Medizin

Putenlaster-Unfall, kranke Puten und grüne Stellungnahmen zu schwarzer Zukunft

Dr. Alexander von Paleske – 7.7. 2012 —
Gestern verunglückte ein Tiertransporter auf der A7, beladen mit 1000 Puten, auf dem Weg zum Schlachthof. Viele Puten starben. Diejenigen aber, denen der Unfall eine kurze Freiheit beschert hatte, konnten offenbar ohne Probleme eingefangen werden.


Unfallstelle gestern

Das überrascht zunächst, denn man könnte erwarten, dass die Tiere, nach diesem Schockerlebnis und der Aufzucht in Gefangenschaft, sofort das Weite suchen würden.

Ein Video von der Unfallstelle

http://www.shz.de/index.php?id=160&tx_ttnews%5Btt_news%5D=2500718&no_cache=1

zeigt scheinbar geduldig an der Unfallstelle ausharrende Puten.

Das ist jedoch keine Überraschung, denn bei näherem Hinsehen zeigt sich: sie konnten sich – wenn überhaupt – nur mühsam fortbewegen. Einige konnten gar nicht aufstehen. Offenbar nicht nur als Unfallfolge, sondern auch das Resultat der Massentierhaltung.


Laufunfähige Puten an der Unfallstelle

Aus deutschen Landen frisch auf den Tisch
Nach dem Unfall meldeten sich unverzüglich die Tierschützer der Organisation PETA zu Wort:

Die überwiegend gezüchtete Putenrasse BUT 6 ist eine Qualzucht, weil – nach dem Kommentarwerk des Tierschutzgesetzes und nach wissenschaftlichen Ausarbeitungen – bis zu 97 Prozent der Turbomast-Puten am Ende der Mast nicht mehr richtig laufen können.

Dann besorgen die Tiertransporte offenbar weitere Quälschäden:

„Blutende Wunden und Knochenbrüche sind unter anderem die Folgen der todbringenden Tiertransporte.
Nachdem die Puten in qualvoller Enge in Mastbetrieben zusammengepfercht worden waren, geht die Qual auf dem Transport zum Schlachthof weiter. Bei so gut wie allen Fachleuten ist insbesondere die Putenproduktion extrem problematisch und stellt eine systembedingte Tierquälerei dar“.

Diese verkrüppelten, im Prinzip kranken Tiere, die nur mit Antibiotioka-Verabreichung es überhaupt bis zum Schlachthof schaffen, landen schliesslich als „leckeres Putenfleisch“ auf den Tellern der Verbraucher.

Zwei schwere Probleme – nur eine sachgerechte Lösung
Das Problem der Massentierhaltung kann jedoch nicht allein vom Aspekt der Tierquälerei aus gesehen werden, sondern muss mit ebensolcher Nachdrücklichkeit auch vor dem Hintergrund der zunehmenden Antibiotikaresistenz aus betrachtet werden, auf die wir immer wieder verwiesen haben.

Und die Zeit drängt, denn die alarmierende Zunahme der Antibiotikaresistenz der Bakterien, auch und gerade durch die Massentierhaltung mit ihrer zwangsläufigen Antibiotikaverfütterung, bedeutet eine enorme Bedrohung der erfolgreichen Behandlung von Infektionskrankheiten beim Menschen.
.
Beide zusammen verlangen dringend die Abschaffung der Massentierhaltung.

Was sagen die Politiker
Was die Pläne der Agrarministerin Ilse Aigner betrifft, so lassen diese sich auf die Kurzformel bringen: Wenig muss sich ändern, damit alles beim Alten bleibt. Überraschen kann das kaum.

Da müssten eigentlich die Grünen vom ihrem Anspruch her das Kontrastprogramm bieten.

Werfen wir also einen Blick auf deren Stellungnahmen zur Massentierhaltung und dann zur Antibiotikaresistenz:

Originalton grüne Ex-Bundes-Agrarministerin Renate Künast
Aus dem Munde von Renate Künast hört sich das so an:

Die Pläne von Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) sind gänzlich unambitioniert. . Nötig ist eine ganz neue Zielsetzung. Es muss aufhören damit, dass man Tieren „Schmerzen, Leiden und Schäden zufügen darf.“
Tiere sollten künftig so leben können, dass sie sich ihrer Art entsprechend bewegen und ernähren. Ich denke, das ist uns der Respekt vor den Tieren wert.

Das Problem der Antibiotikaverfütterung und damit der Resistenzentwicklung bleibt völlig aussen vor.

Keine klare Aussage im übrigen, also, dass diese „Ziele“ nur über eine Abschaffung der Massentierhaltung zu erreichen sind. Also ein „Herumgeeiere“ um die Hauptfrage.

Grüner Minister mit Kenntnisstand von gestern
Sehen wir uns nun an, was der grüne NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel am 3.7. 2012 von sich gab, als er eine Studie seines Ministeriums vorstellte, die nachwies, dass auch Rückstände von Antibiotika sich im Trinkwasser der Massentierzuchtbetriebe fanden, selbst wenn akut gar keine Antibiotika verfüttert wurden:

„Um es vorwegzuschicken: Auch die neue Studie des Verbraucherschutzministeriums besagt nicht, dass vom Geflügelfleisch in NRW eine Gesundheitsgefahr ausgeht.
Antibiotika an sich sind nicht das Problem. Wenn sie aber zu häufig und auch noch falsch eingesetzt werden, begünstigt das das Entstehen von multiresistenten Keimen. Das sind Krankheitserreger, die immun geworden sind gegen die gängigen Arzneimittel. Es gibt bislang keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass resistente Keime aus der Tierhaltung auf den Menschen überspringen und in der Humanmedizin Probleme bereiten. Allerdings kann man auch nicht ausschließen, dass es eines Tages genau dazu kommt. „Wir müssen alles tun, um das zu verhindern“,

Wenn diese Stellungnahme vor 15 Jahren abgegeben worden wäre, dann hätte man dafür vielleicht noch Verständnis aufbringen können.

Lächerlich, aber hochgefährlich
So aber ist diese Stellungnahme einfach nur noch lächerlich, aber gleichwohl hochgefährlich:

– Lächerlich, weil sie nicht den Stand der Wissenschaft reflektiert

– Hochgefährlich, weil sie ein bereits akutes Riesenproblem in die Zukunft projiziert und damit verharmlost

Längst hat der anhaltende massive Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung zur Resistenzentwicklung der Bakterien gegen Antibiotika geführt. Antibiotika, die ebenfalls beim Menschen zum Einsatz kommen, denn es handelt sich ja um die gleichen Substanzkaklassen. Keimfreies Geflügel zum Verzehr gibt es nicht..

Dies zeigen Untersuchungen in Grossbritannien zur Resistenzentwicklung bei Campylobacter.

Ebenso Untersuchungen in Australien, wo der Einsatz von Chinolonen in der Massentierhaltung verboten war, mit der Folge, dass eine erhebliche niedrigere Resistenzentwicklung insgesamt, also auch bei der Behandlung von Infektionskrankheiten beim Menschen mit dieser Substanzgruppe zu beobachten war, wir berichteten mehrfach darüber.

Immer mit Bakterien
Zum Verzehr bestimmtes Geflügel wird also immer einige Bakterien enthalten – mittlerweile resistente Bakterien.

Erst jüngst wurde nachgewiesen, dass im Supermarkt angebotenes Geflügel aus der Massentierhaltung zu einem erheblichen Prozentsatz multiresistente Keime enthielt..

Diese Resistenz kann alsdann auf andere Bakterienarten im Menschen übertragen werden, z. B. durch Plasmid-Transfer.

Erbärmlich versagt
Mit anderen Worten: Es ist erstaunlich, um nicht zu sagen erbärmlich, dass grüne Spitzenpolitiker in so kläglicher Weise thematisch versagen.

Aber auch in einem jüngsten Artikel in der ZEIT vom 6.6. 2012 „Die ewige Sehnsucht nach der Idylle“ werden die Probleme der Massentierhaltung eher mystifiziert als vernünftig angepackt.


ZEIT vom 6.6. 2012, Seite 35

Parallel dazu findet sich dann eine Anzeige im ZEIT Magazin der gleichen Ausgabe mit folgendem Text:

Jeder der rund 6500 deutschen Geflügelhalter kümmert sich Tag für Tag um die Aufzucht des eigenen Geflügels und achtet dabei konsequent auf Tier-, Umwelt-, und Verbraucherschutz………


…Wo angeblich Verantwortung Qualität erzeugt: Die Geflügelwirtschaft

Mittlerweile läuft die Zeit davon, noch rechtzeitig umzukehren.

Neue schlechte Nachrichten zur bakteriellen Resistenz gegen Antibiotika
Erst Bremen, jetzt Leipzig – Die Antibiotikaresistenz breitet sich aus

Zwei Schreckensmeldungen zur Antibiotika-Verfütterung in der Massentierhaltung
Frühchentod und Antibiotikaresistenz

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WHO, Weltgesundheitstag und Antibiotikaresistenz – eine Nachbemerkung
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Antibiotika oder Massentierhaltung?

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