Medizin

Welt-Tuberkulosetag – Eine besiegt geglaubte Krankheit droht wieder zur unkontrollierbaren Seuche zu werden

Dr. Alexander von Paleske — 24. 3. 2011 —
Heute, am Welttuberkulosetag, waren es drei Patienten, bei denen ich eine Lymphknoten-Tuberkulose durch Feinnadelaspiration diagnostizierte. Oftmals sind es noch mehr neu diagnostizierte TB-Patienten in meiner Ambulanz pro Tag.


Kalter Abszess. Lymphknotentuberkulose mit ausgeprägter Eiterbildung im Halsbereich

Eiter unter dem Mikroskop: Übersät mit Tuberkelbakterien (rot) Fotos: Dr. v. Paleske

Schwindsucht wurde die Tuberkulose früher in Deutschland im Volksmund genannt, weil die Patienten abmagerten, dahinschwanden.
Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts, also vor rund 50 Jahren, verlor die Tuberkulose weltweit ihren Schrecken, schien besiegbar geworden zu sein.
Sanatoriums-Aufenthalte und Liegekuren wurden überflüssig, die Behandlung geschah nun durch ambulante Tablettenverschreibung.

Auch hier in Afrika gab es enorme Fortschritte in der Behandlung der TB.

.Möglich gemacht hatte es die Kombination von drei Medikamenten, Isoniazid (INH), Rifampicin und Ethambutol, nachdem Monotherapien mit Substanzen wie Streptomycin, das als erstes Medikament Anfang der 50er Jahre auf den Markt kam, und Wirksamkeit gegen die TB zeigte, alleine keine Heilung, sondern nur eine vorübergehende Besserung bringen konnten.

Optimismus verflogen
Der Optimismus von damals hat nun einer gehörigen Portion Pessimismus Platz gemacht, auch wenn die Sensationspresse heute eine Rückläufigkeit der Todesfälle für Deutschland meldet.

Die Zahl der Tuberkulose-Toten ist z.B. in Niedersachsen weiter gesunken. Für 2009 seien noch 34 Todesfälle gemeldet worden, teilte der Landesbetrieb für Statistik und Kommunikationstechnologie (LSKN) am Donnerstag zum Welttuberkulosetag mit.
Seit 1998 (85 Todesfälle) nehme die Zahl der Toten tendenziell ab.

Falsches Bild
Die Meldung gibt jedoch ein falsches Bild
Zum einen steigt die Tuberkulose in Deutschland bei Kindern an, und zum anderen hat sich der Rückgang bei den TB-Todesfällen eindeutig verlangsamt.

So ist es dann nicht überraschend, wenn das Robert Koch Institut eine Warnung ausspricht , dass die angepeilte Halbierung der Tuberkulose-Fälle in Deutschland bis 2015 nicht erreicht werden kann.

Das Gegenteil dürfte vielmehr der Fall sein.

Resistenzentwicklung zerstört Optimismus
Der Grund: Die Resistenzentwicklung gegen die bisher hochwirksamen Medikamente, welche weltweit in einem stetigen Anstieg begriffen ist.

Zum einen handelt es sich um die Multidrug- Resistant TB (MDR-TB), eine Resistenz der TB-Bakterien gegen mindestens zwei der Standardmedikamente, INH und Rifampicin, und die Extensive Resistant TB ( XDR-TB), die ausserdem mindestens noch eine Resistenz gegen Chinolone, ein orales Medikament der 2. Wahl, und ein injizierbares Tuberkulostatikum wie Streptomycin, zeigt.

Beide, sowohl die MDR, wie auch die XDR sind in einem Steigflug begriffen. Die XDR-Behandlung ist nicht nur teuer, sondern oftmals wirkungslos.

Zwischen 2001 und 2006 meldeten 81 Länder MDR –TB


Anteil der MDR-TB an neu diagnostizierten TB-Fällen

Weltweit 480.000 Fälle im Jahr 2008

Am stärksten betroffen Russland, 17% aller gemeldeten TB Fälle sind MDR-TB

7% der MDR-Fälle sind in Russland keine MDR-TB sondern bereits XDR-TB

In russischen Gefängnissen liegt der Anteil der MDR-TB noch höher, bei rund 50%.

Nur 7% aller MDR-TB Fälle in der Dritten Welt werden, wegen fehlender Laboreinrichtungen, in denen die TB-Bazillen auf Resistenz untersucht werden können, rechtzeitig diagnostiziert.
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Die Folge: Die Patienten mit MDR werden daher eine Zeit lang mit wirkungslosen Medikamenten behandelt und scheiden weiter im Falle der offenen TB – und das ist die Mehrzahl – TB-Bakterien aus, und stellen daher für ihre Umgebung eine große Infektionsgefahr dar. Abgesehen davon, dass sich ihr Gesundheitszustand nicht bessert.


Labore wie dieses hier in Bulawayo/Simbabwe sind zur effektiven Diagnose und Behandlung der TB unverzichtbar. Dieses Labor wird mit Global Fund Geldern unterstützt. Foto: Dr. v. Paleske

Mittlerweile steigt weltweit die Zahl der Tuberkulosekranken dramatisch an:
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Jährlich erkranken 9 Millionen Menschen neu , 1,8 Millionen sterben an TB.

Die Masse der Erkrankungen ist in den Ländern der Dritten Welt.


WHO: Inzidenz der Tuberkulose pro 100.000

Viele TB-Patienten leiden ebenfalls an der HIV-Krankheit. Die HIV Krankheit begünstigt nicht nur die Neuinfektion bzw. Reaktivierung einer alten TB, sondern auch die ungehinderte Vermehrung der TB-Bazillen im Körper, der Krankheitsverlauf ist daher schwerer.

24% aller 2,4 Millionen HIV-Toten pro Jahr sterben an einer Tuberkulose

Auch in Großbritannien – anders als noch in Deutschland – steigt die Zahl der Tuberkulosekranken deutlich an.an.

Ein Blick zurück
Im Jahre 1660 betrug die Häufigkeit der Tuberkulose in London 1000 per 100.000 Einwohner.

25% aller Todesfälle im 19.Jahrhundert waren der Tuberkulose anzulasten. Es war damit die häufigste Todesursache in dieser Zeit.

Die Zahl der Tuberkuloseerkrankungen, die mit der Einführung der Tuberkulostatika dramatisch zurückgegangen waren, beträgt in London, einer Stadt mit hohem Migrantenanteil, mittlerweile wieder 14.6 Patienten pro 100.000 Einwohner.In absoluten Zahlen: Anstieg von 2309 im Jahre 1999 auf 3450 im Jahre 2009.

172 Fälle von INH-resistenter Tuberkulose wurden im gleichen Jahr gemeldet.

Dabei unterstützend wirken Faktoren wie Leben einer großen Familie auf engem Raum, mangelnde Hygiene und schlechte Ernährung.

Die einzig wirksame Waffe gegen die Tuberkulose ist jedoch die überwachte Behandlung.

Die Behandlung der unkomplizierten TB ist dabei noch relativ billig: 72 US Dollar pro Patient pro Jahr.
Bei der MDR-TB sind es bereits 1200 US Dollar, und bei der XDR-TB 7200 US Dollar pro Patient pro Jahr.

Länder der Dritten Welt können daher, wenn überhaupt, nur die Behandlung der unkomplizierten TB finanzieren. Zur Behandlung der MDR und XDR-TB sind sie auf Unterstützung angewiesen.

Wichtige Hilfsgelder hat hierzu der Global Fund bereitgestellt, mit dessen laxer Überwachungspolitik wir uns bereits in zwei Artikeln beschäftigt haben.

Verhinderung des Missbrauchs der Mittel
Die sich häufenden Fälle von Mißbrauch der Hilfsgelder hat nun dazu geführt, dass Bundesminister Dirk Niebel die deutschen Zuschüsse zum Global Fund die bei etwas über 200 Millionen Euro pro Jahr liegen, erst einmal gestrichen hat..

Derartige Maßnahmen machen sich gut beim Wähler, aber sind gleichzeitig katastrophal für Empfängerländer, weil sie unterschiedslos gerade auch effektive Behandlungsprogramme gefährden bzw. unmöglich machen.

Minister Niebel hätte stattdessen auf wesentlich straffere Kontrolle der gesponserten Programme drängen müssen, und gleichzeitig mit der Drohung der Mittelkürzung winken können.

Fazit
Die Tuberkulose droht weltweit aus dem Ruder zu laufen. Neben der konsequenten Diagnose und Behandlung müssen dringend neue Medikamente entwickelt werden, um der zunehmenden Zahl von MDR-TB und XDR-TB Herr zu werden.

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