Medizin

Deutscher Ärztetag, die Bundesregierung, und das Versagen der Antibiotika

Dr. Alexander von Paleske —– 19.5. 2015 — Am Freitag vergangener Woche ging in Frankfurt der 118. Deutsche Ärztetag zu Ende.

Der Deutsche Ärztetag ist die jährliche Hauptversammlung der Bundesärztekammer, zu der 250 Delegierte aus den 17 deutschen Ärztekammern entsandt werden.

Zu seinen Aufgaben zählt das Erarbeiten von bundesweiten Regelungen zum Berufsrecht und Positionen zur Gesundheitspolitik

.
Parlament der Ärzte?
Die Bundesärztekammer nennt den Ärztetag auf ihrer Website auch das »Parlament der Ärzteschaft«

Die jeweiligen Landesärztekammern sind jedoch Zwangskörperschaften, die Ärzte also Pflichtmitglieder. Den Ärztetag als „Parlament der Ärzte“ zu bezeichnen, erscheint daher reichlich hergeholt.

Trotzdem haben die Stellungnahmen und Beschlüsse dieser Versammlung Gewicht, die Delegierten daher eine grosse Verantwortung, nicht nur gegenüber der Ärzteschaft, sondern insgesamt gegenüber der Gesellschaft: gesundheitliche Gefahren rechtzeitig zu erkennen und davor zu warnen, und konkrete Schritte zur Abwehr der Gefahr zu fordern .

Die Bundesgesundheitsminister kreuzen regelmässig auf den Ärztetagen auf, sei es, um ihre Gesundheitspolitik zu erläutern und zu verteidigen, sei es, um Forderungen der Ärzteschaft argumentativ entgegenzutreten, oftmals beides, so auch dieses Jahr..


Minister Hermann Gröhe —–starke Worte, wenig Taten

Ärztetag und Antibiotikaresistenz
Uns interessierte insbesondere: Was hatte der Ärztetag zu einem der grössten Probleme der Medizin zu sagen, der Antibiotikaresistenz der Bakterien?

Vor zwei Jahren fasste der bayerische Ärztetag bereits folgenden Beschluss:

„Der BÄT spricht sich klar gegen die Massentierhaltung aus. Weltweit besteht ein gravierendes Problem der Resistenzentwicklung vieler Bakterienarten gegenüber einer Vielzahl von Antibiotika. Diese multiresistenten Erreger verbreiten sich rasch. Gleichzeitig geht die Neuentwicklung von Antibiotika drastisch zurück. Es gibt schon heute Erreger, gegen die alle gängigen verfügbaren Antibiotika unwirksam seien. Die Ursache für die zunehmende Resistenz sei nicht allein die unsachgemäße Verordnung von Antibiotika in der Humanmedizin, sondern ganz erheblich deren Einsatz in der Tiermedizin und hier ganz besonders in der Massentierhaltung. 85 Prozent aller Antibiotika werden in der Veterinärmedizin verwendet, da eine Massentierhaltung ohne Antibiotika nicht möglich ist“.

Man durfte erwarten, dass, angesichts der immer mehr sich verschärfenden Krise der Antibiotikaresistenz, der diesjährige Deutsche Ärztetag eine an Deutlichkeit nichts zu wünschen lassende Stellungnahme abgibt. Insbesondere sich klar und deutlich, wie schon zwei Jahre zuvor die bayerischen Kollegen, gegen die Massentierhaltung ausspricht. Dort, wo sieben mal so viel Antibiotika verfeuert werden, wie in der gesamten Humanmedizin und 40 mal so viel wie in allen deutschen Krankenhäusern zusammengenommen..

Dass die „Ärzte-Parlamentarier“ insbesondere auch kritisch zu den neuen Plänen der Bundesregierung Stellung nehmen, die jetzt – verbal – den Kampf gegen den unkontrollierten Einsatz von Antibiotika in der Human- und Tiermedizin auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Gröhe auf dem Ärztetag
„Die weltweite Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen muss gestoppt werden, Resistenzen machen nicht an Grenzen
 halt“,

sagte Bundesgesundheitsminister Gröhe.

Wohl wahr, denn mittlerweile sterben z.B. in Indien jedes Jahr fast 60 000 Säuglinge an Infektionen mit multiresistenten Keimen.

Und Gröhe weiter:

„Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, drohen die Behandlungsmöglichkeiten in ein Vor-Penicillin-Zeitalter zurückzufallen, mit dramatischen Konsequenzen.“

Stimmt ebenfalls.

Deshalb soll in dieser Woche auf der Vollversammlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein weltweiter Aktionsplan zur Bekämpfung der Antibiotikaresistenz erarbeitet werden. Ebenso, soll das Thema beim Treffen der sieben führenden Industrienationen (G7) im Juni im bayerischen Elmau auf die Tagesordnung. Dort will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das Thema diskutieren.

Zuvor hatte das Kabinett die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie (DART 2020) des Gesundheits-, des Landwirtschafts- und des Forschungsministeriums beschlossen.

Aktionsplan gegen Resistenzen
Gröhe bezeichnete die Pläne der Regierung als gesellschaftliche Querschnittaufgabe. Von der Medizin und der Forschung forderte Gröhe, mehr Wissen durch bessere Diagnostik zu schöpfen, um den Anstieg des Einsatzes von Breitbandantibiotika zu stoppen. Hygiene müsse gelebter Bestandteil der Krankenhauskultur werden.

Dünne Suppe
Die Stellungnahme des Ärztetages in Frankfurt dazu sah so aus:

– Mehr Personal für die Kliniken im Kampf gegen die Keime zur Verfügung zu stellen.

– Darüber hinaus müsse bereits bei der Ausbildung junger Mediziner angesetzt werden. Die Zahl der Universitäts-Lehrstühle für Krankenhaus- und Umwelthygiene müssten aufgestockt werden.

Kaum zu glauben
Das war’s, kaum zu glauben:

Kein Wort zur Massentierhaltung, als einer der Mit-Hauptverantwortlichen

Kein Wort dazu, wie verhindert werden kann, dass eingesetzte Antibiotika nach der Ausscheidung in die Umwelt gelangen:

– über Hospital –Abwässer

– über die auf die Felder gebrachte Gülle aus der
Massentierhaltung

– über kontaminierte Produkte aus der Massentierhaltung

Nach starken Worten keine Taten
Der Massnahmenkatalog der Bundesregierung ist völlig unzureichend, um das Problem der Antibiotikaresistenz in den Griff zu bekommen:

Dem Antibiotika-Missbrauch in der Massentierhaltung soll entgegengetreten werden.Was heisst hier Missbrauch, wenn es die Viecher ohne Antibiotika gar nicht bis zum Schlachttag schaffen?

Der Gebrauch von Antibiotika, wozu die Massentierhaltung zwingt, ist bereits der Missbrauch. Die Bundesregierung versucht zu suggerieren, es gäbe in der Massentierhaltung eine Grenze zwischen harmlosem Gebrauch und schädlichen Missbrauch.

Der Bundesgesundheitsminister Gröhe muss sich bei seinem Vorstoss bei der WHO in dieser Woche fragen lassen, wo denn die Fortschritte in Deutschland im Kampf gegen die Antibiotikaresistenz liegen.

Bisher sind keinerlei Schritte erkennbar, die der Resistenzentwicklung ernsthaft Einhalt gebieten.

Ein britischer Volkswirt und seine Vorschläge
Mittlerweile meldete sich in Grossbritannien Jim Neill, Volkswirt und ehemaliger Chef der Asset-Management-Abteilung der Grossbank Goldman Sachs zu Wort.

Er war von der britischen Regierung beauftragt worden, Lösungen für die globale Antibiotika-Resistenz-Krise zu finden.

O’Neill fordert in seinem Bericht die britische Regierung auf, 3 Milliarden US Dollar pro Jahr der pharmazeutischen Industrie zur Verfügung zu stellen. Mit diesem Geldsack sollen die pharmazeutischen Unternehmen zum Forschen, zur Entwicklung neuer Antibiotika angestiftet werden.

Man möchte sich die Augen reiben: Nachdem die grossen Pharmakonzerne in den 70er, 80er und teilweise noch in den 90er Jahren sich an den Antibiotika eine goldene Nase verdient hatten – genannt seinen Renner wie die Chinolone, die Cefalosproine der zweiten und Dritten Generation, die Breitbandpenicilline, die Peneme – soll jetzt die Allgemeinheit über Steuergelder die Forschungsgelder aufbringen.

Forschung nur, wo es lukrativ ist
Und dies, nachdem die Pharmaunternehmen sich vor allem auf die lukrativen Zweige der Medizin konzentrieren: Erkrankungen, wie Krebs, Diabetes, Herz- und Gefässkrankheiten, wo Dauermedikation erforderlich ist, und deshalb Riesenprofite winken.

Pharmafirmen, die ihre exorbitanten Medikamentenpreise immer damit rechtfertigten, dass die Grossgewinne ja wieder zurück in die Forschung laufen würden.

Neue Antibiotika – alte Probleme
Auch gegen neue Antibiotika, so sie denn kommen, wird es über kurz oder lang wieder Resistenzen geben. Deshalb muss an erster Stelle die Verhinderung der Resistenzentwicklung stehen:
.
– durch strikteste Indikationsstellung und gezielten Einsatz

– durch moderne Diagnostik der Bakterien und ihrer Resistenzen gegen Antibiotika mit Hilfe von Multiplex- PCR- Maschinen. Diese müssen routinemässig, erschwinglich und global zum Einsatz kommen.

– Gefälschte Medikamente, worin sich oftmals unterdosierte Wirksubstanzen, auch Antibiotika, befinden, müssen energisch bekämpft werden, weil unterdosierte Antibiotika die Resistenzentwicklung massiv fördern
.
– Die Massentierhaltung als Brutstätte für Antibiotikaresistenzen muss abgeschafft werden – global.

Was sagte doch der Präsident der Bundesärztekammer Dr. F.U. Montgomery zum Abschluss des Ärztetages:

Ich hätte mir ein noch besseres Ergebnis gewünscht.


Dr. F.U. Montgomery ………wünschte mir was

Das bezog er allerdings nicht auf die Inhalte, sondern auf die Zahl der Delegierten- Stimmen, mit denen er wiedergewählt wurde.

Dazu erübrigt sich allerdings jeder weitere Kommentar.

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