Medizin

Irene – Wiedersehen mit einer Krebspatientin. Ein persönlicher Bericht

Dr. Alexander von Paleske — 4.10. 2011 — In der vergangenen Woche begrüsste mich eine junge Frau in meiner Ambulanz., ich konnte aber beim besten Willen mich nicht erinnern, sie jemals zuvor gesehen zu haben.


Irene N. — Photo: Dr. v. Paleske

Sie zog darauf ihre Behandlungskarte aus der Tasche, demnach war sie letztmalig 1997 von mir als Patientin gesehen worden. Sie war damals 7 Jahre alt. Als Diagnose war vermerkt worden: Nephroblastom, ein bösartiger Nierentumor, der nahezu ausschliesslich im Kindesalter auftritt.

Ich hatte im Jahre 1994 die Diagnose gestellt, sie hatte dann die übliche Chemotherapie zur Tumorverkleinerung bekommen, gefolgt von der operativen Entfernung des Resttumors und damit auch der befallenen Niere. Daran schloss sich die Bestrahlungsbehandlung an, gefolgt von einer mehrmonatigen sogenannten adjuvanten Chemotherapie, welche noch vorhandene, aber nicht darstellbare Tumorreste vernichten soll.

Zum damaligen Zeitpunkt hatten wir genügend Medikamente zur Krebsbehandlung zur Verfügung, auch die Bestrahlungsabteilung war durchgehend in Betrieb.
Mangels eines Kinderonkologen behandelte ich auch krebskranke Kinder.

Unerwartete Schwierigkeiten
Allerdings gab es einige unerwartete Schwierigkeiten:
Ich entliess die Patienten nach Abschluss der Bestrahlungsbehandlung und einem langen Gespräch, in welchem ich der Mutter bzw. den Eltern des Kindes erklärte, dass die Behandlung über ein weiteres Jahr weitergehen müsse, nach Hause.

Anders als bei den meisten Erwachsenen, die an Krebs litten, lief das jedoch schief. Denn statt zum vereinbarten Termin zur Fortsetzung der sogenannten adjuvanten Chemotherapie erschienen die Mütter mit ihrem Kind oftmals nicht – der Tumor war ja weg – insbesondere wenn sie eine lange Anreise hatten, und oftmals das Geld für die Busreise nicht vorhanden war.

Sie kamen dann nach etlichen Monaten zurück , nachdem sich bei dem Kind ein Tumor-Rezidiv entwickelt hatte, der Tumor mangels Behandlung also wieder zurückgekehrt war. Und damit wurde auch aus einer heilbaren Erkrankung – die Heilungsrate beim Nephroblastom liegt, selbst mit den uns seinerzeit verfügbaren Medikamenten und Behandlungsmöglichkeiten bei über 80% – eine wesentlich schwieriger zu heilende, oftmals unheilbare Erkrankung.

„Kasernierung“ als Ausweg
Es gab also nur einen Ausweg: Die „Kasernierung“ für die gesamte Dauer der Behandlung. Keine leichte Entscheidung und auch nicht leicht durchzusetzen.

Regelhaft wurde ich nun nach Abschluss der Bestrahlungsbehandlung mit der Bitte der Mütter konfrontiert, sie doch wenigstens für ein Wochenende mit ihrem Kind nach Hause zu lassen.

Um den Therapieerfolg also die Heilungschancen nicht zu gefährden lautete meine Antwort regelmässig: die Mutter könne nach Hause gehen, aber ohne das Kind. Das ging oftmals nicht ohne Tränen ab, aber so gelang es uns, die Heilungsrate beim Nephroblastom – fast alle Patienten waren bei der Erstaufnahme in einem sehr weit fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung – auf 80% zu steigern. Und so machten wir es auch mit Irene, mittlerweile eine fröhliche junge Frau

Dass die Behandlung und Kasernierung keineswegs Freude bereitete machte mir einer meiner kleinen Patienten klar:
Es handelte sich um einen dreijährigen Jungen, der ebenfalls wegen eines Nephroblastoms (Wilms-Tumor) in Behandlung war:

Die Krankenschwester von der Station, die ihn gebracht hatte, war kurz zum Telefon gegangen, da schnappte sich der Knirps einen Stock, den er gefunden hatte, wartete, bis ich aus Versehen die Tür zu meinem Behandlungszimmer nicht ganz geschlossen hatte, und kam dann geschwind herein, um mir mit seinem Stock einen Hieb zu versetzen. Er hatte die Lacher auf seiner Seite.

Irene ist vom Nephroblastom geheilt. Allerdings fordern derartige Behandlungen ihren Preis: rund 8% der erfolgreich behandelten krebskranken Kinder werden sehr viel später erneut an Krebs erkranken.
Dieses Damoklesschwert hängt über ihnen, aber davon weiss Irene nichts, es würde ihrer Lebensfreude auch nur Abbruch tun, ohne dass sie den Gang der Dinge beeinflussen könnte

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