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Glencore, der Börsengang, und der Weg zum Rohstoff-Riesenkraken

Dr. Alexander von Paleske — 30.5. 2011 —
Drei Mal haben wir uns bereits mit den schweizer Multis Glencore und Xstrata beschäftigt:

Thyssen, Glencore und die Rohstoff-Blase

Xstrata und Glencore – Schweizer Konzerne auf dem Weg zum Rohstoffmonopol?

Glencore und Xstrata – Besuch von Demonstranten

Ein Riese bin ich, ein Gigant will ich werden
Der Teil-Börsengang von Glencore in der vergangenen Woche ist Grund genug, erneut einen Blick auf diesem Rohstoff-Riesenkraken und seine Geschäftspraktiken zu werfen, denn die Milliarden aus dem Börsengang werden vermutlich zu noch weiterer Expansion genutzt. Als erstes soll vermutlich die Firma Xstrata, an der Glencore schon 34% besitzt, ganz übernommen werden.


Schweizer Rohstoff-Riesenkrake

Danach soll offenbar auch noch die Minen- und Verarbeitungsfirma Anglo-American einverleibt werden.
Ein Versuch, der letztes Jahr erst einmal fehlgeschlagen war. Aber hier gilt wohl eher: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Welche Konsequenzen?
Welche Konsequenzen das hat und haben wird, insbesondere für die Förderländer, in der Mehrzahl Länder der Dritten Welt, für die dortigen Minenarbeiter, aber auch für die Bauern, deren Land für die Minen reklamiert wird, darauf werden wir noch zu sprechen kommen.

Ein Blick zurück
Glencore wurde 1974 von dem Geschäftsmann Marc Rich als Firma Rich & Co gegründet, einem Mann, der schliesslich wegen seiner kriminellen Aktivitäten auf der Liste der 16 meistgesuchten Verbrecher der USA stand.

Rich ist – nomen est omen – reich geworden, steinreich, vor allem durch seinen Handel mit Ländern, die entweder auf einer UN- oder US- Embargoliste standen, also z.B. Apartheid-Südafrika und der Iran nach 1979, und wo es dehalb riesige Extraprofite zu verdienen gab, „sanctions busting“ auch genannt.

Grober Undank eines geretten Flüchtlings
Gegenüber den USA, die einst seiner aus Nazi-Deutschland geflüchteten Familie Unterschlupf gewährt hatten, schien er nicht das geringste Gefühl der Dankbarkeit für nötig zu halten.
Rich sah sich bestenfalls gegenüber seinem Geld, seinen Geschäften und Israel in der Pflicht.

Der leitende Staatsanwalt von New York und spätere Bürgermeister, Rudolph Giuliani setzte ihm nach, warf ihm Steuerbetrug, Racketeering, Verstoß gegen Embargobestimmungen etc. vor.
Rich setzte sich in die Schweiz ab, die gar nicht daran dachte, ihn auszuliefern.

Offensichtlich „erleichtert“ durch massive Geldzuwendungen seiner von ihm geschiedenen Ehefrau Denise an die Bill Clinton Foundation, erreichte er schliesslich eine Begnadigung durch den US Präsidenten Clinton, Stunden bevor der aus dem Amt schied.

Teil der Begnadigung und Bedingung für eine Rückkehr in die USA war jedoch die Auflage, Steuerschulden in Höhe von 48 Millionen US Dollar zu begleichen.

Rich entschied: er schulde den USA nichts, zahlte nicht, und ließ sich in den USA nie wieder blicken. Und dies, obgleich es sich um einen Betrag handelte, den er spielend aus seinem Vermögen hätte bezahlen können, und zwar ohne anschließend am Hungertuche nagen zu müssen.

Er zog es vor, Israel grosszügig mit Spenden zu unterstützen.

1994 verkaufte er – etwas unter Druck seitens seiner Manager – seine Anteile an der Firma Rich & Co und erhielt dafür in zwei Raten insgesamt 600 Millionen US Dollar, cash to carry.

Ein Management-Buy-out mit einem Pharmariesen
Es war das Management, das ihm seine Firma abkaufte, aber da die nicht genug Geld auf der Kralle hatten – damals jedenfalls – wurde für einige Zeit auch die Schweizer Pharmafirma Roche zu 20% Miteigentümer, ein Engagement, was der Pharmafirma letztlich mehr einbrachte, als manche Pillendreherei..

Aus Rich & Co wird Glencore
Die neuen Eigentümer, an der Spitze der aus Deutschland stammende Willy Strohthotte, nannten die Firma in Glencore um, um den Skandalnamen Rich loszuwerden (Global Energy Commodities and Resources)

.Im Jahre 2002 löste der aus Südafrika stammende Ivan Glasenberg den Chef Strothotte ab.

Was sich nicht änderte war der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg der Firma und die sie begleitenden Skandale

Kleine Skandalschau

– Noch zu Zeiten von Marc Rich wurden arabische Ölbarone den 70er Jahren eine Woche lang mit Pariser Prostituierten und viel Rotwein im Süden Frankreichs zusammengebracht, danach wurde unterschrieben

– Irakisches Öl wurde gegen ein UN Embatgo im Jahre 2000 zum Vorzugspreis von 3 Millionen US-Dollar nach Kroatien geliefert

– Im Jahre 2009 musste die Firma ein Bussgeld in Kolumbien in Höhe von 700.000 US$ blechen, weil beim Betrieb der Prodeco-Mine der Industrie-Abfall einfach ohne Genehmigung und umweltschädlich entsorgt worden war

– In Sambia und in der Demokratischen Republik Kongo gelangten hochgiftige Abwässer in die benachbarten Bäche und Flüsse.

Und – das kann man nur noch als bitterböse Ironie bezeichnen – der Ex-BP-Mann Tony Hayward, bekanntes BP-Vorstands-Gesicht während der Deepwater Horizon Katastrophe vergangenes Jahr im Golf von Mexiko, danach von BP abgetreten, wurde Mitglied des Sicherheits-, Gesundheits,- und Umweltkomitees von Glencore im Range eines Vorstandsmitglieds – man könnte meinen: „ Der Bock wird zum Gärtner“.

Hayward ging seinerzeit auf einen Segeltörn vor der britischen Küste, während im Golf die Katastrophe ihren Lauf nahme, „um sich zu entspannen“

– Im April diesen Jahres beschuldigte eine Gruppe von Nichtregierungsorganisationen Glencore, den sambischen Staat, der ohnehin, mangels Finanzen, gerade im Gesundheitsbereich kaum eine Grundversorgung anbieten kann, um 100 Millionen US Dollar Steuern betrogen zu haben. Die Betriebskosten für die Mopani-Kupfermine seien fälschlich als viel zu hoch angegeben worden.


Mail and Guardian (Südafrika) vom 29.4. 2011

– Auch in China soll Glencore, nach einem Bericht des Handelsblattes, durch Benzinschmuggel einen Steuerbertrag in dreistelliger Millionenhöhe (US $) hinterzogen haben.
.

– Aber auch an frauenverachtenden Äußerungen aus dem Hause Glencore mangelt es offenbar nicht. So erklärte der frischgebackene Non-Executive Chairman und ehemalige Fremdenlegionär Simon Murray in einem Interview mit der britischen Zeitung Sunday Telegraph:

Women are not so ambitious in business as men, they’ve got better things to do. I really do not need them on board,, because I know, they are going to get pregnant and they are going off for nine months.

Das Firmenprofil
Willy Strothotte, CEO Ivan Glasenberg, wie auch 480 weitere Mitarbeiter, sind ist durch Glencore steinreich geworden. Durchschnittlich jeder mit 100 Millionen.
Etwas besser steht Glasenberg, südafrikanischer und israelischer Staatsbürger, da: sein Vermögen wird mittlerweile auf 9 Milliarden Euro geschätzt.


Ivan Glasenberg, reichster Südafrikaner

Über Glencore Niederlassungen in Hongkong und Beijing hatte er sich sich, vom Wohlwollen Willy Strothottes unterstützt, an die Spitze gearbeitet.

Die Firma, die er leitet,

– besitzt Industriebetriebe wie Schmelzen

– besitzt Bergwerke

– besitzt Riesen-Ländereien (insgesamt rund 100.000 Hektar) zur Produktion von Agrarprodukten

Glencore treibt, besser: kontrolliert teilweise international den Handel mit mit:

– Metallen

– Mineralien

– Energie

– Agrarprodukten

Folgende Handels-Marktanteile hat Glencore mittlerweile sich „erkämpft“:

Zink: 80%

Kupfer: 50%

Aluminium: 38%

Kobalt: 16%

Nickel: 14%

Eisen 16%

Blei 45%

Öl 3%

Im Agrarsektor sieht es nicht weniger schlecht aus:

Raps 26%

Sonnenblumen Speiseöl 20%

Soyaöl 9%

Hopfen 11%

Weizen 11%

Getreide (ausser Weizen) 4%

Zucker 1%

Hinzu kommen die eigenen Transport- und Lagerkapazitäten:

130 Öltanker plus etliche Containerschiffe

70 Gross-Getreidesilos

Dazu: Besitzanteile von Eisenbahnlinien


Riesen Multi Glencore

Die Macht von Glencore
Diese schiere Marktmacht der Firma erlaubt es ganze Jahresproduktionen aufzukaufen.

Mittlerweile besitzt die Firma aber auch jede Menge Minen, welche die Lieferfähigkeit – selbst bei Engpässen – noch erhöhen.

Mit anderen Worten: Glencore kontrolliert in seinen Segmenten vertikal die ganze Wertschöpfungskette.

Und – wie schon bei Aufkauf der Produktion – ist der Weiterverkauf ebenfalls zu mehr als 90% gesichert.

Der Konzern beschäftigt mittlerweile direkt und indirekt 57.OOO Mitarbeiter, machte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 145 Milliarden US Dollar, und einen Gewinn von 3,8 Milliarden US$.

Und weil man alles im Bereich Rohstoffe, deren Verarbeitung und Transport überblickt, kann man auch noch beim Wettspiel über Futures, Termingeschäfte etc teilnehmen, warum soll man das den Banken überlassen? Kann man selbst doch viel besser.
Unklar ist, wie viel Cash die Firma bei diesen Geschäften einsackt.

Wer die Handelswege kontrolliert, der kann nicht nur Einfluss auf die Rohstoffpreise nehmen, sondern auch die Frachtraten und damit auch die Arbeits-und Lohnbedingungen bis zur Unerträglichkeit drücken, kurzum eine unerträgliche, von keiner politischen Instanz kontrollierte, Macht ausüben, jeden Kontahenden plattmachen, und die Bedingungen nach eigenem Gutdünken diktieren..

Diese Lohndrückerei und Rücksichtslosigkeit bekommen aber gerade auch die Arbeiter in Dritte Welt Ländern zu spüren, zum Beispiel die Kohlearbeiter in Kolumbien, über die gerade in der in der Stuttgarter Zeitung vom 29.5. 2011 ein ausführlicher Bericht erschien:

Beim Geschäft mit der Kohle geht es finster zu

Aber bereits zuvor hatte die Firma den Negativpreis des Public Eye Forums erhalten, wegen unsozialen und umweltschädlichen Machenschaften in den Kohleminen Kolumbiens:

Der schweizer Multi Xstrata, Umsatz 2009: 22,732 Milliarden US-Dollar (Vorjahr 27,952 Milliarden US-Dollar) direkt und indirekt 50.000 Beschäftigte, an dem Glencore 34% hält und der jetzt wohl ganz übernommen werden soll, ist ebenfalls im Minengeschäft engagiert, insbesondere in Südafrika. Es gibt Konflikte und Skandale, von Gewerkschaftsfeindlichkeit in Kolumbien, bis zur Entschädigungsverweigerung in einer südafrikanischen Vanadium-Schmelze

Fazit:
Glencore hat seinen Börsengang gestemmt, die Kassen sind voll, jetzt kann mit dem Geldsack auf Einkaufstour gegangen werden.
Wer glaubt, dass dies dem Wohl der Menschheit und der Verbesserung der sozialen Lage der Beschaftigten dient, der dürfte sich täuschen. Und zwar gewaltig.

Thyssen, Glencore und die Rohstoff-Blase?
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