Israel

Der mysteriöse Fall des vom Mossad gekidnappten Ingenieurs Dirar Abu Sisi

Dr. Alexander von Paleske— 7.4. 2011 —
Vater der Raketen“ lautet die Schlagzeile in der gestrigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Andere Printmedien warten mit ähnlichen Sensationsmeldungen auf.
Hintergrund: Das Kidnapping des stellvertretenden Direktors des Wasserwerks in Gaza, Dirar Abu Sisi am 18 Februar 2011 in einem Zug auf dem Weg nach Kiew in der Ukraine durch den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad, und seine Verschleppung in ein israelisches Gefängnis einen Tag später, wir berichteten darüber.

Ehefrau alarmiert Öffentlichkeit
Der Entführungs-Skandal kam erst ans Tageslicht, als sich die Ehefrau des Entführten, die gebürtige Ukrainerin Veronica Sisi, und der Bruder, ein niederländischer Staatsbürger, an die Presse wandten.

Erst fünf Wochen später, am 21. März 2011, bestätigten die Behörden in Israel, dass sich Dirar Abu Sisi in einem israelischen Gefängnis befindet. In der Zwischenzeit hatte ein israelisches Gericht ein Verbot verhängt, über den Fall zu berichten.

In der vergangenen Woche nun erklärte der israelische Ministerpräsident Netanyahu, die Festnahme von Abu Dirar Sisis sei gerechtfertigt, weil er Hamas-Mitglied sei.
Israels Verteidigungsminister Ehud Barak ergänzte: Die Festnahme sei gerechtfertigt, weil Abu Sisi über wichtige Informationen verfüge, welche die Sicherheit Israels gefährden könnten.

Von Mordversuchen, Mord und Mitarbeit an den Raketen, die fast täglich auf Israel abgefeuert werden, keine Rede, und das nach fünf Wochen Verhör.

Wo ist Gilad Schalit?

Vielmehr stand ganz offensichtlich im Vordergrund das vermutete Wissen Abus Sisis über den Aufenthaltsort des von der Hamas gefangen genommenen israelischen Soldaten Gilad Schalit.

Abu Sisi hat offenbar in den Vernehmungen, und vor Gericht, nicht nur die gegen ihn erhobenen Vorwürfe der Hamas-Kontakte, ebenso wie seine Anwältin, und seine Ehefrau zurückgewiesen, sondern auch jegliche Kenntnis über den Aufenthaltsort Schalits verneint.

Während die Presse bereits von einem Riesenflop des Mossad sprach, hat nun der Inlandsgeheimdienst Shin Bet am vergangenen Montag das Anklagematerial dem Gericht präsentiert.
Plötzlich heißt es: Vollendeter Mord, versuchter Mord in unzähligen Fällen, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung pp.

Raketenbauer – oder Bauernopfer zur Skandalvertuschung?
Abu Sisi wird jetzt vorgeworfen, an der Weiterentwicklung von Raketen und Minen der Hamas beteiligt gewesen zu sein. Das Wissen habe er sich während eines Studiums an einer Militärhochschule in der Ukraine angeeignet.

Die deutsche Presse hat diese Anklagevorwürfe als Sensationsmeldung gebracht, obwohl erhebliche Zweifel angebracht sind:

1. Obgleich Dirar Abu Sisi bereits fünf Wochen lang verhört worden war – und bei den Verhörmethoden ist Israel keineswegs zimperlich – war in den Stellungnahmen von Barak und Netanyahu in der vergangenen Woche nichts von derartigen Anschuldigungen zu hören gewesen.

2. Man hätte erwarten können, dass die israelische Regierung dies als große Sensationsmeldung herausposaunt: Palästinensicher Raktenkonstrukteur, der „Eichmann aus Gaza“, endlich gefasst.

Man hätte es umso mehr erwartet, als diese Anschuldigungen ja der Grund für das Kidnapping gewesen sein sollen.

Nachschieben von Vorwürfen?
Hat man das Kidnapping also auf bloßen Verdacht hin unternommen, um dann über ein Geständnis die Anklage nachschieben zu können, zumal Israel bei Verhören nicht vor Folter zurückschreckt? Oder handelt es sich um eine getürkte Anklage?

3. Israel verhaftet normalerweise keine Bombenbauer , sondern lässt sie über den Mossad, den Inlandsgeheimdienst Shin Bet oder die Armee umbringen, wie z. B, den Konstrukteur der Atomkanone, Gerald Bull, den Bombenkonstrukteur der Hamas Adnan al Ghoul, oder Jahja Ajjasch der mit einem präparierten Handy durch Fernzündung getötet wurde.

Die Tötungen sollen auch Schrecken verbreiten und andere von derartigem Tun abhalten.

4. Vor den Raketenbau-Vorwürfen war nur von Gilad Schalit die Rede gewesen, dessen Freilassung über einen Gefangenenaustausch die Regierung Israels strikt ablehnt, sondern stattdessen eine Befreiungsaktion durchführen will, für die sie aber den genauen Aufenthaltsort Schalits wissen muss. Eine Befreiungsaktion, bei der auch das Leben des Schalits aufs Spiel gesetzt wird.

Der Mossad hatte offenbar gehofft, dass Abu Sisi diesen Aufenthaltsort preisgibt, so er ihn weiss, und davon war der Mossad wohl überzeugt.

Aber Abu Sisi bestand darauf, dass er den Aufenthaltsort Schalits nicht kenne , und auch nicht über enge Kontakte zur Hamas verfüge.
Nun war die Entführung wertlos, denn selbst wenn jetzt Sisi den Aufenthaltsort preisgeben würde, so er es denn könnte, Schalit dürfte sich wohl kaum noch dort befinden. Ein Riesenflop.

Zusammengefasst spricht alles dafür, dass Israel mit dieser jetzt präsentierten Anklage, die offenbar auf wackeligen Füssen steht, zweierlei erreichen will:

1. Eine Riesenblamage zu vermeiden, dass nämlich das Kidnapping ein Riesenflop war

2. Mit dieser bombastischen Anklage dem Ingenieur klarzumachen, dass er nie wieder aus dem Gefängnis freikommen werde, es sei denn, er kooperiert mit den israelischen Behörden, die offenbar immer noch überzeugt sind, Dirar Abu Sisi weiss, wo Gilad Schalit gefangen gehalten wird, oder aber zumindest wichtige Informationen über die Hamas preisgeben kann.

Geheimprozess verhindert Nachprüfbarkeit
Da Abu Sisi in einem Geheimprozess angeklagt werden wird, bei dem Zeugen vom Hörensagen auftreten, und auch nur unter Codenamen, und wo Geständnisse, die mit Folter herbeigeführt wurden, Verwendung finden, wird sich vermutlich nie klären lassen, was hier Dichtung und was Wahrheit ist.

Derweil will eine ukrainische Delegation in der nächsten Woche nach Israel reisen, um Näheres zu erfahren. Die ukrainische Regierung und deren Geheimdienst bestreiten, mit dem Mossad in diesem Entführungsfall zusammengearbeitet zu haben, bzw. dem Mossad freie Hand gelassen zu haben.

Das Kidapping des Ingenieurs Abu Sisi , der beabsichtigte, mit seiner Frau und seinen sechs Kindern in die Ukraine auszuwandern, ist ein handfester Skandal – nicht der erste, für den der Mossad im Auftrag der israelischen Regierung verantwortlich zeichnet.

Ein Geheimdienst, der weder vor Mord, Piraterie und Entführung zurückschreckt, wenn es den vermeintlichen Interessen Israels dient.

Zum Mossad
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