Medizin

Neue Hiobsbotschaften zur Antibiotika-Resistenz – Massnahmen dagegen nicht in Sicht

Dr. Alexander von Paleske —– 20.9. 2013 —– Vier neue Schreckensnachrichten zur Antibiotikaresistenz erreichten in den letzten Tagen die Öffentlichkeit:

1. Die Bundesregierung liess auf Anfrage verlauten: Der Anteil an Klinik-Keimen in Deutschland, die gegen alle Antibiotika resistent sind, ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

2. In der Uniklinik Düsseldorf verseuchten Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) eine chirurgische Station und eine internistische Intensivstation.

3. Das US-Center for Disease Control and Prevention (CDC) schlug Alarm, weil mittlerweile in den USA rund 23.000 Patienten pro Jahr an Infektionen mit multiresistenten Keimen versterben.

4. Die Forscherin Joan Casey von der Johns Hopkins Universität schlug Alarm, weil ihre Arbeitsgruppe in der Nähe von Schweinemastbetrieben eine deutlich erhöhte Zahl von Haut und Weichteilinfektionen mit multiresistenten (Methicillin resistenten) Staphylokokken (MRSA) fand, ganz offensichtlich das Ergebnis des Einsatzes von Antibiotika in der Tiermast.

Bundesregierung zur Antibiotikaresistenz
In der Antwort auf eine Anfrage der Grünen erklärte die Parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz (CDU):
„Der Anteil an Klinik-Keimen, die gegen alle Antibiotika wenig oder gar nicht empfindlich sind, ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Die Daten, die das belegen, stammen aus einem Kontrollprojekt zu Antibiotika-Resistenzen, bei dem Kliniken ihre einschlägigen Ergebnisse mitteilten.

Bei 17 Millionen Krankenhauseinweisungen pro Jahr wird mittlerweile mit 600.000 dort erworbenen Infektionen gerechnet.

Rund 15.000 Patienten sterben daran, oft genug an multiresistenten Keimen.

Keine Überraschung
So ist dann auch die Meldung aus Düsseldorf über den Ausbruch von Infektionen mit Vancomycin-resistenten Enterokokken keine Überraschung..

Gleiches gilt mittlerweile auch für Infektionen mit Clostridium difficile Bakterien, die schwere hämorrhagische Diarrhöen verursachen können. Betroffen sind in der Regel Patienten, die mit Antibiotika vorbehandelt sind, als deren Folge sich die Clostridien im Darm – wegen der durch Antibiotika veränderten Darmflora – ungehindert ausbreiten können.

Vancomycin war lange Zeit das Antibiotikum der (letzten) Wahl – nicht mehr so bei Vancomycin-resitenten Keimen.

Vermeidbar, aber…..
Rund ein Drittel dieser Infektionen wäre durch strikte Hygiene, die mit regelmässigem Händewaschen beginnt, und mit der Isolierung von Keimträgern multiresistenter Keime noch nicht aufhört, vermeidbar.

Das zur Bekämpfung derartiger Infektionen verabschiedete Infektionsschutzgesetz kann jedoch nicht umgesetzt werden, weil es nicht genügend Hygieniker gibt, die entsprechende Leitlinien erarbeiten, und die strikte Umsetzung in den jeweiligen Krankenhäusern überwachen.

Das Gesetz sieht vor, dass in allen Kliniken mit mehr als 400 Betten, mindestens ein Arzt als Krankenhaushygieniker arbeiten muss.

Fachleute beim im Mai 2013 veranstalteten 2. Berliner Hygienesymposium der Initiative Infektionsschutz stellten fest:

Weder werde das zur Umsetzung des Gesetzes und der darauf fussenden Länderhygieneverordnungen benötigte Personal zur Verfügung stehen, noch werde das Ziel einheitlicher Bedingungen erreicht.

Fazit: Ab 2016 produzieren die Krankenhäuser in Deutschland eine nicht gesetzeskonforme Dienstleitung, und das angesichts einer sich ständig verschärfenden Krisensituation.

CDC warnt
Das US Center for Disease Control and Prevention(CDC)
hat erstmals die Zahl der menschlichen Opfer von multiresistenten Keimen geschätzt, und ist zu einem alarmierenden Ergebnis gekommen: In dem Report

„Antibiotic resistance threats in the United States 2013“

heisst es:

„Pro Jahr kann von 23.000 Toten ausgegangen werden als Folge multiresistenter Keime. Folge des ungezügelten Einsatzes in der Human- und Tiermedizin.“

Und weiter:

„Durch das Stoppen dieses unnötigen und unangemessenen Einsatzes kann die Hälfte der Antibiotika beim Menschen, und ein grosser Teil des Einsatzes in der Veterinärmedizin eingespart werden“

.
Studie findet Verursacher in Mastbetrieben
Fast zur gleichen Zeit wurde eine Studie der Umweltwissenschaftlerin Joan Casey von der hochangesehenen Johns Hopkins Universität in Baltimore / Maryland im Journal oft he American Medical Association (JAMA) veröffentlicht

Das Forscherteam um Joan Casey stellte fest, dass Menschen, die in geringer Entfernung von Schweinemastbetrieben leben, bzw. von Feldern, die mit Gülle von Schweinemastbetrieben gedüngt werden, ein deutlich erhöhtes Risiko haben, an Infektionen mit multiresistenten (Methicillin-resistenten ) Staphylokokken-Keinen (MRSA) zu erkranken.

Was alle Untersuchungen und Berichte jedoch verschweigen, auch der Artikel in der ZEIT vom 5.9. 2013 Seite 35„ Im Krankmachhaus“: Dem Problem der Antibiotikaresistenz – bei Aufrechterhaltung der Massentierhaltung, zu der die Verfütterung von Antibiotika zwingend gehört, weil es die Tiere sonst nicht bis zum Schlachttag schaffen – ist so nicht beizukommen, selbst wenn die Hygiene sich im Krankenhaus verbessern sollte.

Mittlerweile werden die multiresistenten Keime längst nicht mehr allein im Krankenhaus erzeugt, sondern Patienten und Besucher bringen sie unbeabsichtigt als unerwünschte Beigabe „von draussen“ mit – eine Folge der weiten Verbreitung dieser Keime durch die Massentierhaltung.

Zur Erinnerung: Bereits im Jahre 2011 wurden in Deutschland 1734 Tonnen Antibiotika in der Massentierhaltung verfüttert – 40 mal so viel wie in allen Krankenhäusern zusammengenommen, und 7 mal mehr als in der gesamten Humanmedizin in Deutschland.

Fazit:
Es kann so nicht weitergehen: Die Massentierhaltung muss verschwinden, sonst verschwindet die Wirksamkeit der Antibiotika mit katastrophalen Folgen.

linkErgebnisse neuer Studie machen die Abschaffung der Massentierhaltung noch dringlicher
linkDer ARZNEIMITTELBRIEF zur Krise der Antibiotikaresistenz
linkGrossbritannien: Gefahr der Antibiotikaresistenz vergleichbar mit Terrorismusgefahr und Gefahr der Klimaveränderung
Deutsche Spitzenforscher: Späte Warnung vor Antibiotikaresistenz und unzureichende Vorschläge
Die Zukunft heisst Resistenz? – Antiinfektiva verlieren ihre Wirksamkeit
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