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Wochenzeitung „DIE ZEIT“, der Kachelmann-Prozess und der Niedergang des Qualitätsjournalismus

Dr. Alexander von Paleske —- 1.6. 2011 —- Es ist lange her, dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) das Wochenblatt „DIE ZEIT“, einst Flaggschiff des liberalen Qualitätsjournalismus, in dieser Form angegriffen hat: Das war vor 26 Jahren, als sie dem seinerzeitigen Leiter des Feuilletons der ZEIT, Fritz J. Raddatz, vorwarf, Scharlatanerie zu betreiben. Dieser hatte in einem Leitartikel geschrieben, daß zur Lebenszeit Goethes (1749-1832) bereits die Eisenbahn fuhr und Frankfurt einen Bahnhof hatte… .
Die Eisenbahn fuhr aber erstmals im Jahre 1835 in Deutschland , also drei Jahre nach Goethes Tod, und der Frankfurter Hauptbahnhof wurde gar erst l888 eingeweiht.

Eine dicke Blamage. Raddatz musste die Leitung des Feuilletons abgeben.

Erneuter Angriff der FAZ
Gestern griff nach langer Zeit die FAZ erneut die ZEIT an.
Der FAZ Medien-Redakteur Michael Hanfeld warf seiner Medien-Kollegin Sabine Rückert von der ZEIT, aber auch Gisela Friedrichsen (Spiegel), und Alice Schwarzer (Bild) distanzlose und einseitige Berichterstattung im Fall Kachelmann vor:

„Parteiischer und einseitiger, als die Berichterstattung der Genannten ausgefallen ist, kann man sich die Arbeit von Vertreterinnen der ‚vierten Gewalt‘ jedenfalls nicht vorstellen. So wie sich vor Gericht Staatsanwaltschaft und Verteidigung gegenüberstehen, haben sich die Reporterinnen aufgestellt: Anklage, Verteidigung und kein Richter dazwischen, als Korrektiv aber sehr wohl die Kollegen anderer Blätter, die sich an das gehalten haben, was im Gerichtssaal zur Sprache kam.“

Die Kritik Hanfelds und anderer Medien insbesondere an Sabine Rückert, weil man von der ZEIT einfach wesentlich Besseres gewohnt war und verlangen durfte, ist leider nur allzu berechtigt.

Wir haben in mehreren Artikeln uns mit dem Niedergang des Qualitätsjournalismus in der Wochenzeitung „Die Zeit“ für welche die Artikel der Journalistin Sabine Rückert zum Fall Kachelmann stellvertretend stehen, beschäftigt

Aber es ist nicht nur sie, auch der Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hatte sich mit der Forderung, den Wissenschaftsbetrüger Baron von und zu und Guttenberg im Amt zu belassen, journalistisch desavouiert.

Den Vogel abgeschossen hat nun Sabine Rückerts online-gestellter gestriger Artikel zum Ausgang des Kachelmann-Prozesses, der wieder einmal jegliche Distanz und nüchterne Bewertung vermissen lässt. Stattdessen beschwört sie dumpf die Angst, die man als unschuldiger Bürger haben müsse, in die Hand solcher (Mannheimer) Staatsanwälte zu geraten. Gerade rechtzeitig habe schließlich das Gericht noch die Kurve gekriegt in Richtung Rechtsstaat.

Lächerlich als Qualitätsmerkmal
Geradezu lächerlich angesichts der Akribie, mit der das Gericht sich bemüht hat, den Sachverhalt aufzuklären, trotz des Dauer–Trommelfeuers aus der norddeutschen Medienhauptstadt .


Scharfe Kritik an einigen Medien und Verteidiger Schwenn:
Landgericht Mannheim – Screenshot: Dr. v. Paleske

Das Gericht hat nach neunmonatiger Verfahrensdauer ein angemessenes Urteil verkündet: Freispruch angesichts der Beweislage „In dubio pro reo“ Im Zweifel für den Angeklagten.


Freigesprochen: Kachelmann – Screenshot: Dr. v. Paleske

Freispruch ist Freispruch
Der Freispruch zweiter Klasse, aus „Mangel an Beweisen“, mit der Folge, dass der Angeklagte trotz Freispruchs seine Anwaltskosten selbst tragen musste, ist seit der Reform des Strafprozessrechts in den 60er Jahren abgeschafft.

Dies heißt für das Gericht aber keineswegs, dass es nicht im Rahmen der Beweiswürdigung erklärt, ob es von der Unschuld des Angeklagten überzeugt ist, oder nicht, ebenso wie von der Glaubwürdigkeit der Aussagen des vermeintlichen Opfers.

In die Kerbe von Frau Rückert haute dann auch der Verteidiger Schwenn, dessen polterndes Auftreten im Prozess zum Entzücken der immer präsenten Mitglieder des „Kachelmann-Fan-Clubs“ gereichte. Ein Anwalt, der aber zur Sachaufklärung nach Auffasung des Gerichts nichts beitrug, was nicht bereits von seinem Vorgänger, dem abgehalfterten Verteidiger Birkenstock, in Form von Beweisanträgen und Gutachterbestellungen eingeführt worden war.

Birkenstock, dem Frau (ZEIT)-Rückert in wenig verhüllter Form vorprozessual Unfähigkeit vorwarf, ein erbärmliches Vorgehen sui generis.

Schwenn nannte nach der Urteilsverkündung das Gericht „befangen“ und verkündete schwadronierend, dass das Verfahren von einer „ Erbärmlichkeit gekennzeichnet sei, die ihresgleichen suche“

Offenbar hat Anwalt Schwenn, anders als der Verfasser, keine Ahnung, was es wirklich bedeutet, mit einer Justiz zu tun zu haben, für die Unabhängigkeit von politischen Einflussnahmen ein Fremdwort ist, und wo es wirklich gerechtfertigt ist, von „Erbärmlichkeit“ zu reden.

Lebendige Demokratie braucht Qualitätsmedien
Die Artikel von Sabine Rückert könnten uns allen gleichgültig sein, wenn sie für die Bild Zeitung, eine Fehlgeburt des Journalismus, und nicht für die ZEIT schreiben würde . BILD-Motto: Forget the facts, push the story , und wo der Appell an die Emotionen zählt, aber nicht die nüchterne Bewertung der Faktenlage.

Eine lebendige Demokratie ist aber auf die inhaltliche Diskussion, angestoßen gerade auch durch verantwortungsvolle Medien, angewiesen, insbesondere zu einer Zeit, in der die Konflikte zunehmen und die nächste Finanzkrise droht.

Die ZEIT wird dieser Rolle, die sie einst über Jahrzehnte verantwortungsvoll ausübte, und für die Namen wie Marion Dönhoff, Theo Sommer, Rudolf Walter Leonhardt und viele andere standen, nicht zuletzt Verleger Gerd Bucerius, immer weniger gerecht, offenbar angetrieben von dem Drang, dem Publikum noch mehr zu gefallen, um so die Verkaufszahlen zu steigern.

Nun rächt sich, dass Verleger Gerd Bucerius, der 1995 als Milliardär verstarb, es nicht für nötig hielt zu verfügen, sein Vermögen, das er in die Gerd und Ebelin Bucerius Stiftung einbrachte, ggf. auch zum Erhalt der ZEIT zu nutzen und diese zum Dauer-Eigentümer des Blattes nach seinem Tode zu machen, und es damit es ggf. auch über Durststrecken flott zu halten.
So wurde dann die ZEIT bereits kurze Zeit nach seinem Tode an die Holtzbrinck-Gruppe verkauft.

Über viele Jahre hinweg, in den 50er und zu Beginn der 60er Jahre, war die ZEIT ein Zuschussbetrieb. Bucerius deckte das finanzielle Defizit durch dicke Überschüsse, welche seine Illustrierte STERN, unter Chefredakteur Henri Nannens Regie, einbrachte, bis die ZEIT Mitte der 60er Jahre schließlich anfing, schwarze Zahlen zu schreiben.

Bucerius konnte sich offenbar nicht vorstellen, dass eines Tages die Printmedien, dank des Internets, so ins Schleudern kommen würden.

Noch hat dieser Trend erst die Tageszeitungen, wie die Frankfurter Rundschau erreicht, aber auch in den Magazinen und Periodika wird mittlerweile kräftig gespart.

Alledings: Zugeständnisse an den Publikumsgeschmack, Kritzelseiten wie die ZEIT der Leser und ähnlicher Popanz, distanzlose Artikel, wie die der Sabine Rückert haben nichts mehr mit dem eigentlichen Anspruch der Wochenzeitung ZEIT zu tun, liberale Meinungsführerschaft im besten Sinne zu repräsentieren. Sie sind vielmehr geeignet, eine ganze Reihe von ernstzunehmenden Lesern zu vertreiben.

Theo Sommer schrieb einst….
Noch einmal sei zitiert, was Ex-ZEIT Herausgeber und jetzt Editor at large der ZEIT Theo Sommer schrieb, als es 1994 beim Spiegel kriselte:

„Soll die gewollte Anspruchslosigkeit des gedruckten Fernsehens auch die bisher noch der Seriosität verhafteten Zeitungen und Zeitschriften in seichte Gewässer zwingen? Eine Kultur-Havarie wäre die Folge. Eine Havarie auch unserer politischen Kultur.

Demokratie ist nach der klassischen Definition „government by discussion“. Sie lebt vom öffentlichen Räsonieren, vom intelligenten Diskurs. Beides setzt Sachinformation , Tiefenanalyse und ernsthaften Richtungsstreit voraus: Aufklärung, nicht Infotainment, publizistische Prinzipien, nicht bloss Marketingstrategien; den Willen, Meinung zu bilden, nicht nur den Drang, das Publikum zu unterhalten
Zitiert nach Karl-Heinz Janssen Die Zeit in der ZEIT 1996, S.348

Fritz J. Raddatz verlor das Feuilleton-Resort seinerzeit wegen eines Fehlers.
Sabine Rückert aber darf weiter erbärmliche Artikel veröffentlichen, die Marion Dönhoff ihr vermutlich um die Ohren gehauen hätte.

Und der ehemalige stellvertretende ZEIT-Chefredakteur und jetzige ZEIT-Reporter Matthias Nass (mit-) organisiert die Bilderberg-Geheim-Konferenz, die in der nächsten Woche vom 9.-12 Juni in St. Moritz/Schweiz stattfindet, und die eine unakzeptable Verhöhnung von Demokratie und Pressefreiheit darstellt.

Wie sagten doch die Römer? Sic transit gloria mundi – genau.

Der Kachelmann-Prozess und seine Verlierer“
Der Fall Kachelmann oder: Wenn Journalismus vor die Hunde geht“

In drei Wochen: Bilderbergkonferenz in St. Moritz/Schweiz
Alle Jahre wieder die Bilderberg- Konferenz – oder: Verhöhnung von Demokratie und Öffentlichkeit
DIE ZEIT: Liberale Meinungsführerschaft ade? – ein Einwurf
Die ZEIT – eine führende Wochenzeitung auf dem Weg zum „Musikdampfer“?

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