Medizin

Rettet ein neues Antibiotikum Kranke – und auch die Massentierhaltung ?

Dr. Alexander von Paleske —– 14.1. 2015 —–
Es war den meisten Medien eine Schlagzeile wert: Eine Forschergruppe aus Boston/USA hat ein Antibiotikum in Bodenproben entdeckt, von Bakterien des Stammes Eleftheria terrae produziert, das die Bildung der Bakterienhülle an mehreren Stellen blockiert und gegen das deshalb Bakterien angeblich keine Resistenz entwickeln können.

Die antibiotische Substanz nannten die Forscher aus Boston Teixobactin.

Superantibiotikum?
Die Nachricht lässt Hoffnung schöpfen. Insbesondere soll das Antibiotikum gegen Methicillin-resistente Staphylokokken wirksam sein, einer der Antibiotika- resistenten Hauptproblemkeime, und besonders in Krankenhäusern gefürchtet.

Patienten, die an Infektionen mit MRSA leiden, müssen bisher isoliert werden. Die antibiotische Behandlung ist nicht nur schwierig, sondern nicht selten erfolglos

Skepsis angesagt
Allerdings begegnet diese Nachricht einiger Skepsis. Zunächst befindet sich dieses Medikament im Stadium der Tierversuche. Toxizität, therapeutische Breite und Nebenwirkungen im Einsatz beim Menschen sind bisher nicht geklärt. Viele Antibiotika haben es schon deshalb nie zum klinischen Einsatz geschafft. Andere endeten mit anderen Indikationen, wie das Krebsmittel Doxorubicin, auch dieses ursprünglich als Antibiotikum entwickelt, wegen seiner Toxizität aber nicht zum Einsatz kam, das sich aber als hocheffektives Zytostatikum fest etablierte.

Absolut resistenzfest?
Noch mehr Skepsis begegnet allerdings die Ankündigung, das neue Wundermittel sei absolut resistenzfest, und zwar wegen der multiplen Angriffspunkte bei der Synthese der Bakterienhülle.

Das widerspricht jedoch aller Erfahrung, die bisher mit herkömmlichen Antibiotika gemacht wurde, beginnend mit dem Penicillin.

Durch Mutationen und Informationstransfer gelang es den Bakterien immer wieder, sich gegen Antibiotika erfolgreich zur Wehr zu setzen. Bestes Beispiel: Die Betalactamase- festen Cephalosporine der 3. Generation. Als sie Ende der 70er Jahre zum Einsatz kamen, an erster Stelle das von der Firma Hoechst entwickelte Cefotaxim (Claforan), galten sie als Wundermedikamente.

Schon damals warnten einige verantwortungsbewusste Infektiologen vor dem ungezügelten Einsatz – vergeblich. So bildeten sich über Jahre Resistenzen auch gegen diese Wundermedizin. Das gleiche Schicksal erfuhren auch die Chinolone und die Peneme.

Ungezügelter Einsatz in der Tiermast
Der ungezügelte Einsatz von Antibiotika findet heute insbesondere in der Tiermast statt, wo mit 1452 Tonnen dieser Medikamente pro Jahr rund 40 mal so viel Antibiotika eingesetzt werden, wie in allen Krankenhäusern zusammen, und immer noch 7 mal so viel, wie in der gesamten Humanmedizin.

Zwar deuten die Zahlen aus dem Jahre 2013 darauf hin, dass der Verbrauch an Antibiotika in der Tiermast leicht zurückgegangen ist, gegenüber 2012 um 167 Tonnen t und gegenüber 2011 um rund 250 Tonnen, , aber das ist alles zu gering und unzureichend, um die Entwicklung multiresistenter Bakterienstämme aufzuhalten.

Mehr noch: Hochpotentere Antibiotika wie die Chinolone wurden nicht weniger, sondern vermehrt in der Tiermast eingesetzt.

Nur begrenztes Einsatzgebiet
Was in den Zeitungsartikeln verschwiegen wird: das Einsatzgebiet des neuen Antibiotikums, sofern es zum Einsatz käme, betrifft nur einen Teil der multiresistenten Bakterien.

Insbesondere Extended Spectrum Beta-Lactamase (ESBL) produzierende Problemkeime wie E.coli und Klebsiellen, gefürchtete Keime gerade bei abwehrgeschwächten Patienten, auf Intensiv- und Neugeborenen Stationen und nach Operationen, können mit dem neuen Teixobactin nicht bekämpft werden.

Es bleibt dabei: Resistenzentwicklung kann nur verhindert werden, wenn der Einsatz von Antibiotika drastisch zurückgefahren wird.

Das beutet aber notwendigerweise neben strenger Indikationsstellung in Krankenhaus und Praxis die Abschaffung der Tierfabriken, eine der Haupt-Brutstätten der Antibiotikaresistenz.
Wir haben kontinuierlich seit 2007 darüber berichtet.

Stichproben liefern alarmierende Ergebnisse

Stichprobenuntersuchungen von Putenfleisch in Supermärkten, vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Auftrag gegeben, haben Erschreckendes – nicht unerwartet – zutage gefördert: Bei knapp 90 Prozent der Fleischstücke von Billig-Putenfleisch konnten multiresistente Keime nachgewiesen werden – ein klares Zeichen für die Folgen des fortgesetzten Missbrauchs der Antibiotika in der Putenmast.

Getestet wurde auf sogenannte MRSA-Keime und nach ESBL (Extended Spectrum Betalactamasen) produzierende Bakterien, also eine Substanz, die praktisch alle Betalaktamase-festen Antibiotika aufknackt . 42 mal wurden MRSA-Stämme gefunden, und 30 mal ESBL nachgewisen. Nur sieben der 57 Proben waren unbelastet.

Zum Vergleich testete der BUND auch vier Proben aus Hofschlachtereien, bei denen die Puten alternativ gehalten worden waren. Dabei wurden keine Belastungen nachgewiesen.

Bestätigung einer früheren Untersuchung
Diese Ergebnisse bestätigen, was bereits eine im November 2014 von der Tierrechtsorganisation PETA in Auftrag gegebenen Untersuchung festgestellt hatte: 65% der untersuchten Fleischstücke waren keimbelastet, davon 76% mit resistenten Bakterien (31% MRSA und 45% ESBL.)

Besonders gravierend: bei Hühner- und Putenfleisch aus der Massentierhaltung lag die Keimbelastung bei 86%.

Bisher keine umfassende bundes- oder landesweite Untersuchung

Es handelte sich um Stichproben wohlgemerkt. Eine flächendeckende Untersuchung können sich weder PETA noch BUND leisten. Sie hätte längst von der Bundesregierung in Auftrag gegeben werden müssen – nichts geschah jedoch. Auch nicht in den Ländern, wo die Grünen mitregieren, die ohnehin diesem Problem bisher nur ungenügend Aufmerksamkeit geschenkt haben.
So forderte der Obergrüne Andreas Hofreiter im Dezember 2014 ein Verbot des Antibiotika-Missbrauchs in der Tierhaltung. Völlig unklar, was hier unter Missbrauch verstanden werden soll.

Da der Antibiotika-Einsatz in der Massentierhaltung überhaupt nur begrenzt zurückgefahren werden kann, weil es sonst die Viecher es gar nicht bis zum Schlachttag schaffen, läuft die Forderung des Hofreiter völlig leer.

Investigativuntersuchung bestätigt Befürchtungen
Immerhin hat jetzt auch die Presse Notiz von der Gefahr genommen, die von resistenten Bakterien ausgeht. Mehr noch: Welche Rolle die Massentierhaltung dabei spielt.

So hat die ZEIT in Zusammenarbeit mit der Funke Mediengruppe und CORRECT!V ein Dossier mit mehreren Folgen zusammengestellt, in dem nicht nur die katastrophalen Zustände in den Tierfabriken beleuchtet werden, sondern auch die menschenverachtende Behandlung vieler dort Beschäftigter.


Lesenswerte Artikelserie in der ZEIT

Mit den Ergebnissen der sorgfältigen Untersuchung konfrontiert erklärte Landwirtschaftsminister Schmidt: Das Thema wird Chefsache. Die letztlich konsequenzlose nebulöse Stellungnahme des Ministers ist hier nachzulesen.

Fazit:

Viel muss sich ändern, und zwar bald, damit nicht alles noch schlimmer wird. Selbst neue Antibiotika sind keine ausreichende Antwort auf die Probleme. Sie können bestenfalls in einem begrenzten Bereich eine Atempause verschaffen, wenn es nicht der Massentierhaltung endlich an den Kragen geht.

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