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US-Forscher warnen: Massentierhaltung verursacht neben Antibiotikaresistenz auch noch Klimawandel

Dr. Alexander von Paleske —- 20.10. 2017 —– Im Mai 2017 sandten Forscher aus Boston einen offenen Brandbrief an die Weltgesundheitsorganisation (WHO), worin sie darauf drängen, die Massentierhaltung einzudämmen.

Sie sei mit-verantwortlich für

– Klimawandel

– Antibiotikaresistenz

– Anstieg übertragbarer Erkrankungen insbesondere Virusinfektionen: Die in der Massentierhaltung gehaltenen Tiere können selbst Ursprung von neuen gefährlichen Erkrankungen für den Menschen werden, siehe die H7N9 Epidemie.

– Anstieg nicht übertragbarer Erkrankungen wie Krebs und Herzkrankheiten durch übermässigen Fleischgenuss

Keine Überraschung
Pro Jahr verzehren Bundesbürger (Vegetarier ausgenommen) durchschnittlich mehr als 60 Kilo Fleisch, 85% essen jeden Tag Fleisch. Dafür müssen pro Jahr rund 753 Millionen Tiere geschlachtet werden (Arzneimittelbrief September 2017 p. 71)

Weiter die Forscher in ihrem Brandbrief, der von 200 Experten aus den Bereichen öffentliche Gesundheit, Medizin, Klimaerwärmung, Grundlagenerforschung und Ethik unterschrieben wurde:

– Die globale Landwirtschaft wird so das gesamte CO2 Budget verbrauchen, das errechnet wurde, um die globale Erwärmung unter 2 Grad bis zum Jahre 2050 zu halten.

– Durch die wegen der Massentierhaltung zur Futterproduktion erforderlichen Landflächen können nur durch weitere Entwaldung gewonnen werden, die bereits in vollem Gang ist, was wiederum den Klimawandel beschleunigt..

– Die in der Massentierhaltung erforderlichen Antibiotika führen zur zunehmenden Antibiotikaresistenz, die weltweit in der Zunahme begriffen ist, ohne dass neue Substanzklassen ohne Resistenz entwickelt werden. Dadurch werde die Behandlung von bakteriellen Infektionskrankheiten erschwert, insbesondere auch viele lebensgefährliche Infekte wie Tuberkulose.

Eine Klinik in Deutschland
Z.B. Klinikum Bad Mergentheim. Einst als Klinik für 800 Tuberkulose-Patienten erbaut, mittlerweile akademisches Lehrkrankenhaus, das 22.000 stationäre Patienten pro Jahr behandelt.
Ärztlicher Direktor Christoph Eingartner im Interview:

Wir sind ja hier ein Krankenhaus im ländlichen Raum. Wir sehen zum Beispiel viele Patienten, die zu Hause eine Landwirtschaft haben und dann mit multiresistenten Keimen kommen.“

Keine Überraschung: multiresistente Keime dank andauernder Antibiotikaverfütterung an die Tiere.

40.000 Infektionen mit resistenten Keimen
Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums kommt es pro Jahr in Deutschland zu 400.000 bis 600.000 im Krankenahaus erworbenen Infektionen. Hier gehen bereits 6% der Infektionen auf resistente oder multiresistente Erreger zurück.

Ähnlich nach Erhebungen des Robert-Koch-Instituts: Jährlich kommt es in deutschen Krankenhäusern Deutschland zu 30. 000 bis 40. 000 Infektionen mit multiresistenten Keimen.. Tendenz: Zunehmend.

Als Folge davon sterben in Deutschland bis zu 4000 Patienten pro Jahr, in ganz Europa rund 25.000 an Infektionen mit multiresistenten Keimen, weltweit nach Schätzungen rund 700.000.

Die Isolierung derartiger Patienten wird angesichts der geplanten und vollzogenen Krankenhausschliessungen, verschärft durch dem allgemeinen Pflegenotstand und Investitionsstau immer schwieriger.

Der Pflegenotstand führt zwangsläufig zur Vernachlässigung von Hygiene-Regeln, und führt damit zur weiteren Verbreitung von Krankenhauskeimen.
Banale, und natürlich erst recht schwere Infektionen, die bisher durch Antibiotika beherrschbar waren, können nun zur Todesfalle werden, wie vor dem Beginn der Antibiotikaära vor 70 Jahren.

Dazu Noch-Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe:

„Jeder – und das beginnt beim aufgeklärten Patienten oder der Patientin – Landwirtschaft, Humanmedizin, an allen Stellen müssen wir wissen: das kostbare Gut Antibiotikum darf nicht seine Wirksamkeit verlieren durch übermäßigen Gebrauch.“

Keine Konsequenzen
Lächerlich, da es auch die Sparmassnahmen im Gesundheitswesen sind, die der Ausbreitung von Infektionen Vorschub leisten.
Gerade aber auch an der Massentierhaltung mit dem zwangsläufigen Einsatz von Antibiotika, wird nicht gerüttelt, auch nicht von der zukünftigen Bermuda-Dreiecks- Koalition in Berlin.


Minister Hermann Gröhe —–starke Worte, wenig Taten

In 2011wurden 1700 Tonnen Antibiotika in deutschen Tierställen eingesetzt. Ein großer Teil in Niedersachsen, Schwerpunktland der Massentierhaltung, wo 400 Millionen Geflügel pro Jahr
mit Antibiotika auf den Schlachttag hochgepäppelt werden.

Es grünt so grün

Der Grüne Minister Christian Meyer dazu:

„Deshalb ist es auch klar, um die 90, 95 Prozent (der Antibiotika in der Veterinärmedizin) wird wirklich in der industriellen Massentierhaltung bei großen Einheiten verwendet. Allein da schon, weil nicht ein Einzeltier behandelt wird in der Regel, sondern ein ganzer Bestand von 80.000 Hühnern oder Puten kriegt übers Tränkewasser diese Medikamente.“

Und weiter Christian Meyer:

Bundesweit müssen die Betriebe ihren Antibiotikaeinsatz melden. Seit zwei, drei Jahren, wo wir dieses Gesetz haben, sinkt der Einsatz von Antibiotika, und wir haben in Niedersachsen fast eine Halbierung erreicht.“

Kalter Meyer-Kaffee
Der ungezügelte Einsatz von Antibiotika findet nach wie vor insbesondere in der Tiermast statt, wo mit 1452 Tonnen dieser Medikamente pro Jahr rund 40 mal so viel Antibiotika eingesetzt werden, wie in allen Krankenhäusern zusammen, und immer noch 7 mal so viel, wie in der gesamten Humanmedizin.

Zwar deuten die Zahlen aus dem Jahre 2013 darauf hin, dass der Verbrauch an Antibiotika in der Tiermast leicht zurückgegangen ist, gegenüber 2012 um 167 Tonnen t und gegenüber 2011 um rund 250 Tonnen, , aber das ist alles zu gering und unzureichend, um die Entwicklung multiresistenter Bakterienstämme aufzuhalten.

Mehr noch: Hochpotentere Antibiotika wie die Chinolone wurden nicht weniger, sondern vermehrt in der Tiermast eingesetzt.

Grün – aber nichts erreicht
Der Grüne Minister hat also de facto nichts erreicht, was die Reduzierung der Massentierhaltung und den Antibiotikaverbrauch angeht, denn immer mehr potente Antibiotika finden ihren Weg in die Tierställe und daran haben weder die Grünen in Niedersachsen, noch der grüne politisch hufscharrende Umweltminister Schleswig Holsteins, Robert Habeck, oder der grüne Ressortminister in Hessen etwas geändert.


Minister Christian Meyer ….nichts erreicht


Robert Habeck ….nichts erreicht

Peter Walger, er ist Leitender Arzt an den Johanniter Kliniken in Bonn, und Sprecher des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, zu Christian Meyers Schönrednerei:.

„Aber man muss dann auch genau hingucken. Ansteigen tun in der Tiermast Breitspektrum-Antibiotika. Das heißt, das sind einfach in viel kleinerem Milligrammbereich hochpotente Mittel, die dann einen vergleichsweise größeren Selektionsschaden machen. Also nur das Gewicht zu begucken, ohne was ist in der Packung drin, macht das Bild schöner als es tatsächlich ist.“


Peter Walger

Und zur Hygiene angesichts des Pflegenotstands:

„In keinem Land der Welt hat eine Pflegekraft im Krankenhaus sich um so viele Patienten zu kümmern. Auf einer Intensivstation, wenn es da piepst und da pfeift, und da ist dieses, und da ist jenes und das Telefon und das sollte eigentlich schon längst… Und da entsteht natürlich eine Arbeitslast, die es manchmal schwer macht, die immer aufwendigeren Hygienemaßnahmen tatsächlich auch bis ins Letzte einzuhalten und zu erfüllen.“


Probleme Krankenhausfinanzierung, Pflegenotstand und Massentierhaltung bleiben ungelöst.

Von der Bermuda-Dreiecks- Koalition sind Lösungen in all diesen Brennpunkten nicht zu erwarten,, auch nicht von den Grünen, denen es vor allem darum geht, wieder an den Regierungsfuttertrögen zu sitzen.

Das zeigt schon die Gewichtung der Schwerpunkte der Koalitionsgespräche: An vorderster Stelle: Finanzen. Über Finanzen kann ja wohl erst geredet werden, wenn Einigkeit über die Aufgaben besteht, und dann das Budget zusammengestellt wird.

Schlechte Aussichten

Antibiotika-Resistenz – Schuldige in Indien gefunden, oder: auf einem Auge blind
Deutscher Ärztetag, die Bundesregierung, und das Versagen der Antibiotika
Antibiotikaresistenz – eine Warnung vom „Schnarchverein“ Weltgesundheitsorganisation (WHO)
Rettet ein neues Antibiotikum Kranke – und auch die Massentierhaltung ?
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Zwei Schreckensmeldungen zur Antibiotika-Verfütterung in der Massentierhaltung
Frühchentod und Antibiotikaresistenz

Antibiotikaresistenz: Nach Pest, Tripper, MRSA, NDM-1, TB, Campylobacter nun die Salmonellen
Bleibt die Gonorrhoe (Tripper) behandelbar?
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Pest-Seuche und Antibiotika-Resistenz

Antibiotika oder Massentierhaltung?

Der Dioxin-Skandal flaut ab, die Probleme der Massentierhaltung bleiben

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Ein versandeter Fluss und eine Beerdigung in Simbabwe

Dr. Alexander von Paleske —- 1.1. 2015 —– Vor drei Wochen in Birchenough Bridge, am Save Fluss im Osten Simbabwes gelegen:
Eine langjährige Mitarbeiterin in Umweltorganisationen wie IUCN und World Fish, Tabeth Chiuta, wurde in ihrem Geburtsort zu Grabe getragen.


Tabeth Chiuta


Trauerfeier in Birchenough Bridge – Foto: Dr. v. Paleske

Dort, wo die Birchenough Bridge den afrikanischen Strom Save überspannt. Ein Fluss, der in Simbabwe in der Nähe von Wedza, 80 km östlich der Hauptstadt Harare, entspringt, und in dem Nachbarstaat Mozambique in den Indischen Ozean mündet.

Die Brücke über die Save, 1935 fertiggestellt, das Modell für die Sydney Harbour Bridge, ein imposantes Bauwerk, und damals ein Meisterstück der Ingenieurkunst.


Birchenough Bridge

Zerstörung durch Menschenhand
Weniger imposant allerdings, was Menschenhand in den letzten Jahrzehnten mit dem Save Fluss angerichtet hat: der Fluss ist versandet, und kann nur noch in der Regenzeit als Strom bezeichnet werden. Zur Trockenzeit ist der Strom eine Ansammlung von Sandbänken, unterbrochen von Rinnsalen fliessenden Wassers.

Ein Traum von der Rehabilitierung
Der Traum der Verstorbenen war es, mitzuhelfen, den Save Fluss zu rehabilitieren.

Ein Fluss, der während ihrer Jugend in den späten Fünfziger und Anfang der 60er Jahre noch das ganze Jahr über grosse Mengen von Wasser führte, also auch in der Trockenzeit in den Monaten Mai bis Oktober. Damals reichte dichter Busch bis zum Ufer, die nahegelegenen Hügel waren bewaldet, in dem fischreichen Fluss tummelten sich Nilpferde und Krokodile.

Wer heute zur Trockenzeit von der Brücke auf den Fluss herunterblickt, der schaut eher auf ein Rinnsal mit riesigen Sandbänken ohne Leben im Fluss. Mühelos lässt sich der Fluss zu Fuss überqueren, weder Nilpferde noch Krokodile sind zu sehen.


Save-Fluss in der Nähe von Birchenough Bridge ……..flach und voller Sandbänke, in der Trockenzeit wesentlich ausgeprägter


Weiter flussabeärts in der Trochkenzeit: ein Rinnsal. Foto: Dr. v. Paleske

In der Regenzeit wird der Fluss dann zum reissenden Strom, dann kommen auch die Krokodile zurück – für eine begrenzte Zeit.

Schicksal vieler afrikanischer Flüsse
Der Save Fluss teilt damit das Schicksal vieler afrikanischer Flüsse: Hochgradige Versandung, und grössere Mengen Wasser Wasser nur noch in der Regenzeit, mit der Gefahr von Überschwemmungen.
So auch im Falle des weltberühmten Mara Flusses in Kenia, den die Wildtiere bei ihrem Weg über Hunderte Kilometer von den südlichen Weidegründen der Serengeti hinauf in den Norden und die angrenzende Masai Mara überqueren.


Die ZEIT vom 19.12. 2014

Der Fluss ist ihre einzige Wasserquelle auf dem langen Weg. Er entspringt in den Wäldern des Hochlandes im kenianischen Mau-Regenwald, auf rund 3000 Metern Höhe.

In den Ursprungsgebieten der afrikanischen Flüsse und seiner Nebenarme pufferte Wald den Regen, und gab ihn verzögert über das Jahr wieder frei.

Die Wälder sind grösstenteils verschwunden, abgeholzt. Erst kamen die Holzfäller, um afrikanisches Hartholz nach Europa abzutransportieren, dann kam die Brandrodung zur Landgewinnung, der Rest wird als Feuerholz verwendet.

Während der Regenzeit werden dann regelhaft Teile des Ackerlandes fortgespült mit der Folge der Versandung der Flüsse .
Soweit die Abholzung noch nicht vollständig ist, wie im Falle des Mara-Quellgebiets und das seiner Nebenflüsse, erteilen korrupte Politiker Lizenzen zur Abholzung. Gier treibt sie an, die Folgen sind ihnen gleichgültig.

Die Verstorbene fand auf dem Friedhof in Birchenough Bridge ihre letzte Ruhe.
Die Umweltgefahren, die sie zu Lebzeiten umtrieben, dürfen uns jedoch keine Ruhe lassen.

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Massentierhaltung, Antibiotikaresistenz, Grundwasserbelastung und die Zukunft

Dr. Alexander von Paleske —– 29.10. 2014 —-
Am 8. 10. berichtete der Hessische Rundfunk über eine Bürgerversammlung in Gudensberg im Schwalm-Eder-Kreis. Dort stellte der Besitzer der grössten Hähnchenschlachterei Hessens seine Erweiterungspläne vor: täglich sollen jetzt nicht mehr „nur“ 125.000 kg (70.000 Hähnchen) verarbeitet werden, sondern doppelt so viel: 250.000 kg (250 Tonnen).

Bürger gegen Erweiterung.
Die Bürger dort wollen jedoch keine Erweiterung, sie befürchten – wohl nicht zu Unrecht – dass diese Schlachterei weitere Mastbetriebe in die Region locken wird.


Proteste in Gudensberg

Die Argumente der Schlachthof (-erweiterungs)-Gegner:

Die Massentierhaltung (Tierfabriken) – Intensivtierhaltung verharmlosend genannt – führt zum verstärkten Einsatz von Antibiotika, und leistet damit der Resistenzentwicklung von Bakterien Vorschub.


Brutstätten der Antibiotikaresistenz: Tierfabriken – Screenshot: Dr. v. Paleske

Die Gülle aus den Mastbetrieben verseucht das Grundwasser

Massentierhaltung ist Tierquälerei

Die Geruchsbelästigung der Massentierhaltung vermindert die Lebensqualität der Bewohner in der Nähe.

Übertriebene Kritik?
Der Betreiber der Anlage, Plukon, hält die Kritik für übertrieben, und lässt keinen Zweifel daran, dass die Erweiterung kommen wird.

Offenbar hat er gute Gründe für den Optimismus, obgleich in Hessen ja eine Regierung mit grüner Mitbeteiligung am Ruder ist.


Koalitionsvertrag: zum Thema Massentierhaltung nur Bla Bla


Bessere Argumente
Die Schlachthofgegner haben jedoch die besseren Argumente auf ihrer Seite, denn:

Antibiotika: In der Massentierhaltung werden mittlerweile in Deutschland 7-mal so viel Antibiotika eingesetzt, wie in der gesamten Humanmedizin, und 40-mal so viel wie in allen Krankenhäusern.

Dieser (Missbrauchs-) Einsatz ist einer der wichtigsten Schrittmacher bei der alarmierenden Zunahme der Antibiotikaresistenz, wir berichteten mehrfach darüber.

Multiresistente Keime wurden in Schlachthöfen, auf Hähnchen aus dem Supermarkt, und in der Umgebung von Mastbetreiben gefunden.
Keine Überraschung: Wie eine Studie aus Nordrhein Westfallen belegt, erhielten 91,6 % der Tiere aus den untersuchten Beständen der Geflügel-Massentierhaltung Antibiotika.

Antibiotikafreie Hähnchenmast wurde nur bei 155 von 984 Mastdurchgängen (16 %) festgestellt, wo jedoch nur 8,4 % der Tiere gehalten wurden. In 829 Mastdurchgängen (84 %) erfolgte der Einsatz von Antibiotika.

Kaum ein Tier schafft es ohne Antibiotika bis zum Schlachttag, wobei die durchschnittliche Dauer des Einsatzes mit der Zahl der eingepferchten Tiere ansteigt: sind es bei weniger als 20.000 Viechern noch durchschnittlich 3,1 Antibiotika-Behandlungstage, so steigt bei einer Zahl von mehr als 20.000 bis 50.000 diese Zahl auf 6,5 und bei 50-90.000 auf 9.1 Behandlungstage.

Grundwasserbelastung durch Gülle: Mittlerweile fallen dank der exponentiellen Ausdehnung der Massentierhaltung seit den 60er Jahren Riesenmengen von Gülle an. Konkret: Mehr als 160 Millionen Kubikmeter im Jahr, wie Fritz Vorholz in der ZEIT zu berichten wusste.

War bis dato die Gülle kein Problem, was in den landwirtschaftlichen Betrieben an Mist und Gülle anfiel, wanderte – ohne Umweltschäden – wieder als Dünger auf die Felder. Ein problemloser Kreislauf, auch wenn der Kunstdünger die Gülle und den Mist als Dünger zum Teil verdrängte.

Die Riesenmengen Gülle, angefallen in Tausenden von Mastbetrieben und auf die Felder gebracht, haben mittlerweile in vielen Teilen Deutschlands, insbesondere in der Nähe von Mastbetrieben, zu einer total unakzeptablen Belastung des Trinkwassers mit Nitraten geführt. Diese Nitrate werden im Körper in Nitrite umgewandelt – gesundheitsschädlich und krebserzeugend.

Die Lage ist inzwischen so bedrohlich, dass die EU einschreiten will, weil die deutsche Regierung im Nichtstun verharrt.

Einige Wasserwerke in Gülle-Einzugsgebieten ködern mittlerweile Landwirte mit Geld, damit sie die Felder nicht mit diesem Gülle-Dreck berieseln.

Da die Gesetzeslage (Düngeverordnung von 1996) eine Mengenbegrenzung für Gülle, die pro Fläche abgeladen werden darf, beinhaltet – und auch einen Zeitplan , wann und wann nicht gedüngt werden darf – findet mittlerweile ein reger Transport der Überschusse mit Güllelastern in bisher schwach belastete Gegenden Deutschlands statt, gemäss der abgewandelten St. Florians Mentalität: verschon mein Land mit Gülle, kippe sie woanders hin.

Die Düngeverordnung ist aber offenbar nicht umweltschützend genug, sodass die Belastung des Grund-Trinkwassers mit Nitraten gleichwohl weiter ansteigt. Der NRW Umweltbericht von 2012 belegt, dass bereits 40% des Grundwassers starke Nitratkonzentrationen aufweist.
Die Trinkwasserversorgung im Münsterland und am Niederrhein unter Einhaltung der Nitrat-Grenzwerte ist nicht mehr, oder nur unter erheblichem Aufwand, möglich.

Mit der Gülle die Antibiotika
Es ist aber nicht nur reine Gülle, die auf den Feldern landet, sondern darin enthalten auch Antibiotika, die mit Urin und Kot der Tiere ausgeschieden, und so in die Nahrungskette eingeschleust werden, oder aber, nicht weniger problematisch, Antibiotika-resistente Bakterien, und landen dann auf dem Verbraucherteller – oder in den Mägen von Nutz- und Wildtieren.

Gülle in Biogasanlagen? Nein danke
Eigentlich müsste sich die Gülle ja hervorragend für die mehr als 4000 Biogasanlagen in Deutschland eignen, jedoch:

– die Antibiotika führen in den Anlagen zu Problemen, weil sie auch die Gärungsbakterien an ihrer Arbeit hindern, mit der Folge, dass der Methanausstoss sinkt.

– die Gülle liefert eine vergleichsweise nur geringe Gasausbeute

Und so ist es keine Überraschung, dass lediglich 15 % der verfügbaren Gülle aus der Tierhaltung energetisch genutzt werden, der Rest über die Felder schliesslich im Grundwasser landet.

Mit der von 2009 bis 2011 gültigen 2. Novelle des Energie-Einspeisungs Gesetzes (EEG) wurde ein Güllebonus eingeführt, der kleinere Anlagen mit hohem Gülleanteil fördern sollte. Das EEG 2012 sieht keine Boni mehr vor – wozu auch, wir haben ja die Felder.

Selbst wenn die gesamte Gülle in die Biogasanlagen käme, so bestünde weiterhin das Problem der Antibiotika in der Biomasse, die nach dem Gärungsprozess übrig bleibt und auf die Felder als Dünger kommt. Die Temperaturen in den Anlagen reichen nicht aus, weder um die Antibiotika unwirksam zu machen oder Bakterien abzutöten, wie eine Studie des Umweltbundesamtes . in Österreich belegt.

Statt Gülle: Mais
Statt Gülle also Mais, aus deutschen Landen frisch in die Biogasanlage, wobei riesige Ackerflächen mittlerweile zur Bereitstellung von Biodiesel und als Rohstoffe für Biogasanlagen dienen. Dieser biologisch-dynamische Schwachsinn kennt offenbar keine Grenzen.

Nur eine Antwort
Es gibt nur eine vernünftige Antwort darauf: Den Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung drastisch zu reduzieren, was notwendigerweise das Ende der Massentierhaltung in ihrer gegenwärtigen Form nach sich ziehen würde.

Dem Fleischverzehr zuliebe – Tierquälerei. Massentierhaltung ist Tierquälerei sagen die Tierschützer. Das ist sie zweifellos, aber was die Grünen hier wollen, ist kaum als vernünftiger Ausweg zu bezeichnen. Es läuft nach der Devise: wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass. Statt konsequent das Ende der Massentierhaltung zu fordern, reden sie von „artgerechter Tierhaltung“.

Massentierhaltung kann niemals artgerecht sein.

Schliesslich die Geruchsbelästigung: Auch dagagen wehren sich die Menschen – zu Recht Wer möchte ständig einen Stallgeruch in der Nase haben?.

Fazit:
Die Fleischproduktion muss drastisch heruntergefahren werden, den Menschen, die es noch nicht wissen, muss klar gemacht werden: Es kann so nicht weitergehen.

Es geht nicht um diesen lächerlichen Veggie-Tag. Es geht vielmehr darum, dass wir diesen Fleischkonsum nur aufrechterhalten können um den Preis der Umweltvergiftung und der Wirkungslosigkeit von Antibiotika.

Es ist allerhöchste Zeit, hier die Notbremse zu ziehen.

Brandanschläge keine Antwort
Allerdings sind Brandanschläge auf diese Tierfabriken, wie sie mittlerweile von radikalen Tierschützern ausgeführt werden, kein Ausweg. Sie führen nur dazu, dass ein paar mehr Sicherheitsleute eingestellt werden, und die kleineren Betreibe, die sich das nicht leisten können dichtmachen, das Geschäft dann die grossen Mastkonzerne alleine machen.

linkDie Antibiotikaresistenz nimmt zu, die Ignoranz deutscher Politiker jedoch nicht ab
linkGrüne Woche vorbei, die Massentierhaltung bleibt – Oder: Wieviel Torheit darf’s denn sein?
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Jagd nach Elfenbein: Schwarze Zukunft für afrikanische Elefanten

Dr. Alexander von Paleske —- 9.9.2014 —-
Vor 100 Jahren gab es in Afrika noch 10 Millionen Elefanten, diese Zahl ist mittlerweile auf 500.000 also 5% geschrumpft, und täglich werden es bis zu 100 weniger – als Folge der Jagd nach Elfenbein, für das auf dem illegalen Markt astronomische Preise geboten werden.


Afrikanische Elefanten —–schwarze Zukunft.
Screenshot: Dr. v. Paleske

Hauptabnehmer mittlerweile: China. Dorthin gehen rund 70% der durch Wilderei erbeuteten Stosszähne, die dann zu Schnitzereien weiterverarbeitet werden.


Beschlagnahmte Stosszähne


Schnitzereien aus Elfenbein in China angeboten Screenshots: Dr. v. Paleske

Der zunehmende Wohlstand in China hat einen neuen Markt für Elfenbein geschaffen, der vor 25 Jahren noch nicht existierte. Elfenbein gilt in China als Wohlstands-Symbol. Es dokumentiert den finanziellen Aufstieg, es mittlerweile zu etwas gebracht zu haben.

Mafia am Werk
Während in Europa die strikte Einfuhrkontrolle und das öffentliche Bewusstsein den Markt weitgehend ausgetrocknet haben, muss dies in China erst noch erreicht werden. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Einfuhrverbote allein greifen nicht. Der illegale Import von Elfenbein ist mafiamässig organisiert:

Am unteren Ende stehen bettelarme Afrikaner, die unter Lebensgefahr die Elefanten mit Maschinenpistolen erlegen, neuerdings auch durch die Vergiftung der Wasserstellen mit Zyanid, was zum lautlosen Tod führt, und deshalb die Wildhüter nicht alarmiert.

Den Weitertransport übernehmen dann in der Regel chinesische Verbrechersyndikate.

Ein alternativer Transportweg läuft über Vietnam, wie der investigative Journalist Julian Rademeyer in seinem Buch beschreibt.

Das Ende der afrikanischen Elefanten – bei anhaltend hoher Nachfrage nach Elfenbein – ist damit absehbar. Sie folgen den Nashörnern, die nahezu ausgerottet sind.

Der Umweltminister Simbabwes, Saviour Kasukuwere, berichtete vor einem Unterausschuss des Parlaments in der vergangenen Woche, dass der Regierung das Geld und die Manpower fehlen, um der Wilderei wirksam zu begegnen.


Financial Gazette Zimbabwe vom 4.9. 2014

Mittlerweile operieren die Banden mit Helikoptern, und nach wie vor werden Wasserstellen mit Cyanid vergiftet – mit katastrophalen Folgen: Löwen, Hyänen aber auch Geier, die nach dem Verzehr der vergifteten Kadaver ebenfalls sterben. Ebenso andere Tiere, die von dem vergifteten Wasser trinken, wie Büffel, Kudus und Gnus, um nur ein paar zu nennen.

300 Elefanten in Hwange getötet
Mehr als dreihundert Elefanten fielen allein im Hwange Nationalpark Zimbabwes dieser Vergiftungsbarbarei zum Opfer
.
Aber auch den ohnehin fast ausgerotteten Nashörnern geht es weiter an den Kragen: Von der dezimierten Zahl von 2300 Nashörner in Simbabwe, einem der wenigen Länder Afrikas mit wo sie überhaupt noch anzutreffen sind, ist ihre Zahl auf 800 geschrumpft.

Wilderei auch im Krüger Nationalpark
Mittlerweile hat die illegale Jagd auf Elefanten auch auf den südafrikanischen Krüger Nationalpark übergriffen. Die Wilderer kommen aus Mozambique, die Armut treibt sie zu diesem lebensgefährlichen Geschäft, denn auch die Wildhüter sind bewaffnet und fackeln nicht lange.

Während das Elfenbein vorwiegend zu Figuren und Dekorationsgegenständen verarbeitet wird, werden den Hörnern der Nashörner magische Kräfte zugesprochen, zu „Medizin“ vermehlt, oder als Knaufe für Säbel in den arabischen Raum verkauft.

Früher wurden den Nashorn-Produkten auch noch potenzfördernde Eigenschaften nachgesagt, da hat sich aber Viagra als billigere und hocheffektive Alternative mittlerweile fest etabliert.

Staaten wie Botswana, Simbabwe und Südafrika hatten vor einigen Jahren noch eine Überpopulation von Elefanten in den Parks, die abgeschossen werden mussten. Diese Länder, versuchten das Elfenbein zu verkaufen, aber die CITES entschied mittlerweile regelmässig dagegen.

Zu Recht wie sich jetzt zeigt. Die Aufspaltung des Marktes in einen legalen Markt wo der legale Verkauf von Elfenbein den Ländern Geld einbringt, und der illegale Markt, wo mafiaähnliche Syndikate den Markt kontrollieren , lässt sich nicht durchhalten.
Nach der Weiterverarbeitung lässt sich nicht mehr feststellen, aus welchem Markt das Elfenbein tatsächlich stammt.

Einziger Ausweg: Kein Markt
Es gibt daher nur einen Ausweg: keinen Markt, so bitter das auch für die betroffenen Länder ist, weil mit den Einnahmen aus dem legalen Elfenbeinverkauf der bestehende Wildbestand besser gesichert werden konnte.

Zwar geht auch die chinesische Regierung mittlerweile schärfer gegen die illegalen Importe vor, aber ein Endes des illegalen Marktes wird es nur mit einem Ende der Nachfrage geben.

umwelt

Haie jetzt weltweit besser geschützt – Wirklich?

Dr. Alexander von Paleske — 11.5. 2013 —
Auf der internationalen Artenschutzkonferenz (CITES) im März im Bangkok wurde – wieder einmal – ein verbesserter Artenschutz beschlossen: zu Lande und zu Wasser. Im Fokus diesmal: Haie und Elefanten.


Wirklich? ZEIT Wissen vom 14.3. 2013

Keine Sanktionen
Zu Lande ist es das aufrechterhaltene Verbot des Handels mit Elfenbein – allerdings ohne jegliche Sanktionen. Die fanden auf der Konferenz nicht die erforderliche Mehrheit.

Nachfrageländer für Elfenbein sind vor allem China und Thailand. Die sanktionslosen Verbote haben bisher jedoch nicht verhindert, dass die Elefantenpopulation weiter abnimmt.

Rhinozerosse vor der Ausrottung
Die Rhinozerosse, deren Hörnern mirakulöse Heilkräfte in einigen asiatischen Ländern, hier wiederum auch China, zugesprochen werden (alles Quatsch), stehen – trotz Handelsverbot – vor der Ausrottung. Zu verlockend sind die astronomischen Preise, die dafür auf der arabischen Halbinsel und in Fernost gezahlt werden.

Nun die Haie
Nun also sollen Haie mit Fangverboten besser geschützt werden. Deren Flossen sind in China und Japan eine begehrte Delikatesse, entsprechend hohe Preise werden dafür geboten .

Insgesamt ist der Haifischbestand wegen Überfischung um 90% zurückgegangen: Immer mehr Chinesen können sich neben den Japanern, das teure Gericht leisten, während der Bestand mit dieser Nachfrage nicht Schritt halten kann. 100 Millionen Haie sind pro Jahr diesem „Gaumengenuss“ geopfert werden.

Haie sind enorm wichtig für das Ökosystem der Weltmeere, denn sie werden für ein gesundes Korallenriff benötigt, da sie kranke und sterbende Fische fressen, die ansonsten die Riffe verpesten würden, und diese dann langsam absterben.

Außerdem kontrollieren Haie als größter Jäger die Nahrungskette der Ozeane und fressen vor allem Fische, die Menschen nicht jagen und die sich deshalb stark vermehren und so das ökologische Gleichgewicht beeinträchtigen.

Beispiel Mozambique
Die Flossen werden von den Haien abgetrennt, die Kadaver ins Meer geschmissen. Aufkäufer der Flossen stehen bereit, die sofort den Weitertransport nach Fernost übernehmen. Kriminelle Banden, die mit dem erzielten Geld dann wiederum Drogen einkaufen, die sie auf dem südafrikanischen Markt absetzten und insgesamt Riesenprofite einstecken.


In Mozambique geschlachtet für asiatische Gaumenfreuden – BBC Reportagehttp://www.youtube.com/watch?v=Hm_756_i_aU

Die Polizei hat gar nicht das Personal, um dieses Treiben wirksam zu unterbinden: weder in Südafrika und schon gar nicht im Küstenland Mozambique. Mal hier ein Fang, mal einer dort.

Es ist beim Handel mit verbotenen Tierprodukten ähnlich, wie beim internationalen Drogengeschäft insgesamt: das Verbot des Handels treibt lediglich die Preise hoch, die Nachfrage sinkt aber keineswegs ab.

Schlimmer noch: Länder wie China und Japan sind gar nicht bereit, diesem Treiben einen wirksamen Riegel vorzuschieben, also den Import von Haifischflossen, Elfenbein und Hörner der Rhinozerosse schwer zu bestrafen, und Aufklärung darüber zu betreiben, auch welche ökologischen Schäden z.B. durch Überfischung erzeugt werden.

Im Gegenteil: auf der CITES- Konferenz in Bangkok stimmte China mit Japan gegen das Haifisch-Fangverbot. Eine konsequente Bekämpfung des nunmehr illegalen Haifischfangs, und vor allem des Imports von Haifischflossen, ist deshalb von diesen Ländern kaum zu erwarten.

Märkte müssen ausgetrocknet werden
Es bleibt dabei, beim Artenschutz wie beim Drogenkonsum: Die einzig wirklich wirksame Waffe ist nur, die Nachfrage, den Markt für derartige Produkte konsequent auszutrocknen. Beim Artenschutz durch Aufklärung und strikte, strafbewehrte Einfuhr- und Verarbeitungs-Verbote in den jeweiligen Ländern.

Solange das nicht geschieht, bleibt das Geschäft lukrativ, wird das Artensterben weitergehen.

Folgt Westafrika dem Beispiel Somalias? Oder: Fabrikmässige Überfischung in den Küstengewässern treibt lokale Fischer in die Armut
Guten Appetit Europa – Fischfangsklaverei und Umweltzerstörung

umwelt

Guten Appetit Europa – Fischfangsklaverei und Umweltzerstörung

Dr. Alexander von Paleske –1.10. 2010 — Frisch auf den Tisch, oder: wie gut dass kaum jemand weiss, was an einigen Fischen klebt, die auf dem europäischen Esstisch landen:
Es ist nicht selten:

– Schweiß der Sklaverei–änhnlichen Schufterei auf rostigen Fangschiffen

– Zerstörung des Meeres-Ökosystems durch engste Fangnetze,

– Zerstörung der Korallenriffe

– Zerstörung von Fischfang-Einkommensquellen der lokalen Fischer

– Hunger durch Zerstörung einer wichtigen Nahrungsquelle

Was die Umweltorganisation Environmental Justice Foundation http://ejfoundation.org/
herausfand, kann mehr als nur den Appetit verderben.

Vor den Küsten Afrikas, insbesondere Westafrikas breitet sich eine neue Pest aus: die Piratenfischerei.

Registriert sind diese bis zu 40Jahre alten Fischfangschiffe, besser als Seelenverkäufer zu bezeichnen, in Ländern wie Südkorea, Vietnam etc ., und fahren nicht selten ohne die üblichen Sicherheitsvorkehrungen.


Rostige Seelenverkäufer und Leerfischer

Täuschung und Sklaverei
Die offiziellen Reeder sind meistens dubiose Briefkastenfirmen , die den wahren Eigentümer verschleiern sollen, um damit jegliche Strafverfolgung unmöglich zu machen.

Die Schiffsbesatzungen stammen fast ausschließlich aus Dritte Welt Ländern, und müssen oftmals bis zu 18 Stunden am Stück schuften, bei Temperaturen bis zu 40 Grad Celsius. Und sind noch erbärmlichen Gestank ausgesetzt , beäugt von jeder Menge Kakerlaken.


Moderne Sklavenarbeit

Die Besatzungen dieser Fischpiraten-Trawler werden oftmals nicht in Geld, sondern in Fisch entlohnt..
.
Diese Fischereipiraten benutzen engmaschige Netze, die am Meeresboden schleifen, dadurch Zerstörungen an Korallenriff anrichten, und alles fischen, was sich im Wasser bewegt, sodass 80% des Fangs anschließend wieder über Bord geht – tot versteht sich – zu Tierfutter verarbeitet wird, oder die Besatzungen werden mit kleineren Booten an Land geschickt um dort Fisch zu verkaufen, der ungeeignet für den Export nach Europa ist.

Das Resultat: Leerfischen und Zerstörung des Ökosystems. Außerdem wird den lokalen Küstenfischern dadurch die Existenzgrundlage entzogen.

Anlaufstelle für diese Raubfischer zum Export nach Europa und Importhafen ist Las Palmas / Kanarische Inseln.

Die meisten Länder Westafrikas, deren Küsten so leergefischt werden, haben nicht die nötigen Resourcen, um diesem Treiben einen Riegel vorzuschieben.

umwelt

Nur USA? – Die tägliche Umweltkatastrophe in Nigeria

Dr. Alexander von Paleske — 3.6. 2010 — Tag für Tag, seit nunmehr mehreren Wochen , berichten die Nachrichtensender über die Entwicklung einer gigantischen Umweltkatastrophe nach der Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon vor der Küste Louisianas.
Mittlerweile nähern sich die ersten Öllachen der Küste Floridas.

Während BP einen erfolglosen Versuch nach dem anderen unternimmt, das Leck zu stopfen, verdichten sich die Hinweise, dass auch strafbares Verhalten beim Betreiben bzw. der Betriebsgenehmigung der Plattform eine Rolle gespielt haben könnte. Ganz abgesehen davon, dass die Firma auf den grössten anzunehmenden Unfall, der jetzt eingetreten ist, offenbar überhaupt nicht vorbereitet war.

Gerne wird jedoch vergessen, dass die Verursachung einer derart gigantischen Umweltverschmutzung seit Jahren in Afrika zum Ölförder-Alltag gehört.

Konkret: Im Nigerdelta des Staates Nigeria, dort, woher die USA mittlerweile rund 40% ihres Erdöls beziehen.


Nigeria


Niger-Delta

Kein Interesse an Umweltkatastrophe
Nur interessiert diese Tragödie weder die Verbraucher, noch die Regierungen der USA oder Europas.

Im Zusammenhang mit der Einrichtung eines militärischen Kommandos der USA für Afrika (Africom), damals noch unter US-Präsident G.W. Bush, schrieben wir:

……muss die Bevölkerung (in Nigeria) aber all die Lasten der massiven Umweltverschmutzung durch die Förderanlagen und Pipelines tragen.
Geplatzte Pipelines haben die traditionellen Einkunftsmöglichkeiten der lokalen Bevölkerung beeinträchtigt, oftmals zerstört. Insbesondere der Fischfang im Nigerdelta ist durch die Ölverschmutzung massiv eingebrochen. Dies führte zum Aufstand, der von der Regierung hart bekämpft wurde. Deren prominentestes Opfer war der Dichter
Ken Saro-Wiwa vor 12 Jahren.

Jahrelang kam es in Nigeria, Ölförderland seit den 60er Jahren, zu einer Extremverschmutzung.


Öl-Leck, das Öl ergiesst sich ins Niger Delta


Öl-verseuchtes Erdreich
Screenshots: Dr. v. Paleske

Und dies, obgleich die Förderanlagen und Pipelines sich an Land befinden, also bei ordnungsgemässer Wartung eigentlich keine Probleme entstehen sollten, da, theoretisch jedenfalls, Reparaturen auf jeden Fall schnell durchgeführt werden könnten, theoretisch.
Die Praxis sieht allerdings völlig anders aus.

Zu wenig und zu spät
Um den Aktionären der Ölmultis Höchstprofite zu ermöglichen, wurden und werden in Nigeria offenbar Reparaturen mit erheblicher Verzögerung, und Erneuerung von korrodierten Pipelines kaum vorgenommen.
,
Wie die britische Sonntagszeitung Observer in einem investigativen Bericht offenlegt
“Nigerias agony dwarfs the Gulf oil spill, The US and Europe ignore it,

sind die Pipelines zum Teil über 40 Jahre alt, oftmals korrodiert, platzen, und werden erst nach Monaten repariert, während das auslaufende Oel massive Umweltschäden anrichtet.

Abgesehen davon, dass die lokale Bevölkerung ohnehin von dem Ölreichtum nicht profitiert.. Die Gelder verschwinden in den Taschen einer kleptokraten Oligarchie, die natürlich gar nicht daran denkt, die Ölkonzerne, wie jetzt von US-Präsident Obama in eigener Sache angekündigt, konsequent zur Verantwortung zu ziehen.

Die lokale Bevölkerung, hat alle Umweltschäden mit ihren Folgen zu tragen. Ihre Existenzgrundlagen als Fischer, in dem einst fischreichen Nigerdelta, wurden sukzessive zerstört.

Aber auch die Kleinfarmer sind betroffen, auf deren Felder sich das Öl nach Lecks ergiesst. Und alle leiden unter einer gigantischen Luftverschmutzung durch das Abfackeln des Gases. Oftmals verhindert der Rauch das Durchdringen der Sonne, der Tag wird zu einer Art Dämmerung

Mehr als in den USA
Mittlerweile tritt – alles zusammengenommen aus allen Lecks in Nigeria – mehr Öl aus, als bisher insgesamt aus dem Leck im Golf von Mexiko, und zwar jedes Jahr..

Jüngste Beispiele im Report des Observer:

– Am 1. Mai platzte eine Pipeline der Firma Exxon in der Provinz Akwa. Mehr als 5 Millionen Liter Öl schwappten in das Niger-Delta.. Sieben Tage dauerte es , bis das Leck abgedichtet war. Die Regierung ging mit Polizei und Armee gegen die aufgebrachte und demonstrierende Bevölkerung vor, welche ihre Lebensgrundlagen bedroht sah.

– Insgesamt 7000 solcher Pipelinelecks gab es zwischen 1970 und 2010.

– Vor einem Monat gab die Ölfirma Shell zu, dass allein aus ihren Anlagen im Jahre 2009 insgesamt 14.000 Tonnen Öl ausgetreten sind. Die Schuld gibt Shell Rebellengruppen und Vandalismus.

Das ist nur teilweise richtig, die Rebellengruppen sind wiederum das Produkt von Umweltverschmutzung und Verzweiflung, sowie der Nichtbeteiligung der lokalen Bevölkerung an den Öleinkünften

– Die nationale Ueberwachungsbehörde Nigerias für Öllecks rechnet vor, dass allein in den Jahren 1976 bis 1996 insgesamt 12,5 Millionen Liter Öl ausgetreten sind.

Für die Zukunft wird nicht mit einer Ab- sondern mit einer Zunahme von Umweltschäden durch austretendes Öl gerechnet.

— -durch korrodierende Pipelines

— durch Offshore- Anlagen, wie im Golf von Mexiko

— durch Ölförderung in Gegenden, die schwerer zugänglich sind, auch für Reparaturen, und bei denen es noch länger dauert, bis Lecks gestopft werden können.

Aber es ist ja „nur“ Nigeria/Afrika, nicht die USA, und nicht Europa..

USA greifen nach Afrika

umwelt

Südafrikas Präsident Zuma auf Staatsbesuch in London – noch mehr Kohlekraftwerke in beiden Ländern

Dr. Alexander von Paleske — Südafrikas Präsident Jacob Zuma stattete vergangene Woche Grossbritannien einen Staatsbesuch ab.

Während die britische Presse mit den spannenden“ Fragen beschäftigt war, wer nun von Zumas vielen Frauen ihn nach London begleiten würde und ob der britische Premier Gordon Brown seine Haltung gegenüber Simbabwe ändern würde (was er nicht tat), da wurden ohne grosses Aufsehen Vereinbarungen getroffen, die dem Weltklima wenig Gutes verheissen.

Südafrika, dank der desaströsen Politik des abgehalfterten Präsidenten Thabo Mbeki, hat mit enormen Stromengpässen zu kämpfen. Die bereits im Jahre 1999 Mbeki mitgeteile zukünftige Stromkrise wollte er nicht wahrhaben, also wurden keine durchgreifenden Neuinvestitionen in den Elektrizitätssektor seitens der staatlichen Firma Eskom unternommen.

Das Resultat ist heute zu besichtigen: Das südafrikanische Elektrizitätsnetz ist chronisch überlastet. Davon sind auch die Nachbarländer Namibia und Botswana betroffen, die von Südafrika teilweise mitversorgt werden.

Insbesondere im Winter kommt es zu häufigen Stromabschaltungen auch „Load Shedding“ genannt.
Also muss die Stromerzeugung drastisch erhöht werden. Dafür würden sich erneuerbare Energien in Südafrika geradezu anbieten. Das Land hat eine lange Küstenlinie, mehrere tausend Kilometer, ausserdem gute bis sehr gute Sonneneinstrahlung.
Damit hätte die Entscheidung voll in Richtung erneuerbarer Energien relativ leicht fallen können.

Das Gegenteil ist jedoch der Fall
Die Kohle- und Kohlekraftwerksindustrie soll stattdessen den Löwenanteil zugeschlagen bekommen, wenn auch mit neuer Technologie. Ein magerer Rest geht an erneuerbare Energien.
Ein Weltbank-Kredit soll die Finanzierung absichern. Der Antrag findet sich hier.

Der britische Premier Gordon Brown hat seine Unterstützung zugesagt.
Die südafrikanische Elektrizitätsgesellschaft Eskom will zwei Kohle-Kraftwerke in Medupi/Limpopo errichten, 4000 Megawatt sollen dort produziert werden .

Dass Gordon Brown das Projekt unterstützt dürfte kaum überraschen, da angeblich weitere Kohlekraftwerke auch in Grossbritannien gebaut werden sollen, um die Zeit zu überbrücken, bis weitere Atomkraftwerke ans Netz gehen. Aber erst nach den Wahlen im Mai oder Juni soll die Katze aus dem Sack gelassen werden.

Kopenhagen – war da was?

umwelt

„Den Atomausstieg in der BRD gibt es nicht“

Interview mit Horst Blume von der Bürgerinitiative Umweltschutz Hamm

Horst Blume hat 1975 die Bürgerinitiative Umweltschutz Hamm mitgegründet. Er arbeitet seitdem in verschiedenen libertären Zeitungsprojekten mit, unter anderem bei der Monatszeitung „Graswurzelrevolution“. Seit 22 Jahren gibt er den THTR-Rundbrief heraus, der bisher auf insgesamt 2.500 Seiten Widerstand und Kritik begleitet und dokumentiert.

Interview: Michael Schulze von Glaßer

Michael Schulze von Glaßer: Die Bürgerinitiative Umweltschutz Hamm hat dem Bundesumweltministerium vor zwei Wochen 4.000 Unterschriften zur Erstellung einer Leukämiestudie am Standort des Thorium-Hochtemperaturreaktors (THTR) Hamm überreicht. Warum muss das Bundesumweltministerium erst dazu gedrängt werden solch eine Studie zu erstellen?


Übergabe der 4000 Unterschriften

Horst Blume: Im Rahmen dieser Studie über Leukämiefälle bei Kindern bis zu fünf Jahren wurde die Umgebung von 50 Kilometern im Umkreis aller Atomkraftwerke in Deutschland durchgeführt. Allerdings mit der Ausnahme, dass Forschungsreaktoren und Prototypen wie der THTR nicht aufgenommen werden. Außerdem wurden nur Atomstandorte, die von 1980 bis 2003 in betrieb waren, in die Studie aufgenommen. Da der THTR Hamm zudem wegen seiner Störanfälligkeit nur an 423 Volllasttagen in Betrieb war, fällt er aus der Studie raus. Das kommt den Betreibern RWE und der Atomlobby natürlich sehr gelegen. Es ist ein formeller und statistischer Grund, den THTR wegen mangelnder Vergleichbarkeit aus der Studie herraus fallen zu lassen. Das ist natürlich sehr bedauerlich, weil der THTR Hamm der Störfall- und Pannenreaktor schlechthin in Deutschland ist. Gerade deswegen müssten vor Ort nähere Untersuchungen stattfinden.

Was war der schlimmste Störfall im THTR?

Der schlimmste Störfall fand 1986 statt – 8 Tage nach der Tschernobyl-Katastrophe. Am 4. Mai 1986 klemmten mehrere Kugelbrennelemente (Durchmesser 6 cm) in dem Rohrabzugssystem und wurden dann mit erhöhtem Druck heraus geblasen. Dabei wurden diese Kugeln zerstört und zerbröselten. Genau in dem Moment wurde ein Filter in der Anlage gewechselt. Wie der Zufall es will, wurde auch das Messsystem abgeschaltet, so dass nicht genau nachgehalten werden konnte, welche Menge an Radioaktivität in die Umwelt entlassen worden ist. Wir von der Bürgerinitiative haben allerdings zusammen mit dem Öko-Institut selbst Messungen durchgeführt und konnten nachweisen, dass die erhöhte Radioaktivität aufgrund der spezifischen Nuklid-Zusammensetzung nicht aus Tschernobyl kam, sondern aus „unserem“ THTR. Das war nur der größte Störfall, es gab zahlreiche weitere Pannen.

Wie verhält sich denn die lokale Politik zu eurer Forderung nach einer Leukämiestudie?

Der Gemeinderat von Lippetal hat sich sehr schnell unserer Forderung angeschlossen. Ein paar Wochen später haben sich dann auch die Kommunen Hamm, Welver und Beckum unserer Forderung angeschlossen.

Sind euch denn aus dem Umkreis des THTR Hamm Krankheitsfälle bekannt, die auf eine erhöhte Strahlung hinweisen?

Nachdem wir zunächst protestiert hatten, dass der THTR nicht in die KiKK-Leukämiestudie aufgenommen wird, gab es eine gute mediale Resonanz. In deren Folge haben sich viele Menschen bei uns gemeldet, die in ihrer Familie oder auf ihrer Straße Krebsfälle zu beklagen haben. Unzählige Mails, Telefonate und Briefe sind bei uns eingegangen, insbesondere aus der Hauptwindrichtung. Das nehmen wir sehr aufmerksam zur Kenntnis und haben dies dem Bundesamt für Strahlenschutz und dem Bundesumweltministerium in anonymisierter Form zugeschickt. Die haben darauf aber nicht reagiert.

Das Bundesumweltministerium nahm euch nicht ernst?

Genau, deshalb haben wir diese Unterschriftenaktion gestartet um nochmals Druck zu machen. Die Resonanz auf die Aktion war erstaunlich. Vom Autohaus über die Apotheke bis zur Sparkasse: überall lagen die Unterschriftenlisten aus – das ist wirklich erstaunlich. Wer weiß wie konservativ und träge die Menschen in dieser Gegend hier sind, weiß das 4.000 Unterschriften wirklich viel für diese Region sind. Das ist ein sehr ermutigendes Zeichen. Wir haben die Unterschriften dann in Berlin in Strahlenschutzanzügen und mit Transparenten beim Bundesumweltministerium abgegeben. Die Medien – sogar das Fernsehen – waren da. Wir haben dann eine Stunde lang mit dem Pressesprecher des Umweltministeriums und einem Experten vom Bundesamt für Strahlenschutz diskutiert. Jetzt werden wir unsere Forderungen konkretisieren: wenn eine Untersuchung im Rahmen der Leukämiestudie nicht möglich ist, wollen wir zumindest eine spezielle – von der Leukämiestudie unabhängige – Untersuchung über Krebsfälle in der Region. Zusammen mit den „Internationalen Ärzten für die Verhütung des Atomkriegs“ (IPPNW) überlegen wir, was wir genau vorschlagen können. Im Herbst finden dazu Veranstaltungen statt. Wir werden weiter Druck machen. Unser Ziel haben wir dabei immer fest im Blick. Außerdem sind im nächsten Jahr Kommunal- und Landtagswahlen in NRW, da ergeben sich neue Möglichkeiten auf die Kommunen, den Landtag und eben auch auf die Parteien Druck auszuüben.


Dr. Thomas Jung vom Bundesamt für Strahlenschutz, Pressesprecher Michael Schroeren und Horst Blume

Zum THTR selbst: der Reaktor ist seit 1989 stillgelegt aber von der Anlage geht immer noch eine Gefahr aus…

Der Reaktor befindet sich in dem so genannten „Stilllegungsbetrieb“, der bis zum Jahr 20027 dauern soll. Es sind noch 1,6 Kilogramm hochradioaktiver Kernbrennstoff im Reaktorkern und in den Leitungssystemen. Ungefährlich ist das ganze nicht. Noch im Jahr 1992 ist radioaktives Tritium aus der Anlage ins Grundwasser gelangt. Zurzeit wird vom Betreiber und der Politik diskutiert, wie mit der Stilllegung weiter verfahren werden soll. Ob der Reaktor eventuell früher abgerissen werden soll. Denn 5,6 Millionen Euro kostet der Stilllegungsbetrieb jährlich. Von der Landesregierung ist eine neue Studie in Auftrag gegeben worden, die feststellen soll wie teuer ein Abriss der Anlage werden würde. Es wird sich dann zeigen, ob sie die Anlage doch früher als geplant abreißen.

Wer kommt für die jährlich entstehenden Stilllegungskosten von 5,6 Millionen Euro auf?

Zum größten Teil bezahlt dies das Land Nordrhein-Westfalen und der Bund – also der Steuerzahler. Die Betreiberfirma RWE zahlt lediglich 166.000 Euro jährlich.

Sträubt sich die Regierung auch deswegen vor einer Leukämiestudie für den THTR Hamm, weil die Technologie weiterverkauft werden soll?

Ja, der THTR ist ein Prototyp für die Reaktorgeneration vier. Diese neue Reaktorgeneration soll im Rahmen der angeblich weltweiten Renaissance der Atomkraft weiter ausgebaut werden. Schon jetzt fließen innerhalb der EU viele Millionen Euro zur Erforschung dieser Reaktoren. In Deutschland wird geforscht, aber auch in den USA, Südafrika, China, Brasilien, Indien, Schweiz – es besteht großes Interesse an der Reaktorgeneration vier. Es würde natürlich schlecht aussehen, wenn sich gerade in der Umgebung des Prototyps dieser Generation IV die Krebsfälle häufen und eine große Gefahr darstellen würde.

Wurde deutsche THTR-Technologie schon exportiert?

Patente sind schon vor vielen Jahren nach Südafrika und China verkauft worden. Bei Kapstadt in Südafrika soll bald mit dem Pebble Bed Modular Reactor (PBMR), so die dortige Bezeichnung, gebaut werden. Die Firmen Uhde aus Dortmund und EHR aus Essen verdienen daran schon heute, denn die dazugehörige nukleare Brennelementefabrik in Pelindaba muss natürlich auch gebaut werden. Mit dem Bau des THTR in China wurde Ende April 2008 begonnen. Auf der Halbinsel Shandong in der Nähe des ehemaligen deutschen Kolonialgebietes. Das ist kein Zufall, sondern Produkt eineinhalb jahrhunderter Kolonialbeziehungen. Ein kleiner THTR-Forschungsreaktor bei Peking wurde allerdings schon im Jahre 2000 das erste mal kritisch. Beide Projekte werden von Professor Hurtado von der Uni Dresden mit deutschen Steuergeldern finanziert fachlich begleitet. Auch dies zeigt, dass es den „Atomausstieg“ in der BRD nicht gibt.

Herr Horst Blume, vielen Dank für das Interview!


Hamm-Uentrop THTR : doch ein Störfall ( Mai/Juni 1986)

umwelt

Deutschlands Energieversorgung im Jahr 2050

Felix Werdermann – Kohle, Gas, Atomkraft, Sonne, Wind, Wasser: Alle Energieträger haben ihre Vertreter. Aber welche Energien werden im Jahr 2050 welche Rolle in Deutschland spielen? Dieser Frage stellten sich am Dienstag vier Podiumsgäste auf einer Veranstaltung der Nachhaltigkeits-Initiative und dem Energie-Seminar der Technischen Universität Berlin.

Wie also sieht die Energieversorgung im Jahr 2050 aus? Peter Hennicke vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie legte vor: Der deutsche Kraftwerkspark müsse „risikominimal sein, nicht nur CO2-frei.“ Das heißt: Ausstieg aus der Atomkraft und zusätzlich 90% CO2-Emissionen einsparen. Ob das realisierbar ist? „Die Antwort lautet ganz definitiv ja. Da gibt es überhaupt keine Zweifel unter Experten, dass das technisch möglich ist“, so der emeritierte Professor für Wirtschafts- und Energiepolitik. Er schlägt vor, auf erneuerbare Energien und Energieeffizienz zu setzen.

Energieeffizienz ist auch eines der Lieblings-Themen von Stephan Kohler, Vorsitzender der deutschen Netzagentur, kurz dena . „Wir diskutieren immer über Energieträger“, kritisiert er, dabei sei die entscheidende Fragestellung: „Wie kann Wohlstand und wirtschaftliches Wachstum garantiert werden mit weniger Energie?“ Ganz verkneifen kann er sich eine Antwort auf die Frage nach den Energieträgern aber doch nicht: Heute müsse man sich entscheiden zwischen „neuen, effizienten Kohle- und Gaskraftwerken“ und der Atomkraft. Das liege daran, dass bei 8.760 Stunden im Jahr Solaranlagen nur weniger als tausend Stunden Strom liefern könnten, Windenergie etwa 1.400 Stunden im Jahr.

Stromlücke oder Effizienzlücke?
Seine Agentur hatte mit Gelder, die größtenteils von den großen deutschen Energiekonzernen kommen , eine „Effizienzlücke“ für das Jahr 2012 prognostiziert. In den Medien wurde diese als „Stromlücke“ bekannt und diente den großen Stromkonzernen dazu, Pläne für neue fossile Großkraftwerke zu legitimieren.

Von der Angst vor der „Stromlücke“ konnte auch die deutsche Atomindustrie profitieren, die versucht, längere Laufzeiten für die Atomreaktoren in Deutschland durchzusetzen. Bernd Arts vom Deutschen Atomforum , dem Zusammenschluss der Atomindustrie, bringt aber auch Klima-Argumente: Eine 40-prozentige Reduktion der Treibhausgasemissionen bis 2020 seien mit den bisherigen Maßnahmen nicht erreichbar, und wenn man aus der Atomkraft aussteige, müsse man sich „auf einiges gefasst machen.“

Die CDU ist bereits aufgesprungen und hält Atomstrom für Ökoenergie . Mit der Atomkraftnutzung hat auch Arts, der früher wissenschaftlicher Mitarbeiter beim CDU-Bundestagsabgeordneten Kurt-Dieter Grill war, kein Problem: Sie entspreche den Nachhaltigkeits-Prinzipien Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Umweltverträglichkeit. Dass die Uran-Vorräte knapp werden, Atomkraft massiv subventioniert wird und erhebliche Umweltschäden verursacht, erwähnte der selbst ernannte „Fan der Kernenergie in Deutschland“ nicht.

Atomkraft und CO2-freier Strom
Die Atomkraft könne einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, schließlich sei „unumstritten, dass die Kernenergie CO2-freien Strom erzeugt.“ Bei diesen Worten ging ein erstes Gelächter durch das Publikum. Mit dieser Begründung hatte das Atomforum schon vor etwa einem Jahr für die deutschen Atomkraftwerke – „Deutschlands ungeliebte Klimaschützer“ – geworben. „CO2-Ausstoß: Null“ war auf den Plakaten zu lesen, die Atomkraftwerke in idyllischer Landschaft zeigten. Die Werbekampagne wurde auf EU-Ebene mit dem „Greenwashing Award“ ausgezeichnet, das Argument des CO2-freien Atomstroms von Umweltverbänden scharf kritisiert. Schon 2006 hatte eine Studie des Öko-Instituts im Auftrag des Bundesumweltministeriums gezeigt, dass für Atomstrom etwa 31 g CO2 pro Kilowattstunde anfallen, dies liegt hauptsächlich an den vorgelagerten Prozessen wie der Urangewinnung oder dem Transport.

Mit Restlaufzeiten über die Bundestagswahl kommen
Solche Werbekampagnen gehören wie auch die Anträge von Restmengenübertragungen zu der Strategie der Atomkonzerne, ihre Meiler weiterlaufen zu lassen. Im so genannten Atomkompromiss wurde im Jahr 2000 festgelegt, dass den Atomkraftwerken eine bestimmte Restmenge an Strom zugesichert wird, die sie noch produzieren dürfen. Danach müssen die Kraftwerke vom Netz gehen.


Hennicke vom Wuppertal Institut sieht das anders: „Diese Miteinander-Idylle wurde schon in den 60er Jahren widerlegt.“

Allerdings ist es den AKW-Betreibern möglich zu beantragen, dass Restmengen von einem Atomkraftwerk auf ein anderes übertragen werden. Ursprünglich war diese Regelung dafür gedacht, um alte Kraftwerke eher abschalten zu können, ohne wirtschaftliche Verluste befürchten zu müssen. Nun versuchen die Betreiber, Strommengen auf die alten AKWs zu übertragen, um diese noch länger am Netz zu halten. RWE-Chef Jürgen Großmann hatte im Dezember 2007 dem Spiegel sogar gesagt: „Wir können den Reaktor in Biblis so fahren, dass wir mit den Restlaufzeiten über die nächste Bundestagswahl kommen. Und dann gibt es vielleicht ein anderes Denken in Bevölkerung und Regierung.“

Aufkündigung des Atomkompromisses: „Unverschämtheit!“
Frank Schwabe, klimapolitischer Sprecher in der SPD-Bundestagsfraktion, sieht darin einen Bruch des „Atomkonsens“. Es sei eine „Unverschämtheit, wenn der heute aufgekündigt wird.“ Für viele Atomkraftgegner war dies allerdings schon vorher absehbar, da sie davon ausgehen, dass die Atomindustrie kein Interesse an der Einhaltung dieser Vereinbarung habe. Auch Schwabe sieht die Fehler ein und kommt zu dem Schluss, alles müsse „gesetzlich fixiert“ werden.

Bei der Klimapolitik der Bundesregierung, die die von SPD und CDU/CSU gestützt wird, ist hingegen wenig gesetzlich fixiert: Verbindliche Reduktionsziele, die mit Sanktionen bei Nichteinhaltung belegt wären, gibt es bislang nicht. Dabei sind die Ziele hoch gesteckt. Bis zum Jahr 2020 möchte die Regierung 40% CO2 einsparen im Vergleich zu 1990, davon wurde bereits ein großer Teil durch den Zusammenbruch der Wirtschaft in der ehemaligen DDR erreicht. Das langfristige Ziel ist jedoch minus 90 Prozent bis 2050.

90 Prozent weniger möglich
„Wenn man dafür kämpft, ist das Ziel erreichbar“, ist Schwabe überzeugt. Dafür müsse aber die Hälfte der Energie eingespart und die erneuerbaren Energien ausgebaut werden. Die Hälfte des Energiebedarfs soll durch sie im Jahr 2050 gedeckt werden, im Stromsektor sogar 80 Prozent. Für die restlichen 20 Prozent könnten nach Ansicht Schwabes auch effiziente Kohlekraftwerke laufen, das solle dann der Preis entscheiden. Und an dem soll die Politik durch die Vorgaben beim Emissionshandel einiges drehen: In Zukunft sollen mehr CO2-Zertifikate versteigert und nicht verschenkt werden, damit für die Unternehmen tatsächlich ein Anreiz besteht, einzusparen. Die SPD fordere ab dem Jahr 2013 sämtliche Zertifikate auf EU-Ebene zu versteigern.

Dass er im Emissionshandel kein Allheilmittel sieht, machte Schwabe aber auch deutlich: Problematisch seien internationale Maßnahmen, die es europäischen Unternehmen erlauben, doch mehr zu emittieren als die Obergrenzen vorsehen, wenn durch Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern angeblich CO2 eingespart würde. Außerdem sei die Obergrenze, das so genannte „cap“ der Emissionen immer auch eine politische Frage und bei „dreißig, vierzig neu gebauten Kraftwerken“ gebe es einen hohen Druck, diese laufen zu lassen.

Mit Kohlekraftwerken die Zukunft zementiert
Die Planungen für neue Kohlekraftwerke brannten auch den Zuschauern unter den Nägeln. Daniela Setton von der „klima-allianz“, einem Zusammenschluss von inzwischen 99 Umwelt- und Entwicklungsorganisationen, äußerte die Befürchtung, durch den Neubau von Kohlekraftwerken würde auch die „Nutzung zementiert“. Dem liegen Erfahrungen zu Grunde, dass Kohlekraftwerke etwa 40-50 Jahre, manchmal bis zu 60 Jahren laufen und somit im Jahr 2050 noch am Netz wären – also in dem Jahr, in dem Deutschland nur noch ein Zehntel dessen ausstoßen möchte, was heute an CO2 emittiert wird. Setton stellte die Frage: „Wie kann man ernsthaft über ökologische Erneuerung reden, wenn über 20 neue Kohlekraftwerke geplant sind?“

Zivile und militärische Nutzung
Aus dem Publikum meldete sich auch ein Vertreter des Bundesverbands Kraft-Wärme-Kopplung zu Wort. Aber anstatt – wie man hätte erwarten können – mehr Subventionen für die Kraft-Wärme-Kopplung in Deutschland zu fordern, für die im Klimapaket der Bundesregierung eine Obergrenze von 750 Mio. Euro gesetzt wurde, kritisierte er die Atomkraftnutzung. Wie es möglich sei, die zivile von der militärischen Nutzung zu trennen, wollte er wissen. Der Iran sei das bekannteste Beispiel dafür, dass dies unmöglich sei „und andere Staaten scharren ja auch schon mit den Hufen.“

Die Verbreitung von radioaktivem Material sei „natürlich ein Problem“ gab ihm auch Arts vom Deutschen Atomforum recht. Aber „man sollte es keinem Land verwehren“, friedlich die Atomkraft zu nutzen. Eine Begründung dafür gab er nicht.

Miteinander statt Gegeneinander
Heute ginge es „nicht um ein Gegeneinander, sondern ein Miteinander“ von Atomkraft und erneuerbarer Energien, so Arts. Dies habe die Atomindustrie in den letzten Jahren gelernt. Hennicke vom Wuppertal Institut sieht das allerdings anders: „Diese Miteinander-Idylle wurde schon in den 60er Jahren widerlegt.“ Ein langsames Umdenken habe bei den Konzernen erst nach dem Atomkompromiss stattgefunden. Auch Kohler von der dena wandte gegen die Kombination Atomkraft plus Erneuerbare ein, dass man bei einen großen Anteil von erneuerbaren Energien zusätzlich „flexible Kraftwerke“ benötige, die sich schnell hoch- und runterfahren lassen. Dafür seien Atomkraftwerke nicht geeignet.

Viele strittige Fragen bleiben also ungeklärt. Einen kleinen Zukunftsausblick gab es dann aber doch und zwar von Peter Hennicke: In dem Zeitraum von 2020 bis 2025, „spätestens im Jahr 2030“ würden die erneuerbaren Energien genauso günstig wie die fossilen Energieträger. Wann genau dies eintrifft, hänge davon ab, wie stark die externen Kosten, wie beispielsweise die verursachten Klimaschäden, in den Preis eingerechnet werden. Der Zeitpunkt komme aber bestimmt, und „deswegen ist es so wichtig, dass wir den Erneuerbaren diesen Schub geben.“

Europäische Gemeinschaft für Erneuerbare Energien