Israel

Die neue Antisemitismusdiskussion – oder: Alter Wein in neuen Schläuchen

Dr. Alexander von Paleske — 5.1. 2013 —–
Zur Zeit geistert wieder einmal eine Antisemitismusdebatte durch die Medien. Angestossen wurde sie durch die Veröffentlichung einer Liste der „führenden Antisemiten“ durch das Simon Wiesenthal Zentrum Freitag voriger Woche.

Jakob Augstein Platz 9
Auf Platz 9 findet sich der Journalist Jakob Augstein,Herausgeber der Wochenzeitung „FREITAG“, Kolumnist von SPIEGEL-online. Sohn des 2002 verstorbenen SPIEGEL-Gründers und -Herausgebers Rudolf Augstein.

Das Simon Wiesenthal Zentrum stützt sich bei diesem „Ranking“ des Jakob Augstein auf die „Expertise“ des Henryk M. Broder, ebenfalls Journalist seines Zeichens, der gerne provoziert, und u.a. auch dem Deutschland-Abschaffungsschinken des Polit-Aufmischers Thilo Sarrazin viel Positives glaubte abgewinnen zu können.


Henryk M. Broder …..Aufmischer in Sachen Antisemitismus.

Verbunden in herzlicher Abneigung
Broder fühlt sich bereits seit längerem Jakob Augstein in herzlicher Abneigung verbunden, aber mit der „Expertise“ zum Antisemitismus-Ranking hat diese Auseinandersetzung einen neuen vorläufigen Höhepunkt erreicht, und findet natürlich reichlich Widerhall in den Medien.
Wer Artikel von Jakob Augstein liest, der kann allerdings nur Kritik der aggressiven Politik der Regierung Israels gegenüber den Palästinensern konstatieren , nicht mehr und nicht weniger. Damit steht er keineswegs allein in den ernstzunehmenden Medien im In- und Ausland. Die Liste der Kritiker reicht selbst in die hochangesehene internationale Medizinzeitung LANCET.

Hintergründe einer Fehde
Um diese Auseinandersetzung zu verstehen, muss man wissen: Broder versucht immer wieder, die Kritik an der gewaltsamen Expansion Israels über die international anerkannten Grenzen von 1948 hinaus, griffig auch als Zionismus zu bezeichnen, mit Antisemitismus gleichzusetzen. Als Beleg dient ihm, dass nicht wenige Antisemiten in der Tat ihren unakzeptablen Antisemitismus mit Antizionismus tarnen.

Die wirklichen Antisemiten unter den Antizionisten zu enttarnen macht sich Broder aber gar keine Mühe, sondern setzt beides gleich. Damit verbietet sich automatisch, will man nicht als Antisemit gelten, jegliche Kritik am Expansionismus (Zionismus)der israelischen Regierung, und den aggressiven Siedlern in der Westbank und Ost-Jerusalem, samt der Abschnürungspolitik gegenüber Gaza.

Da Broder wohl kaum als undifferenzierter Dummkopf bezeichnet werden kann, stellt sich damit die weitere Frage: was sind die Hintergründe.

Broder, ein Zionist?
Die Antwort fällt nicht schwer: Broder selbst ist, ideologisch gesehen – nach einer Metamorphose – offenbar dem Zionismus zuzurechnen, der keineswegs die Forderung des Rückzugs Israels auf die Grenzen vor dem 6-Tage-Krieg von 1967 stellt, sondern, wenn auch nicht so explizit wie die Siedler, die Expansionspolitik Israels in der Westbank letztlich offenbar implizit billigt.


Jakob Augstein ….. Antisemitismusvorwürfe – vom Vater „geerbt“.

Israel hat diese Gebiete im Sechs-Tage-Krieg von 1967 erobert, sie waren auch nicht unbewohnt, sondern dort lebten und leben Palästinenser, nicht ein paar hundert, sondern Millionen.

Was die israelische Regierung gegenüber den Palästinensern betreibt ist eine systematische Unterdrückungs- und Vertreibungspolitik in Ost- Jerusalem und der Westbank. Anfangs unter dem Deckmantel, die Sicherheit Israels zu stärken, ein Staat, der – anders als 1967 – mittlerweile Dutzende von Atombomben besitzt, mit denen sich der Nahe Osten gleich mehrfach auslöschen liesse.

Eine Regierung, die mittlerweile ganz offen die schrittweise Annexion der eroberten Gebiete betreibt, und als „Rechtfertigung“ die Bibel und das juristisch völlig bedeutungslose Argument benutzt:

unsere Vorfahren waren vor 2000 Jahren schon einmal hier“.

Ein Argument, mit dem auch die Ureinwohner Australiens Millionen von Einwanderer-Nachfahren zum Verschwinden auffordern könnten, genau so, wie die Indianer Nordamerikas, deren Vertreibung zumal weniger als dreihundert, und nicht zweitausend Jahre zurückliegt.

Bereits in 60% des Westjordanlandes gibt es jüdische Siedlungen, oftmals zunächst illegal, die meisten davon anschliessend legalisiert.

Landwegnahme und Aggressionen
Die Siedler betreiben nicht selten – nach der Landwegnahme – auch noch eine aggressive Politik gegenüber den Palästinensern, schikanieren sie, fällen ihre Olivenbäume, vertreiben sie von den Weideflächen, und einige fordern in Parolen sogar die Vergasung der Araber.


Besetzte Westbank – An Häuserwände gesprühte Siedlerparolen. Screenshots: Dr. v. Paleske

Der jüngste Mosaikstein dieser Politik ist der Keil, den Netanyahu und seine Regierung in die Westbank mit neuen Siedlungen hineintreibt: weiterer Landraub gekoppelt mit einer de facto Aufspaltung des Westjordanlandes in zwei Teile.

Rechter „Shooting Star“
Nun taucht auf der „rechten Überholspur“ im Wahlkampf ein Naftali Bennett, neuer israelischer „shooting-star,“ mit seiner Partei, der ultranationalistischen Habajit Hajehudi (Jüdisches Heim) , auf, der nicht als Siedler aus der Westbank kommt, sondern mit Softwareprogrammen ein Vermögen gemacht hat.

Bennett fordert ganz offen die Annexion der besetzten Gebiete: Zionismus pur.

Araber könnten dann einen israelischen Pass bekommen – nur auf Antrag und nach sorgfältiger Prüfung versteht sich. Der Rest wird einfach staatenlos erklärt, und damit frei zur Ausweisung, z.B. nach Gaza oder anderswo hin ..

Moshe Feiglin von Netanyahus Likud Partei favorisiert die „Zuckerbrot-Vertreibungs-Lösung“: Araber mit Geldanreizen zur Emigration zu bewegen. Wörtlich:

Das ist die beste Lösung, um sie loszuwerden und ihre Gebiete einzuverleiben“

Mittlerweile warnt selbst der ehemalige Geheimdienstchef Juval Diskin vor einem erneuten Palästinenseraufstand.

Zwei-Staaten-Lösung in Israel kein Thema
Die Zweistaatenlösung ist jedoch bei den israelischen Parteien überhaupt kein Thema, und schon gar nicht für Netanyahu. Das bekräftigte noch einmal die israelische Historikerin Amar Dahl im vergangenen Monat in einem Interview mit der Tagesschau:

Amar-Dahl: …… Das zionistische Israel versteht sich so, dass das Land Israel (einschliesslich besetzter Westbank und Ost-Jerusalem) dem jüdischen Volk gehört, und damit auch dem jüdischen Staat. Das ist seine grundsätzliche ideologische Überzeugung. Deswegen hält es Regierungschef Benjamin Netanjahu auch für ein Gebot, diese Gebiete weiter jüdisch zu besiedeln. Eine Zwei-Staaten-Lösung steht gar nicht auf der Tagesordnung. Das ist eine Sache, die Israel nicht nur nicht will, sondern auch bekämpft. Und diese Politik kann Deutschland wahrscheinlich auf Dauer nicht unterstützen.

tagesschau.de: Israel will gar keine Zwei-Staaten-Lösung?

Amar-Dahl: Israel kann es nicht. Es ist auch im Land kein Thema. Auch nicht im Wahlkampf. Auch die Opposition spricht nicht davon. Netanjahu redet zwar mit dem Ausland über eine Zwei-Staaten-Lösung, aber nur aufgrund des außenpolitischen Drucks.

tagesschau.de: Also führt Israel die anderen Länder an der Nase herum?

Amar-Dahl: Das kann man so interpretieren.

Denunzierung der Kritiker
Broder, der seinerzeit für den Angriffskrieg gegen den Irak sich einsetzte, hätte das natürlich nie so gesagt, weil er damit in Deutschland nichts als Ablehnung erfahren würde.
Also versucht er offenbar seine Ziele über die Denunzierung der Kritiker des Zionismus als „Antisemiten“ zu erreichen.

Motto: wenn schon keine Zustimmung, dann keinesfalls Kritik, und schon gar keine Ablehnung.

Nur, neu ist das alles nicht: schon Vater Rudolf Augstein musste sich mit derartigen Antisemitismus-Vorwürfen auseinandersetzen.

Deutlich schrieb er ab 1967 dazu im SPIEGEL:

-dass Israel nach dem 6-Tage-Krieg durch falsche politische Schlüsse den Frieden verliert, den es mittels seine bravourösen Sieges sichern wollte

-warnte er vor Annexionen

-forderte er eine „Domestizierung“ des Sieges ohne Landwegnahmen

-beklagte er die Überwertigkeits-Arroganz der drei Millionen Israelis gegenüber hundert Millionen Arabern

-bezeichnete er Israel einen auf Eroberung programmierten Staat

-verwahrte er sich dagegen, dass, wer Israel kritisiert, automatisch Antisemit sei

-kritisierte er die israelische Besatzungsmacht in der Westbank als widerwärtig

(Peter Merseburger, Rudolf Augstein, der Mann, der den SPIEGEL machte, 2007 S. 463)

Augstein berief sich später auch auf Daniel Cohn-Bendit, Sohn jüdischer Holocaust-Überlebender, der 1969 feststellte:

Es ist manchmal schwierig, sich die Naziideologie von der Herrenrasse vorzustellen. Hier in Israel ist sie ständig und überall gegenwärtig und greifbar. Eine ganze Generation von Jugendlichen hält sich für die Herrenrasse“. (Peter Merseburger aaO S. 533).

Die Antisemitismusdebatte – alles schon mal dagewesen: nichts als alter Wein in neuen Schläuchen.

Dass beide, Broder und Rudolf Augstein, Träger des Ludwig Börne Preises sind, sei nur zum Abschluss erwähnt.

E-Mail: avpaleske@botsnet.bw

Israelischer Premier Benjamin Netanyahu zur Lage in Israel und seinen neuen (alten) Provinzen
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Ein Gedanke zu “Die neue Antisemitismusdiskussion – oder: Alter Wein in neuen Schläuchen

  1. Was ist man wenn man komplett gegen alle Religionen ist? Unabhaengig jetzt davon ob man die Aussenpolitik eines Landes mit sehr vielen Juden sachlich imstande ist zu kritisieren.

    Wenn mir Juden, Muslime, Buddhisten usw. am Po vorbeigehen, dann ist man doch nicht nur Antisemit, oder?

    Religionen ist der letzte Mist auf Erden. Ihr duerft mich gern als Antisemiten beschimpfen. Geht mir am Po vorbei.
    Da fuer mich alle Religionen wie ein Krebsgeschwuer sind, bin ich viel schlimmer als ein normaler Antisemit (=Kritiker der israelischen Aussenpolitik).

    Die Antisemiten sind in der Ueberzahl und Israel kann diese Entwicklung nicht mehr stoppen. Schon gar nicht mit Umsetzungen der Resolutionen der Staatengemeinschaft.

    Die einzige Moeglichkeit diese Entwicklung aufzuhalten: Nicht mehr ueber Israels Aussenpolitk berichten.

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