Medizin

Ärzte und Medizinzeitschriften als „Prostituierte“ der Pharmaindustrie?

Dr. Alexander von Paleske — 21.09. 2012 —-
„Begeben Sie sich niemals in die Fänge der Pharmaindustrie, die lassen Sie nie wieder los“, das waren die Worte meines damaligen Chefs, Prof. D.K. Hossfeld, seinerzeit Direktor der Abteilung Hämatologie/Onkologie des Universitätskrankenhauses Hamburg-Eppendorf.

Zwei Ereignisse
An diese Worte fühlte ich mich in den letzten Monaten wieder erinnert, durch zwei Ereignisse:

1. Der Freispruch einer Pharma-„Klinkenputzerin“ vom Vorwurf der aktiven Bestechung gegenüber Kassenärzten. Diese waren mit grösseren Geld-Geschenken versorgt bzw. für die Verschreibung von bestimmten Medikamenten finanziell „entlohnt“ worden, offenbar frei nach dem Motto: „Wer gut schmiert, der gut fährt“.

Freispruch
Der Bundesgrerichtshof urteilte, dass eine Verurteilung wegen Bestechung mangels Straftatbestand nicht in Frage komme: Kassenärzte seinen keine Angestellten der Krankenkassen und keine öffentlichen Amtsträger und auch nicht diesen gleichzustellen.
Im einzelnen begründete der BGH seinen Beschluss mit dem besonderen Verhältnis zwischen Arzt und Patient:

„In diesem Verhältnis steht der Gesichtspunkt der individuell geprägten, auf Vertrauen sowie freier Auswahl und Gestaltung beruhenden persönlichen Beziehung in einem solchen Maß im Vordergrund, dass weder aus der subjektiven Sicht der Beteiligten noch nach objektiven Gesichtspunkten (…) die vertragsärztliche Tätigkeit den Charakter einer hoheitlich gesteuerten Verwaltungsausübung gewinnt.“


Bundesgerichtshof ……keine Bestechung

Wie schön.

2. Ein Aufsatz in der unabhängigen Monatszeitung für Ärzte, der Arzneimittelbrief (August 2012 Seite 59)

„Wissenschaftliche Irreführung durch Publikationsplanung (Ghost Management ) und Ghostwriting.“

Bestellung von „wissenschaftlichen“ Artikeln
Der Artikel im Arzneimittelbrief zeigt auf, in welch erschreckendem Ausmass die Pharmaindustrie zur Produktpromotion Artikel „bestellt“, die ihre Produkte in einem äussert positiven Licht erscheinen lassen. Artikel, die zur Veröffentlichung in medizinischen Zeitschriften vorgesehen sind, abgefasst von bezahlten Schreiberlingen, aber dann veröffentlicht unter dem Namen von bekannten Medizinerpersönlichkeiten, sogenannten „Opinion Leaders“, in aller Regel Universitätsprofessoren.


Eigener Geschäftszweig

Ein eigener Geschäftszweig hat sich um diesen „Schwindel“ gebildet, allen voran die Firma DesignWrite Inc. Internetauftritt siehe hier.

Bis zum Jahre 2010 veröffentlichte diese Firma ihre „Erfolgsbilanz“ im Internet. Nun nicht mehr, und das hat einen
Grund:

Herausgekommen ist nämlich diese erbärmliche Praxis durch einen Prozess in den USA, den mehr als 10.000 Betroffenene als Sammelklage gegen die mittlerweile vom Pharmagiganten Pfizer geschluckte Pharmafirma Wyeth angestrengt haben.

Hormone mit Nebenwirkungen
Die Firma Wyeth stellte die Hormonpräparate Prempo und Premarin her, die als Hormonersatztheapie (Hormone Replacement Therapy, HRT) für Frauen in der Menopause zum Einsatz kamen. Bis sich dann herausstellte, dass diese Therapie das Risiko für Brustkrebs und Thrombosen erhöhte.

Die Firma Wyeth verdiente prächtig an diesen Präparaten, 2 Milliarden US Dollar bis zum Jahre 2002. Und damit das so blieb,musste gegen die negative wissenschaftliche Berichterstattung offenbar „angearbeitet“ werden.

Zwischen 1997 und 2005 wurden rund 50 Artikel zur „Harmlosigkeit“ von HRT von „Medizinjournalisten“ fabriziert, als wissenschaftliche Exponate verkleidet, und – gegen viel Bares – von medizinischen „Opinion leaders“ unterschrieben.

Alles aufgeflogen
Das flog alles auf, als in dem Prozess gegen Wyeth das angerufene Gericht im US Bundesstaat Arkansas die Veröffentlichung aller Dokumente im Zusammenhang mit HRT anordnete.

Beeindruckender Leistungsnachweis
Der „Leistungsnachweis“ dieser Firma DesignWrite im Zeitraum von 1997 – 2010 ist durchaus beeindruckend:

– Management von Hunderten von sog. Advisory Boards

– Tausende von Abstracts für medizinische Kongresse

– 500 Publikationen zu medizinischen Themen

– 200 Satelliten-Symposien zu medizinischen Kongressen

– Mehr als 10.000 sog. „Speakers Bureau“ Programme, also Vortragsreisen von bezahlten „Halbgöttern in Weiss“.

Das letztere ist mir aus eigener Erfahrung hinreichend bekannt:. Einige Medizin-Professoren und deren Oberärzte reisen zu Vorträgen in kleine Krankenhäuser und loben dort, oftmals kaum versteckt, die Produkte der jeweiligen Firma – gegen ordentlich Bares – über den grünen Klee, oder lassen zumindest Probleme mit dem Medikament unter den Tisch fallen.

Für derartige Korrumpierbarkeit gibt es keine Entschuldigung, denn Hunger braucht wohl keiner der Weisskittel zu schieben. Hier macht sich vielmehr der Gierfaktor breit – allzu erbärmlich.

Bittere Pillen für die Dritte Welt
Nicht auf Twitter und nicht auf Facebook – ein persönlicher Bericht aus London

3 Gedanken zu “Ärzte und Medizinzeitschriften als „Prostituierte“ der Pharmaindustrie?

  1. Falsche URL „www.der-arzneimittelbrief.com
    This domains disk limit has been exceeded!“

    Wenn man bei
    http://www.der-arzneimittelbrief.de/_anfang/Suche.aspx
    die Überschrift des Artikels eingibt, lässt sich dieser finden.
    Man kann ihn sich dann als Schnupperartikel zumailen lassen, wenn man kein Abonnent ist.
    Der aktuelle Artikel „Meinungsmache“
    http://www.der-arzneimittelbrief.de/de/home_artikel1.aspx
    über Ärzte, die sich zu „Key Opinion Leaders“ aufbauen lassen, um ihre Kollegen gezielter zu manipulieren, weist darauf hin, das sich bei einigen Ärzten weniger das Dollarzeichen um ihren Äskulapstab windet. Bei KOL’s lassen sich auch Eitelkeit und Gotteskomplex dienstbar nutzen.

    Liken

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