umwelt

Massentierhaltung, Antibiotikaresistenz, Grundwasserbelastung und die Zukunft

Dr. Alexander von Paleske —– 29.10. 2014 —-
Am 8. 10. berichtete der Hessische Rundfunk über eine Bürgerversammlung in Gudensberg im Schwalm-Eder-Kreis. Dort stellte der Besitzer der grössten Hähnchenschlachterei Hessens seine Erweiterungspläne vor: täglich sollen jetzt nicht mehr „nur“ 125.000 kg (70.000 Hähnchen) verarbeitet werden, sondern doppelt so viel: 250.000 kg (250 Tonnen).

Bürger gegen Erweiterung.
Die Bürger dort wollen jedoch keine Erweiterung, sie befürchten – wohl nicht zu Unrecht – dass diese Schlachterei weitere Mastbetriebe in die Region locken wird.


Proteste in Gudensberg

Die Argumente der Schlachthof (-erweiterungs)-Gegner:

Die Massentierhaltung (Tierfabriken) – Intensivtierhaltung verharmlosend genannt – führt zum verstärkten Einsatz von Antibiotika, und leistet damit der Resistenzentwicklung von Bakterien Vorschub.


Brutstätten der Antibiotikaresistenz: Tierfabriken – Screenshot: Dr. v. Paleske

Die Gülle aus den Mastbetrieben verseucht das Grundwasser

Massentierhaltung ist Tierquälerei

Die Geruchsbelästigung der Massentierhaltung vermindert die Lebensqualität der Bewohner in der Nähe.

Übertriebene Kritik?
Der Betreiber der Anlage, Plukon, hält die Kritik für übertrieben, und lässt keinen Zweifel daran, dass die Erweiterung kommen wird.

Offenbar hat er gute Gründe für den Optimismus, obgleich in Hessen ja eine Regierung mit grüner Mitbeteiligung am Ruder ist.


Koalitionsvertrag: zum Thema Massentierhaltung nur Bla Bla


Bessere Argumente
Die Schlachthofgegner haben jedoch die besseren Argumente auf ihrer Seite, denn:

Antibiotika: In der Massentierhaltung werden mittlerweile in Deutschland 7-mal so viel Antibiotika eingesetzt, wie in der gesamten Humanmedizin, und 40-mal so viel wie in allen Krankenhäusern.

Dieser (Missbrauchs-) Einsatz ist einer der wichtigsten Schrittmacher bei der alarmierenden Zunahme der Antibiotikaresistenz, wir berichteten mehrfach darüber.

Multiresistente Keime wurden in Schlachthöfen, auf Hähnchen aus dem Supermarkt, und in der Umgebung von Mastbetreiben gefunden.
Keine Überraschung: Wie eine Studie aus Nordrhein Westfallen belegt, erhielten 91,6 % der Tiere aus den untersuchten Beständen der Geflügel-Massentierhaltung Antibiotika.

Antibiotikafreie Hähnchenmast wurde nur bei 155 von 984 Mastdurchgängen (16 %) festgestellt, wo jedoch nur 8,4 % der Tiere gehalten wurden. In 829 Mastdurchgängen (84 %) erfolgte der Einsatz von Antibiotika.

Kaum ein Tier schafft es ohne Antibiotika bis zum Schlachttag, wobei die durchschnittliche Dauer des Einsatzes mit der Zahl der eingepferchten Tiere ansteigt: sind es bei weniger als 20.000 Viechern noch durchschnittlich 3,1 Antibiotika-Behandlungstage, so steigt bei einer Zahl von mehr als 20.000 bis 50.000 diese Zahl auf 6,5 und bei 50-90.000 auf 9.1 Behandlungstage.

Grundwasserbelastung durch Gülle: Mittlerweile fallen dank der exponentiellen Ausdehnung der Massentierhaltung seit den 60er Jahren Riesenmengen von Gülle an. Konkret: Mehr als 160 Millionen Kubikmeter im Jahr, wie Fritz Vorholz in der ZEIT zu berichten wusste.

War bis dato die Gülle kein Problem, was in den landwirtschaftlichen Betrieben an Mist und Gülle anfiel, wanderte – ohne Umweltschäden – wieder als Dünger auf die Felder. Ein problemloser Kreislauf, auch wenn der Kunstdünger die Gülle und den Mist als Dünger zum Teil verdrängte.

Die Riesenmengen Gülle, angefallen in Tausenden von Mastbetrieben und auf die Felder gebracht, haben mittlerweile in vielen Teilen Deutschlands, insbesondere in der Nähe von Mastbetrieben, zu einer total unakzeptablen Belastung des Trinkwassers mit Nitraten geführt. Diese Nitrate werden im Körper in Nitrite umgewandelt – gesundheitsschädlich und krebserzeugend.

Die Lage ist inzwischen so bedrohlich, dass die EU einschreiten will, weil die deutsche Regierung im Nichtstun verharrt.

Einige Wasserwerke in Gülle-Einzugsgebieten ködern mittlerweile Landwirte mit Geld, damit sie die Felder nicht mit diesem Gülle-Dreck berieseln.

Da die Gesetzeslage (Düngeverordnung von 1996) eine Mengenbegrenzung für Gülle, die pro Fläche abgeladen werden darf, beinhaltet – und auch einen Zeitplan , wann und wann nicht gedüngt werden darf – findet mittlerweile ein reger Transport der Überschusse mit Güllelastern in bisher schwach belastete Gegenden Deutschlands statt, gemäss der abgewandelten St. Florians Mentalität: verschon mein Land mit Gülle, kippe sie woanders hin.

Die Düngeverordnung ist aber offenbar nicht umweltschützend genug, sodass die Belastung des Grund-Trinkwassers mit Nitraten gleichwohl weiter ansteigt. Der NRW Umweltbericht von 2012 belegt, dass bereits 40% des Grundwassers starke Nitratkonzentrationen aufweist.
Die Trinkwasserversorgung im Münsterland und am Niederrhein unter Einhaltung der Nitrat-Grenzwerte ist nicht mehr, oder nur unter erheblichem Aufwand, möglich.

Mit der Gülle die Antibiotika
Es ist aber nicht nur reine Gülle, die auf den Feldern landet, sondern darin enthalten auch Antibiotika, die mit Urin und Kot der Tiere ausgeschieden, und so in die Nahrungskette eingeschleust werden, oder aber, nicht weniger problematisch, Antibiotika-resistente Bakterien, und landen dann auf dem Verbraucherteller – oder in den Mägen von Nutz- und Wildtieren.

Gülle in Biogasanlagen? Nein danke
Eigentlich müsste sich die Gülle ja hervorragend für die mehr als 4000 Biogasanlagen in Deutschland eignen, jedoch:

– die Antibiotika führen in den Anlagen zu Problemen, weil sie auch die Gärungsbakterien an ihrer Arbeit hindern, mit der Folge, dass der Methanausstoss sinkt.

– die Gülle liefert eine vergleichsweise nur geringe Gasausbeute

Und so ist es keine Überraschung, dass lediglich 15 % der verfügbaren Gülle aus der Tierhaltung energetisch genutzt werden, der Rest über die Felder schliesslich im Grundwasser landet.

Mit der von 2009 bis 2011 gültigen 2. Novelle des Energie-Einspeisungs Gesetzes (EEG) wurde ein Güllebonus eingeführt, der kleinere Anlagen mit hohem Gülleanteil fördern sollte. Das EEG 2012 sieht keine Boni mehr vor – wozu auch, wir haben ja die Felder.

Selbst wenn die gesamte Gülle in die Biogasanlagen käme, so bestünde weiterhin das Problem der Antibiotika in der Biomasse, die nach dem Gärungsprozess übrig bleibt und auf die Felder als Dünger kommt. Die Temperaturen in den Anlagen reichen nicht aus, weder um die Antibiotika unwirksam zu machen oder Bakterien abzutöten, wie eine Studie des Umweltbundesamtes . in Österreich belegt.

Statt Gülle: Mais
Statt Gülle also Mais, aus deutschen Landen frisch in die Biogasanlage, wobei riesige Ackerflächen mittlerweile zur Bereitstellung von Biodiesel und als Rohstoffe für Biogasanlagen dienen. Dieser biologisch-dynamische Schwachsinn kennt offenbar keine Grenzen.

Nur eine Antwort
Es gibt nur eine vernünftige Antwort darauf: Den Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung drastisch zu reduzieren, was notwendigerweise das Ende der Massentierhaltung in ihrer gegenwärtigen Form nach sich ziehen würde.

Dem Fleischverzehr zuliebe – Tierquälerei. Massentierhaltung ist Tierquälerei sagen die Tierschützer. Das ist sie zweifellos, aber was die Grünen hier wollen, ist kaum als vernünftiger Ausweg zu bezeichnen. Es läuft nach der Devise: wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass. Statt konsequent das Ende der Massentierhaltung zu fordern, reden sie von „artgerechter Tierhaltung“.

Massentierhaltung kann niemals artgerecht sein.

Schliesslich die Geruchsbelästigung: Auch dagagen wehren sich die Menschen – zu Recht Wer möchte ständig einen Stallgeruch in der Nase haben?.

Fazit:
Die Fleischproduktion muss drastisch heruntergefahren werden, den Menschen, die es noch nicht wissen, muss klar gemacht werden: Es kann so nicht weitergehen.

Es geht nicht um diesen lächerlichen Veggie-Tag. Es geht vielmehr darum, dass wir diesen Fleischkonsum nur aufrechterhalten können um den Preis der Umweltvergiftung und der Wirkungslosigkeit von Antibiotika.

Es ist allerhöchste Zeit, hier die Notbremse zu ziehen.

Brandanschläge keine Antwort
Allerdings sind Brandanschläge auf diese Tierfabriken, wie sie mittlerweile von radikalen Tierschützern ausgeführt werden, kein Ausweg. Sie führen nur dazu, dass ein paar mehr Sicherheitsleute eingestellt werden, und die kleineren Betreibe, die sich das nicht leisten können dichtmachen, das Geschäft dann die grossen Mastkonzerne alleine machen.

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