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Vor der Wahl: Berichte aus Griechenland, die keine Schlagzeilen mehr machen

Dr. Alexander von Paleske — 16.6.2012 —
Morgen wird in Griechenland gewählt. Fest steht bereits – unabhängig davon, wer die Wahl gewinnt – dass sich die soziale Lage in Griechenland weiter dramatisch verschlechtern wird.

Armut allenthalben
Schon jetzt wissen viele Griechen nicht mehr, wie sie über die Runden kommen sollen, und der erhebliche Rückgang der Touristen in diesem Sommer – geschätzt mindestens 25% – wird die Lage weiter verschlimmern.

Keine Schlagzeilen mehr
Aber es sind Berichte, die keine Schlagzeilen machen, die gleichwohl demonstrieren, was das aufgezwungene Kürzungspaket bereits jetzt konkret bedeutet:

Antonis Perris, arbeitsloser Musiker, 60 Jahre alt, kümmerte sich um seine Mutter, die an Alzheimer-Demenz erkrankt war. Sie in ein Pflegeheim zu bringen, kam für ihn nicht in Frage, und das wollte vor allem auch seine Mutter nicht. Die massive Kürzung der Rente seiner Mutter und der Sozialunterstützung reichte nach Abzug der Miete nicht einmal für den Kauf von Lebensmitteln.

Verzweifelt schrieb er in einem Chatroom:

„Ich habe kein Geld auf meinem Konto, der Kreditrahmen meiner Kreditkarte ist erschöpft, wir haben nicht genug zu Essen. Ich erlebe ein Drama ohne Ende. Hat jemand eine Lösung? Welt-Staatsmänner, ihr habt uns das eingebrockt, ihr gehört aufgehängt.“

Niemand konnte eine Lösung anbieten.

Mittelschicht und Suppenküche
Ähnlich wie Perris geht es mittlerweile vielen Griechen, selbst Mitgliedern der Mittelschicht.

Z.B. Helen Papoutsi, 49 , Krankenschwester, Professorentochter, die jetzt zum Essen in einer Suppenküche ansteht.

Sie haben meinen Lohn drastisch gekürzt, ich muss jetzt Überstunden machen, und trotzdem kann ich die Rechnungen für Miete, Strom und Wasser nicht mehr bezahlen“.

Antonis Perris sah keine Lösung mehr für sich und seine Mutter: Er sprang zusammen mit ihr vom Dach eines fünfstöckigen Apartmentblocks in den Tod.

Kinder in SOS Kinderdörfer
Familien brechen auseianander, Kinder, deren Eltern sie nicht mehr ernähren können, landen in Kinderheimen und SOS-Kinderdörfern. Dort, wo sonst nur Kinder aus zerrütteten Familien, von drogenabhängigen oder alkoholkranken Eltern hinkommen, wie CNN heute in einer Reportage berichtete.

Krankenhäuser vor dem Kollaps
Parallel dazu kommen Berichte, wonach die staatlichen Krankenhäuser praktisch vor dem Kollaps stehen:.

– Gips ist teilweise nicht mehr vorhanden.

– Operationen werden abgesagt.

– Arzneien fehlen, ebenso wie Katheter und Verbandsstoffe. Was fehlt müssen Angehörigen in Apotheken kaufen.

-Teilweise fehlt den Krankenhäusern selbst das Geld, um Essen für die Patienten zu kaufen. So müssen die Angehörigen das Essen ins Krankenhaus bringen

Da viele Patienten über keinerlei Barmittel verfügen, bleibt ihnen auch der Weg in die privaten Krankenhäuser versperrt.


Wie in einem Dritte Welt Land: Eine Nichtregierungsorganisation behandelt mittellose Patienten in einer Behelfsklinik.
Screenshot: Dr. v. Paleske

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Verantwortung durch Erinnerung
Nobelpreisträger Günter Grass hat gerade in einem Gedicht die Deutschen daran erinnert, dass Hitlers Armeen nicht nur Griechenland im 2. Weltkrieg überfallen hatten, sondern die Deutsche Bundesregierung seinerzeit auch mit dem faschistischen Obristen-Regime Papadopoulos / Pattakos zusammengearbeitet hat, das 1967 durch einen Putsch die Macht an sich riss, und erst 1974, nach einem Aufstand der Studenten in Athen, schliesslich abtreten musste.

BK Merkel zu Griechenland vor der Wahl
Bundeskanzlerin Merkel rührt das alles herzlich wenig. Sie lehnt unmittelbar vor der Wahl in Griechenland jegliche Änderungen am Sparpaket rigoros ab.

Originalton auf einer CDU-Konferenz in Hessen zum Thema Griechenland heute:

„Versprochen, gebrochen, nix passiert – so geht das in Europa nicht“.

Während der „Profi-Aufmischer“ Thilo Sarrazin durch Deutschland tourt, um sein neuestes Machwerk unters Volk zu bringen, „Europa braucht den Euro nicht“ stünde es in der Tat an, den Deutschen klarzumachen, dass wir noch viel mehr in der Pflicht stehen, als es Frau Merkel und Co aber auch Sarrazin uns glauben machen wollen: Nicht nur, aber auch moralisch und geschichtlich.

Europa könnte wegen der eingeforderten drastischen Sparmassnahmen auseinanderfallen – mit unabsehbaren Folgen.

Der Hass auf die deutsche Regierung, und damit schliesslich auch auf die Deutschen, und der rechte Populismus wachsen in südlichen Euro-Ländern.

Das ist in Wirklichkeit die grösste Gefahr für Europa.

Zu Griechenland
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Zu Sarrazin
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2 Gedanken zu “Vor der Wahl: Berichte aus Griechenland, die keine Schlagzeilen mehr machen

  1. Hr. Lieber Dr. von Paleske: wer sich wie Sie geschichtlich und moralisch zu irgendetwas verbunden fuehlt, dem sei es dahingestellt, aus eigener Tasche denjenigen zu helfen, die sich in selbstverschuldeter Not befinden. Wie waere es, wenn Sie sich jeden 1. Montag im Monat vor der Griechischen Botschaft Asche auf’s Haupt streuten und anschliessend die Haelfte Ihrer monatlichen Einkuenfte dort ablieferten? Ich bin ganz sicher, dass Ihre persoenliche Betyroffenheit so weit nicht reicht… Den Deutschen Steuerzahler, Sparer und Halter von Versicherungs- und Rentenanwartschaften hingegen zur Uebernahme fremder Schulden ohne sein erklaertes Einverstaendnis durch im Zuge der sogenannten Eurorettung unverantwortlich eigegangene Billionenbuergschaften zu zwingen ist und bleibt ein politisches Grossverbrechen, fuer das die Verantwortlichen in naher Zukunft werden auf Leben und Tod zu verantworten haben. Selten in der Geschichte hat sich ein Regime so sehr gegen die Interessen des eigenen Volkes vergangen wie das des heutigen EUtschlands.

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    1. Dagegen Ich verstehe sehr gut Ihre Einstellung. Ich denke. dass der SPEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein seinerzeit völlig recht hatte, als er gegen die Einführung des Euro anschrieb, und ihn als „Camembert-Währung“ bezeichnete. Zu einem Zeitpunkt, als Herr Sarrazin im Finanzministerium keinen Mucks sagte, sondern seine Karriere vorantrieb.
      Natürlich hätte Griechenland nicht in den Euroraum aufgenommen werden dürfen, aber Spanien und Italien standen ja wohl zu keinem Zeitpunkt in Zweifel. Und die haben und schaffen jetzt die grössten Probleme.
      Mehr noch: Die problemlose massenhafte Kreditaufnahme dieser Länder, abgesichert seitens der Kreditgeber, also den Banken, mit den finanziellen Massenvernichtungswaffen „Credit Default Swaps“ wurde ja durchaus beobachtet, fand ja keineswegs im Geheimen statt, eingegriffen wurde aber nicht. Auch ein Herr Sarrazin, seinerzeit als Bundesbanker, meldete sich nicht zu Wort.
      Dank dieser zügellosen Kreditaufnahme brummte dann die Wirtschaft in den GRIPS-Staaten, auch die deutschen Exporte dahin – ein Stohfeuer wie sich zeigen sollte..

      Jetzt sitzen wir sozusagen in der SCH… Deutschland weniger, andere Länder tief.

      Dass Europa den Euro nicht braucht, davon gehe ich auch aus, aber die Frage ist müssig, denn wir haben ihn, und ein Land nach dem anderen aus dem Euroverbund jagen, vielleicht sogar Frankreich? Wie soll das gehen?

      Die Frage ist jetzt: Wie lässt sich die Krise lösen, und wie kann dafür Sorge getragen werden, dass einzelne Länder, und vor allem deren Bevölkerung, nicht durch Hau-Ruck-Sparmassnahmen unter die Räder kommen. Ansonsten droht in der Tat der Zerfall Europas.

      Was fehlt ist nicht nur europäische Solidarität, es fehlt vor allem die Ehrlichkeit der Politiker, uns reinen Wein einzuschenken und uns auf härteste Zeiten vorzubereiten.

      Zum Abschluss: Ich arbeite seit 25 Jahren in Afrika. Von meinem geringen Einkommen würde es mir in der Tat schwerfallen, auch noch etwas nach Griechenland zu schicken.

      MfG

      Dr. v. Paleske

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