spionage

Mr. X – Der Mossad-Spion, der aus Australien kam

Dr. Alexander von Paleske —- 13.2. 2013 —- „Schleierhafte Agenten-Affäre: Rätsel um Tod von Israels „Gefangenem X“ lautete heute die Schlagzeile im STERN. Andere Medien zogen nach. Gleichwohl blieb einiges im Dunkeln, selbst in dem SPIEGEL-Artikel, der behauptete „ausführlich“ zu sein.

Die Medien in Australien, insbesondere in Melbourne, wo ich mich gerade zu einem Krankenbesuch aufhalte, sind da längst weiter


The Age vom 14.2. 2013 mit der Story und Bild auf Seite 1 Foto: Dr. v. Paleske

Genauer gesagt: seit drei Jahren, noch bevor dieser Mossad Agent namens Ben Zygier von den israelischen Behörden verhaftet wurde, und sich im Dezember 2010 das Leben nahm. ,

Die australische Presse hatte nämlich bereits im Jahre 2010 über diesen Fall berichtet, noch bevor Zygier von den israelischen Behörden in den Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Ayalon nahe Tel Aviv gesteckt wurde, und zwar im Zusammenhang mit dem Verdacht auf Namesänderungen zum Zwecke der Passfälschung.


Ayalon-Gefängnis in Ramla nahe Tel Aviv – Screeshot: Dr. v. Paleske

Was steckt dahinter?
Ben Zygier, der aus einer prominenten jüdischen Familie in Melbourne stammt, wanderte 2000 im Alter von 24 Jahren aus Australien aus und in Israel ein, heiratete dort eine Israelin und zeugte mit ihr zwei Kinder.


Hochzeitsfoto des Paares Screenshot:Dr. v. Paleske

Der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad ist auch bei der Einwanderungsbehörde präsent. Auf zwei Dinge ist man dort scharf: Potentiell rekrutierbare Agenten und ausländische Pässe.
.
Das Interesse des Mossad konzenntriert sich also darauf:

– Wer kommt als Spion in Frage?

– Wessen Pass können wir beim Mossad gebrauchen? – nach Fälschung versteht sich.

Der Mossad benutzt zur Tarnung seiner Agenten nicht etwa Phantasienamen, sondern die Namen und Daten von lebenden Personen, wie wir bereits im Zusammenhang mit der Mossad-Superspionin Sylvia Rafael berichteten.Die Pässe werden dann von erprobten Fälschern frisiert, also gefälscht bzw. neu ausgestellt als sog. Totalfälschung.

Mit derartigen Pässen lassen sich dann als Handelsvertreter, Journalisten oder Touristen getarnte Agenten in arabische Länder im Nahen Osten schicken.

Jüdisch klingender Name unbrauchbar
Sollte aber der Pass einen israelisch klingenden Namen enthalten, ist das eher hinderlich. Aber dieses Hindernis lässt sich ja durch eine Namensänderung beseitigen.

Und genau das machte Ben Zygier, der sich zunächst in Ben Allen umbenannte, drei weitere Namensänderungen folgten, darunter Ben Alon, und Ben Burrows, ganz offiziell und legal in Australien, und schwupps wurde aus seinem verdächtigen Pass mehrere unverdächtige.

Entweder reist dann der Passbesitzer selbst als Agent in arabische Länder ein, oder aber ein anderer Mossad Agent mit einem entsprechend gefälschten Pass. So geschehen, als bei der Ermordung des HAMAS-Waffenbeschaffers Mahmud el-Mabuh in Dubai im Jahre 2010 die Mossad-Agenten mit gefälschten Pässen einreisten. Die Daten stammten aus echten europäischen Pässen, auch aus Deutschland, was sofort zu heftigen Protesten seitens der betroffenen Länder führte.

Nicht der einzige
Zygier war aber nicht der einzige jüdische Mitbürger, der eine derartige Namensänderung beantragt hatte, sondern noch zwei weitere jüdische Mitbürger, und das alarmierte den australischen Auslandsgeheimdienst Australian Security Intelligence Organization (ASIO). Der hatte wenig Interesse daran, dass Australien in das Fadenkreuz der Islam-Terroristen gerät, sozusagen als Pass- Helfershelfer des Mossad.

Wer Melbourne besucht, was ich zu Zeit umständehalber mache, der bekommt eine Ahnung über die Zahl der Immigranten und Studenten auch aus moslemischen Ländern, eine wahre Multikulti-Gesellschaft, die hier friedlich zusammenlebt. Und das soll auch so bleiben.

Also begann der australische Geheimdienst ASIO zu ermitteln, und liess offenbar auch ein paar Infos an den Nahost-Korrespondenten der Mediengruppe Fairfax , Jason Koutsoukis durchsickern. Fairfax gibt die Zeitungen THE AGE in Melbourne und den SYDNEY MORNING HERALD heraus.

Derbe Schimpfworte
Als Koutsoukis Ben Zygier alias Allen Anfang 2010 in Israel aufstöberte, hatte er für die Anfragen des Journalisten bezüglich seiner Mossad-Mitarbeit nur beleidigende Schimpfworte wie „fuck off“ und „bullshit“ übrig.

Ben Zygiers berufliche Spur nach seiner Ankunft in Israel lässt sich jedoch nur bis zum Jahre 2002 verfolgen – bei einer Versicherungsgesellschaft, dann verliert sie sich.

Nachverfolgen liess sich allerdings, dass eine derartige Passperson seines Namens in arabische Nahostländer einreiste.

Im Jahre 2008 tauchte Ben Zygier wieder auf, in Melbourne, wo er sich an der dortigen Monash-Universität eingeschrieb, um sein MBA-Studium zu komplettieren.
Diese Universität arbeitet eng mit saudi-arabischen Universitäten zusammen, entsprechend gibt es dort viele arabische Studenten, und in deren – ahnungsloser – Gesellschaft wurde Zygier auch gesichtet.

Aber dann wurde es kritisch um ihn: im Jahre 2010 verschwand er –ohne Prozess – im Hochsicherheitsgefängnis Ayalon und erhängte sich – in einer angeblich selbstmordsicheren Zelle.
Niemand durfte wissen, wer dieser Mister X war. Besuche von Angehörigen waren verboten.

Die israelische Presse bekam einen Maulkorb umgehängt, auch Gag-Order genannt, nachdem ein Gefängniswärter die Medien auf diesen mysteriösen Mister X aufmerksam gemacht hatte.
Monate später war er tot – vier Tage nach der Geburt seiner zweiten Tochter.

Viel Beileid
In Australien wurde der Tod des nunmehr 34-jährigen gleichwohl schmerzhaft wahrgenommen, den Todesanzeigen in der israelischen Gemeindezeitung nach zu urteilen. So gab es unter anderem Beleidsbekundungen von der Monash Universität und der jüdischen Gemeinde in Melbourne.

Leichnam überführt, Fragen bleiben
Schliesslich, auf Verlangen seiner Eltern, wurde der Leichnam repatriiert und so liegt er nun auf einem jüdischen Friedhof in Melbourne begraben.


Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Melbourne

Ich habe es mir erspart, den Friedhof aufzusuchen, um ein Foto von dem Grab zu machen, schliesslich bin ich hier in Melbourne nur für kurze Zeit, um einem kranken Verwandten zu besuchen und moralisch aufzurüsten.

Gleichwohl bleibt noch eine Frage unbeantwortet: was hatte Ben Zygier verbrochen, um in dieser Isolationshaft ohne Verwandtenbesuche zu landen?

Die israelische Regierung will natürlich keine Auskunft geben.
Eine derartige absolut rechtsstaatswidrige „Spezialbehandlung“ – sonst nur Arabern vorbehalten – genoss als Israeli zuletzt Mordechai Vanunu, wenngleich dessen Identität bekannt war: er hatte 1986 die Atombombengeheimnisse Israels an die britische Presse „verraten“.

Geheimnisse, die allerdings für die Geheimdienste längst keine mehr waren, nachdem der Mossad-Agent Dan Ertel, alias Dan Erbel alias Dan Erteschik geplaudert hatte. Erbel war 1968 an der Kaperung des Frachtschiffes Scheersberg A, mit 200 Tonnen Uran an Bord, beteiligt, das Israel in die Lage versetzte, in seinem Reaktor Dimona in der Negev-Wüste Atombomben herzustellen. Er informierte bereits 1974 nach seiner Verhaftung wegen Mordes die norwegischen Behörden über Israels Griff zur Atombombe und seine Beteiligung an der Kaperung des Schiffs.

Kein Pardon
Mit Israelis, die Geheimnisse an den „Feind“ verraten, kennt Israel kein Pardon, auch wenn es sich um illegale Geheimnisse handelt, wie im Falle der Journalistin Anat Kam. Und so lag es vermutlich auch hier. Denn für einen schiefgelaufenen Mossadauftrag gibt es einen Anschiss oder ggf. den Rauswurf, aber keine Einzelhaft.
Und so muss er wohl geplappert haben, vielleicht war er auch in einen erotischen Honigtopf mit einer verschleierten Frau gefallen, auch das kommt ja gelegentlich vor.

Die israelische Regierung versucht jedenfalls verzweifelt, die offenbar peinlichen Details unter dem Deckel zu halten. Aber das gelang weder mit Vanunu, noch mit der Journalistin Anat Kam. So werden wir früher oder später noch erfahren, in welche missliche Lage der Mossad durch Ben Zygier geriet.

In der Zwischenzeit – und auch danach – möge Ben Zygier alias Allen in Frieden ruhen.

NACHTRAG 14.2. 2013, 13.20Uhr
Die israelische Nachrichtenseite ynet, die seinerzeit zuerst über den mysteriösen Häftling X berichtet hatte, schreibt heute,

http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4345002,00.html

dass Zygier an der Ermordung des Hamas-Waffenbeschaffers el-Mabouh (siehe oben und detaillierter hier) in Dubai 2010 beteiligt gewesen sein soll, aber später die Regierung in Dubai – gegen das Versprechen der Nichtverfolgung seiner Beteiligung – dann mit Infos versorgte:

Western sources „in the know“ told Kuwait’s Al-Jarida newspaper on Thursday that Ben Zygier, AKA „Prisoner X,“ was one of the members of the squad which assassinated senior Hamas terrorist Mahmoud al-Mabhouh in Dubai in January 2010.
The same sources noted that following the mission, Zygier contacted the government in Dubai and updated them on the details of the assassination in exchange for protection. The sources also said that Israel managed to uncover Zygier’s hiding place, kidnapped and jailed him for treason, and all this while maintaining absolute secrecy. The report has not been confirmed by any other sources.

Zur Journalistin Anat Kam

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