Krieg

Islamischer Staat (IS), die Kriegskoalition, und die Rückkehr des Terrors im Westen

Dr. Alexander von Paleske —- 24.9. 2014 ——- Heute drohte die philippinische islamistische Terror Gruppe Abu Sayyaf mit der Tötung einer der zwei deutschen Geiseln, die bereits im April von ihrer Jacht in Palawan, im Westen der Philippinen verschleppt worden waren.

Ebenfalls heute tötete die Islamistengruppe namens Jund al-Khilafa (Soldaten des Kalifats) einen Franzosen, der vorgestern gefangen genommen worden war. Die algerische Terrorgruppe hatte zuvor sich al Qaida zugehörig gefühlt, nun aber einen politischen Schwenk zu den noch Radikaleren vollzogen.

Beide Gruppen fordern die Einstellung der Hilfe bzw. die Einstellung der Luftangriffe gegen den IS.

Aufruf zum Terror
Vor zwei Tagen hatte es einen Aufruf führender IS-Terroristen gegeben, Menschen aus Ländern zu ermorden, die im Irak militärisch gegen die IS-Miliz vorgehen.

Es ist wohl nur der Beginn eines globalen Terrors gegen Bürger der Länder, welche diese Terror-Salafisten bekämpfen. Und er wird die Sicherheit in den westlichen Ländern wohl auf lange Zeit massiv beeinträchtigen.

IS wächst auf Kosten von Al Qaida
Während Al Qaida zunehmend an Popularität bei den Radikalislamisten einbüsst, ist die brutale Gewalt der IS in einem Gebiet, das sie Kalifat nennen, und das jetzt verteidigt werden muss, ein offenbar weit stärkerer Magnet.

Während sich al Qaida darauf konzentrierte, spektakuläre Angriffe gegen „den grosssen Satan“, gemeint sind die USA, zu organisieren, beginnend mit den Anschlägen gegen die Botschaften der USA in Kenia und Tansania, schliesslich kulminierend in den Anschlägen auf das World Trade Centre in New York im Jahre 2001, und den Anschlägen in London 2005, geht es IS zunächst einmal um die Errichtung eines Religionsstaates (Kalifats), der sozusagen Modell stehen soll für weitere Kalifate. Globalisierung also später.

Während die Al Qaida-Anhänger als Terror-Reisende unterwegs waren, sind die IS Kämpfer dabei, ein Staatsgebiet zu kreieren, und dort staatliche Strukturen einzurichten (Steuereintreibung, Gerichtsbarkeit, Gesundheitsversorgung, Armenunterstützung).

Aufbau eines Kalifats als erstes Ziel
Während also Al Qaida den Kampf gegen den Grossen Satan mit spektakulären Aktionen an die erste Stelle stellte (Motto: Der Westen greift den Islam an, also müssen wir zurückschlagen) geht es IS zunächst einmal um den Aufbau eines Staates nach ihren Vorstellungen.

Insofern ist es auch nicht überraschend, dass Osama bin Laden in Afghanistan nicht etwa an der Staatsbildung sich beteiligte, sondern Trainingslager unterhielt, um ausländische Kämpfer ausbilden die den Terror in ihre Heimatländer bzw. in westliche Länder bringen sollten, möglichst spektakulär.

Im Irak hingegen verteidigen die lokalen Terror-Salafisten zusammen mit ausländischen Kämpfern, sozusagen als „Internationale Brigaden“, den entstehenden „Gottesstaat“.

Verteidigung durch Tötung
Mit dem Eingreifen westlicher Länder hat diese „Verteidigung“ eine neue Wendung genommen: Verteidigung nicht nur vor Ort, sondern auch durch Angriffe auf Bürger jener Staaten, die das Kalifat angreifen.

Motto: jeder Angriff auf irgendeinen dieser Bürger ist bereits eine Verteidigung des Kalifats. Schliesslich werden sich diese Länder dann zurückziehen.
Das ist es, was diese Gruppe ungleich gefährlicher macht, als Al Qaida.

Nicht von ungefähr
Diese Terroristen kommen jedoch nicht aus dem luftleeren Raum, sie sind das Ergebnis einer langen Entwicklung, die der Westen selbst in erheblichem Masse mit zu verantworten hat: Die USA vor allem durch ihren mit plumpen Lügen gerechtfertigten Einmarsch in den Irak im Jahre 2003. Dort bereiteten sie Al Qaida, welche unter Saddam Hussein dort nicht existent war, das Bett.

Von Al Qaida nabelte sich ISIS (jetzt: IS) ab, mit noch radikaleren Thesen, und noch grösserer Brutalität.

Ideologischer Wegbereiter
Saudi Arabien hat mit seiner Missionierung des Wahabismus, dem Sunni-Radikal-Islamismus ideologisch den Weg bereitet.

Der Wahabismus ist, was Saudi Arabien im Innern bereits praktiziert: Scharia, weitgehende Rechtlosigkeit der Frauen (Verschleierungszwang, kein Führerschein und kein Verreisen ohne männliche Begleitung), und natürlich die Religionspolizei, die für die Einhaltung dieser strikten mittelalterlichen Regeln sorgt und bei Nichteinhaltung körperliche Strafen verhängen darf.

Ebenso verbreitet der Wahabismus den Hass auf die Schiiten, die nicht nur als Ungläubige, sondern schlimmer noch: als Gotteslästerer angesehen werden.

Nur in zwei Punkten unterscheidet sich Saudi Arabien von den Salafi-Terroristen – abgesehen von der Brutalität:

1. Dem Königshaus mit Hunderten parasitärer Prinzen samt Gefolge statt einem Kalifen, also einem religiösen Führer der nicht gewählt sondern erwählt ist.

2. In dem Verhältnis zu den USA, von den Islamisten als „Grosser Satan“ bezeichnet, vom saudischen Königshaus jedoch als Freund.

Perfekt ignoriert
Die USA haben über Jahrzehnte den demokratieverachtenden Verhältnissen und der eifrigen Missionierungstätigkeit ungerührt zugeschaut. Saudi Arabien war nicht nur bedeutendster Öllieferant – das zeigte sich insbesondere während des Yom Kippur-Krieges 1973, als Saudi Arabien den Ölhahn zudrehte- sondern auch Grossabnehmer von westlichen Waren einschliesslich Kriegsgerät.

Umgekehrt versprachen die USA Beistand. Der war bitter nötig, denn sonst wäre dieser wackelige Königsthron von den arabischen Masssen längst umgestürzt worden, wie ein Blick zurück zeigt.
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Zuerst Nasser
Zunächst war der saudische Königsstuhl durch den sozialistischen Panarabismus des ägyptischen Präsidenten Gamal Abd el Nasser in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts bedroht.

Nasser elektrisierte die arabischen Massen, hatte den ägyptischen König Faruk, davongejagt – auch Besitzer der damals grössten Pornografiesammlung der Welt – und wurde zum Hoffnungsträger der arabischen Massen für eine bessere Zukunft. In den saudischen Königspalästen ging die Furcht um.

Da konnten die USA helfen: einen Geheimdienst aufbauen, die Armee modernisieren helfen und modernste militärische Hardware liefern.

Zuvor hatten Grossbritannien und die USA bereits 1953 gezeigt, wie sehr ihnen ölliefernde despotische Regierungen am Herzen liegen, und den Schah Reza Pahlevi des Iran auf dem Pfauenthron gehalten, (Operation Ajax).nachdem er von der Regierung Mossadegh de facto bereits entmachtet worden war.

Die nächste Bedrohung für Saudi-Arabien war sozusagen vor der Haustür: der Umsturz im Yemen 1962.

Im Yemen unterstützte Ägypten mit seiner Armee die nach einem Umsturz nunmehr herrschende sozialistische Regierung, die den mittelalterlich Despoten hinweggefegt hatte. Saudi Arabien und die USA hingegen die erzkonservativen Stämme in den ländlichen Gebieten.
Nasser holte sich in dem zermürbenden Krieg eine blutige Nase und zog schliesslich ab.

Revolution im Iran
Die nächste Bedrohung zeichnete sich Ende der 70er Jahre ab, als die Revolution im Iran, diesmal gegen den Schah siegte. Obwohl es Schiiten waren: der Sturz der Monarchie durch die Massen elektrisierte erneut, auch in sunnitischen Ländern. Bombenanschläge selbst an den heiligen Stätten in Mekka waren die Folge.

Saddam Hussein griff 1980 den Iran an, der Westen lieferte die Waffen, Saudi-Arabien Geld. Israel lieferte an den Iran, um den Krieg am laufen zu halten.

Insofern war es trotzdem keine wirkliche Überraschung, dass Saudi-Arabien sich höchst aktiv am Kampfe gegen den Irak 1990 im ersten Golfkrieg beteiligte: hier galt das Prinzip der territorialen Integrität, das der Irak verletzt hatte.

Als aber die USA nach Bagdad weitermarschieren wollten, um Saddam Hussein abzusetzen, da drohte Saudi-Aarabien mit dem Platzen der Koalition. Die USA zuckten zurück, jedenfalls für 12 Jahre bis zum Einmarsch in den Irak 2003 .

Selbstverständlich missbilligte Saudi-Arabien den Einmarsch in den Irak und die neue schiitische Regierung des Irak war ein Gegner.
Die innenpolitischen sunnitischen Feinde, einschliesslich sunnitischen Radikalislamisten konnten deshalb mit grosszügiger finanzieller Unterstützung der Saudis rechnen.

Nun also wieder eine Koalition einschliesslich Sunniten gegen Sunniten – und zwar diesmal gegen eine radikalere Variante des Wahabismus. Gestern noch Freunde, heute Feinde.

Bedrohung als Kriegskoalitions-Grund
Wieder dürfte sich das Königshaus in Saudi Arabien bedroht fühlen, obgleich IS das praktiziert, was in Saudi-Arabien längst Alltag ist: die Umsetzung der Scharia und die Religionspolizei.
Aber es ist eben doch ein wesentlicher Unterschied: Ein Kalifat kennt keinen König samt Hunderten parasitärer Prinzen, sondern nur einen erwählten religiösen Führer, die Rolle, die IS-Chef Al Baghdadi im Levante-Kalifat spielt.

Und so bedroht IS indirekt alle Herrscher in der Region: neben Jordanien auch die Emire am Golf, die sich bisher mehr oder weniger von Terrorangriffen freigekauft haben und den Vermittler im Afghanistan-Konflikt spielten.

Hatten so die USA und die Koalition der Willigen mit ihrem Einmarsch in den Irak erst einmal der Al Qaida, die vorher dort nicht vorhanden war, ein neues Betätigungsfeld verschafft, so haben sie nach ihrem Abzug gleichgültig den Bombenattentaten zugesehen, die fast täglich Bagdad erschütterten, meist von radikalislamistischen Sunniten ausgeführt, anstatt auf Aussöhnung der Volksgruppen zu drängen.

Alte Rechnungen statt Versöhnung
Der schiitische Premier Malaki hatte nichts besseres zu tun, als alte Rechnungen mit Sunniten zu begleichen. Von Aussöhnung keine Rede.

Auf diesem Sumpf konnte IS gedeihen und natürlich in Syrien, wo der Westen alles daransetzte, den Präsidenten Assad loszuwerden, statt mit Russland über eine Lösung des Konflikt zu reden.

Das Ergebnis ist bekannt: 200.000 Tote, 2 Millionen Flüchtlinge, und eben IS.

Was hielt doch der kürzlich verstorbene Islam-Kenner Scholl-Latour von den Berliner politischen Schwergewichten: Idioten.
Wohl wahr. Nicht nur in Berlin.

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Ein Gedanke zu “Islamischer Staat (IS), die Kriegskoalition, und die Rückkehr des Terrors im Westen

  1. -Insofern ist es auch nicht überraschend, dass Osama bin Laden in Afghanistan nicht etwa an der Staatsbildung sich beteiligte, sondern Trainingslager unterhielt, um ausländische Kämpfer ausbilden die den Terror in ihre Heimatländer bzw. in westliche Länder bringen sollten, möglichst spektakulär. –
    Sollte ObL ursprünglich nicht die Sowjets im Namen und mit Unterstützung (z.B. STINGER) des großen „Satans“ aus Afghanistan vertreiben? Der Pipelines wegen?

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