Medizin

Grossbritannien: Gefahr der Antibiotikaresistenz vergleichbar mit Terrorismusgefahr und Gefahr der Klimaveränderung

Dr. Alexander von Paleske — 12.3. 2013 —-
Der Chief Medical Officer der britischen Regierung, Dame Sally Davies, warnte in ihrem ersten Jahresbericht, der gestern veröffentlicht wurde, vor der drohenden Katastrophe der Antibiotikaresistenz von Bakterien, die das Gesundheitswesen auf den Stand von vor 100 Jahren zurückwerfen könnte.


Antibiotika ……von der Wunderwaffe zum wirkungslosen Plunder?

Banale Infektionen als Todesurteil
Sie verglich die Gefahren der Antibiotikaresistenz mit der Terrorismusgefahr und der Gefahr der Klimaveränderung. In zwanzig Jahren könnten Infektionen z.B. nach selbst kleineren Operationen ein Todesurteil bedeuten.

Wörtlich sagte sie:

This is a growing problem, and if we don’t get it right, we will find ourselves in a health system not dissimilar from the early 19th Century.

Und weiter sagte die Ärztin:

I knew about antimicrobial resistance as a doctor, but I hadn’t realized how bad it was, or how fast it is growing….Antimicrobial resistance is a ticking bomb not only for the UK, but also for the world. We need to work with everyone …..The threat is arguably as important as climate change.

5000 Tote pro Jahr
Rund 5000 Patienten sterben jedes Jahr in Grossbritannien an bakterieller Sepsis, die Hälfte davon durch multiresistente Keime.

Zwar gelang es in den letzten Jahren durch verbesserte Hygiene die Rate von resistenten Staphylokokken (MRSA) und Clostridium difficile Infektionen in den Krankenhäusern drastisch zu senken, aber mittlerweile sind resistente E.Coli-Bakterien und Klebsiellen die häufigsten der im Krankenhaus erworbenen Infektions-Keime.

Auch in Deutschland waren sie für Todesfälle auf Neugeborenen-Stationen verantwortlich.

Untermauerung durch Daten
Die Darstellung des britischen Chief Medical Officers wurde anderweitig bestätigt und durch die britische Health Protection Agency (HPA) mit Daten untermauert:

Während im Jahre 2003 nur drei Proben totale Antibiotikaresistenz zeigten, waren es im Jahre 2012 bereits 800.

Hauptverursacher nicht benannt
Allerdings wird einer der Hauptverursacher für die massive Zunahme der Resistenz nicht genannt: Die Massentierhaltung, insbesondere die von Geflügel, wo die Verabreichung von Antibiotika nicht wegzudenken ist, sollen die Tiere nicht vor dem Schlachttag verenden. Gleiches gilt auch für Fischfarmen.

So wurden in den Jahren 2006-2011 in Grossbritannien jährlich 350 – 400 Tonnen Antibiotika in der Tierzucht verbraucht. Es wird geschätzt, dass davon 70 Tonnen über Abwässer wieder zur Düngung auf die Felder gelangen (Arzneimittelbrief 2013 S. 17).

Kein Interesse
Statt hier anzusetzen, was in ein Verbot der Massentierhaltung zwangsläufig münden muss, wird die Entwicklung neuer Antibiotika seitens der pharmazeutischen Industrie verlangt. Aber die zeigt kein Interesse, denn anders als noch in den 80er Jahren bei wesentlich geringeren Entwicklungskosten, lassen sich heute mit Antibiotika keine märchenhaften Gewinne mehr einfahren.
Die gibt es eher bei Mitteln gegen chronische Erkrankungen, wie Rheuma, Diabetes und und Krebs, wo der Patient nicht nur ein paar Tage, sondern längere Zeit bzw. dauernd auf die Einnahme angewiesen ist.

Staat soll Forschung bezahlen
So wird jetzt die staatliche Unterstützung ins Spiel gebracht, damit die „Forschung sich wieder lohnt“. Die Firmen sollen also mit Staatsknete zum Forschen getragen werden, vornehm ausgedrückt als Public Private Partnership (PPP)“ .

In Deutschland ist, anders als in Grossbritannien, der Umfang des Problems und sein Bezug zur Massentierhaltung in seiner ganzen Schärfe bei der Bundesregierung noch nicht angekommen, oder wird bewusst ignoriert.

Auch nicht bei der Opposition und auch da nicht, wo sie bereits in Landesregierungen wie z.B. in Niedersachen (400 Millionen Hühner pro Jahr in der Massentierhaltung) oder NRW die Regierung stellen.

Selbst nicht in voller Schärfe bei den Grünen, die, wie der Jürgen Trittin, von Zurückdrängen aber nicht Abschaffung der Massentierhaltung faseln. Grüne, deren ergraute bzw. frömmelnde Führungsgarnitur im Wesentlichen mit anderen Problemen beschäftigt ist, einschliesslich des Problems, wie mit – oder trotz – Steinbrück im September an die Berliner Fleischtöpfe zu kommen.

Währenddessen läuft die Zeit davon.

Der Verfasser ist Internist, Hämatologe und leitender Arzt

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