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Tratschundlaber

Sonja Wenger – Nun hat sich der goldene Ball ausgedreht, Zidanes Kopfl astigkeit bereitet nicht mal mehr den Fussballfans Sorgen und auch die tränenerstickte Abgangsverehrung «Er bleibt Held» in der «Schweizer Illustrierten» ist verklungen. Nun sind mal wieder die Frauen dran. Während also der Nahe Osten sich selbst in Schutt und Asche legt, können wir uns neben den schockierenden Bilderblogs von flüchtenden Menschen und zerstörten Städten auf der Webseite von «20 Minuten» gleich daneben an Bilderreihen über die Miss Universe Wahlen erfreuen.


In der Masse der Klone

Im kleidsamen Bikini und enthüllender Schärpe demonstrieren hier die sogenannten Schönsten der Welt traute Gemeinsamkeit und den Wunsch nach «World Peace». Bestes Beispiel dafür sind die NAFTA-Missen: die «Schönheit im Dreierpack» bestehend aus der Miss Mexico, USA und Kanada. Natürlich fehlt auch Lauriane Gilliéron nicht, aber in der Masse der Klone fällt sie nicht weiter auf. Obwohl: ihr «Wilhelmina Tell Kostüm» zeugt durchaus von einer gewissen Selbstironie, doch genau das gefällt 68 Prozent der «SI» LeserInnen offenbar nicht.

Ein anderer «weltlich denkender» ist der Prinz «sans condome» Albert – da schreibt die Medienwelt, wie toll es doch ist, dass der Fürst von Monaco seine überall verstreuten unehelichen Kinderchen anerkennt. Doch niemand scheint es zu kümmern, dass die Existenz dieser Kinder so gar nicht zum Bild des verantwortungsvollen Landesfürsten passt, der seine Regentschaft den Grundprinzipien «Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Moral» verpflichtet hat. Da könnte er sich durchaus ein Beispiel an der deutschen Jugendzeitschrift «Bravo» nehmen, die kürzlich ein Präservativ als Beilage hatte.

Eine andere Heilige Kuh, die nicht angetastet werden darf, scheint Marco Rima zu sein. Nach einem im «Facts» kurz ausgebreiteten Skandälchen um eine gewisse – wie war das gleich – moralische Flexibilität in Bezug auf Treue in der Partnerschaft, wird seither alles totgeschwiegen. Also wirklich. Wenn die Schweiz schon mal einen Star hat, der sich auch wie einer benimmt. Aber vielleicht gehören Affären heute ja zum guten Ton. Apropos Ton. Paris Hilton sagte doch tatsächlich: «Ich weiss, dass mich viele Mädchen anhimmeln. Weil ich es geschafft habe. Und das alles ohne fremde Hilfe.» Goldig, nicht wahr, also der Löffel im Mund.

Dieser Artikel erschien erstmalig in der August Ausgabe des Berner ensuite kulturmagazin.

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Präsidentenwahlen in Brasilien

Karl Weiss – Es sind noch zwei Monate bis zu den Präsidentenwahlen in Brasilien. Alle Vorausschauen bis jetzt laufen auf einen klaren Sieg von Präsident Lula hinaus, sei es im ersten oder im zweiten Wahlgang. Aber die linke Kandidatin Heloísa Helena hat weiter Terrain gutgemacht.

Nach der letzten Umfrage von Anfang August des Instituts Datafolha steht Lula nun mit 47% (genüber 44% vor einem Monat) unangefochten an der Spitze, während der Kandidat der noch konservativeren Opposition, Alckmin, auf 24% (von 27%) abrutschte. Die linke Kandidatin Heloísa Helena kam auf 12 (nach 10) %.

Viel interessanter noch als diese Umfrage im Stile der deutschen Befragungsinstitute ist aber die vom Institut JB/Sensus im Staat Rio de Janeiro, in der Lula bei 34,5% der befragten Wähler in Front liegt. Auf dem zweiten Platz liegt kein Kandidat, sondern liegen mit 27,2% jene Wähler, die sich noch nicht entschieden haben, wen sie wählen werden, die keinen Kandidaten wählen werden oder die Stimmabgabe absichtlich ungültig machen werden.

Diese Art der Präsentation von Umfrageergebnissen ist weit realitätsgerechter als wir sie von den monatlichen „Politbarometern“ gewohnt sind. Wenn man nämlich, wie in diesem Fall, bekannt gibt, wieviel noch unentschieden sind bzw. wie viele keinen der Kandidaten wählen werden, kommen weit realistischere Zahlen heraus als die nach oben gerechneten der deutschen Institute.

Die deutschen Institute bekommen bei ihren Umfragen nämlich größenordnungmäßig um die 45% negative Antworten (Unentschieden, Nichtwähler, keine der Parteien, ungültig wählen, leeren Wahlzettel abgeben usw.), je nachdem, welche sie zulassen. Diese behandeln sie einfach so, als ob das keine Wähler wären. Sie nennen Prozentzahlen nur bezogen auf jene, die ihre Präferenz für eine der Parteien oder eine der Personen angegeben haben und kommen so auf Zahlen, die nicht die Wirklichkeit widerspiegeln.

Speziell in einer Situation, in der irgendeine halbwegs ernst zu nehmende parlamentarische Opposition zum neoliberalen Mainstream nicht zu erkennen ist bzw. aufgrund praktischer Erfahrungen ebenfalls von vielen Wählern abgelehnt wird, ist dies eben nicht mehr akzeptabel.

Im Moment z.B. geben die deutschen Institute an, die SPD läge bei 29% und die CDU/CSU bei 31%. Die Wirklichkeit ist aber, daß die Zustimmung zu diesen Parteien der Regierung bei etwa 60% Wahlbeteiligung bei 17 bzw. 19 % der Wähler liegen, sie also gerade mal zusammen auf etwa 36 % kommen.

Insoweit ist also die angegebene Form der brasilianischen Umfrage wirklichkeitsnäher. Und es ist kein Zufall, daß Zahlen für Lula nach dieser Zählung fast identisch sind wie die der deutschen Regierungsparteien, nämlich etwa 35 %. Das sind zum einen die eingefleischten Anhänger, die nichts dazu bringen könnte, ihre Meinung zu ändern. Zum anderen jene, die immer noch dem Märchen vom „kleineren Übel“ anhängen und schließlich jene, die wirklich auf die Propaganda hereingefallen sind und glauben, was man ihnen erzählt.

Daß etwa 65% der Erwachsenen, also der Wähler, nicht zu diesen drei Gruppen gehören, ist also in Brasilien und Deutschland übereinstimmend.

Besonders interessant ist die weitere Reihenfolge der Kandidaten in der Rio de Janeiro-Umfrage. An zweiter Stelle steht nämlich Heloísa Helena mit 17,6% der Wahlabsichten. Erst an dritter Stelle taucht der Kandidat der „vereinigten Rechten“ auf, Alckmin, mit 15,8%. Alle anderen Kandidaten liegen bei 2% und darunter.

Damit ist Rio de Janeiro neben ihrem Heimatstaat Alagoas der einzige, in dem Heloísa Helena nicht hinter dem Kandidaten der Rechten liegt. In der Südzone der Stadt Rio de Janeiro und im Stadtteil Tijuca (in dem der Berichterstatter wohnt) liegt sie sogar an der Spitze, noch vor Lula. Das sind die Stadtteile, in denen überproportional viele wohnen, die politisch interessiert sind und die politischen Ereignisse aufmerksam verfolgen (und nicht nur die Verdummung der täglichen Fernsehnachrichten).

Nächste Woche wird nun die Wahlpropaganda am Fernsehen beginnen. Dreimal am Tag, jeweils zur besten Sendezeit, 45 Minuten Propaganda der Parteien. Wieviele Minuten der jeweiligen Partei zustehen, wird dabei von den Stimmergebnissen der letzten Wahlen abhängig gemacht. Da Alckmin alle Reaktionäre hinter sich versammeln konnte, hat er mehr als die Hälfte der Sendezeit.

Wenn es diesmal wieder so läuft wie bei früheren Wahlen, wird Alckmin damit deutlich zulegen in der Wählergunst. Die Propaganda bleibt keineswegs folgenlos. Es dürfte auf einen zweiten Wahlgang zwischen Lula und Alckmin hinauslaufen, den Lula dann knapp gewinnen müßte.

Aber es ist auch möglich, daß es diesmal nicht mehr so läuft wie bei früheren Wahlen. Die internationalen Ereignisse werden auch hier beobachtet. Wenn Lula klug ist und vor allem Staatsmännisches und Außenpolitisches betont, Alckmin als Freund von Bush darstellt, könnte Lula auch im ersten Wahlgang gewinnen. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, daß Heloísa Helena auf an die 10% der Stimmen kommt, obwohl sie nur eine lächerlich kurze Zeit in der Fernsehpropaganda hat.

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Klimachaos – heiss und kalt

Harald Haack – Sichere Zeichen für die Auswirkungen des Klimawandels sind extreme Ausreißer im Wettergeschehen. Während in vielen Teilen der USA die Menschen noch unter der Hitze leiden, in New York sollen es über 40 Grad Celsius im Schatten sein, gibt es auf der südlichen Erdhalbkugel, wo jetzt Winter ist, extreme Kälte. Aber auch auf der nördlichen Hemisphäre zeigen sich schon Kälteeinbrüche. So wurden die Berner morgens am Donnerstag, den 3. August 2006, von 12,8 Grad überrascht. Und auf dem Säntis in den Schweizer Alpen fiel in circa 2500 Meter Höhe Schnee.

Vier Menschen erfroren bei ungewöhnlicher Kälte in Uruguay, Südamerika. Im Nordosten Argentiniens kamen bei minus 23 Grad Celsius bislang zwei Menschen ums Leben.

Südafrika wurde von einer ungewöhnlich heftigen Kaltfront erwischt. Eis, Schnee und Regen verursachten ein Verkehrschaos. In den Städten Johannesburg und Pretoria schneite es, was selbst im Winter für diese Region abnorm ist. Dutzende Inlandsflüge fielen aus. Rettungsdienste fuhren zahlreiche Noteinsätze. Rund um den Küstenort Knuysna wurden Straßen überschwemmt. Eine Brücke stürzte zur Hälfte ein. Viele Südafrikaner froren bei Minus-Temperaturen. Gasflaschen zum Heizen der Öfen wurden knapp und stellenweise fiel der Strom aus.

Der Strom fiel aber auch in vielen Teilen der USA aus. Nach Angaben der Stadt Chicago, in der es außerordentlich heiss ist, wurden von Stromausfällen rund 20.000 Menschen betroffen. Aus Hochhäusern im Stadtteil South Side mussten 1.200 Menschen wegen der Hitze in Sicherheit gebracht werden. Aber auch in Washington, New York und anderen Städten entlang der Ostküste ist es fürchterlich heiß. Bereits morgens sind es im New Yorker Central Park 31 Grad Celsius.

Temperaturen, bei denen Sport zum Mord wird. So brach in Georgia ein 15-jähriger beim Football-Training zusammen und starb in einer Klinik.

Kaliforniens Schildbürgerstreich – kein Einzelfall in den USA
Wenn ein Staat wächst, wachsen auch seine Ansprüche, zum Beispiel seine Infrastruktur. Wenn jedoch dieses Wachstum nicht von der Politik jenes Staates unterstützt wird, dann wird es bald in ihm krachen. Dies ist gegenwärtig in Kalifornien der Fall. Der Gouverneur Arnold Schwarzenegger war offensichtlich für Wachstum und Infrastruktur Kaliforniens blind und sparte am falschen Platz. Die Folge: Mehr als 140 Hitze-Tote innerhalb weniger Tage – Tendenz steigend.


Arnie schwitzt und seine Muskeln schwinden. Ist auch er bald weg?
Foto: BigPicturesPhotos.com

Kalifornien boomt, es wächst buchstäblich in die Hitze. Doch obwohl bekannt sein müsste, dass wegen der Erderwärmung der Energiebedarf in Zeiten der Hitzewellen enorm steigt, wurden keine Spitzenlastkraftwerke gebaut. Nicht der Bau solcher Kraftwerke scheint dem Gouverneur zu teuer zu sein, sondern wahrscheinlich deren Unterhalt. Hinzu kommt, dass die Stromversorgung in Kalifornien keinem staatlichen Zwang unterliegt, sondern ausschließlich dem amerikanischen Kapitalismus. Da sind angeblich Hitze-Tote ein zu vernachlässigender Faktor, weil, so die Ausrede, sie bereits alt und gebrechlich waren als sie starben und sie wären doch sowieso in nächster Zeit gestorben. Für deren Tod muss also kein Stromversorger haften. Um den Stromversorgern nicht das Geschäft zu vermasseln – was nämlich bei einem Überlast-Blackout, dem Zusammenbruch des Stromnetzes geschehen wäre -, hatte Schwarzenegger an die Kalifornier appelliert Strom zu sparen und besonders Stromfresser wie Klimageräte auszuschalten. Nun gut, vielleicht hat sein Appell noch mehr Tote verhindert. Dass nicht alle seinem Appell folgten, beweist wohl, dass sie noch am Leben sind.

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Beendet antisemitischer Ausfall Mel Gibsons Karriere?

Los Angeles – Er entschuldige sich für „verachtenswerte“ Äusserungen während seiner Festnahme wegen Trunkenheit am Steuer, liess Mel Gibson letzten Samstag verlauten. Was er gesagt hatte, wurde erst nachträglich bekannt: „Drecksjuden“.

Hollywood verzeiht viel. Gibson (50) hätte wohl nicht viel zu befürchten, wenn er nur betrunken Auto gefahren wäre und einen Polizisten angepöbelt hätte. Doch was er sich zusätzlich leistete, dürfte nach Einschätzung vieler US-Medien das Ende seiner Karriere bedeuten: „Die Juden sind verantwortlich für alle Kriege dieser Welt“, soll er laut Polizeibericht unter anderem gesagt haben.

„Sorry“, schrieb eine Kommentatorin der „Washington Post“, „aber ich nehme ihm einfach nicht ab, dass ein kleiner Tequila – oder auch eine Menge Tequila – einen unvoreingenommenen Menschen in einen rasenden Antisemiten oder Rassisten oder Homohasser oder sonst einen Eiferer verwandelt.“

Die jüdische Liga gegen Diskriminierung ADL stellte fest: „Seine Tirade beweist, dass seine Beteuerungen während der Debatte über „Die Passion Christi“ nur Heuchelei waren.“ Kritiker hatten Gibson vorgeworfen, mit seinem Epos das uralte Vorurteil von den Juden als „Christusmördern“ wiederzubeleben und dadurch seinen „pathologischen Judenhass“ zu offenbaren.

Gibson, Mitglied einer ultrakonservativen katholischen Splittergruppe, erwiderte: „Weder bin ich antisemitisch noch ist es mein Film. Dieser Film handelt von Toleranz.“ Es half seiner Sache nicht, dass sein Vater Hutton Gibson zur gleichen Zeit ein Radiointerview gab und darin Holocaust-Museen als „Trick zum Geldeintreiben“ bezeichnete.

Nach dem antisemitischen Ausfall hat der Fernsehsender ABC eine mit Gibson vereinbarte Serie über den Holocaust abgesagt. Die Zeitungen spekulieren darüber, ob Disney Gibsons nächsten Film zurückziehen wird, einen erneut bluttriefenden Film über die Mayas.

„Mad Mel“ mag selbst als erster erkannt haben, was er da angerichtet hatte, denn dem Polizeibericht zufolge seufzte er in einem Moment plötzlicher Hellsicht: „Mein Leben ist kaputt.“

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Folter-Skandal in Münster

Michael Schulze von Glaßer – In der nordrhein-westfälischen Stadt Münster leben rund 280.200 Menschen, die sich auf 142.303 Wohnungen und wiederum 142.026 Haushalte verteilen. Die Statistiker der Stadt haben viele Zahlen vorzuweisen, doch in ihrer offiziellen Statistik fehlt eine wichtige „Bevölkerungsgruppe“, nämlich 1.500 Äffchen.

Nur ein geringer Teil der niedlichen Primaten lebt im Zoo, wo sie Besucher necken, Späßchen machen und Kinder belustigen. Die meisten Äffchen der Stadt Münster aber leben auch nicht in Parks, sondern in tristen, engen Käfigen der Covance-Laboratories, die südlich von Münster eines der größten privaten Tierversuchslabore Deutschlands betreibt. Dort werden die Affen zu Versuchszwecken gefangen gehalten.

Die Tierversuchsgegner „British Union for the Abolition of Vivisection (BUAV)“ ermittelten Undercover bei Covance, Inc., einem Vertragsversuchslabor in Münster und brachten zutage, dass die Äffchen, die teilweise aus freier Wildbahn stammten, für pharmakologische Versuche misshandelt wurden. Auf einem Video dieser Tierversuchsgegener sind vor allem Makaken-Äffchen zu sehen, die bei den Tierversuchslaboren in aller Welt wegen ihrer Größe und simplen Haltungsbedingungen in Mode sind. Einigen Makaken werden Schläuche in die Nase gesteckt, um die zu testenden Medikamente direkt in den Magen zu pumpen, andere werden in so genannten „Affenstühlen“ festgeschnallt, um mit Ihnen verschiedenste Tests durchzuführen.

Jedoch werden mit Tierversuchen nicht nur Medikamente erforscht, die Kosmetikindustrie setzt ebenfalls auf Tierversuche.

Nachdem im Jahr 2003 herauskam, unter welch grausamen Bedingungen die Äffchen gefangen gehalten und auf welche schreckliche Weise sie bei den Versuchen gequält werden, gab es erste Berichte in den Medien. Klar war: Die Misshandlung und Folter von Tieren muss endlich gestoppt werden, schließlich haben Tiere auch Gefühle und leiden unter Schmerzen. Doch hat sich inzwischen etwas geändert?


Die Äffchen im Covance-Labor leben in kleinen Stahl-Käfigen. (Foto: Peta)


Den Äffchen werden Schläuche durch die Nase gesteckt um dann Medikamente direkt in den Magen zu pumpen.
(Foto: http://www.stopanimaltests.com)


Damit sich die Tiere nicht widersetzen, werden sie in „Affenstühle“ gesetzt in denen Sie der Folter ausgeliefert sind. (Foto: Peta)

Gewalt und Folter gehören laut der Tierschützer zwar immer noch in den Covance-Laboren zur Tagesordnung, wie auch in anderen Tierversuch-Labors. Aber durch Kundenproteste und Boykotte ging die Anzahl der Tierversuche zur Kosmetikerforschung stark zurück.

Doch in Münster werden gemäß der Organisation „Ärzte gegen Tierversuche e.V.“ jedes Jahr rund 1.000 dieser Versuchsäffchen umgebracht, rund um den Globus jährlich 100 Millionen Tiere bei Versuchen gequält und getötet. Neben den Versuchen müssen sich die Makaken oft auch noch vor den Mitarbeitern fürchten, denn angeblich lassen diese die verängstigten Äffchen gerne einmal zu HipHop-Musik wie Puppen tanzen oder schleudern sie nach den Versuchen auf brutale Weise in die Käfige zurück.

Im US-Staat Virginia unterhält das amerikanische Unternehmen Covance ein weiteres Tierversuchslabor. Dort werden auch mit Beagles und Nagern Versuche durchgeführt. Beagles sind sehr friedliche und ruhige Hunde, Nager sehr billige Tiere – Ideal für Misshandlungen. Grausam sind diese Versuche immer.

Die Tierschutzorganisation „Peta“ schleuste einige Aktivisten in das amerikanische Covance-Labor ein. Die stellten fest, dass auch chirurgische Eingriffe an den Affen vorgenommen werden, um beispielsweise „Stress“ zu untersuchen. Aber gestresst sind die Makaken, die eigentlich in Familiengruppen mit bis zu hundert Tieren leben, ohnehin. Einige machen in ihren winzigen Käfigen unentwegt Saltos, die anderen drehen sich stundenlang im Kreis. Die psychischen Schäden, den die Folterversuche den Tieren zufügen, sind unübersehbar.


Im US-Staat Virginia unterhält das amerikanische Unternehmen ein weiteres Tierversuchslabor. (Foto http://www.tierbefreier.de)


Misshandelter und verängstigter Affe im Covance-Labor.
(Foto: http://www.altarriba.org)

Kaninchen sind wegen ihrer großen Augen und der geringen Tränenflüssigkeit bei Medikamentenversuchen rund ums Auge sehr beliebt. Einige Tiere wurden bei einem Versuch in den USA mit Radioaktivität verstrahlt – ein Mittel zur Verhinderung der Strahlenkrankheit sollte erforscht werden, die Versuchstiere gingen elendig zugrunde.

Doch es gibt heutzutage Alternativen zu den grausamen Tierversuchen, wie sie in den Laboren von Covance täglich durchgeführt werden. Computersimulationen und Versuche an einzelnen Zellen sind die Alternativ-Vorschläge der Tierrechtsorganisation „Ärzte gegen Tierversuche e.V.“. Sie kämpft seit langem für die Anerkennung und Anwendung neuer Methoden. Außerdem bemängelt die Organisation den wissenschaftlichen Wert und Nutzen von Tierversuchen, die für human-medizinische Medikamente gemacht werden: Ratten müssen Krebszellen erst eingepflanzt werden, da Ratten selbst kein Krebs bekommen können. Die Behandlung mit Insulin schlug bei zuckerkranken Affen nicht an; erst als man Versuche mit Menschen machte, sah man den Erfolg.

Tierversuche sind oft nicht auf den Menschen übertragbar, werden jedoch immer noch durchgeführt.

Warum?

Es geht ums Geld. In vielen Ländern erhalten Medikamente rasch eine Zulassung, wenn sie zuvor an Tieren ausprobiert wurden. Das funktioniert auch ohne Tierversuche, aber dann verdient keiner mehr am Leid der Äffchen. Es geht nicht um den Lebensunterhalt, sondern um Bereicherung. Durch Tierversuche entstand eine umfangreiche Industriebranche aus Züchtern, Futtermittel-Herstellern und Tierversuchsfirmen.

Convencegrausam
Undercover
Ärzte-gegen-Tierversuche
Tierbefreier

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Arnies tödliche Appelle

Harald Haack – Ausgerechnet dort, wo der Klimawandel bislang am intensivsten auf oberster politischer Ebene geleugnet wurde, schlägt der Hitzetod erbarmungslos zu. In den USA, genauer: in Kalifornien, wo der Ex-„Terminator“-Darsteller Arnold Schwarzenegger sich als Gouverneur versucht, sorgte die anhaltende Hitze für mehr als 50 ausgedörrte Tote. Laut „Los Angeles Times“ gab es die meisten Opfer im küstenfernen Central Valley. Dort herrschen seit zehn Tagen Temperaturen von über 41 Grad Celsius. In einem Billighotel in Sacramento wurden drei Bewohner tot aufgefunden. Deren Leichen zeigten deutliche Spuren einer Dehydration, eines akkuten Wassermangels. Sie sollen wie Mumien ausgesehen haben. Der Feuerwehr-Chef soll dem „San Francisco Chronicle“ mitgeteilt haben, es sei „verrückt“ heiß in den Räumen gewesen, obwohl es Klimaanlagen gab. Aber die hatte der Hotelier gemäß der Stromspar-Appelle von Gouverneur Schwarzenegger ausgeschaltet.


Der „Terminator“ schlug erneut zu: In Kalifornien hörten Besitzer von Billighotels auf die Appelle von Gouverneur Arnold Schwarzenegger zum Stromsparen und schalteten die Klimaanlagen aus. Appelle mit tödlichen Folgen.

In dem bislang kühleren Nordkalifornien und im Süden des Westküstenstaates wurden erstmals seit 57 Jahren gleichzeitig Rekordtemperaturen gemessen. In Fresno, im Central Valley, kletterte das Thermometer am Dienstag auf knapp 45 Grad.

Schwarzeneggers Appelle zum Stromsparen schützten nur die Energiewerke und zwar vor den gefürchteten Blackouts. Es werden weitere Hitzetote in Kalifornien erwartet.

Arnies Höllenfeuer

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Klimawandel – Heiss erwischt

Harald Haack – In der Zukunft, so warnten uns Klimaforscher im vergangenen Jahrhundert, nehme die Erderwärmung rapide zu. Spätestens ab 2006 müsse es nicht nur katastrophale Hitzewellen geben, sondern auch Gewitterstürme mit Hagelbombardement, Starkregenfälle und Windhosen. Hinzu käme die Häufung von Hurricans und Taifunen in Nord- und Mittelamerika und im fernen Osten.

Nun leben wir in jener prognostizierten Zukunft und haben die Folgen der Erderwärmung hinreichend kennen gelernt. Aber es wird schlimmer kommen. Und schon wieder warnen Wissenschaftler vor den Folgen des Klimawandels, an dem wir Menschen sicherlich nicht unschuldig sind.


Dicke Luft unter der Eisenbahnbrücke an den Deichtorhallen in Hamburg. Emissionen, besonders die von Autos, sollen schuld am Klimawandel sein.

Im vergangenen Winter glaubten dennoch einige Leute, da es so viel Schnee gab, die Erderwärmung sei nun zu Ende. Als dann dieses Frühjahr kalt und nass wurde und das große Jammern übers Wetter wahrscheinlich zum „guten Ton“ in den Medien gehört, jammerten viele Nachrichten-Konsumenten mit und ahnten nicht, was sie erwartete.


Januar 2006 im Hamburger Hafen. In diesem Winter glaubte kaum jemand an einen heißen Sommer.


Blick eines Landwirtes durch eine Eislinse in die heisse Zukunft. Die Linse bildete sich über Nacht, nachdem er in einen Eimer, in dem sich etwas Schmelzwasser vom letzten Schneefall befand, einen zweiten Eimer gestellt hatte.

Und nun ist er da und hat uns heiß erwischt. Dieser Sommer wird inzwischen als ein Sommer mit einer „besonderen Qualität“ bezeichnet. Der Europäische Kontinent wurde so heftig aufgeheizt, dass Tiefdruckgebiete an der Hitzeglocke „abprallen“. Auch Nordamerika leidet unter der Hitze. Nicht nur in New York fiel tagelang der Strom aus, sondern auch in Kalifornien. Von vielen Badeseen in Deutschland und in der Schweiz werden Unfälle gemeldet, weil sich die Menschen überhitzt ins Wasser stürzen.


Die Zukunft der vergangenen „Zukunft“? Oder jetzt schon Gegenwart: Ausgetrockneter Schlick mit Chemikalienrückständen in einer Ackerfurche in Elskop (Schleswig-Holstein).


Durch Hitze zerflossener Asphalt in den Arkaden der Berner Kramgasse.


Notreifes Getreide wegen Hitze und Wassermangel.


Wenn Gluthitze und UV andere Umweltgefahren überstrahlen: Verzweiflungstat eines Überhitzten. Kopfsprung in die verdreckte Weser beim Kernkraftwerk Esensham.


Waldbrandgefahr: Brennendes Kfz. Gut, wenn die Feuerwehr, wie hier in Woltem/Soltau, das Fahrzeug zwecks Löschübung selbst anzündet und das Feuer unter Kontrolle hat. Alle Fotos: Harald Haack

Sommer 2006: Außer Stöhnen und Schwitzen nichts gewesen? Hier eine Liste nicht repräsentativer Aspekte:

Verzogene Fenster
Eine Hitze, die nicht nur Menschen plagt, sondern auch erodierend wirkt. Weil sich der Kunststoff von Fensterrahmen in der Hitze des Sommers verbog, schließen viele Fenster nicht mehr und müssen ausgetauscht werden – damit im Winter der kalte Wind nicht durch die breiten Ritzen jault.

Holpriger Flugplatz
Gefahr durch die Hitze auf für Fluggäste: Die Hitze hatte die Dichtungsmasse zwischen den Betonplatten von eine der beiden Start- und Landebahnen des Flughafen Hannover beschädigt. Diese Start- und Landebahn wurde gesperrt. Reparaturarbeiten sind in Gang.

Schwitzende Schweine als Brandstifter
Die Hitze führte zu einer Übergärung von Heu in einem Heustock auf einem Bauernhof im solothurnischen Ichertswil (Schweiz). Es entwickelte sich ein Großbrand, bei dem nach Angaben der Polizei mehr als 200 Schweine in den Flammen umkamen. Auch ein Teil des Wohnhauses brannte nieder. Der Landwirt hatte sicherlich das Heu trocken eingelagert, doch die Luftfeuchtigkeit seiner in der Hitze schwitzende Schweine wird das Heu durchfeuchtet haben, wie Brandermittler ermittelten. Das Heu auf der Heubühne über dem Schweinestall gärte daraufhin und entzündete sich.

Angst vor Mücken oder vor neugierige Nachbarn?
Neugierige Nachbarn sind das eine Problem, Mücken das andere. In Liestal bei Basel wurde die Polizei wegen vermeintlicher Einbrecher alarmiert – von dem Nachbar eines Hauses, in dem sich die Einbrecher angeblich zu schaffen machten. Er berichtete von umherirrenden Lichtern in dem stockdunklen Haus, wie die Baselbieter Kantonspolizei mitteilte. Doch beim Eintreffen der Polizisten klärte sich der Fall rasch auf. Die spärlich bekleideten Hausbesitzer hatten das Haus wegen den hohen Temperaturen durchgelüftet. Da sie dabei keine Mücken anlocken wollten, löschten sie das Licht aus und montierten sich Stirnlampen.

Tagsüber schwitzen, nachts saufen und schießen
Einem Kneipengast in Bayern ist offenbar die Hitze aufs Gemüt geschlagen. Weil er sich nicht damit abfinden wollte, dass die Kneipe, in der er sich bis 3 Uhr in der Frühe hatte volllaufen lassen, schließt, zog er eine Waffe und schoss auf die Kellnerin, teilte die Polizeidirektion Fürstenfeldbruck mit. Da sie ihn zuvor mit Pfefferspray abgewehrt hatte und sofort weggerannt sei, habe der Mann die Frau nicht getroffen. Als später ein Bekannter der Kellnerin deren Auto holen wollte, habe der Gast seine Waffe auf ihn gerichtet, sei dann aber geflüchtet. Polizisten nahmen ihn in der Nähe fest.

Fischsterben droht
Den Flüssen droht durch die anhaltende Hitze ein Fischsterben. In Hamburg stieg die Wassertemperatur der Elbe am 24. Juli 2006 auf einen neuen Spitzenwert von 27 Grad Celsius. Laut Hamburger Abendblatt ist dies der höchste Wert seit Beginn der Messungen vor rund 20 Jahren. Mit dem Steigen der Wassertemperatur sinkt gleichzeitig auch der Sauerstoffgehalt des Flusses. So betrug die Sauerstoffkonzentration an der Messstelle in Hamburg-Blankenese lediglich 3,7 Milligramm pro Liter. Da fehlen nur noch 0,7 Milligramm und die für Fische kritische Marke ist erreicht. Dann könnte ein großes Fischsterben einsetzen. Bereits einige Tage zuvor war der Sauerstoffgehalt im Hamburger Hafen zeitweise unter diese kritische Marke gerutscht. Ein Sprecher der Umweltbehörde sagte, tote Fische „auf Grund von Sauerstoffmangel“ seien noch nicht gefunden worden. Dann müssen sich die Fische, deren Kadaver etliche Hamburger im Wasser fanden, wahrscheinlich vergiftet haben. Das Wasser der Elbe im Hamburger Hafen ist nämlich alles andere als sauber. Wer hier ins Wasser fällt und von der Wasserschutzpolizei gerettet wird, wird selbst bei diesen Badetemperaturen schnellstens in eine Klinik transportiert.

Badeverbot
Der Hamburger Eichbaumsee ist laut dem Verbraucherschutzamt Hamburg-Bergedorf mit Gabelschwanzwurmlarven verseucht. Schilder am See weisen auf das Badeverbot hin. Auch für Hunde ist das Baden im Eichbaumsee verboten. Dennoch trotzen einige Schwimmer dem Verbot. Sie sagen, sie gingen nur kurz ins Wasser, da werde schon nichts passieren. Ein Irrtum. Bernhard Fleischer, der Chef des Bernhard-Nocht-Instituts in Hamburg, weiß es besser: „Die Larven des Gabelschwanzwurms, so genannte Zerkarien, bohren sich innerhalb von Sekunden in die Haut.“. Die Folgen: Auf der Haut kommt es zu starkem Juckreiz und Quaddelbildung. Eine „Bade-Dermatitis“, die erst nach zehn bis zwanzig Tagen abklingt. Überall dort, wo Enten sich im flachen Wasser des Gewässers aufhalten, können Zerkarien vorkommen. Die Eier des Wurms werden mit dem Entenkot verbreitet. Die Hitze bietet beste Bedingungen für die Verbreitung. Fleischer: „Wenn sich die Larven in die Haut gebohrt haben, kommen sie nicht weiter. Der Mensch ist ein ,Fehlwirt‘. Die Larven sterben, werden abgestoßen“.

Auch andere Gewässer erhitzen sich.
In der Schweiz sind Flüsse und Bäche gegenwärtig bis zu 28 Grad warm. Im Tessin und in den Seeland-Kanälen näherten sich die Wassertemperaturen Badewannenwerten, wie die Basler Zeitung schreibt: „Die Tresa im Grenzort Ponte Tresa wies laut den Daten des automatischen Messnetzes des Bundesamts für Umwelt am Dienstag einen 24-Stunden-Mittelwert von 27,9 Grad auf. Die Tagesspitze am Montag betrug sogar 28,8 Grad. Mittelwerte von 26,8 und 26,6 Grad wurden im Broye-Kanal bei Sugiez (FR) zwischen dem Murten- und dem Neuenburgersee beziehungsweise im Zihlkanal bei Gampelen (BE) zwischen dem Neuenburger- und dem Bielersee gemessen.“

Die Meere werden wärmer
Während in Südosteuropa die Hitze und die Dürre zu zahlreichen Wald- und Buschbränden führten, wurden vor der schottischen Küste wurden in den vergangenen Wochen deutlich mehr Wale und Delfine gesichtet als je zuvor. Wie die BBC berichtete, soll dafür laut britischer Wissenschaftler die Erwärmung der nördlichen Meere verantwortlich sein.

Britische Queen sauer
Die Hitze führte auch in Großbritannien zur Dürre und zu Wassermangel. Der britische Wasserversorger Thames Water verhängte ein generelles Bewässerungsverbot für Rasen. Davon betroffen sind nicht nur die Rasenflächen vieler Briten, sondern auch die der Queen. Und die inspizierte „mit finsterer Mine“ ihren Rasen, wie Michael Kröger für SPIEGEL-Online schreibt. Seit Tagen habe der königliche Rasen kein Wasser mehr gesehen und sei nun wie der „Fußballacker eines Vorstadtvereins“. So wurde aus der diesjährigen Gartenparty der Queen ein Desaster. Bei mehr als 30 Grad im Schatten drängelten sich die vornehmen Gäste unter den aufgestellten Sonnenschirmen oder unter den Bäumen im Park hinter dem Buckingham-Palast. Natürlich geht man zur Queen nicht in schrillen Bermuda-Shorts und in luftigen Hawaii-Hemden, sondern zwängt sich in standesgemäße Schale. Und da erhitzte Menschen auf engstem Raum auch die ihnen umgebende Luft erhitzen, fielen 39 der Gäste um, erlitten einen Schwächeanfall und mussten medizinisch betreut werden.

Hitze-Tote in Frankreich
Unter der Hitze leiden besonders alte und geschwächte Menschen. Europaweit fielen bislang rund 40 Menschen der Hitze zum Opfer, davon sollen es allein in Frankreich 30 sein. In 56 Regierungsbezirken von Frankreich riefen daher die Meteorologen die Alarmstufe „Orange“ aus. Das ist die zweithöchste Alarmstufe des französischen Staatsgebietes. Rekordwerte von mehr als 38 Grad Celsius im Schatten werden vor allem im Südosten des Landes erwartet. Medizinstudenten und Ärzte im Ruhestand wurden von Gesundheitsminister Xavier Bertrand aufgerufen, sich den Notdiensten zur Verfügung zu stellen. Doch nicht so sehr die Außentemperaturen sind es, an den Menschen und Tiere zugrunde gehen. Vielfach sind es schlecht isolierte Häuser und Wohnungen, in denen sich jetzt die Hitze staut. So ist unter den Todesopfern eine 90-jährige Heimbewohnerin, die in Orly bei Paris an Überhitzung starb. Sie hatte, als sie starb, eine Körpertemperatur von 41 Grad, wie die Behörden mitteilten.


Grab eines Hitzetoten: Vor einem Jahr starb der Hamburger Arzt Karl-Reiner Fabig. Am heißesten Tag Ende Mai 2005 brach er zuhause zusammen und starb. Er war Dioxin-Experte, Neurotoxikologe und Vorsitzender des Umweltausschusses der Hamburger Ärztekammer. Alle Fotos dieses Artikels: Harald Haack. © Copyright 2006.

Ritter vom Blitz getroffen
Auch in Schweden hatte es in diesem Sommer wochenlang nicht mehr geregnet. Dann gingen schwere Gewitter und Hagelstürme über zahlreiche Gebiete Skandinaviens nieder. Sonderbar ist, dass ein 51jähriger Schwede trotz des Gewitters in eine Ritterrüstung stieg. Dermaßen verkleidet wurde er von einem Blitz getroffen. Er starb anschließend.

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Südamerika: Normalität im Fußball

Karl Weiss – Während die brasilianische Fußball-Fangemeinde immer noch am Auftreten ihrer „Seleção” bei der WM kaut, ist inzwischen in Südamerika wieder Normalität eingezogen. Nicht nur die brasilianische Meisterschaft (und der Pokal) haben nach der Unterbrechung während der Weltmeisterschaft wieder Fahrt aufgenommen, auch das unterbrochene Turnier „Libertadores“, das Gegenstück zur „Champions Leage“, wird weitergeführt.

Die brasilianische Meisterschaft bewies erneut, daß sie eine Reihe wirklich sehenswerter Spiele zu bieten hat. Eines davon war am vergangenen Sonntag das Auftreten des großen Teams von Fluminense Rio de Janeiro im Süden des Landes bei Gremio Porto Alegre, das 4:4 ausging. Zunächst legte Gremio zwei Tore vor, dann drehte Fluminense das Spiel bis zu 4:2 und danach holte Gremio noch bis zum Unentschieden auf.

Hochklassiger offensiver Fußball, viele Torszenen, viele Tore, darunter ein fulminantes Fernschuß-Tor und eine direkt verwandelte Ecke von Petkovic, alles was ein Fußballfan-Herz begehren mag – im Gegensatz zum Auftreten der brasilianischen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM.

Die „Copa Libertadores“ war wegen der Weltmeisterschaft nach den Hinspielen des Viertelfinals unterbrochen worden. Drei der vier Rückspiele wurden am Dienstag, dem 18. und Mittwoch, dem 19. Juli ausgetragen. Das paraguayanische Team von Libertad überraschte in Assunção durch einen Sieg gegen den Favoriten River Plate Buenos Aires. Der Gegner wurde im Spiel zwischen International Porto Alegre (der Lokalrivale des oben genannten Gremio) und dem equatorianischen Team LDU im brasilianischen Süden ermittelt. International gewann 2:0 und qualifizierte sich.

Das dritte Spiel war eine der „heißen“ Begegnungen, die es jedes Mal zwischen argentinischen und brasilianischen Mannschaften gibt. Estudiantes Buenos Aires hatte im Hinspiel vor der Weltmeisterschaft zu Hause Weltcup-Gewinner F.C. São Paulo mit 1:0 besiegt. Das Rückspiel also nun in São Paulo.

Nach einem nervösen Spiel auf mäßigem Niveau konnte São Paulo ebenfalls mit 1:0 dominieren, so daß ein Elfmeterschießen entscheiden mußte. Das gewann São Paulo mit 4:3, nachdem jeweils ein Spieler danebengeschossen hatte und São Paulos Torhüter Rogerio Ceni (das ist der Reserve-Nationaltorhüter, der bei der WM im Spiel gegen Japan im Tor stand) einen der argentinischen Bälle halten konnte.

Die Argentinier reklamierten, Ceni habe sich zu früh bewegt, aber es half nichts. Diese Sache mit der Bewegung der Torhüter muß die FIFA schleunigst klären. Fast alle Torhüter bewegen sich vor dem Schuß, nur selten werden deshalb Elfmeter wiederholt. Entweder muß rigoros durchgesetzt werden, daß keinerlei Bewegung vor dem Schuß erlaubt ist, oder man gibt Bewegungen auf der Linie oder sogar im 6-Meter-Raum frei.

Da die Torhüter praktisch keine Chance haben, wenn ihnen keine Bewegung erlaubt ist, wäre die Freigabe von Bewegung auf der Linie eine annehmbare Lösung. Ein Elfmeter soll ja nicht bereits gleichwertig einem Tor sein. Nur das ‚Nach-vorne-stürmen’ würde dann abgepfiffen.

Als letztes Viertelfinale fand am 20.Juli noch das Rückspiel der beiden am stärksten eingeschätzten Mannschaften des Turniers an, zwischen Velez Sarsfiel Buenos Aires aus Argentinien und Chivas Guadalajara aus Mexiko. In Guadalajara konnte Velez ein 0:0 herausholen und war nun zu Hause im Vorteil. Aber, wie die Dinge im Fußball sind, es kam anders. Chivas konnte in Buenos Aires einen Sieg mit 2:1 verbuchen, was erneut die herausragende Stellung dieser Mannschaft belegt. Velez hatte bis dahin keine einzige Niederlage in der „Libertadores“ hinnehmen müssen, schon gar nicht zu Hause.

Damit sind nun alle argentinischen Clubs ausgeschieden, wie auch schon im Vorjahr. Velez Sarsfield war dieses Jahr einer der Topfavoriten für den Cup. Dagegen sind – ebenfalls wie im Vorjahr – noch zwei brasilianische Vereine in den Halbfinalen vertreten. Es wäre allerdings eine echte Überraschung, wenn es diesmal wieder ein rein brasilianisches Finale – wie im letzten Jahr – gäbe.

São Paulo war in der gleichen Gruppe wie der mexikanische Vertreter Chivas, auf den sie jetzt wieder im Halbfinale stoßen. Beide Gruppenspiele, sowohl zu Hause als auch in São Paulo, hat Chivas gewonnen. São Paulo kam nur als Gruppenzweiter weiter. Für São Paulo war jene Niederlage gegen Chivas zu Hause die erste Heimniederlage in der „Libertadores“ im Morumbí-Stadion (das zweitgrösste brasilianische Stadion nach dem Maracanã) seit 19 Jahren.

Nach der Logik müßte dieses Jahr Chivas dominieren und zum ersten Mal einen mexikanischen Verein zum „Südamerika-Meister“ machen – eigentlich sind die mexikanischen Clubs ja nur eingeladen, denn Mexiko gehört ja zu Nordamerika. Aber was will Logik schon im Fußball sagen, indem man mit fast reinem Catenaccio Weltmeister werden und mit einer Altherrenmannschaft ins Weltmeisterschaftsendspiel kommen kann.

Bereits nächste Woche werden die Halbfinal-Hinspiele ausgetragen. Sie finden in São Paulo bzw. Assunção statt.

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Afrika-Reisende: Bitte melden Sie sich!

Harald Haack – Sie waren vor kurzem in Afrika? Und sie sind am 10. Juli 2006 mit Brussels Airlines, Flug SN 207, von Freetown (Sierra Leone) über Abijan (Elfenbeinküste) nach Brüssel geflogen? Dann könnten Sie sich mit dem gefährlichen Lassa-Fieber infiziert haben. Zu Ihrer eigenen Sicherheit, der Sicherheit ihrer Verwandten und Freunde und Nachbarn und natürlich auch zur Sicherheit aller in Europa lebender Menschen wie auch in anderen Teilen der Welten lebenden Menschen sollten Sie sich sofort unter der Telefonnummer 0172 6955458 melden – auch dann, wenn sie glauben noch nicht erkrankt zu sein.

Falls Sie zu den betreffenden Flug-Passagieren gehören, so sind Sie zusammen mit einem 70jährigen Unfallchirurgen geflogen, bei dem Ärzte der Uni-Klinik Münster jetzt das seltene, aber sehr gefährliche Lassa-Fieber festgestellt haben.

Doch keine Panik!

Das Lassa-Fieber kann zwar von Mensch zu Mensch übertragen werden, aber eine Übertragung der Virusinfektion ist zunächst nur bei direktem Kontakt mit Blut, Urin, Speichel oder Rachensekreten möglich.

Die Chancen für eine Infektion mögen sicherlich gering erscheinen, doch nehmen wir einmal an, der an Lassa-Fieber erkrankte Flug-Gast hatte eine „feuchte Aussprache“ als er die Flugbegleiterin um einen Drink bat. Oder er war mit anderen Passagieren in ein angeregtes Gespräch verwickelt. Dann wird er Sie zwar nicht mit seinem Blut oder seinem Urin bespritzt haben, doch sein Speichel und seine Rachensekrete könnten als Tröpfchen durch die Luft durch die Passagier-Kabine geschwebt sein und Sie getroffen haben.

Mediziner gehen davon aus: Erst wenn ein Patient Atemwegsbeschwerden habe, könne eine Ansteckung auch über die Atemwege erfolgen. Doch der erkrankte Afrikaner habe bei den Flügen angeblich noch keine Beschwerden an den Atemwegen gehabt.

Jedoch wir Menschen gewöhnen uns schnell an Beeinträchtigungen unseres Wohlbefindens. Treten Minderungen auf, so halten wir sie oft für schnell vorübergehende „Zimperlein“ und vergessen sie schnell wieder. Und wenn wir dann vom Arzt nach der Historie unserer Gesundheit gefragt werden, können wir uns im Prinzip an nichts dergleichen mehr erinnern. Deshalb ist es wichtig, dass alle Kontaktpersonen des erkrankten Afrikaner identifiziert werden. Also: Bitte melden Sie sich, falls Sie in einen der oben aufgelisteten Flieger saßen.

Übrigens: Sie könnten auch etwas gewinnen, wenn Sie sich als Betroffene oder Betroffener melden – nämlich die Rettung Ihres Lebens.

Lassa-Fieber-in West-Afrika – Fragen an Prof. Schwarz
Ein Infektionsfall in Deutschland im Jahr 2000 – Mann an Lassa-Fieber gestorben

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Überraschung bei den brasilianischen Präsidentschaftswahlen?

Karl Weiss – Soeben ist die letzte Wählerumfrage des angesehenen brasilianischen Instituts „DataFolha” zur Präsidentenwahl im Oktober herausgekommen. Lula liegt demnach bei 44%, der Gegenkandidat der konservativen (noch konservativeren) Opposition Alckmin bei 28% und die Senatorin Heloísa Helena bei 10%.

Kein anderer Kandidat kommt auf mehr als 1%. Dazu kommen mit 7% jene, die nicht wählen bzw. einen „weißen” oder ungültigen Wahlzettel abgeben wollen. (In Wirklichkeit gibt es in Brasilien keine Wahlzettel mehr. Das ganze System ist auf Wahlcomputer umgestellt, die wie die meisten in den USA auch, keinerlei Ausdruck herstellen und somit eine Nachprüfbarkeit unmöglich machen. Wahlfälschung ist damit Tür und Tor geöffnet. Aber das ist heute nicht das Thema.)

Die Überraschung dieser neuen Umfrage sind die 10% von Heloísa Helena. Sie ist eine Art von brasilianischem Lafontaine. Bereits bei der Juni-Umfrage war sie mit 6 % als wichtigste Kandidatin der „kleinen“ Parteien aufgefallen, aber das hätte ein Ausreißer sein können. Mit den 10% der jetzigen Umfrage ist das auszuschließen. Natürlich heißt das noch lange nicht, daß sie bei den Wahlen 10% erreichen wird. Es sind noch fast drei Monate bis zu den Wahlen. Da kann noch viel geschehen.

Trotzdem Sieg
Trotzdem ist es bereits jetzt ein Sieg für sie, auf diese 10% gekommen zu sein. Das wären hochgerechnet auf etwa 100 Millionen brasilianische Wähler glatte 10 Millionen Brasilianer. Die symbolische Bedeutung dieser Zahl kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die faktische Bedeutung ist, daß damit ein zweiter Wahlgang in den Bereich des Möglichen rückt.

Seit Umfragen zu dieser Wahl durchgeführt werden, hat Präsident Lula immer mit so weitem Vorsprung geführt, daß er demnach im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit rechnen konnte und damit keine zweiter Wahlgang nötig wäre.

Nun aber ist die Möglichkleit, daß er unter 50% der abgegebenen gültigen Stimmen kommt, rechnerisch in den Bereich der Schwankungen der Umfrage gerückt. Entsprechend feierten die konservativen Parteien, die sich allesamt hinter dem Kandidaten Alckmin versammelt haben, bereits einen abzusehenden 2. Wahlgang zwischen Lula und Alckmin.

Tendenz nationales von sich zu geben
Der Vergleich von Heloísa Helena mit Lafontaine ist nicht ganz gerecht, denn sie hat keinen einzigen schwarzen Fleck auf ihrer Weste aufzuweisen, während Lafontaine bereits SPD-Vorsitzender und Kanzlerkandidat war, mitverantwortlich für die praktische Abschaffung des Asylrechts in Deutschland ist und eine Tendenz hat, Nationales von sich zu geben.

Aber ebenso wie Lafontaine war sie lange Zeit in der großen sozialdemokratischen Partei (in Brasilien die PT) und vertritt heute die Positionen, von denen sie sagt, sie stünden immer noch im Programm der PT, in der kleinen PSOL (Partei des Sozialismus und der Freiheit, die Abkürzung enthält gleichzeitig das Wort sol = Sonne).

Heloísa Helena ist bei weitem die bekannteste linke Persönlichkeit in Brasilien. Sie ist eine kleine, schlanke Person, sieht weit jünger aus als sie ist (sie ist 43 und wirkt wie 25) und hat eine Persönlichkeit von gigantischer Größe. Sie wuchs im bettelarmen Nordosten Brasiliens auf, im Bundesstaat Alagoas. Ihre Mutter war Näherin und „nähte sich die Hände wund“, um sie und ihren Bruder durchzubringen, nachdem Heloísas Vater bereits gestorben war, als sie noch klein war.

haare bis zum Knie
Als Kind war sie so krank, daß zu befürchten war, sie käme nicht durch. Rachitis, Asthma und Nierenprobleme. Ihre Mutter machte einen Schwur, der Kleinen die Haare nicht zu schneiden, wenn sie es bis zum 9. Lebensjahr schaffen sollte. Zu diesem Zeitpunkt erreichten ihre Haare die Knie. Seit damals sind die langen Haare eines der Markenzeichen von Heloisa Helena. Sie trägt sie aber fast nie offen.Vielmehr bindet sie sie zusammen, wie das Tradition bei den armen Frauen des brasilianischen Nordostens ist.

Sie ist diplomierte Krankenschwester und hat einen Lehrstuhl für Epidemiologie an der staatlichen Universität ihres Heimatstaates (von dem sie als Senatorin momentan ohne Bezüge freigestellt ist).

1985, noch während der Militärdiktatur, trat sie ins Lulas PT ein. In die Politik ging sie, wie sie sagt, um die ‚Usineiros’ beschimpfen zu können. In den Gegenden mit viel Zuckerrohranbau, so wie Alagoas, haben die Großgrundbesitzer, die Oligarchen der Region, nicht nur riesige Ländereien, sondern auch Zuckerfabriken (Usinas) und werden daher ‚Usineiros’ genannt.

Sie war als Stellvertretende Bürgermeisterin 1992 Teil des Teams, das sensationell die etablierten Kräfte in der Kommunalwahl in Maceió, der Hauptstadt von Alagoas, besiegte. 1994 zog sie als Bundestagsabgeordnete für Alagoas ins Parlament ein. 1998 schließlich wird sie zur Senatorin gewählt (in jedem Bundesstaat gibt es nur zwei Senatoren), einer der ersten Senatorenposten für die PT überhaupt.

Persoenliche Angriffe
Seither ist sie im Senat eine der beredesten Stimmen und wird von allen Reaktionären angefeindet. Mit Vorliebe werden persönlichste Angriffe tief unter der Gürtellinie benutzt. So behauptete zum Beispiel einer der wichtigsten Führer der Reaktionäre, Antonio Carlos Magalhães, kurz ACM genannt, ein getreues Abbild von Franz-Josef Strauss auf brasilianisch, er habe Einblick in die (geheimen) Wahlzettel gehabt, als der Senator Louis Estevão trotz eindeutiger Vergehen nicht seinen Senatorensitz abgesprochen bekam. Heloísa Helena habe gegen die Aberkennung gestimmt. Sie sei mit Estevão ins Bett gegangen.

Heloísas Kommentare: „Louis Estevão ist nicht mein Typ. Reiche und ordinäre Männer bringen mich zum Kotzen.“ „Das ist das Gewäsch von Hurenböcken am Bartisch.“

Bevor sie in das Plenum des Senats geht, bringt sie sich mit dem Zitieren von Psalmen in Form. „Ich brauche Schutz im Plenum. Mir laufen da die kalten Schauer herunter mit diesen Parasiten.“

Sie attackierte heftig die neoliberale Politik des damaligen Präsidenten Cardoso. Sie war überzeugt, so etwas könnte es unter einer PT-Regierung nicht geben. Welche Illusion!

2002 waren nicht nur Präsidentenwahlen (bei denen dann Lula gewählt wurde), sondern auch Gouverneurswahlen (die Gouverneure sind, wie in den Vereinigten Staaten, die Ministerpräsidenten der Teilstaaten, direkt vom Volk gewählt). Heloísa Helena sollte als Kandidatin für den Gouverneursposten in Alagoas aufgestellt werden und wäre nach den Umfragen auch gewählt worden. Aber die PT beschloß ein Wahlbündnis mit der PL (Liberale Partei). Heloísa Helena weigerte sich, für diese Koalition zu kandidieren. „Die PL repräsentiert in Alagoas genau jene Kräfte, gegen die ich angetreten bin.“

Sie wurde erneut in den Senat gewählt. Dann wurde nach Lulas Amtsantritt Anfang 2003 klar, daß er exakt die gleiche „neoliberale ökonomische Poltik vertieft, die von Collor angefangen und von FHC (Präsident Cardoso) weitergeführt wurde“.

Eklat bei der „Rentenreform“
Es kam zum Eklat bei der „Rentenreform“, sprich Kürzung von Renten und Rentenansprüchen. Heloísa weigert sich, für so etwas zu stimmen. Die PT verlangt Fraktionsdisziplin und droht mit Ausschluß. Das würde das Ende der politischen Karriere Heloísas bedeuten – jedenfalls aus der damaligen Sicht.

Sie, zusammen mit einigen wenigen Parlamentsabgeordneten der PT, bleibt standhaft. Vielen ist noch die Rede in Erinnerung, die sie damals, 2003, im Senat hielt, um ihre Nein-Stimme zu begründen. Mit Tränen in den Augen und zeitweise brechender Stimme verteidigte sie sich gegen die wutschnaubenden Angriffe der „Fürsten“ iher eigenen Partei, allen voran José Dirceu, heute bereits überführter Krimineller. Sie legt dar, daß sie es ist, die den Grundsätzen der Partei treu geblieben ist und daß die Partei das Volk verraten hat, belegt 10 Minuten lang mit Zitaten, daß die PT genau dies in all den Jahren vorher angeprangert hat und ausgeschlossen, daß sie selbst es machen würde.

Bezüglich der Drohung, sie aus der PT auszuschließen, sagte sie: „Es ist als würden sie mir mein Herz aus dem Leib reißen – sie können mir nicht die besten Jahre meines Lebens zurückgeben, die ich geopfert habe, um diese Partei mit aufzubauen.“ Nach diesen Worten trat eine Stille von fast einer Minute ein, während der die Rednerin nicht mehr in der Lage war, weiterzusprechen und verschiedentlich Schluchzer zu hören sind, von ihr, von anderen Senatoren und auch von Angestellten des Senats.

Protest-Demonstrationen gegen die Rentenreform
Ihr Protest blieb nicht nur bei Worten. Sie reihte sich damals auch in die Protest-Demonstrationen gegen die Rentenreform ein. Die Polizei im Auftrag Lulas löste einer der Demonstrationen mit Heloísa Helena an der Spitze mit brutaler Gewalt auf und verletzte die Senatorin ernsthaft. Seitdem kann sie wegen eines kaputten Knies nicht mehr die Langstreckenläufe machen, mit denen sie sich vorher entspannte.

Sie wurde zusammen mit den Bundestagsabgeordneten aus der PT ausgeschlossen, die gegen die neoliberale „Reform“ gestimmt haben. Sie gründete später zusammen mit ihnen die PSOL, die nun zu diesen Präsidentenwahlen zusammen mit den Überresten der alten Kommunistischen Partei und den Trotzkisten mit ihr als Spitzenkandidatin antritt.

Insoweit gibt es also schon auch Parallelen zu Lafontaine und auch die 10% in den Umfragen treffen ja etwa das, was die Linkspartei in den Umfragen vor der Bundestagswahl hatte.

Wäre Heloísa an einer persönlichen Karriere interessiert, hätte sie nun als Kandidatin für den Gouverneursposten in Alagoas antreten können, wo sie wahrscheinlich gewählt worden wäre. Sie opferte sich aber mit einer Präsidentschaftkandidatur, um die neue Partei bekannt zu machen und schafft so – wie die Umfragen zeigen – die dringend benötigte Alternative links von der PT.

Vielleicht knallen bei Brasiliens Konservativen zu früh die Sektkorken, wenn sie feiern, daß sie nun mit Lula in den zweiten Wahlgang kommen können, aber nicht sehen, daß da etwas heranwachsen könnte, das ihnen weit mehr Kopfzerbrechen bereiten dürfte als vier weitere Jahre Lula.

In Kürze beginnt in Brasilien die offizielle Wahlwerbung am Fernsehen. Die einzelnen Parteien bekommen dabei innerhalb der halbstündigen Sendungen dreimal am Tag soviel Minuten zugeteilt, wie es ihrem Stimmanteil bei den letzten Wahlen entspricht. Auf dieser Basis hat Alckmin deutlich mehr als die Hälfte der Sendezeit, Lula deutlich weniger und Heloísa nur Sekunden.Ihr Kommentar dazu: „Wie gut, daß ich wegen meinem Asthma gelernt habe zu reden ohne Luft zu holen.“

Zwar schwören die Brasilianer Stein und Bein, daß sie diese Wahlpropraganda gar nicht ansähen und überhaupt nicht beeinflußt würden, aber die Entwicklungen der Umfragen nach Beginn der Fernsehwerbung hat bisher noch immer das Gegenteil bewiesen. Die monatelange Wiederholung von Bildern von glücklichen Familien, die der Sonne entgegen laufen in Verbindung mit dem Bild eines Kandidaten hat Einfluß, ob man will oder nicht.

Aber wer weiß, vielleicht beweisen die Brasilianer diesmal genausoviel politische Reife wie die Deutschen im letzten Jahr und geben Heloísa 8 bis 10 % der Stimmen?

Sie hat übrigens schon angekündigt, daß sie nach einer Niederlage (und etwas anderes wäre ein politischer Tsunami) an ihren Arbeitsplatz als Hochschullehrerin in Maceió zurückkehren wird.