Krieg

Liberale Wochenzeitung gibt Afghanistan-Krieg verloren

Dr. Alexander von Paleske — 2.10. 2011 —
Jahrelang hat die führende liberale Wochenzeitung Deutschlands, DIE ZEIT, für den Afghanistankrieg in mehreren Artikeln, gerade auch des Mit-Herausgebers Josef Joffe, die Trommel geschlagen, bis hin zu konkreten militärischen Tipps, wie dieser Krieg gewonnen werden kann.
Mit mehreren Artikeln haben wir das angegriffen, und das Fehlen substantieller Analyse kritisiert.

Wir schrieben am 6.2. 2010:
Mit-Herausgeber Josef Joffe meldete sich am 3. September 2009 zu Wort: „Krieg als Vorsorgeprinzip“
Zitat:
„Wir müssen in Afghanistan bleiben, zu unserem eigenen Schutz“
Also: Berlin wird in Kabul verteidigt. Als Vorsorge sozusagen. Eine Analyse der Verhältnisse in Afghanistan fehlt völlig. Die soziale Basis der Taliban und die Gründe für deren Erstarken werden in oberflächlichster Weise abgehandelt.
Und schliesslich das Resumee
„Der Machtkampf gegen die Taliban wird eher durch Kungeln als durch Kugeln entschieden. …Selbstverständlich muss diese (militärische) Herkulesarbeit von einem nationalen Versöhnungsprozess überwölbt werden, der auch diverse Taliban-Truppen einbezieht, denen Stammesinteressen näher sind, als der Koran.“

In die gleiche Kerbe hauen dann die Universalreporterin Andrea Böhm und ein Bernd Ulrich am 14 Januar 2010.
Titel: „So lange wie nötig“.

Wie in Joffes Artikel fehlt jegliche substantielle Analyse. Dafür wird pauschal als Klischee verdammt, aus der Vergangenheit zu lernen „Geschichte schreibt kein Diktat für die Zukunft“ . Da werden „Erfolge“ bei der Bekämpfung des Mohnanbaus berichtet, und gleichzeitig unterschlagen, wie katastrophal die militärische Lage durch den Zustrom, den die Taliban erhalten, mittlerweile geworden ist.

Dann wird dafür geworben, dass sich der Abzug der Bundeswehr nicht exakt bestimmen lässt, es könnten auch acht Jahre sein, das hänge von der Stabilität in Afghanistan ab. Und diese Stabilität hänge davon ab, ob die Afghanen einen Staat zu Gesicht bekommen, der, so hässlich er auch sein mag, eine minimale Grundversorgung sichern kann.

Der Schwenk des Josef Joffe
Nun heisst in einem Leitartikel der ZEIT von Josef Joffe am 8.9. 2011: „Der Krieg geht ins 11. Jahr, und er geht verloren“.


Josef Joffes Artikel

Als Gründe gibt Joffe an:

– Asymmetrische Kriegsführung, zu Beginn

– dann schlägt die Stunde der Guerilla

– Unterstützung der Guerilla durch die Zivilbevölkerung.

Es sind die gleichen Argumente, die seinerzeit auch während des Vietnamkrieges benutzt wurden, und sie sind heute so falsch wie damals, weil die sozialen Kräfte völlig unberücksichtigt bleiben, die den Guerillas überhaupt die Kriegführung ermöglichen.

Keine Kriegserklärung Afghanistans
Afghanistan wurde mit einem Krieg überzogen. Nicht das afghanische Volk hatte den USA den Krieg erklärt, sondern Al Qaida, die in Afghanistan Unterschlupf gefunden hatten.

Aber es wurde zu einem Krieg gegen die Afghanen, denn Al Qaida wich nach Pakistan und anderswo aus, der Krieg in Afghanistan fing jetzt jedoch erst richtig an.
.
Der damalige US-Präsident Bush machte von Anfang an klar, dass man nicht nach Afghanistan komme, um dem afghanischen Volk nach Jahren des Kampfes gegen die Okkupation durch die Sowjetarmee, und dann des Bürgerkrieges, auf die Beine zu helfen, etwas, das schon mit dem Abzug der Sowjetarmee 1989 verabsäumt wurde, die US-Botschaft in Kabul wurde seinerzeit geschlossen.

Grosse Teile der Bevölkerung, die das Regime der Taliban, satt hatten, merkten rasch, dass die neuen Herren wie die alten waren, bloss in neuer Verpackung: Statt Sowjetstern nun die Stars und Stripes, dazu der Union Jack, Schwarz-Rot-Gold und andere.

In imperialer Manier wurden die gewachsenen sozialen Strukturen der Afghanen ignoriert und ein Statthalter namens Karsai installiert.

Korruption und Vetternwirtschaft breiteten sich wie ein Krebsgeschwür überall aus.

Hochzeitsgesellschaften, ein Tanklaster in Kundus und vieles andere wurde das Ziel fehlgeleiteter ISAF- Angriffe.

Hinzu kamen Menschenrechtsverletzungen wie Folter von Gefangenen, der Einsatz von brutalen Söldnern, die in einem weitgehend rechtsfreien Raum operieren, und gezielte Tötungen durch US-Todesschwadronen, aufgedeckt durch Wikileaks..

Der Mohnanbau wurde durch Zerstörung der Mohnfelder beantwortet, und damit die Einkommensgrundlage vieler Bauern zerstört. Wirkliche Alternativen gab es nicht bzw. wurden nie entwickelt.

Die Taliban, die seinerzeit selbst den Mohnanbau untersagt hatten, konnten sich mit Angriffen auf diese „Zerstörungskommandos“ als Freiheitskämpfer profilieren.

Waren es 2005 noch 80% der erwachsenen Bevölkerung welche die militärische Präsenz der internationalen Streitmacht ISAF befürworteten, so sind es 2009 bereits weniger als 50%. Verstärkt noch durch die Opfer unter der Zivilbevölkerung als Folge des Krieges. Im vergangenen Jahr waren es 2775 Tote.

Taliban und Fische im Wasser
Die Taliban waren zu Beginn der Intervention in Afghanistan keineswegs wie „Fische im Wasser“, sondern das Wasser wurde erst durch Anstau geschaffen, und als diese Politik dann halbherzig korrigiert wurde – nicht aus Überzeugung sondern aus opportunistischen Gründen – war es längst zu spät.

Rückkehr der Taliban
Nach der fast vollständigen Vertreibung der Taliban im Jahre 2001 / 2002 konnten im Windschatten der ausbleibenden Aufbauhilfe und Armutsbekämpfung, die Taliban ihren Kampf um die Rückeroberung der Macht beginnen.

Anfang 2009 waren 40% des Landes entweder unter der direkten vollständigen Kontrolle der Taliban, oder galten zumindest als von den Taliban infiltriert.
Die Taliban hatten mittlerweile effektiv eine Parallelregierung errichtet.

Im Jahre 2005 waren es immerhin schon 11 Provinzen, die wieder einen de facto Taliban-Gouverneur hatten, im Jahre 2009 aber bereits 33 der 34 Provinzen.
Parallel damit gelang ihnen die Einrichtung von islamischen Gerichten, deren Urteile respektiert wurden.

Geld für die Kriegsmaschine, nicht zur
Armutsbekämpfung

Noch einmal seien hier die Zahlen wiedergeben:
Gesamtkriegskosten in Afghanistan 2001 bis Ende des Jahres 2011: rund 400 Milliarden US Dollar.

Soziale Lage der Bevölkerung: Unverändert miserabel.

– Das Land hat die dritthöchste Kindersterblichkeit in der Welt, mehr als 20% aller Kinder unter 6 Jahren sterben vor Erreichen des 7. Lebensjahres.

– 300.000 Kinder sterben jedes Jahr an Krankheiten und/oder Unterernährung, wobei die Unterernährung die Kinder wiederum anfälliger für Krankheiten macht.

– Die Zahl der Kinder, die wegen Unterernährung behandelt werden, sofern sie das Glück haben, eine Behandlungseinrichtung wie ein Hospital oder eine Krankenstation in erreichbarer Nähe zu haben, hat sich Jahr für Jahr erhöht, von 2100 im Jahre 2005 auf 7100 im Jahre 2008.

– Mehr als die Hälfte der Kinder unter 6 Jahren sind unterernährt

– Die Rate von akuter und schwerer Unterernährung bei Kindern liegt zwischen 6 und 10%, in einigen Gebieten bei 16%.

– Sauberes Trinkwasser fehlt in vielen Gegenden, nur 22% der Bevölkerung Afghanistans haben diesen „Luxus“ . Das Resultat sind Durchfallerkrankungen vor allem bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen.

– 35% der Haushalte haben keine ausreichende Kalorienzufuhr

– 12 Millionen Menschen haben ein Einkommen von weniger als 0.45 US Dollar pro Tag

– 42 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der absoluten Armutsgrenze. Selbst wenn Nahrung auf dem Markt erhältlich ist, können sich viele Familien die nicht leisten.

– Als Resultat stagniert die durchschnittliche Lebenserwartung bei 43 Jahren.

Erfolgsmeldung und Beschuldigungen
Gestern nun kam die „Erfolgsmeldung“, einer der Anführer des Haqqani – Netzwerks sei gefasst worden.
Dieses Netzwerk soll ausserdem vom pakistanischen Geheimdienst unterstützt werden.

Was steckt dahinter?

Nicht nur Pakistan, sondern auch die USA haben seinerzeit diese Netzwerke, einst Ex-Kämpfer gegen die Sowjet-Okkupation, logistisch und mit Waffen unterstützt.
Dieses Haqqani Netzwerk gehört zum Stamm der Paschtunen, einer Volksgruppe von 40 Millionen Menschen, die in sowohl in Afghanistan wie in Pakistan leben, eine der weltweit grössten Volksgruppen ohne einen eigenen Staat.

Bereits 2006 hatte die damalige pakistanische Regierung unter General Musharraf Stillhalteabkommen mit Talibangruppen geschlosssen. Die pakistanische Regierung wollte so vermeiden, dass der Konflikt von Afghanistan auf Pakistan übergreift. Das gelang jedoch nur teilweise.

Während bestimmte Taliban weiter auch in Pakistan bomben, hielt sich die Gruppe Haqqani offenbar an die Abmachungen, nach dem Motto: „Ihr lasst uns in Ruhe und wir lassen Euch in Ruhe“. Dieses Stillhalten ist auf Seiten Pakistans Teil einer Überlebensstrategie..


Siraj Haqqani, Chef des Haqqani-Netzwerks – Screenshot: Dr. v,. Paleske

Die Festnahme eines der Anführer der Haqqani-Gruppe ändert jedoch nichts daran, dass dieser Krieg für die USA und ihre Verbündeten verloren ist.

Oder brutaler ausgedrückt: Bundeswehrsoldaten wurden und werden in einem Krieg verheizt, der zunächst als Stabilisierungsmission bezeichnet, und angesichts der genannten politischen Fehlentscheidungen zu einem Krieg gegen die afghanische Bevölkerung wurde.


Werden verheizt: Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan – Screenshot: Dr. v. Paleske

Eine Bevölkerung, welche in ihrer Mehrheit die ISAF-Truppen lieber heute als morgen aus dem Lande haben will.

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2 Gedanken zu “Liberale Wochenzeitung gibt Afghanistan-Krieg verloren

  1. Die CIA und der Mohn Dass die Invasoren in Afghanistan den Opiumhandel geschwächt hätten, ist so nicht ganz richtig. Im Gegenteil. Die Taliban haben den Mohnanbau seinerzeit bei schweren Strafen verboten. Der weltweite Heroinumsatz sank dementsprechend. 2001 wurden aus Afghanistan gerade einmal 165 Tonnen Opium exportiert. Seit die CIA, der größte Drogendealer der Welt, in dem Land am Hindukush Fuß gefasst hat, ist der Export auf mehr als 6500 Tonnen pro Jahr explodiert.

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    1. Danke herzlichen dank für die Zahlen.
      Nur zur Anmerkung, im Text heisst es:

      Die Taliban, die seinerzeit selbst den Mohnanbau untersagt hatten……

      Sie haben völlig recht, mittlerweile ist Afghanistan wieder zu einem der grössten Opiumexporteure aufgestiegen.

      Gruss

      Dr. v. Paleske

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