Grossbritannien

Grossbritannien: Zahltag für eine entführte Familie, die zur Folter freigegeben worden war

Dr. Alexander von Paleske —- 13.12. 2012 —
Es handelt sich um finsterstes Mittelalter, aber das staatliche Verbrechen der Entführung und Auslieferung einer gesamten Familie zur „Folter frei“ fand nach der Jahrtausendwende statt.

Sami al Saadi, libyscher Oppositionspolitiker
Der war nach Hongkong geflüchtet, um den Häschern Gaddafis zu entkommen.


Sami al-Saadi – Screenshot: Dr. v. Paleske

Die britische Regierung unter Tony Blair sah in ihm offenbar keinen politischen Flüchtling, der schutzbedürftig war, sondern ein überaus nützliches „Geschenk“ für Gaddafi, um die Wirtschaftsbeziehungen mit dem Wüstenzeltbewohner zu verbessern.

Entführung und Millionengeschäfte
In einem FAX des US Geheimdienstes CIA an die Libyer, gefunden nach dem Sturz Gaddafis im Gebäude des ehemaligen Geheimdienstchefs Moussa Koussa, wird grosses Interesse bekundet, an der offenbar bereits geplanten Entführung al-Saadis beteiligt zu werden.

Zwei Tage nach dem Absetzen des Faxes reiste Tony Blair im März 2004 nach Libyen, um Gaddafi seine Aufwartung zu machen.

Die Libyer gaben während des Blair-Besuches die erfreuliche Nachricht bekannt, dass ein Explorationsdeal zur Gasausbeutung im Werte von 550 Millionen Dollar mit der britisch-holländischen Firma Shell perfekt gemacht worden sei.

Ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Gas gegen Geld. Zusätzlich zur „Geschäftsklimaverbesserung“ auch noch Menschenhandel: Wir liefern Dir, Gaddafi, Oppositionelle samt Familie zum Einkerkern und Foltern..

Zwei Tage später wurde al-Saadi samt Ehefrau und vier Kindern im Alter zwischen 6 und 14 Jahren in Hongkong von Agenten des britischen Auslandsgeheimdienstes Mi6 und des CIA, in Zusammenarbeit mit den Behörden Hongkongs in ein Flugzeug gepackt, und nach Libyen verfrachtet. Das Flugzeug war in den Malediven gechartert worden. Weitere Details siehe hier

Unterwegs, in Bangkok während einer Zwischenlandung, stiegen libysche Agenten dazu.

Endstation: Gaddafis Foltergefängnis Abu Salim
Die gesamte Familie landete im berüchtigten Abu Salim Gefängnis nahe Tripolis, wo im Juni 1996 insgesamt 1270 Oppositionelle auf Gaddafis Befehl ermordet worden waren.
Unter den Getöteten waren auch die Brüder al-Saadis, Mohammed und Adel.

Al-Saadi verbrachte die nächsten 6 Jahre im Abu Salim Gefängnis, immer wieder mit Elektroschocks gefoltert. Seine Frau und die Kinder wurden nach zwei Monaten entlassen.

Der Sturz Gaddafis brachte auch al-Saadi die Freiheit, auch die Freiheit, die für die seinerzeitige Entführung Verantwortlichen, also den britischen Auslandsgeheimdienst Mi6, den Inlandsgeheimdienst Mi5 und das britische Innenministerium zu verklagen.

Klage in London
Al Saadi zögerte nicht lange und klagte vor dem High Court in London auf Schadenersatz . Ein Prozess, in dem peinliche Details ausgebreitet worden wären.

Tony Blair, und sein damaliger Aussenminister Jack Straw, behaupteten bereits im Vorfeld, von nichts gewusst zu haben.
Eine ganz offensichtliche Lüge, denn der seinerzeitige Mi6-Chef, Sir Richard Dearlove, hatte sofort klargestellt, dass derartige Entscheidungen nicht selbstherrlich von den Geheimdiensten getroffen werden können, sondern auf höchster politischer Ebene abgesegnet werden müssen.

Ein Unterwerfungsvergleich
Nun wurde der Prozess durch einen Vergleich beendet: Die britische Regierung zahlt, ohne Anerkennung einer Verantwortlichkeit, umgerechnet 2,72 Millionen Euro plus Gerichts- und Anwaltskosten..

In Deutschland nennt man so etwas einen Unterwerfungsvergleich, wenn nämlich die Verurteilung gewiss ist, also de facto doch ein Schuldanerkenntnis.

Ein besonders finsteres Kapitel kriminellen britischen Regierungshandelns wird durch einen Scheck im Fall al-Saadis zum Abschluss gebracht.

Ein weiterer Prozess läuft noch: der des libyschen Gaddafi-Opponenten Abdel Hakim Belhaj.
Auch der war entführt und an Gaddafi ausgeliefert worden. An den Folterbefragungen im berüchtigten Abu Salim Gefängnis beteiligte sich offenbar auch der Bundesnachrichtendienst, wir berichteten darüber.
Es ist zu erwarten, dass auch in diesem Fall die britische Regierung einen Scheck anbieten wird – ohne Anerkennung einer Verantwortlichkeit versteht sich..

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