibtischchen
Die Befehlskette des Geheimdienstes
Eingelullte Schweizer Presse?
Brigade 41 – Sie liefern perfekte Leistungen ab
Meisterleistung oder tückische List?
Schweizer Militär am kuschen?
Helvetia schläft mit dem Boss! Und der Boss ist die CIA
ONYX – Die langen Ohren der Schweiz

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Newsbattery das Politmagazin der Blogsphäre

Stephan Fuchs – Zum vierten Mal erscheint Newsbattery, das Politmagazin aus den Blogs. Themenschwerpunkte dieser Ausgabe sind das Geheime Abhörsystem ONYX des Schweizer Geheimdienstes, die Freilassung des Papstattentäters Ali Agca und die Verbindungen zum Irakkrieg, der Countdown zum Atomkrieg, Kriegsbilder – wie Medienfotos verschleiern anstatt zu informieren und über die Choreografie ziviler Gewalt.

Nicht nur, es geht auch um das Leck im Pariser Ritz Hotel, das Indiskretionen prominenter Gäste an die Boulevardpresse weitergibt und geht der Frage „Gefahr schmutziger Bomben nur psychisch?“ nach. Themen die angehen, Themen die brisant sind.



In NewsBattery herrscht die schnelle Blog-Sprache ebenso wie fundierte Hintergrund- und Rechercheartikel.

NewsBattery ist Europas erstes Polit- Magazin das mit Blog-Artikeln aus verschiedenen Weblogs in den Print geht. Und das Webkonform. NewsBattery braucht man sich nicht am Kiosk holen und der Postbote braucht sich nicht vor bissigen Hunden zu fürchten. Das Magazin braucht keinen Vertrieb, keine große Logistik, keine retournierten und weggeschmissenen Rohstoffe.

NewsBattery ist ohne Abo und ohne Kosten für Sie erhältlich. Das im PDF Format downloadbare Magazin lässt sich selbstverständlich ausdrucken, das Design ist für A4 konzipiert und wird vorwiegend in Graustufen gehalten. Das Magazin lässt sich archivieren und ergibt über einige Monate eine beachtliche Sammlung spannender und brisanter Artikel. Das Magazin können Sie Ihren Freunden verschicken, vervielfältigen & auf ihrem Blog oder Ihrer Homepage ebenfalls zum Download anbieten. Das gute auch für Sie, auch Ihr Weblog mit journalistisch aufbereiteten Polit-Storys kann vertreten sein.

Newsbattery Schweiz
Newsbattery Deutschland

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Den LeuMund kennen lernen…

Stephan Fuchs – …und dabei die ganze Wahrheit erfahren? Wenn es der Bundesrat, geschweige denn der Strategische Nachrichtendienst schon nicht schafft sein Volk über die ganze Wahrheit zu informieren, wie sollen es dann die BloggerInnen schaffen? Oder vielleicht eben doch? Mischeln die Blogger die Medienkarten neu?


Herr Leu, mischeln die Blogger die Medienkarten neu?

In der Schweiz tut sich was. So oder so. Das Weblog wird auch hier mehr und mehr zu einer Nachrichtenquelle und Geschichtenkiste. Nicht nur, denn offensichtlich auch zu einem Leim. Mit Dank an die alten Hasen der Bloggo sapiens, die sich um den Leim kümmern, rückt man sich in Bern ein bisschen näher.

Es wird zum Bloggertreffen eingeladen. Am Sonntag 05.02.06 ab 17:00 trifft sich die Bloggkultur im Il Grissini in Bern. Hingehen und weiterbloggen.

LeuMund.ch
Blog.ch
Ignoranz
Schutzkreis
Limmatquai
Cyberwriter
Kaffeehaus
~tmp
u.v.a.

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Die Revolution der Nachrichten hat begonnen

John Pilger – Die indische Schriftstellerin Vandana Shiva hat zu einem Aufstand gegen „versklavtes Wissen“ aufgerufen. Der Aufstand hat schon begonnen. Millionen von Menschen haben sich in ihrem Bemühen, die gefährliche Welt, in der wir leben, zu verstehen, von den herkömmlichen Nachrichten- und Informationsquellen ab- und dem Internet zugewandt in der Überzeugung, dass der vorherrschende Journalismus die Stimme der zügellosen Macht ist. Der große Irak-Skandal hat dies beschleunigt. In den USA haben mehrere etablierte Radiojournalisten zugegeben, dass die Invasion vielleicht nicht stattgefunden hätte, wenn sie die Lügen, die über die Massenvernichtungswaffen im Irak verbreitet wurden, beim Namen genannt und enttarnt hätten, anstatt sie zu verstärken und zu rechtfertigen.

Eine solche Ehrlichkeit ist diesseits des Atlantiks noch nicht zu finden. Seit seiner Gründung 1922 hat die BBC jedes britische Establishment während des Krieges und der zivilen Unruhen in Schutz genommen. „Wir“ verleumden nie und begehen nie große Verbrechen. Also werden die schockierenden Ereignisse im Irak – die Zerstörung der Städte, das Abschlachten unschuldiger Menschen und die Farce einer Marionettenregierung – routinemäßig übergangen. Eine Studie der Jornalistenschule in Cardiff ergab, dass 90 Prozent der Kommentare der BBC zu Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen von der Annahme ausgingen, er besäße sie und dass das „Schönreden der britischen und US Regierungen die Berichte erfolgreich in das entsprechende Licht rückten“. Das gleiche „Schöngerede“ hat bis jetzt dafür gesorgt, dass der Gebrauch verbotener Waffen durch die Amerikaner und die Briten im Irak in den Nachrichten unterdrückt wurden.

Ein Eingeständnis des amerikanischen Auswärtigen Amts vom 10. November, dass seine Truppen in Fallujah weißen Phosphor verwendet hätten, erfolgte laut BBC-Programm Newsnight aufgrund von „Gerüchten im Internet“,. Es waren keine Gerüchte. Es war erstklassig recherchierte Arbeit, die gutbezahlte Journalisten beschämen sollte. Mark Kraft von insomnia.livjournal.com fand den Beweis in der März/April 2005 Ausgabe des Magazins „Field Artillery“ und anderen Quellen. Er wurde unterstützt durch die Arbeit der Filmemacherin Gabriele Zamparini, Begründerin der exzellenten Seite, thecatsdream.com.

Im Mai 2005 führten David Edwards und David Cromwell von medialens.org eine aufschlußreiche Korrespondenz mit Helen Boaden, Leiterin der Nachrichten der BBC. Sie hatten gefragt, weshalb die BBC zu bekannten Gräueltaten der Amerikaner in Fallujah Stillschweigen bewahrt hatte. Sie antwortete: „ Unser Korrespondent in Fallujah zu der Zeit (d.h. der Zeit des US-Angriffs), Paul Wood, berichtete diese Dinge nicht, weil er diese Dinge nicht gesehen hat“. Diese Feststellung sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wood war bei den Amerikanern „verankert“. Er interviewte weder die Opfer amerikanischer Gräueltaten noch „unverankerte“ Journalisten. Er verpaßte nicht nur den Gebrauch weißen Phosphors durch die Amerikaner, den sie jetzt zugeben, sondern er erwähnte auch mit keinem Wort den Gebrauch einer weiteren verbotenen Waffe, Napalm. So waren BBC-Zuschauer in Unkenntnis über die schönen Worte von Colonel James Alles, Kommandant der US Marine Luftwaffe Gruppe II. „ Wir haben beide Brückenzugänge mit Napalm beworfen“, sagte er. „Leider waren da Leute …man konnte sie im Cockpit-Video sehen…es ist keine schöne Art zu sterben. Die Generäle lieben Napalm. Es hat eine große psychologische Wirkung.“

Als die unbesungene Arbeit von Mark Kraft und Gabriele Zamparini im Guardian und dem Independent erschienen war und die Amerikaner dazu zwang, über das weiße Phosphor Farbe zu bekennen, beschrieb Wood in „Newsnight“ ihr Geständnis als „ein public relations Desaster für die USA“. Dies war ein Echo auf Menzies Campbell von den Liberaldemokraten, der vielleicht am meisten zitierte Politiker seit Gladstone, der sagte, „Der Gebrauch dieser Waffe war vielleicht technisch gesehen legal, aber ihre Wirkungen sind so, dass sie sich als Propagandamittel für den Aufstand bestens eignet.“

Die BBC und die Mehrheit des politischen Establishments und Medienestablishments in Britannien weisen solchem Horror unweigerlich die Rolle eines die Öffentlichkeitsarbeit angehendes Problem zu, wobei sie die Zerstörung einer Stadt von der Größe der Stadt Leeds, das Töten und Verletzen zahlloser Männer, Frauen und Kinder, die Vertreibung Tausender und die Verweigerung von medizinischen Lieferungen, Nahrungsmitteln und Wasser – ein größeres Kriegsverbrechen – minimieren.

Die Beweise sind umfangreich und werden von Flüchtlingen, Ärzten, Menschenrechtsgruppen und ein paar mutigen Ausländern geliefert, deren Arbeit nur im Internet erscheint. Im April letzten Jahres sammelte Jo Wilding, eine junge britische Jurastudentin, eine Reihe von außergewöhnlichen Augenzeugenberichten aus der Stadt. Sie sind so gut, daß ich einen ihrer Texte in einer Anthologie des besten investigativen Journalismus aufgenommen habe. Ihr Film, „Ein Brief an den Premierminister“, der in Fallujah mit Julia Guest gedreht wurde, ist im britischen Fernsehen nicht gezeigt worden. Außerdem beschrieb Dahr Jamail, ein unabhängiger lebanesisch-amerikanischer Journalist, der einige der besten Reportagen von der Front produziert hat, die ich je gelesen habe, all die „Dinge“, die von der BBC nicht „gesehen“ wurden. Seine Interviews mit Ärzten, Beamten aus der Region und Familien sind im Internet, zusammen mit der Arbeit derjenigen, die den weit verbreiteten Gebrauch von Sprengköpfen mit Uraniumspitzen aufgedeckt haben, eine weitere Waffe, die verboten ist, und sogenannte Clusterbomben, von denen Campbell sagen würde, sie seien „technisch legal“. (Clusterbomben ist die Bezeichnung für eine Vielzahl von kleinen Bomben, die durch Auslösen eines einzigen Bombenkopfs oder Behälters abgeworfen werden; Anm. d. Üb.) Sehen Sie sich mal diese Webseiten an: dahrjamail.com, zmag.org, antiwar.com, truthout.org, indymedia.org.uk, internationalclearinghouse.info, counterpunch.org, voicesuk.org. Es gibt noch viele andere. „Jedes Wort“, schrieb Jean-Paul Sartre, „hat ein Echo. Jedes Schweigen auch“.


Übersetzt von: Gesine Stone
Erstveröffentlichung in Zmag

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OSZE kritisiert Einschränkung der Medienfreiheit in der Schweiz

Bern – Die OSZE kritisiert die Schweiz, weil ihre Justiz in der „CIA-Affäre“ Ermittlungen gegen den „SonntagsBlick“ aufgenommen hat. Der Beauftragte für Medienfreiheit verlangt, dass Schweizer Medien wegen der Publikation von Geheimdokumenten nicht belangt werden.

In einem Brief an die Bundesräte Christoph Blocher und Samuel Schmid schreibt der OSZE-Beauftragte Mikols Haraszti, dass die Schweiz im Strafgesetzbuch eine Lücke schliessen müsse.

Medien sollten nicht dafür bestraft werden, weil sie als vertraulich klassierte Informationen enthüllten, hat Haraszti in seinem Brief laut einer Mitteilung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) geschrieben. Dies gelte auch für militärische Geheimnisse.

Die Geheimhaltung sei Aufgabe der Behörden, nicht der Medien. Deshalb müssten bei Informationslecks einzig die Informanten bei den Behörden dafür verantwortlich gemacht werden und nicht die Medien, die die Information veröffentlicht hätten.

Der Sprecher von Bundesrat Blochers Justizdepartement (EJPD), Livio Zanolari, bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur SDA, dass das Schreiben Harasztis eingetroffen sei. Der Zürcher „Tages-Anzeiger“ hatte zuvor von dem Schreiben berichtet.

Bereits am Sonntag drückte Ägypten gegenüber der Schweiz ihren Unmut über die Veröffentlichung des Regierungfaxes im „SonntagsBlick“ aus. Der Schweizer Botschafter, Charles-Edouard Held, wurde vom Aussenministerium in Kairo einbestellt.

Jean-Philippe Jeannerat, Sprecher des Eidg. Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), sagte gegenüber der Nachrichtenagentur SDA, Held habe dort das Bedauern der Schweizer Regierung ausgedrückt, sich aber nicht für den Vorfall entschuldigt.

Weiter habe der Botschafter erklärt, dass diese „Indiskretion nicht dem Willen der Regierung entspricht“. Er habe dabei auf die beiden laufenden Untersuchungen des Bundesanwaltschaft und der Miliärjutziz verwiesen.

Gegen den „SonntagsBlick“ ermittelt die Blochers Justizdepartement (EJPD) zugeordnete Bundesanwaltschaft (BA). Auch die Militärjustiz, die im VBS angesiedelt ist, hat Ermittlungen aufgenommen.

Kartell des Schweigens
Geheimdienstdokument im Schreibtischchen
Die Befehlskette des Geheimdienstes
Eingelullte Schweizer Presse?
Brigade 41 – Sie liefern perfekte Leistungen ab
Meisterleistung oder tückische List?
Schweizer Militär am kuschen?
Helvetia schläft mit dem Boss! Und der Boss ist die CIA
ONYX – Die langen Ohren der Schweiz