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Japaner gedenken Opfer des Sarin-Anschlags vor zehn Jahren

Mit stillen Gebeten und Hilfsappellen haben Japaner heute Sonntag der Opfer des verheerenden Saringas-Anschlags auf die Tokioter U-Bahn vor zehn Jahren gedacht. Damals starben 12 Menschen, mehr als 5500 wurden verletzt. Die japanische Aum Sekte, unter dem Sektengründer Shoko Asahara wurde für den Anschlag verantwortlich gemacht.


„Mit Hilfe von Sarin werden wir große Städte ausradieren“

20. März 1995, gegen acht Uhr morgens: Fünf Züge der U-Bahnlinien Eidan, Chiyoda, Hibiya und Marunouchi haben fast die Stadtmitte von Tokyo erreicht. Nahezu gleichzeitig stechen Mitglieder der Endzeitsekte Aum Shrin Kyo-Sekte Plastiktüten voll mit Sarin auf und setzen dabei das tödliches Nervengas frei. Zwölf Fahrgäste sterben, über 5500 Menschen werden verletzt. Insgesamt waren 15 Stationen in Tokio betroffen. An diesem Tag wurde ein neues Kapitel in der Geschichte des Terrorismus geschrieben.

Die Aufnahme von Sarin ist über die Haut und die Atmung möglich. Nur ein Ganzkörperschutz verhindert sicher eine Aufnahme des Stoffes. Der Tod tritt durch Atemlähmung ein. Die Wirkung ähnelt den verwandten chemischen Kampfstoffen Tabun, Soman und VX, aber auch Vergiftungen mit verschiedenen Insektiziden wie Parathion.

Die in Tokio freigesetzte Substanz Sarin wurde 1939 während der Forschung an Phosphorverbindungen für den Einsatz als Insektenvernichtungsmittel entdeckt. Auftraggeber der Forschung war wie auch bei Tabun und Soman die IG-Farben.

Als letzte Aktion versuchten die Aum-Mitglieder am 5. Mai 1995, dem nationalen „Kinderfeiertag“ in Japan, einen Angriff mit Hydrogenzyanid (auch bekannt als Zyklon B) durchzuführen. Die Operation Scheiterte zum Glück, denn der Anschlag hätte Zehntausenden von Menschen das Leben kosten können.

Frühere Anschläge der Sekte

Bereits im April 1990 versprühte die Aum-Sekte im Zentrum von Tokio und vor dem Parlamentsgebäude Botulintoxin (bakterielle Lebensmittelvergiftung). Der Anschlag erwies sich zum Glück als unwirksam. Ein weiterer Anschlag im Juni 1990 mit Botulin im Stadtzentrum von Tokio scheiterte ebenfalls.

Man vermutet, dass die Gruppe im Juli 1990 Anthrax verteilen wollte. Im Juni 1994 versuchten Mitglieder der Sekte drei Richter wegen einem Zivilprozeß gegen die Aum-Sekte im Ferienort Matsumoto mit Sarin zu töten. Sektenmitglieder besprühten einen Wohnblock mit Sarin, wodurch 7 Personen starben und weitere 250 in das örtliche Krankenhaus eingeliefert wurden. Die Richter erkrankten schwer, überlebten aber den Anschlag. Der Anschlag in Matsumoto gilt als erster ziviler Sarin Anschlag.

Chizuo Matsumoto: Gottes Heer führen

Die japanische Endzeit-Sekte wurde durch Shoko Asahara (eigentlich: Chizuo Matsumoto) 1987 gegründet. Ashara war früher ein Händler von Heilkräutern sowie Eigentümer von mehreren Yogaschulen in Japan. Nach seiner Reise 1986 in den Himalaja, kehrte er als selbsternannter Prophet und Visionist zurück. Laut Ashara sei er auserwählt worden „Gottes Heer zu führen“. Er glaubte, dass nach der Jahrtausendwende nur eine göttliche Rasse überleben und ein Japaner diese leiten wird.

Die Sekte eröffnete mehrere Büros in Japan und fand wegen seiner mystisch spirituellen Art aus Buddhismus und Hinduismus verbunden mit apokalyptischen Auffassungen sehr schnell Anklang bei den Japanern. Ende 1987 verfügte die Aum-Sekte bereits über 1500 Mitglieder in verschiedenen Städten.

Auf einem Aum-Kongreß 1987 verkündete Ashara den Ausbruch des Atomkrieges mit Sicherheit zwischen 1999 und 2003. Jeder solle daher Mitglied der Aum-Sekte werden um diese Katastrophe abzuwehren. Ashara sah die USA auch als eine „nukleare Gefahr“ für Japan und sagte einen Angriff der Amerikaner mit Nervengas und Atomwaffen voraus. Ashara erfand immer mehr groteskere Verschwörungstheorien, von rätselhaftem Zusammenwirken von Freimaurern, Juden und Großkonzernen bis zu Behauptungen von der Unterwanderung der japanischen Regierung durch die USA und deren Verantwortung an der Erdbebenkatastrophe von Kobe 1995.

Im November 1989 wird in Yokohama der japanische Rechtsanwalt Tsutsumi Sakamoto, der Angehörige von Aum-Anhängern vertritt, zusammen mit seiner Frau und seinem einjährigen Sohn getötet, nach dem Stand der Ermittlungen auf Anordnung von Asahara.

1995 hatte die Aum-Sekte in Japan 10000 Mitglieder, organisiert in 24 Unterorganisationen, in Rußland schätzungsweise 20.000 und in 6 weiteren Ländern nochmals insgesamt 15.000 Anhänger, u.a. in den USA, Australien, Deutschland, Russland und Sri Lanka. Das Vermögen der Sekte wurde auf mehr als 1 Milliarde US-Dollar geschätzt.

Kontakte zum sowjetischen Geheimdienst

Die Aum-Sekte hatte gute Kontakte zur „Alpha“ -Anti-Terroreinheit des ehemals sowjetischen Geheimdienstes KGB. Aum-Aktivisten in der verdeckten Kriegsführung (Sabotage, Attentate, Entführung, Spionage) ausgebildet. So sollen auch große Mengen an Raketenwerfern und Sturmgewehren aus Beständen des ehemaligen KGB gekauft worden sein. Auch ein Hubschrauber russischen Typs zum Versprühen von Chemikalien konnte geordert werden. Eigene Produktionsanlagen konnten das Sturmgewehr AK-47 Kalaschnikow nachbauen und Sprengstoff vom Typ TNT und RDX herstellen können.

1993 forderte Ashara zur Verhinderung des Weltuntergangs die schnelle Beschaffung von Waffenmaterial. Um diese Ziel zu erreichen rekrutierten die Sekte Wissenschaftler und Techniker aus Japan, Russland und anderen Ländern. Aus Russland sogar zwei Nuklearwissenschaftler. In Westaustralien kaufte die Aum-SekteAnfang der 90er Jahre ein großes Stück Land einer ehemaligen Schaffarm, genannt Banjawarn Station, in der Hoffnung dort Uranmaterial zu finden. Am 28. Mai 1993 kam es in der Nähe zu einer gewaltigen Explosion, deren Ursache nicht geklärt werden konnte.

Ermittlungen

Zwei Tage nach dem U-Bahn Anschlag, am 22. März, begann die Polizei an verschiedenen Orten in Gebäuden der Aum-Sekte zu ermitteln. Anlass war jedoch nicht der Verdacht der Benutzung von Sarin, sondern die Entführung von Herrn Kariya, Geschäftsleiter am Meguro-Notariat, die am 28. Februar stattgefunden hatte.

Mehrere Leute vermuteten jedoch schon zu diesem Zeitpunkt, dass auch der Sarin-Anschlag von der Aum-Sekte begangen worden sei: zum einen, weil diese Tat so abnorm war, dass sie nur von Überzeugungstätern mit religiösem Hintergrund begangen worden sein konnte, und zum anderen, weil schon im Herbst des Vorjahres in einigen Zeitschriften berichtet worden war, dass von einem Gebäude der Aum-Sekte üble Gerüche ausgegangen waren und im Gras in der Nähe dieses Gebäudes Sarinrückstände nachgewiesen wurden. Es war allerdings bekannt, dass die Aum-Sekte auf solche Behauptungen mit Anzeigen wegen „Ehrverletzung“ reagiert hatte und mit den Klägern nicht zimperlich umsprang.

Nach der Erstürmung des Sekteneigenen Satian-7-Laboratorium durch japanische Sicherheitskräfte, fand man eine ausreichende Menge Sarin, um schätzungsweise 4 Mio. Menschen zu töten. Außerdem fand man bereits produzierte oder in Zukunft zur Herstellung vorgesehene Nervengase wie Tabun, VX-Gas und Soman. Auch chemische Kampfstoffe wie Senfgas und Sodiumzyanid sollte hergestellt werden. 100 Gramm der halluzinatorischen Droge LSD und 3 Kilogramm Meskalin wurde ebenfalls gefunden.

Schliesslich wurde Shoko Asahara am 16. Mai 1995 verhaftet. Nach einem achtjährigen Prozess war der inzwischen 50-jährige Asahara wegen des Anschlags auf die U-Bahn in Tokio und anderer Verbrechen zum Tod verurteilt worden.

Schweigeminute für die Opfer

Am Bahnhof des Regierungsviertels Kasumigaseki legten Bahnbeamte und Betroffene um 8.00 Uhr eine Schweigeminute ein. Noch heute müssen viele der Opfer des Anschlages weiter unter den psychischen, physischen und finanziellen Folgen leiden. Die Betroffenen werfen der Regierung vor, die Opfer praktisch im Stich gelassen zu haben. Trotz wiederholter Appelle habe der Staat es an substanzieller Hilfe in all den Jahren fehlen lassen.

Die inzwischen in Aleph umbenannte Sekte entschuldigte sich anlässlich des 10. Jahrestages der Anschlags erneut bei den Opfern und versprach, so etwas nie wieder zu tun und sich weiter um Entschädigung zu bemühen.

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UNO – Untersuchungsbericht wird verheerend ausfallen

Gut einen Monat nach dem tödlichen Anschlag auf den ehemaligen libanesischen Regierungschef Rafik Hariri haben die UNO Ermittler ihre Untersuchungen abgeschlossen.


Wichtige Beweise vertuscht?

Der langjährige Nahost Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Independent“, Robert Frisk, hatte am Montag mitgeteilt, der UNO Bericht werde verheerend ausfallen. Die Ermittler seien überzeugt, dass der syrische und der libanesische Geheimdienst nach dem tödlichen Anschlag wichtige Beweise vertuschen wollten.

Am Dienstag tauchten Gerüchte auf, die der Regierung und den Geheimdiensten nicht nur Fahrlässigkeit und Desinteresse vorwerfen. Robert Frisk unterstellt sogar eine direkte Beteiligung und beruft sich dabei auf die UN Untersuchungskommission. Ohne genaue Quellen zu nennen, berichtet Frisk von der Einrichtung neuer Parkzonen am Unglücksort, nur wenige Tage vor dem Attentat. Außerdem bestätigt er die bereits mehrfach geäußerte Vermutung einer unter der Straße platzierten Bombe.

Das steht im Widerspruch zu anderen UN-Erklärungen: Auf einem Überwachungsvideo der beim Attentat schwer beschädigten HSBC-Bank soll ein explodierendes Auto zu sehen sein. Außerdem stellte ein UN-Sprengstoffexperte fest, dass ein Kraterdurchmesser einer unterirdisch gezündeten 400 Kilogramm-Bombe nicht 30 Meter, sondern an die 1000 Meter groß sein müsste.

Der UNO-Sicherheitsrat hatte nach dem Anschlag auf Hariri am 14. Februar einen „dringenden Bericht über die Umstände, Gründe und Folgen des Mordes“ angefordert; zehn Tage später trafen die Ermittler in der libanesischen Hauptstadt Beirut ein.

Das Team unter Leitung des Iren Peter Fitzgerald verlässt heute Mittwoch den Libanon und wird morgen Donnertsag am Sitz der UNO in New York eintreffen. In der kommenden Woche werden die Ermittler UNO Generalsekretär Kofi Annan ihren Bericht vorlegen.

Schon gestern kehrten die Schweizer Sprengstoff Experten aus Beirut zurück, die den Anschlag auf Hariri untersuchten. Sie waren seit dem 5. März im Einsatz.

Die Opposition in Libanon wirft der Regierung in Beirut sowie der Regierung im Nachbarland Syrien vor, für das Attentat auf den ehemaligen libanesischen Regierungschef verantwortlich zu sein. Die Regierungen in Beirut und Damaskus weisen den Vorwurf von sich.

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Kein Reis, dafür Waffen im Gepäck

Die US-Aussenministerin besucht Asien mit dem Ziel, die nukleare Gefahr zu bannen. Dabei will sie die Atommächte Indien und Pakistan mit Rüstungsgütern belohnen.

Heute Dienstagabend wird Condoleezza Rice in Delhi erwartet, morgen Mittwoch soll sie nach Islamabad weiterfliegen. Rice, will die indische und die pakistanische Regierung dafür belohnen, dass sie Friedensgespräche über Kashmir aufgenommen haben und laut Tagesanzeiger brodelt die Gerüchteküche schon erheblich. Für Aufregung sorgt, dass die US-Aussenministerin angeblich Geschenke mitbringt, die über erhebliche Sprengkraft verfügen. Es handelt sich um Militärjets des Typs F-16. Nette Geschenke, die das Wettrüsten zwischen den beiden Rivalen erneut anheizen dürfte, obwohl sich Condoleezza Rice vor Antritt der Reise klar als Botschafterin der Entspannung präsentierte.


Geschenke die über erhebliche Sprengkraft verfügen

Die beiden Nachbarstaaten führten zweimal gegeneinander Krieg um Kashmir, seitdem Grossbritannien den Subkontinent 1947 geteilt in Indien und Pakistan in die Unabhängigkeit entlassen hatte. Die erbitterte Feindschaft verführte die Regierungen in Delhi und Islamabad dazu, ihre Rüstungsindustrie an Atombomben basteln zu lassen. Die beiden Staaten bombten sich 1998 am internationalen Testverbot vorbei in den Klub der Atommächte. Washington zeigte seinen Unwillen, indem es Indien und Pakistan mit einem Waffenembargo bestrafte. Wenig später standen die zwei am Rand eines weiteren Krieges. Von nuklearer Abschreckung konnte also kaum die Rede sein.

Im Zuge des einsetzenden Entspannungsprozesses Ende 2003 schlug der pakistanische Präsident Pervez Musharraf einen völligen Truppenabzug des indischen und pakistanschen Militärs aus der umstrittenen Himalaja-Region vor. Indien lehnt dies mit Hinweis auf die instabile, komplexe Sicherheitslage und wegen der Gefahr des Einsickerns von Extremisten aus Pakistan ab, das Problem Kashmir ist bei weitem nicht gelöst.

Indien, eine politisch und wirtschaftlich aufstrebende Macht, bekundet auch Interesse an amerikanischen Rüstungsgütern. Das Milliardenvolk deckte sich früher in der Sowjetunion mit Waffen ein. Es gibt aus Washingtoner Sicht gute Gründe, Delhis Ansinnen, 126 Kampfjets zu erwerben, nicht gänzlich abzuschlagen. Das Geschäft ist jedoch heikler, als es auf den ersten Blick erscheint: Indien will nämlich nur 18 Flugzeuge bei Lockheed Martin in den USA kaufen und den Rest in Lizenz selbst bauen. Es würde damit einem künftigen Waffenembargo die Spitze brechen.

Der pakistanische Botschafter liess in Washington vorsorglich verlauten, dass seine Regierung keine Einsprache erheben werde gegen den Deal, wenn sie ebenfalls mit Kampfjets beliefert werde. Sein Auftritt rief in Erinnerung, dass US-Präsident Bush dem Land, das zu Beginn des Kriegs gegen den Terror die vorderste Front gebildet hatte, den Status eines wichtigen Nicht-Nato-Verbündeten verliehen hatte. Trotzdem erhielt Islamabad zu seiner grossen Frustration bisher keine neuen Kampfjets.

Das dürfte sich mit dem Besuch von Condoleezza Rice ändern. Die amerikanische Aussenministerin stellte dem pakistanischen Präsidenten, General Pervez Musharraf, vor ihrer Abreise ein gutes Zeugnis aus. Sie pries die Schritte, die er gegen die militanten Islamisten unternimmt und nannte ihn einen stabilisierenden Faktor in der Region.

Es scheint, als ob Washington entschlossen sei, über die undemokratischen Züge des Generals hinwegzusehen, der allen Versprechungen zum Trotz weiterhin als Oberhaupt des Staates und des Militärs in Personalunion amtiert. Vergessen scheint die Tatsache, dass noch im November 2001 pakistanische Armeeoffiziere, Geheimdienstmitarbeiter und Freiwillige an der Seite der Taliban kämpften. Pakistan war der Taliban treuester militärische und finanzielle Verbündete im Kampf gegen die Nordallianz und seit dem Krieg gegen die Sowjetunion bestanden zwischen vielen pakistanischen Armeeangehörigen und den Taliban enge freundschaftliche Bande.

Musharraf ist der starke Mann, der letztlich für die pakistanische Weigerung verantwortlich ist, der internationalen Atomenergiebehörde IAEA Unterlagen über die illegalen Atomgeschäfte mit dem Iran zu übergeben. Die pakistanische Regierung hat stets bestritten, von den illegalen Geheimgeschäften des „Vaters der islamischen Bombe“ Abdul Qadeer Khan gewusst zu haben. Der frühere Chefentwickler des pakistanischen Atomwaffenprogramms hatte im Januar vergangenen Jahres die Verantwortung für illegale Lieferungen an Iran, Libyen und Nordkorea übernommen. Khan hatte mit seinem öffentlichen Geständnis Regierung und Armee entlastet. Wegen Verdiensten um die nationale Sicherheit war Khan daraufhin vom pakistanischen Präsidenten begnadigt worden. Die USA hatten Pakistan zur restlosen Aufklärung des Skandals aufgefordert.

Der Antrittsbesuch, den Condoleezza Rice dem asiatischen Raum als neue US-Aussenministerin abstattet, ist eine Wirbelwindtour. Obwohl schwerwiegende Themen auf der Traktanden Liste stehen, besucht sie sechs Länder in nur einer Woche. Dabei verfolgt die amerikanische Spitzendiplomatin das Ziel, die nukleare Bedrohung auf dem Globus zu entschärfen und will mit den asiatischen Ländern eine gemeinsame Front gegen Nordkorea und den Iran aufbauen. Die Geschichte wird zeigen, ob sich Amerikas Logik der Aufrüstung in der Krisenregion nicht als verheerende Retourkutsche erweisen wird.

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Al-Dschasira-Reporter aus Gefängnis entlassen

Der arabische TV-Journalist Tajsir Aluni, dem in Spanien Kontakte zum Terrornetz El Kaida zur Last gelegt werden, darf das Gefängnis verlassen. Der Reporter des Senders Al-Dschasira soll in Granada unter Hausarrest gestellt werden. Die spanische Justiz begründete die Entscheidung damit, dass der syrisch-spanische Doppelbürger sich auf diese Weise ärztlichen Untersuchungen unterziehen kann, die wegen einer anstehenden Herzoperation notwendig seien. Es solle verhindert werden, dass Aluni mit Hinweis auf die medizinischen Tests nach Prozessbeginn eine Einstellung des Verfahrens beantrage, hiess es.

Aluni war im vergangenen November verhaftet worden, weil er im Verdacht steht, Kontakte zu El-Kaida-Terroristen zu unterhalten. Im September 2003 war er schon einmal verhaftet, später aber wegen seines schlechten Gesundheitszustandes gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Aluni hatte während des Krieges in Afghanistan 2001 zeitweise als einziger ausländischer Korrespondent aus Kabul berichtet. Im Frühjahr 2003 berichtete er während der britisch-amerikanischen Irak-Invasion aus Bagdad.

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Folterskandal auch in Afghanistan

Die erschreckenden Vorkommnisse im irakischen Gefängnis Abu Ghraib haben System. Mitglieder der A Kompanie des 519th Military Intelligence Battalion aus Fort Bragg, waren auch in Afghanistan im Foltereinsatz. Ihre Brutalität kostete auf der Air Force Base in der Stadt Bagram im Dezember 2002 zumindest zwei afghanischen Gefangenen das Leben – Mullah Habibullah und einen Mann namens Dilawar. Sie starben Tage später in ihren Einzelzellen an den Folgen der Folter. Das berichteten am Samstag die beiden Zeitungen New York Times und Washington Post unter Berufung auf einen noch nicht veröffentlichten Untersuchungsbericht der US-Armee.

28 amerikanische Soldaten sind demnach in den Skandal verwickelt. Doch nur gegen zwei wurde bisher Anklage erhoben. Einer davon ist Willie V. Brand. Er hat „Mr. Dilawar“, wie es in den Akten heißt, an der Decke aufgehängt, getreten und geschlagen. Mindestens 37-mal. Fünf Tage lang, gnadenlos. So zerschmetterte er Dilawar die Kniescheiben. Am 04. Dezember starb er in der Isolationszelle. Hätte er überlebt, „hätten beide Beine amputiert werden müssen“, wird ein Mediziner im Armeebericht zitiert. Bisher hatten US-Offiziere in offiziellen Stellungnahmen beteuert, die afghanischen Gefangenen seien eines „natürlichen Todes“ gestorben.

Im Juli 2003 kam die Einheit der 519th unter Captain Carolyn Wood nach Abu Ghraib. Die A Kompanie der 519th ist auf Verhöre spezialisiert. Sie spielte offensichtlich eine Schlüsselrolle: Es heißt, sie habe die aggressiven Verhörtechniken aus Afghanistan „mitgebracht“. Captain Wood entwarf mehrere Verhör-Regeln, die dann im Irak angewandt wurden. Diese sogenannten „Rules of Engagements“ wurden im Oktober im Gefängnis von Abu Ghraib bekannt gegeben. Danach gab es zum einen Verhör-Prozeduren, die bei allen Gefangenen angewandt werden konnten, und zum anderen Methoden, die nur mit ausdrücklicher Billigung von General Sanchez eingesetzt werden durften. Somit verdichten sich die Hinweise, dass Angehörige des Militärgeheimdienstes in den Folterskandal verwickelt sind.

Weiterführende Artikel:

Abu Ghraib Time Line
By Melissa Cirillo & Sherry Ricchiardi of AJR

October 7, 2001
The war in Afghanistan begins.

December 26, 2002
The Washington Post runs a page-one story about prisoner abuse at secret CIA detention centers, including in the „forbidden zone“ of the U.S.-occupied Bagram air base in Afghanistan.

March 20, 2003 The war in Iraq begins.

March 31, 2003
The Nation’s cover story, „In Torture We Trust?“ asserts that torture is gaining mainstream acceptance in the age of 9/11.

May 17, 2003
The New York Times publishes a story out of Basra, Iraq, in which detainees claim they were abused by U.S. and British soldiers. Amnesty International investigators say the patterns of mistreatment may constitute torture.

August 18, 2003
The Los Angeles Times spotlights four Army reservists from Pennsylvania, part of the 320th Reserve Military Police Battalion, charged with mistreating and beating Iraqi POWs.

October-December 2003
Many of the alleged abuses at Abu Ghraib take place.

October 5, 2003
The Associated Press reports on the closure of Camp Cropper, a notorious detention center at the Baghdad airport. Journalists had been barred from the camp, but reporter Charles J. Hanley interviews released detainees about abuses.

November 1, 2003
The AP distributes a major story by Hanley about alleged abuse at three Iraqi POW camps, including Abu Ghraib, based on interviews with former POWs.

January 13, 2004 Army Spc. Joseph M. Darby, an MP at Abu Ghraib, reports cases of abuse at the
prison to military investigators.

January 16, 2004
The U.S. Command in Baghdad issues a one-paragraph press release about an investigation into prisoner abuse. A Lexis-Nexis search shows that most media outlets either ignored the announcement or ran brief stories.

January 19, 2004
Lt. Gen. Ricardo Sanchez orders a criminal investigation into the 800th Military Police Brigade.

January 21, 2004
CNN reports that U.S. male and female soldiers reportedly posed for photos with partially unclothed Iraqi prisoners and that the focus of the Army’s investigation is Abu Ghraib.

January 31, 2004
Maj. Gen. Antonio M. Taguba is appointed to head an inquiry into allegations of abuse at Abu Ghraib. On March 3 he presents his report, citing widespread abuse of prisoners by military police and military intelligence officers, to Gen. David McKiernan. On April 6 McKiernan approves the findings, leading to the discharge of two soldiers from the 800th MP Unit and letters of reprimand to six others.

February 23, 2004
The U.S. military announces that 17 personnel have been relieved of duty during the abuse investigation.

March 3, 2004
Jen Banbury, a correspondent for the online magazine Salon, files a story out of Baghdad about allegations of beatings, sleep deprivation, sexual humiliation and neglect leading to deaths at Abu Ghraib.

March 20, 2004
Brig. Gen. Mark Kimmitt announces to the media that six military personnel have been charged with criminal offenses. On May 7, a seventh soldier is charged.

April 28, 2004
CBS‘ „60 Minutes II“ airs graphic photographs of abuse at Abu Ghraib. The scandal quickly becomes major national and international news.

April 30, 2004
The New Yorker posts on its Web site a detailed report on Abu Ghraib by Seymour M. Hersh, fueling the media frenzy. The article is published in the magazine’s May 10 issue. Hersh follows up on the burgeoning scandal in the next two issues.

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Streit um die Zahl der Toten

Eine internationale Gruppe von Gesundheitsexperten hat die Zählung der im Irak umgekommenen Personen als lückenhaft kritisiert. In einer am Freitag im „British Medical Journal“ veröffentlichten Erklärung wurden die USA und Großbritannien als wichtigste Kriegsmächte zu sofortigen Nachforschungen aufgefordert.

Die von der britischen und der US-Regierung akzeptierten Angaben des irakischen Gesundheitsministeriums lägen weit unter den tatsächlichen Zahlen, hieß es. Der offiziellen Darstellung zufolge wurden zwischen April und Oktober vergangenen Jahres 3.853 Zivilpersonen getötet und 15.517 verletzt. Offizielle Zahlen aus dem ersten Kriegsjahr liegen nicht vor. Zudem wurden den Gesundheitsexperten zufolge diejenigen Menschen, die nur indirekt an den Folgen von Kriegshandlungen gestorben sind, nicht aufgenommen. Nach einer Schätzung der medizinischen Fachzeitschrift „Lancet“ vom Oktober kamen seit Kriegsbeginn vor zwei Jahren rund 98.000 Menschen ums Leben. Iraqbodycount rechnet aktuell mit 16 -18’000 Toten. Iraqbodycount rechnet nur Opfer welche durch das direkte Kriegsgeschehen getötet wurden und durch Spitäler, Medienberichte oder NGO’s bestätigt worden sind.

Sicherheitslage im Irak verhindert Untersuchung
In dem Aufruf heißt es, eine Erfassung der Opfer könne dabei helfen, Leben zu retten. Das britische Außenministerium kommentierte, die gegenwärtige Sicherheitslage im Irak erlaube keine umfassende Untersuchung. Nach seiner Ansicht seien die Angaben des irakischen Gesundheitsministeriums die genauesten, die gegenwärtig erhältlich seien.

UNO-Generalsekretär Kofi Annan zeigte sich über die neuerliche Zunahme der Gewalt im Irak besorgt. In einem am Donnerstag in New York veröffentlichten Bericht erklärte er, die irakische Bevölkerung erwarte nach der Parlamentswahl bessere Sicherheits- und Lebensbedingungen. Die neue Regierung und die internationalen Streitkräfte müssten sich aber achtsam verhalten und insbesondere dafür sorgen, dass ihre Aktionen der Zivilbevölkerung nicht schadeten.

Erklärung:

Global public health experts say failure to count Iraqi casualties is irresponsible

We the undersigned experts in public health call on the US and UK Governments to commission immediately a comprehensive, independent inquiry into Iraqi war-related
casualties.

Monitoring casualties is a humanitarian imperative. Understanding the causes of death is a core public health responsibility, nationally and internationally. Yet neither the public, nor we as public health professionals, are able to obtain validated, reliable information about the extent of mortality and morbidity since the invasion of Iraq. We believe that the joint US/UK failure to make any effort to monitor Iraqi casualties is, from a public health perspective, wholly irresponsible. The UK policy of relying on extremely limited data available from the
Iraqi Ministry of Health is unacceptable.

The Iraqi sources that the UK government prefers are likely seriously to underestimate casualties for several reasons: they do not take into account mortality during the first 12 months since the invasion; only violence-related deaths reported through the health system
are included (very likely to lead to an underestimate, especially during periods of conflict); non-violent deaths due to the destruction of war are not taken into account; and they do not allow for reliable attribution between different causes of death and injury [1].

The inadequacy of the current US/UK policy was highlighted after the publication in the Lancet of a representative household survey that estimated that there had been in the region of 98,000 excess deaths since the 2003 invasion [2]. The UK government has rejected this
survey as unreliable; in part because of the authors‘ own admission that it lacked precision [3]. But this recognized lack of precision in the Lancet study arises chiefly from practical limitations imposed upon the researchers, in particular the size of the sample that could be
obtained by an unofficial study. The obvious answer to removing uncertainties that remain is to commission a larger study with full official support and assistance, but scientific independence.

This should draw on multiple sources of data and use proven epidemiological techniques that do not rely exclusively on incidental reports nor on hospital mortuary assessments. This must
include first hand verbal autopsies – reliably obtained so that population extrapolation is possible. They also require some linkage with data on military operations [4]. Whilst active surveillance of this kind is difficult in a conflict situation, even limited, but systematic,
household surveys are essential. These can then be combined with data from other, passive information sources to build up the most accurate possible assessment of the situation. Counting casualties can help to save lives both now and in the future by helping us to
understand the burden of death, and residual burden of injury, disease and trauma across the entire population. We have waited too long for this information.

References
1. Iraqi civilian casualties mounting, Nancy A Youssef. Knight Ridder Newspapers 25th Sep 2004
http://www.realcities.com/mld/krwashington/9753603.htm
2. Roberts L, Riyadh L, Garfield R et al. Mortality before and after the 2003 invasion of Iraq: cluster sample survey. Lancet
2004; 364:1857-64
3. Written Ministerial statement responding to Lancet survey, Rt Hon Jack Straw MP, 17/11/04 Hansard.
4. Bird S. Military and public health sciences need to ally. Lancet 2004; 364: 1831-1833.

Signed:

UNITED KINGDOM
Prof. Klim McPherson, Visiting Professor of Public Health Epidemiology, Oxford
Prof. David Hunter, Chair UK Public Health Association
Prof. Martin McKee, European Centre on Health of Societies in Transition
London School of Hygiene and Tropical Medicine
Prof. Gill Walt, Prof of International Health Policy, London School of Hygiene and
Tropical Medicine
Prof. Sheila Bird, Chair of Royal Statistical Society Working Party on Performance
Monitoring in the Public Services, Cambridge
Sir Iain Chalmers, James Lind Library, Oxford
Dr. June Crown, London
Prof. Richard Himsworth, former Director of the Institute of Public Health, Cambridge
Prof. Paul Dieppe, MRC Health Services Research Collaboration, Bristol
Prof. Sian Griffiths OBE, Immediate Past President, Faculty of Public Health, Royal
College of Physicians.

UNITED STATES
Victor W. Sidel, M.D. Distinguished Professor of Social Medicine, Montefiore Medical
Center, Albert Einstein College of Medicine, New York
Founder and Former President of Physicians for Social Responsibility
Robert K. Musil, Ph.D., M.P.H., Executive Director and CEO, Physicians for Social
Responsibility
John Pastore MD, Director of the Echocardiography Laboratory at St. Elizabeth’s Medical
Center of Boston, Associate Professor of Medicine at Tufts University School of Medicine
Michael Christ, Executive Director, International Physicians for the Prevention of
Nuclear War
Robert M. Gould, MD, President SF-Bay Area Chapter, Physicians for Social
Responsibility
Prof. Daniel S. Blumenthal, Morehouse School of Medicine, Atlanta
Dr. Thomas Hall. Epidemiology and Biostatistics, University of California, San Francisco.

AUSTRALIA
Dr. Chris Bain, School of Population Health, University of Queensland, Brisbane
Professor Anthony Zwi, Head, School of Public Health and Community Medicine,
University of New South Wales
Prof. Tony McMichael, National Centre for Epidemiology & Population Health,
Australian National University, Canberra

CANADA
Prof. John M Last, Emeritus Professor of Epidemiology, University of Ottawa

SPAIN
Prof. Carlos Alvarez-Dardet, Editor, Journal of Epidemiology & Community Health,
Alicante.
Prof. Ildefonso Hernández-Aguado, President of the Spanish Society of Epidemiology

ITALY
Rodolfo Saracci, MD, IFC-National Research Council, Pisa, former
President, International Epidemiological Association
Above affiliations are for identification and do not
necessarily imply Institutional support.

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Die Wahrheit

Von Giuliana Sgrena – Ich bin immer noch im Dunkeln. Freitag war der dramatischste Tag meines Lebens – und seit der Entführung gab es viele dramatische Tage. Kurz zuvor hatte ich mit meinen Entführern geredet. Viele Tage lang versprachen sie mir die Freilassung, folglich verbrachte ich viele Stunden mit warten. Die wirkliche Bedeutung der Dinge über die sie sprachen, wurde mir erst später klar – Probleme, “im Zusammenhang mit der Übergabe”. Wie steht der Wind? Das Verhalten meiner beiden “Bewacher”, der beiden Figuren, die Tag für Tag auf mich aufpassten, zeigte mir, wie der Wind stand. Besonders einer ging auf jede meiner Launen ein, jetzt strahlte er unglaublich. Was ging hier wirklich vor? Um es herauszufinden, fragte ich provozierend, ob er sich freue, weil ich gehe oder ob er sich freue, weil ich ihm erhalten bleibe. Ich war überrascht und erfreut zu hören: “Ich weiß nur, dass Sie gehen werden, wann, weiß ich nicht”. Etwas ging vor sich. Das zeigte mir auch die Tatsache, dass plötzlich beide zusammen ins Zimmer traten. Sie schienen mich besänftigen zu wollen, rissen Witze: “Gratuliere”, sagten sie, “Sie reisen nach Rom”. Nach Rom – genau das sagten sie. Ich fühlte eine seltsame Spannung. Rom – das Wort löste in mir umgehend ein Gefühl der Befreiung aus aber auch der Leere. Es war der problematischste Moment meiner Entführung. Bei allem, was ich bislang durchgemacht hatte, gab es so etwas wie “Sicherheit”, jetzt tat sich vor mir ein Abgrund an Unsicherheit auf, und jede neue Unsicherheit war größer als die letzte.

Ich zog mich um. Sie kamen wieder. “Wir begleiten Sie, aber, solange Sie bei uns sind, verhalten Sie sich unsichtbar, die Amerikaner könnten intervenieren”. Eine Aussage, die mir bestätigte, was ich nicht bestätigt haben wollte: Der glücklichste Moment war gleichzeitig der gefährlichste. Falls wir auf jemanden stießen – auf amerikanische Soldaten – würde es zu einer Schießerei kommen. Meine Kidnapper bereiteten sich darauf vor. Sie würden zurückschießen. Sie verbanden mir die Augen. Eine Weile blind zu sein – daran war ich inzwischen gewöhnt. Ich bekam nicht mit, was um mich her vor sich ging, außer, dass es in Bagdad geregnet hatte. Mit gleichmäßiger Geschwindigkeit fuhr unser Wagen durch eine Gegend voller Pfützen. Mit im Wagen waren der Fahrer und meine beiden Kidnapper. Dann hörte ich etwas, was mir nicht gefiel – ein Helikopter, der in niedriger Höhe über der Gegend flog, in der wir hielten. “Bleiben Sie ganz ruhig. Sie werden jetzt kommen und nach Ihnen suchen… In ungefähr zehn Minuten werden sie kommen und Sie suchen”. Immer hatten sie in diesem Mix aus Arabisch, ein wenig Französisch und ganz schlechtem Englisch mit mir geredet – auch jetzt.

Dann verschwanden sie. Ich blieb allein zurück – unbeweglich und blind, mit Watte und einer Sonnenbrille auf den Augen. Ich bewegte mich nicht. Ich dachte… was soll ich jetzt tun? Soll ich anfangen, die Sekunden zu zählen, während ich darauf warte, dass die Situation endet und eine neue beginnt: Freiheit. Kaum hatte ich in Gedanken zu zählen begonnen, da vernahm ich eine freundliche Stimme: “Giuliana! Giuliana! Ich bin Nicola. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe mit Gabriele Polo gesprochen. Bleiben Sie ruhig! Sie sind frei!” Er half mir, meine “Augenbinde” aus Watte und Sonnenbrille zu entfernen. Ich fühlte mich so erleichtert – weniger aufgrund dessen, was passierte, das wusste ich ja noch nicht -, als über die Worte dieses “Nicola”. Er redete und redete. Er konnte einfach nicht aufhören. Es war wie eine Lawine aus freundlichen Sätze und Witzen. Endlich fühlte ich mich getröstet – warm, fast körperlich. Wie lange hatte ich das entbehrt! Wir setzten die Fahrt fort – durch eine Unterführung voller Pfützen. Beim Versuch, ihnen auszuweichen, wären wir fast aus der Kurve geflogen. Wir lachten und lachten. Es war so befreiend. Auf einer überfluteten Bagdader Straße von der Fahrbahn abzukommen und in einem hässlichen Unfall zu enden, wäre wirklich blamabel gewesen – nach allem, was ich erlebt hatte. Nicola Calipari setzte sich neben mich. Unser Fahrer hatte sich zweimal mit der Botschaft in Verbindung gesetzt bzw. mit Italien, ihnen mitgeteilt, wir seien auf dem Weg zum Flughafen. Ich wusste, der Flughafen steht unter massiver Kontrolle der amerikanischen Soldaten. Nicht einmal mehr 1 Kilometer, sagten meine Begleiter, als plötzlich… Alles, woran ich mich erinnere, es wurde gefeuert. Ein Kugelregen und Feuer gingen auf uns nieder. Die Stimmen, die eben noch gelacht hatten, schwiegen für immer. Unser Fahrer brüllte, wir seien doch Italiener. “Wir sind Italiener. Wir sind Italiener…” Nicola Calipari warf sich schützend über mich. Kurz darauf, ich wiederhole, sofort darauf, tat er seinen letzten Atemzug. Er starb auf mir. Ich hatte körperliche Schmerzen, wusste aber nicht warum. Dann hatte ich einen Flashback. Wieder kamen mir die Worte meiner Kidnapper in den Sinn: Sie hätten vor, mich freizulassen, so ihre Worte, aber ich sollte auf der Hut sein: “Da sind die Amerikaner, die wollen nicht, dass Sie zurückkehren”. Damals hatte ich es für müßiges, ideologisches Gerede gehalten. Jetzt wusste ich es besser. Sie hatten riskiert, mir die bittere Wahrheit zu offenbaren – die allerbitterste.

Über den Rest kann ich jetzt noch nicht sprechen.

Es war der dramatischste Tag. Aber auch der Monat davor, den ich als Gekidnappte verbracht hatte, wird mein Leben prägen – vermutlich für immer. Einen Monat lang war ich allein, ganz auf mich gestellt, Gefangene meiner tiefsten Überzeugungen. Stunde um Stunde ging ich in Gedanken meine Arbeit durch – schonungslos prüfend. Manchmal machten sie Späße. Oft fragten sie zum Spaß, warum ich denn nicht hier bleiben wolle, bleiben Sie doch. Persönliche Beziehungen waren ihnen wichtig. Ausgerechnet diese Leute machten mir jene Priorität wieder klar, die viele von uns nur allzu oft beiseiteschieben. Sie sprachen von meiner Familie. “Bitten Sie doch ihren Mann um Hilfe”. In meinem ersten Video, das Sie sicher alle gesehen haben werden, tat ich genau das. Mein Leben hat sich verändert. Was hatte der irakische Ingenieur (der NGO) ‘Un Ponte per‘, Ra’ad Ali Abdulaziz, noch gleich gesagt, der gemeinsam mit den beiden Simonas entführt worden war: “Mein Leben ist nicht mehr dasselbe”. Damals hatte ich ihn nicht verstanden. Heute weiß ich, was er mir sagen wollte, ich habe die harte Wahrheit selbst erfahren – erfahren, wie schwer sie sein kann. Ich habe erlebt, wie schwach man sich fühlt, wenn man versucht, sie auf sich zu nehmen.

In den ersten Tagen meiner Entführung vergoss ich keine Träne. Alles, was ich fühlte, war Wut. Ich sagte den Kidnappern mitten ins Gesicht: “Wie könnt ihr es wagen! Mich entführen, mich, (eine Person), die so gegen den Krieg ist?!” An diesem Punkt starteten sie jedes Mal eine hitzige Debatte. “Ja, Sie gehen zu den Leuten und sprechen mit ihnen. Wir würden nie einen Reporter entführen, der sich in seinem Hotel verschanzt. Sie sagen, Sie sind gegen den Krieg. Aber das könnte genauso gut ein Vorwand sein”. Ich schlug zurück, fast provozierend: “Es ist ja so einfach, eine schutzlose Frau wie mich zu entführen. Warum legt ihr euch nicht mit dem amerikanischen Militär an?” Ich bestand darauf, sie sollten von der italienischen Regierung keinen Truppenabzug fordern, denn nicht die Regierung sei der für sie zuständige “politische” Ansprechpartner vielmehr das italienische Volk – und das ist gegen den Krieg.

Ein Monat der Höhen und Tiefen – großer Hoffnung und großer Depression – liegt hinter mir. An meinem ersten Sonntag in Gefangenschaft – in einem Haus in Bagdad mit Parabolantenne – zwangen sie mich, die Euronews zu schauen. In den Nachrichten sah ich, wie ein riesiges Foto von mir als Poster vor dem römischen Rathaus baumelte. Das gab mir neuen Mut. Gleich darauf hieß es, der Jihad kündige meine Exekution an – für den Fall, dass Italien seine Truppen nicht abzieht. Ich bekam schreckliche Angst. Sie (meine Entführer) versicherten mir sofort, das stamme nicht von ihnen, ich solle der Behauptung keinen Glauben schenken. Denen geht es nur um “Provokation”, sagten sie. Oft fragte ich einen der beiden (der etwas zugänglicher wirkte als der andere, wobei beide wie Soldaten aussahen): “Sagen Sie mir die Wahrheit, werden Sie mich töten?”

Bei vielen Gelegenheiten ergab sich bei beiden ein Fenster der Kommunikation – zu meinem Erstaunen. “Kommen Sie, sehen Sie sich einen Film im Fernsehen an”, sagten sie, während eine Wahabiterin, von Kopf bis Fuß verschleiert, das Haus besorgte und nach mir sah. Ich hatte den Eindruck, bei meinen Entführern handle es sich um eine religiöse Gruppe – sehr religiöse Leute. Sie beteten ständig Verse aus dem Koran. Letzten Freitag, in dem Moment, als sie mich freiließen, drückte mir ausgerechnet der, den ich für den Religiösesten hielt, die Hand – unglaublich fest – und sagte, ”mein Glückwunsch“ – ein Verhalten, das für einen religiösen Fundamentalisten alles andere als normal ist. Er stand jeden Morgen um 5 Uhr früh auf und betete. “Wenn Sie sich richtig verhalten, werden Sie sofort gehen können”, fügte er zum Abschied hinzu. Hier eine beinah lustige Episode. Eines Tages kam einer der beiden Wächter verblüfft auf mich zu – verblüfft, aus zwei Gründen: Zum einen hatte er im Fernsehen gesehen, dass Bilder von mir in mehreren europäischen Großstädten hingen. Der zweite Grund war Totti – ja, genau, Totti. Er (der Entführer) sagte, er sei ein Fan der römischen Fußballmannschaft. Es verblüffe ihn, dass ausgerechnet sein Lieblingsspieler Totti mit einem ‘Free-Giuliana‘-Shirt auf dem Spielfeld herumlief.

Ich lebte in einer Enklave. Ich hatte keine Sicherheit mehr und fühlte mich sehr, sehr schwach. Alles, was ich für sicher gehalten hatte, war plötzlich unsicher. War ich mir nicht immer sicher gewesen, ich müsse losziehen und über diesen schmutzigen Krieg berichten? Ich hatte die Wahl: Entweder im Hotel bleiben und abwarten oder meinen Job tun und eventuell gekidnappt werden. “Wir wollen hier keinen mehr”, sagten meine Kidnapper. Ich hatte über die Story des Blutbads von Falludscha berichten wollen – aus der Sicht der Flüchtlinge. Aber an diesem Morgen wollten mir die Flüchtlinge – beziehungsweise einige ihrer “Führer” – kein Gehör schenken. Hier hatte ich die Bestätigung vor Augen – die Bestätigung aller Analysen, die zeigen, was der Krieg aus der irakischen Gesellschaft gemacht hat. Sie schmetterten mir ihre Wahrheit mitten ins Gesicht: “Wir wollen keinen hier. Warum bleibt ihr nicht zu Hause? Was soll uns so ein Interview bringen?” Für mich die schwerste kollaterale Folge dieses Kriegs – der Tod der Kommunikation. Ich hatte alles riskiert. Die italienische Regierung wollte keine Journalisten im Irak. Ich hatte sie herausgefordert – ebenso die Amerikaner, die nicht wollen, dass unsere Arbeit Zeugnis ablegt von dem, was seit dem Krieg aus dem Land geworden ist – unabhängig von dieser (von ihnen) sogenannten Wahl. Angesichts der Verweigerung dieser Menschen frage ich mich, ist es eine Niederlage?

Diesen Artikel veröffentlichte Giuliana Sgrena (unter dem Titel ‘La mia verità’) am 6. März in Il Manifesto. Vom Italienischen ins Englische übersetzt von Arif Ishaq. originalübersetzung aus ZNET

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Fall Sgrena: «Zeit»-Chefredaktor zweifelt an US-Angaben

Giovanni di Lorenzo, der Chefredakteur der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit», will den US-Angaben nicht glauben, wonach der Konvoi mit der befreiten italienischen Geisel Giuliana Sgrena an Bord von den amerikanischen Streitkräften mehrfach gewarnt worden sei, bevor das Feuer auf den Konvoi eröffnet wurde. Auch die italienische Journalistin Sgrena selbst, die nach wie vor in einem Römer Militärspital liegt, äusserte Zweifel an der US-Version.

Giovanni di Lorenzo äusserste sich gegenüber der «Bild am Sonntag»: «Es klingt doch absurd, dass angeblich in mehreren Phasen alles getan worden war, um das Fahrzeug zu warnen, und dann wird einfach geschossen. Wir als Journalisten dürfen uns nicht auf offizielle Darstellung verlassen.» Auch die Journalistin erhob schwere Vorwürfe gegen die US-Behörden. Sgrena dementierte in einem Artikel in ihrer Zeitung «Il Manifesto», dass der Konvoi mit hoher Geschwindigkeit dem Flughafen entgegengebraust sei. Sie beschreibt die Geschwindigkeit des Wagens als «normal.» Sgrena weiter: «Feuer und Kugeln regneten auf uns nieder und brachten die fröhliche Stimmung für immer zum Verstummen.» Nicola Calipari , der italiensiche Geheimdienstagent, der massgeblich an der Befreiung von Sgrena beteiligt war, habe sich nach den ersten Schüssen über sie gebeugt, und «sofort habe ich seinen letzten Atemzug gespürt, als er starb.»

Sowohl die italienischen als auch die amerikanischen Behörden hüllen sich nach wie vor in Schweigen und sprechen nur von einem bedauerlichen Vorfall. Inzwischen wurde die Leiche des getöteten Agenten Calipari nach Italien überführt. Nicht nur seine Familie empfing den Leichnam Caliparis am Römer Flughafen, auch der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi und der italienische Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi waren zugegen. Mehrere TV-Stationen übertrugen die Ankunft des Sarges live in ihren Programmen. Noch heute Sonntag soll eine Autopsie des Leichnams vorgenommen werden. Für Montag ist ein Staatsbegräbnis geplant.

Mittlerweile werden aus dem Irak Stimmen laut, die behaupten, dass die italienische Regierung 1 Million Dollar Lösegeld für die Journalistin bezahlt habe. Bereits im September hatte ein italienischer Abgeordneter erklärt, die Regierung in Rom habe für die Freilassung von zwei verschleppten Italienerinnen im Irak die gleiche Summe bezahlt.

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In Journalistenmord verwickelter ukrainischer Ex-Innenminister tot

KIEW – In der Affäre um den Mord an einem Journalisten in der Ukraine ist der als Zeuge geladene frühere Innenminister Juri Krawtschenko am Freitag tot aufgefunden worden. Er sollte am selben Tag von der Generalstaatsanwaltschaft befragt werden.

Krawtschenko war einer der Hauptverdächtigen im Fall des ermordeten Journalisten und Regierungskritikers Georgi Gongadse. Nach ersten Polizeiangaben soll Krawtschenko in seinem Wochenendhaus bei Kiew Selbstmord begangen haben.

Der enge Vertraute von Ex-Präsident Leonid Kutschma soll nach Polizeiangaben in einem Abschiedsbrief das frühere Staatsoberhaupt mit seinem Selbstmord in Verbindung gebracht haben.

„Kutschma und seine Umgebung“ seien der Grund für seine Entscheidung, soll Krawtschenko geschrieben haben, wie die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf eine ungenannte Quelle in den Sicherheitsbehörden meldete.

Es blieb unklar, ob Krawtschenko sich damit auch auf den Mord an Gongadse im Jahr 2000 bezog. Neben Krawtschenko steht auch Kutschma im Verdacht, in den Mord verwickelt gewesen zu sein.

Der neue Präsident Viktor Juschtschenko brachte den Tod Krawtschenkos mit dem Fall Gongadse in Verbindung.

Interfax berichtete unter Berufung auf den Informanten, der Leichnam Krawtschenkos habe zwei Schusswunden aufgewiesen. Der ehemalige Minister habe ein zweites Mal geschossen, weil der erste Versuch nicht tödlich gewesen sei.

Kutschma hat Beschuldigungen dementiert, selbst den Mord an Gongadse in Auftrag gegeben zu haben. Ein Leibwächter Kutschmas hatte nach dem Mord Abhörtonbänder an die Öffentlichkeit gebracht, auf denen der Präsident vom damaligen Innenminister Krawtschenko angeblich einen „Denkzettel“ für den kritischen Gongadse forderte.

Gongadse hatte als Chefredaktor der Internetzeitung „Ukrainska Prawda“ ausführlich über Korruptionsvorwürfe gegen Kutschma und dessen Umfeld berichtet. Der Journalist war am 16. September 2000 von mehreren Personen entführt und später enthauptet aufgefunden worden.

Nach der Wiederaufnahme des Verfahrens Anfang dieses Jahres hatte die Justiz nach widersprüchlichen Angaben einen General sowie zwei Oberste des Innenministeriums als mutmassliche Mörder verhaftet.

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Wegen Terroraufruf in Schweizer Haft

Bern – Die Schweizer Bundeskriminalpolizei hat in den Kantonen Freiburg und Bern, unterstützt durch kantonale Polizeikräfte, Hausdurchsuchungen durchgeführt und fünf Personen festgenommen. Im Kanton Freiburg musste sich die Polizeikräfte mit Gewalt Zugang zu einem der Objekte verschaffen. Die Hausdurchsuchungen fanden bereits am 22. Februar 2005 statt. Die verhafteten sollen im Internet zu terroristischen Handlungen aufgerufen haben. Die Aktion stand im Rahmen eines gerichtpolizeilichen Ermittlungsverfahrens wegen Verdachts auf öffentliche Aufforderung zu Verbrechen oder zur Gewalttätigkeit und auf Unterstützung einer terroristisch tätigen kriminellen Organisation.

Der Polizeiaktion gingen mehrmonatige Ermittlungen voraus, in deren Verlauf mehrere Personen identifiziert werden konnten, welche via Internet fundamental-islamistisches Gedankengut veröffentlichten. Sie stellten zudem Internetplattformen für die Verbreitung von Propaganda zur Verfügung, die meist von gewalttätigen Bildern begleitet war. Die Plattformen, die durch mindestens eine der verhafteten Personen aktiv betrieben wurden, enthielten unter anderem zahlreiche Videos mit der Darstellung der Tötung von Geiseln sowie der Verstümmelung von Menschen. Zudem wurde das Forum einer der Internetseiten im Umfeld von islamistischen Gruppierungen als beliebtes Kommunikations- und Propagandamittel verwendet. So war es etwa ein Leichtes, detaillierte Anleitungen zum Bombenbau oder zu Vorgehensweisen bei Attentaten und Geiselnahmen einzusehen.

Im Verlauf des letzten Jahres wurde im Rahmen der Ermittlungen festgestellt, dass unter anderem Bekennerschreiben zum Anschlag im pakistanischen Fateh am 31. Juli 2004 auf einem Forum der Internetseite http://www.islamic-minbar.com veröffentlicht wurden. Zudem fanden sich in dem Forum Drohungen gegen die Interessen mehrerer europäischer Staaten. In dem Forum wurden auch Mitteilungen in Zusammenhang mit den französischen Geiseln Georges Malbrunot und Christian Chesnot, die im Irak festgehalten wurden, deponiert. Die Internetseite wurde am 10. September 2004 von den Schweizer Access-Providern gesperrt. Inzwischen ist eine neue Website in Betrieb, die jedoch nicht in der Schweiz gehostet wird. Die Bundesanwaltschaft hat offensichtlich die Schliessung der Site beantragt.

Von den fünf festgenommenen Personen befinden sich noch deren drei in Untersuchungshaft. Sie werden von der Bundesanwaltschaft und der Bundeskriminalpolizei befragt. Die Auswertung des bei den Hausdurchsuchungen sichergestellten Bild-, Video- und Tonmaterials, des umfangreichen in Arabisch verfassten Schriftgutes und der Hard- und Software wird die Spezialisten noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Die Personen, stammen aus Tunesien und Belgien und besitzen einen legalen Aufenthaltsstatus in der Schweiz.