Krieg

Afghanistan: Weitere 15,2 Milliarden US Dollar für ein Fass ohne Boden

Dr. Alexander von Paleske — 7.10. 2016 —-
Vorgestern ging die Geberkonferenz für Afghanistan in Brüssel zu Ende. Die erste dieser Konferenzen fand vor 15 Jahren in Bonn statt. Damals waren die Taliban vertrieben, das Land stand vor einem Neuaufbruch, die Bundeswehr wurde im Rahmen einer internationalen Friedensstreitmacht nach Afghanistan geschickt.

Grosse Euphorie, alsbald verpufft
Die Euphorie war so ebenso gross, wie die Fehleinschätzung, was dieses Land wirklich dringend brauchte: Zivile Aufbauhilfe – allerdings unter Respekt der lokalen Gegebenheiten.

Der damalige US-Präsident G.W. Bush hatte bereits klargemacht, man komme nicht hierher, um Entwicklungshilfe zu leisten, sondern um die Al Qaida und deren Gastgeber, die Taliban zu vertreiben.

Die Geberländer versuchten damals, unter Missachtung der dort vorhandenen gewachsenen Strukturen Afghanistan ein Modell überzustülpen, das mit den verschiedenen Stämmen die dort auf lokaler und regional Ebene das Sagen hatten, weder abgestimmt, noch gar von denen gebilligt worden war.

Das Ergebnis ist bekannt: Die Taliban kehrten zurück, konnten die Unzufriedenheit der lokalen Bevölkerung mit den westlichen Eindringlingen und der hockkorrupten neuen Regierung nutzen, und Schritt für Schritt immer weitere Gebiete unter ihre Kontrolle bringen – trotz des enormen Einsatzes der westlichen Militärmaschinerie, die bis heute rund 1 Billion US Dollar verschlang. Nicht zu vergessen die Milliarden, die davon in den Taschen korrupter Regierungsmitglieder landeten.

Eine Schreckensbilanz
:
– Rund 1,2 Millionen Menschen wurden zu internen Flüchtlingen, um dem Krieg zu entgehen, der sich auf immer weitere Gebiete ausbreitete, auch in die Provinz Kunduz, deren Provinzhauptstadt diese Woche erneut von den Taliban überrannt wurde. Dort war seinerzeit die Bundeswehr stationiert, in einem Lager, das den deutschen Steuerzahler Millionen kostete.

– Die Zivilbevölkerung hatte so gut wie gar nichts von diesen Riesensummen, die ausgereicht hätten, um gleich mehrere Länder aus der Armut zu befreien. Stattdessen verschlechterte sich die Lage der Zivilbevölkerung: Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres wurden 118.000 neue interne Flüchtlinge gezählt, die den Kriegshandlungen zu entkommen suchten. Und seit dem Jahre 2012 hat sich diese Zahl glatt verdoppelt.

– Bereits 2013 starben 2959 Zivilisten und 5665 wurden verletzt als Folge des Bürgerkrieges. – ein Anstieg um 14%.

– 565 Kinder wurden im gleichen Zeitraum getötet, und 1.195 verwundet, ein Plus von 34% gegenüber dem Vorjahr.

Und die Zahlen steigen weiter: 2015 war insoweit das bisher blutigste Jahr.
.
Es läuft schief
Die Entscheidung westlicher Länder, sich mit ihren Truppen weitgehend zurückzuziehen und die militärische Drecksarbeit den Afghanen zu überlassen, musste schiefgehen.

Wie seinerzeit im Vietnamkrieg trafen unzureichend ausgebildete und miserabel bezahlte afghanische Truppen auf einen hochmotivierten Gegner, der es auch mittlerweile geschafft hat, parallele Verwaltungsstrukturen einschliesslich Gerichtsbarkeit in praktisch allen Provinzen – mit Ausnahme der Hauptstadt Kabul – aufzubauen.

Die Flüchtlingslawine rollt
Keine Überraschung, dass mittlerweile 2,6 Millionen Afghanen das Land verlassen haben, und versuchen, nach Europa zu gelangen.

Nach den Syrern stellen sie mittlerweile das grösste Kontingent an Flüchtlingen, sei es in Griechenland, sei es auf dem Weg über das Mittelmeer nach Italien-
.
Der Plan der EU-Länder, sie nach Afghanistan unter den jetzigen Verhältnissen in ein Bürgerkriegsland zurückzuschicken, ist zum Scheitern verurteilt, daran werden auch die 15,2 Milliarden Dollar nichts ändern.

Reichlich Zweckoptimismus
Auf der Geberkonferenz in Brüssel wurde ein zweckoptimistisches Bild von den Erfolgen dank westlicher Hilfe in Afghanistan gemalt.

Allerdings ein Gemälde weitab von der Realität: Ein Lügengebäude.

Lüge 1: Dramatisch gesunkene Säuglingssterblichkeit

Fakt: Das Land hat weltweit die dritthöchste Kindersterblichkeit, eins von 10 Kindern schafft es nicht einmal bis zum 5. Lebensjahr
Die Rate von akuter und schwerer Unterernährung liegt zwischen 6 und 10%.
Nur 22% der Bevölkerung hat Zugang zu sauberem Trinkwasser, das Resultat sind Durchfallerkrankungen bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen.

Lüge 2 Vervielfachte Schülerzahlen

Fakt
: Weniger als die Hälfte der Kinder besucht eine Schule
Die Analphabetenrate liegt bei rund 70%
Im Human Development Index liegt das Land auf Platz 171 von 188 Ländern.

Lüge 3 :Gestiegene Wirtschaftkraft.

Fakt: Die Wirtschaft hängt am Tropf er Geberländer.

Lüge 4: 57% der Bevölkerung haben Zugang zur Gesundheitsversorgung

Fakt: Das Gesundheitswesen wird nur notdürftig von Nichtregierungsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen aufrechterhalten, deren Krankenhaus in Kunduz, das einzige in der Provinz, auch noch von der US Armee „versehentlich“ bombardiert wurde

Lüge 5: Die Lebenserwartung ist von 40 auf 60 Jahre gestiegen

Fakt: Sie liegt weiter unter 50 Jahren. Genaue Zahlen existieren nicht

Weitere Fakten wie sie in seriösen Zeitschriften wie der Medizinzeitung Lancet berichtet werden:

– Katastrophale Ernährungslage der internen Flüchtlinge

Korruption grassiert
Während die Lebenserwartung stagniert, stagniert jedoch nicht die Korruption: nach Transparency International verschwinden mindestens 1/8 der Hilfsgelder in den tiefen Taschen korrupter Politiker . Eine eher konservative Schätzung.

Kein Interesse an Fakten.
Diese Fakten interessierten auf der Konferenz keinen der Teilnehmer: hier war realitätsleugnender Optimismus angesagt,.

So erklärte US-Aussenminister Kerry als messbaren Fortschritt:

– 2001 gab es kein Mobiltelefon, heute sind es 18 Millionen

– 2001 gab es einen TV-Sender, heute sind es 75, davon 73 privat

Beachtlich – in der Tat. Schade nur, dass Mobiltelefone keinen Frieden bringen ( auch den Taliban erleichtern sie die Kriegsführung), kein Essen auf den Tisch und keine ärztliche Hilfe im Krankheitsfall und kein sauberes Trinkwasser.

Und noch einen Erfolg gibt es zu vermelden: Afghanistan ist mittlerweile zum weltgrössten Opiumproduzenten aufgestiegen, auch das sollte mit dem Einmarsch 2001 unterbunden werden, jedoch Fehlanzeige.

Die Verhandlungen mit den Taliban über eine geordnete Regierungsbeteiligung kommen nicht voran weil diese selbst inzwischen von einer noch radikaleren Seite unter Druck stehen: vom IS, der sich mittlerweile ebenfalls in Afghanistan festgesetzt hat.

Fazit:
So werden die erneuten Hilfsgelder nichts an der katastrophalen Lage ändern, die Taliban werden weitere Gebiete erobern, schliesslich, wird sich die Regierung nur noch auf den Grossraum Kabul beschränken, und einige Provinzstädte – wie seinerzeit im Vietnamkrieg.

Auch noch so viele Milliarden Hilfsgelder und Militärhilfe können keine Wende bringen, bestenfalls kann das unvermeidliche Ende nur noch etwas hinausgezögert werden.

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