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Grossbritannien – Rupert Murdochs Presse ohne (Scham-) Grenzen. Oder: Wenn die „Vierte Gewalt“ zum Hooligan wird

Dr. Alexander von Paleske — 6.7. 2011 —
In Grossbritannien gibt es einen neuen Presseskandal, allerdings einer, der sich schon eine geraume Zeit hinzieht, der aber nun durch täglich neue und brisante Enthüllungen richtig an Fahrt gewonnen hat und gewinnt , und parallel dazu die Öffentlichkeit jeden Tag empörter macht.Aufgedeckt hat ihn die britische Tageszeitung Guardian.

Hacken als „investigativer Journalismus“
Es geht um das

– Hacken von Mobiltelefonen großer und kleiner Prominenter, auch Schlebs genannt, über Jahre hinweg

– Zahlungen an die Polizei im Gegenzug für interessante Infos
(Aktive Bestechung der Polizei)

– Eingriff in bzw. Behinderung von laufenden polizeilichen Ermittlungen im Zusammenhang mit der Entführung und Ermordung der Schülerin Milly Dowler


Ermittlungen behindert: Mordopfer Milly Dowler. Screenshot: Dr. v. Paleske

– Abhören der Mobiltelefone von Angehörigen der Opfer der Al Qaeda-Bombenanschläge in London im Jahre 2005.

– Abhören der Mobiltelefone von Angehörigen in Afghanistan getöteter Soldaten

– Abhören der Gespräche und Feststellen der Kontakte des 1992 vom Mordvorwurf freigesprochenen Angeklagten Colin Stagg – nach dem Freispruch

Was war geschehen?
Die Geschichte reicht in etwa in das Jahr 2000 zurück, möglicherweise aber noch weiter.
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Die Boulevard-Zeitung News of the World, zum Imperium des Pressezaren Rupert Murdoch gehörend, immer hungrig nach Sensationsmeldungen, die andere Blätter noch nicht „im Kasten haben“ kam auf die Idee, die Mobiltelefone von Prominenten anzuzapfen.
Prominente, deren Skandale, Affären die Öffentlichkeit gerne verfolgt.


Boulevardblatt und „Skrupellos-Hacker“ – Murdochs News of the World

Derartiges Anzapfen bzw. Hacken von Telefonen ist natürlich völlig illegal und strafbar, gerade auch im Mutterland der Demokratie, dort besonders, aber technisch offenbar nicht allzu schwierig.

Ein Detektiv macht die Drecksarbeit
Als Presseorgan macht man sich nicht gerne die Finger mit illegalen Aktionen schmutzig. Also schiebt man einen Privatdetektiv dazwischen, der diese Drecksarbeit besorgt, und den man dafür dann „anständig“ entlohnt.

Als Detektiv bot sich ein Glenn Mulcaire an, und der hackte nun nach Herzenslust – und lieferte ab, offenbar ohne irgendwelche Restriktionen seitens der Aufkäufers dieser Drecksware: den Journalisten der News of the World.


Lieferte Drecksware ab: Glenn Mulcaire. Screenshot: Dr. v. Paleske

Selbst wenn die Sache auffliegen sollte, konnte man sich ja hinter dem Detektiv verstecken und behaupten, man habe nicht gewusst, wo der seine Infos herbekam.

Hinzu kommt in England noch etwas: Die geballte Macht des Zeitungszaren Rupert Murdoch, welche (undemokratisch) weit in den politischen Betrieb hineinreicht.

Zu Murdochs weltweitem Imperium gehören in Grossbritannien:

– das Massenblatt „ Sun“ mit dem täglichen Nackedei auf Seite 3, der meistgelesenen Seite des Blattes

– Die einstmals ehrwürdige „Times“

– Die bereits erwähnte „News of the World“,

– Und der der Bezahl-Fernsehsender Sky, den es mittlerweile auch in einer deutschen Version gibt, nachdem Murdoch den Verlust-Bezahl-Kanal Premiere übernommen und umbenannt hatte.

Murdoch und sein Empire
Wir haben uns schon mehrfach mit Rupert Murdoch und seinem Empire beschäftigt. Für Margaret Thatcher schaffte er eine stets freundliche Presse, zu dem Labour-Politiker Tony Blair hatte Murdoch seinerzeit eine Art Standleitung. Blair durfte bereits vor der ersten von ihm gewonnenen Unterhauswahl im Jahre 1997 eine regelmäßige Kolumne in der SUN neben dem Nackedei auf Seite drei schreiben.

Politiker aller Parteien bemühten und bemühen sich um Murdochs Wohlwollen, ließen und lassen ihm Einiges durchgehen, versorgen seine Blätter gerne auch mal mit Insiderinfos, oder beschäftigten gar, wie der jetzige Premier David Cameron, den ehemaligen Chefredakteur der News of he World , Andy Coulson, als Pressesprecher, bis die Telefonhackerei aufflog und er den Hut nehmen musste.
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Murdoch zum Freund zu haben, kann die Wahlchancen enorm steigern, gefährlich ist es hingegen ihn zum Feind zu haben, sehr gefährlich. Aber diese „Freundschaft“ hat ihren Preis, wie sich jetzt zeigt,ein extrem hoher. Prinzip: Die Geister (bzw. Murdoch) die ich rief, werd ich nun nicht los.

Nachdem der Computer des schmutzigen Detektivs von der Polizei beschlagnahmt worden war, stellte sich heraus, dass die Schnüffelei wesentlich umfangreicher war, als zunächst angenommen. Eine wahre Pandorabüchse öffnete sich.
Insgesamt soll es sich um rund 4000 (Viertausend) Abhör-Opfer handeln.

Die Empörung quer durch alle Parteien und insbesondere in der Öffentlichkeit ist nun riesengross.

Die Firma Ford hat bereits erklärt, sie wolle keine Anzeigenaufträge mehr an die News oft he World geben. Das schmerzt.

Ex-News of the World Chefredakteurin und nunmehrige Chefin des Verlagshauses News International Rebekah Brooks hat jetzt eine eigene Untersuchung angekündigt, die Beschuldigte leitet sozusagen ihr eigenes Ermittlungsverfahren. Sie bekam heute volle Rückendeckung von Murdoch.


Ermittelt inhouse: Rebekah Brooks. Screenshot: Dr. v. Paleske

Angriff auf Demokratie und Rechtsstaat
Es ist der bisher stärkste Angriff eines Pressorgans gegen demokratische Prinzipien und den Rechtsstaat, wozu auch und gerade die Achtung der Privatsphäre gehört. Dass auch noch dazu Angehörige von Bombenopfern abgehört, und in ein laufendes Ermittlungsverfahren wegen Mordes durch Telefon-Hackerei eingegriffen wurde, hat gezeigt, dass für einige Presseorgane weder Demokratie, noch Rechtsstaat noch Scham irgendeine Relevanz haben. Motto: „anything goes“ wenn es um die Jagd nach Exklusivmeldungen und Steigerung der Auflage geht.

Aber die nun bekannt gewordenen Skandale haben das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht. Zu Recht wird in einer Demokratie die Presse als „Vierte Gewalt bezeichnet, da sie eine enorm wichtige Kontrollfunktion hat und Aufklärungsarbeit leisten soll.

Murdochs News Corporation glaubte offenbar, über dem Gesetz zu stehen, und die Politiker in ihrer Tasche zu haben. Ein Irrtum, wie sich jetzt zeigt.

Noch ist jedenfalls die Öffentlichkeit in Grossbritannien nicht bereit, sich von diesem „Homunculus“ eines demokratischen Pressemoguls, und den nach seiner Pfeife tanzenden Medien alles bieten zu lassen.

Nachtrag 7.7. 19.15
Rupert Murdoch stellt das Erscheinen der News of the World ein.Die letzte Ausgabe des hochprofitablen Skandalblattes soll am kommenden Sonntag erscheinen.

Die Erlöse sollen karitativen Zwecken zugute kommen. Anzeigen sollen nicht erscheinen, die Werbeplätze sollen an wohltätige Vereinigungen vergeben werden.

Die Angelegenheit ist damit jedoch keineswegs erledigt, denn nun steht noch eine politische Auseinandersetzung über diese Art von „Recherchejournalismus“ an, und ein Rattenschwanz von Schadenersatzprozessen dürfte folgen..

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