SATIRE

Guttenberg und die Wahrheit – Das Märchen vom ehrlichen Karl

Sonja Wenger – Gutenberg, äh, Guttenberg, Guten Tag», witzelte das SWR3-Radio kürzlich über die Plagiatsaffäre um Deutschlands Verteidigungsminister Baron Karl Theodor von und zu und vielleicht auch nach Guttenberg. Und da Titel heutzutage wieder wichtig zu sein scheinen, titelte das Magazin «Der Spiegel» Ende Februar «(Dr.) Guttenberg und die Wahrheit – Das Märchen vom ehrlichen Karl».

Die «Bild»-Zeitung schlug sich wie immer auf die Seite des Titel-, Verzeihung, Rechtlosen und titelte: «Gut – Guttenberg bleibt». Die «Süddeutsche Zeitung» wiederum titelte zurückhaltender, widmete «Gutti» aber genüsslich viele Seiten mit Berichten, Analysen, Kommentaren. «Es ist eine Verschwörung von Neidern», brüllten deshalb die Anhänger, denn der sonst so gerne benutzte Terminus «Gutmensch» für die
echten und vermeintlichen Feinde hat in diesem Fall einen ungünstigen Beiklang – abgesehen davon, dass sich der Beschuldigte mit untrüglich fehlendem gesellschaftlichen Gespür stets aufs neue selber lächerlich macht.

Nun gut (Ha!), es sind harte Zeiten für Fans. In Windeseile entstanden Dinge wie «GuttenPlag Wiki» und echte Satire: Endlich hat Deutschland wieder etwas, über das es sich echauffieren kann.

Es ist aber auch kein Wunder. Schliesslich werden noch so «bedrückende» Themen wie – Achtung: angepasstes Plagiat! – «der Streit über Hartz IV, die Bildungsarmut vieler Kinder und der Aufruhr zwischen Algerien und Iran» irgendwann irgendwie langweilig – besonders, wenn es zu viele Titel dazu gibt.

Apropos langweilig: Was macht eigentlich Paris Hilton – ausser sich die Geburtstagstorte klauen zu lassen? Das Mädel ist in den einschlägigen Tratschspalten inzwischen unter ferner liefen abgeklatscht. Sie wurde klammheimlich abgelöst von einer Myriade jüngerer Mädels, die – man fasst es kaum – noch uninteressanter sind: Fast erwachsene Töchter aus berühmtem Hause, Model-Frischfleisch, Dauerschwangere, Ewigverlobte und Frischgeschiedene dominieren die bunten Blätter. Und nicht einmal die mit echten Titeln kriegen echte Skandale hin – mal abgesehen davon, dass kaum jemand noch weiss, was ein echter Skandal überhaupt ist. «Diana-Gate» ist schliesslich lange her.

Heutzutage werden hierzulande vom «Medien- Biest» Bagatellen zu Pseudo-Skandalen aufgebauscht, während anderswo die hochgetitelte Revolution schon wieder zusammengeschossen wird. Aber eben: In unserem wattierten und von der Grenzschutztruppe Frontex bewachten Europa können wir es uns leisten, täglich den Hochzeitscountdown von William & Kate auszuzählen, während im Rest der Welt Diktatoren, Wahlfälscher, Könige und Könige der Könige ihre Völker mit Waffen, Hunger und Dummheit im Mittelalter halten. Aber wahrscheinlich glauben sie, dass damals Titel noch was wert waren.

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