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Murdoch-Medien-Skandal: Mea Culpa – aber ich bin unschuldig.

Dr. Alexander von Paleske — 19.7. 2011 —–
Der Murdoch-Medien-Skandal zieht nicht nur immer weitere Kreise, er nimmt mittlerweile die Ausmaße eines Shakespearschen Dramas an.

Neuer Höhepunkt
Vorläufiger Höhepunkt gestern war der Rücktritt des stellvertretenden Polizeichefs von London, John Yates („Yates from the Yard“ wie er sich gerne nannte, Scotland Yard) in dessen Verantwortungsbereich das Nichtlesen von 11.000 Blatt Ermittlungsprotokollen zum Abhörskandal, und in Folge das Einstellen des Verfahrens seinerzeit gehörte.


Zurückgetreten: John Yates, Nr. 2 der Londoner Polizei – Screenshot: Dr. v. Paleske

Mehr noch, auch Nepotismus (Vetternwirtschaft) wird ihm mittlerweile angelastet: er hatte der Tochter von Neil Wallis eine Stelle bei der Polizei besorgt. Jener Wallis, ehemals stellvertretender Chefredakteur des mittlerweile skandalmässig eingestellten Murdoch-Revolverblattes News of the World, der in vielen Teilbereichen des Dramas in unerquicklicher Weise aufkreuzt, und vergangene Woche vorübergehend verhaftet wurde, wir berichteten darüber.

Hauptbelastungszeuge stirbt
Aber damit nicht genug für einen vollen Skandaltag: gestern starb überraschend der Hauptbelastungszeuge und ehemalige News of the World Redakteur für das Showbusiness, Sean Hoare.


Sean Hoare – Screenshot: Dr. v. Paleske

Hoare packte nach seinem Rauswurf bei dem Skandalblatt aus, und belastete schwer den damaligen Chefredakteur und späteren Cameron-Spindoktor Andy Coulton.

Nach seinen Angaben soll Coulton nicht nur sehr genau über die kriminelle Lauscherei informiert gewesen sein, sondern diese vielmehr zum Teil angeblich gefördert, und darüber hinaus Bestechungszahlungen an die Polizei autorisiert haben.

Vor einer Woche noch hatte Hoare in einem Interview mit der New York Times behauptet, die News of the World habe auf Anforderung von der Polizei mitgeteilt bekommen, wo sich jeweils bestimmte, für die News of the World „interessante“ Personen aufhielten, soweit diese jedenfalls ihr Handy eingeschaltet hatten.

Dieses Tracking ist nur bei dringendem Verdacht auf strafbare Handlungen überhaupt zulässig, aber gegen Bares half die Polizei den neugierigen Redakteuren des Skandalblattes offenbar herzlich gerne – in illegaler Weise versteht sich.


„House of Scandals“ Korruption & mehr: Scotland Yard – Screenshot: Dr. v. Paleske

Es öffnet sich ein Saustall ohnegleichen, für den gerade aber auch führende Politiker mit verantwortlich zeichnen, weil sie aus wahltaktischen Gründen sich gegenüber Murdoch, man muss schon sagen, politisch prostituiert hatten, die sogenannte Freundschaft, Nähe und damit das publizistische Wohlwollen Rupert Murdochs suchten.

Anhörungen heute
Heute nun standen die ersten Anhörungen vor zwei parlamentarischen Untersuchungsausschüssen an: die ehemaligen Chefs der Polizei waren vor das Home Affairs Select Committee geladen, Murdoch senior, Murdoch junior (James) sowie Rebekah Brooks vor das Sports, Culture and Media Select Committee.

Murdochs Linie war klar: wir wussten (hasenmässig) von Nichts und alles tut uns schrecklich, schrecklich, schrecklich leid. „Most humble day of my career“.
Konkrete Details: Fehlanzeige. Wir wussten nichts und wenn wir es gewusst hätten, hätten wir es verhindert. „We were let down by people whom we trusted“ .


Die Murdochs vor der Kommission heute….tut uns unendlich leid, aber wir wussten von nichts – Screenshot: Dr. v. Paleske

Den Premier David Cameron, das liess Murdoch senior auf Befragung noch raus, besuchte er durch den Hintereingang von 10, Downing Street. Der Premier bat darum. Die Öffentlichkeit sollte nicht erfahren, dass der Medienmogul dort gern gesehener Gast war.

Murdochs Ehefrau schlägt zu
Dann gab es noch Drama: Ein Protestierer schmierte Rupert Murdoch Rasierschaum ins Gesicht, worauf Murdochs chinesische Ehefrau aufsprang und drachenmässig auf den Protestierer einschlug, der dann von der Polizei abgeführt wurde.

Auch Rebekah weiss nichts
Rebekah Brooks behauptete ebenfalls, erst aus der Zeitung von den Vorfällen erfahren zu haben. Von der Telefon-Hackerei wusste sie angeblich nichts, obgleich sie zur einem nicht geringen Teil der fraglichen Zeit Chefredakteurin des Skandalblattes war, und obgleich mindestens 4000 Telefone gehackt worden waren, ausserdem viele der Sensationsberichte in ihrem Skandalblättchen auf diesen illegalen Wegen der Nachrichtenschöpfung beruhten.


Heute vor dem Untersuchungsausschuss…….ich heisse Rebekah und weiss von nichts. – Screenshot: Dr. v. Paleske

Wer soll das glauben? Eine Chefredakteurin die ignorant ist, wo die Infos herkommen, und wie glaubwürdig die Quelle ist?

Während Yates und Stephenson von Scotland Yard sich ebenfalls auf Nichtwissen beriefen, versuchte Yates ausserdem noch sein Verhältnis zu Neil Wallis herunterzuspielen. Im übrigen sei nach seiner Auffassung Wallis unschuldig.

Interessant immerhin, dass die PR-Abteilung der Londoner Polizei 50 Beamte umfasst, was das Ausschussmitglied Mark Reckless zu der Frage veranlasste, ob die nicht besser Diebe fangen sollten.


Ex-Cops Stephenson & Yates heute Screenshot: Dr. v. Paleske

Stephenson meinte, was dem Premier recht sei, dass sei der Polizei doch billig. Wer Coulton eine zweite Chance gebe, der könne doch an der Einstellung von Wallis als PR-Berater kaum Kritik üben.

Aber mittlerweile ist der Skandal auch vor 10, Downing Street , dem Sitz des britischen Premiers, angekommen.
David Cameron musste seine Afrika-Reise abbrechen, und will morgen im Parlament Rede und Antwort stehen. Gestern forderten einige Abgeordnete der Opposition bereits seinen Rücktritt.

Derweil hat die Ratingagentur Standard & Poor’s Murdochs Firma NewsCorp. kreditmässig auf negativ herabgestuft.

Nichts bleibt, wie es war

Man braucht kein Prophet zu sein, um bereits jetzt zu sagen:
Am Ende wird nichts mehr so sein wie vorher. Weder in der britischen Politik, dem Verhältnis der Politiker zur Presse, dem Verhältnis der Polizei zur Presse, dem undemokratischen Einfluss Murdochs auf die britische Politik, und der Grösse und Bedeutung seines Empires.

Ein Sieg für die Demokratie ist das allemal, gerade auch gegen einen global operierenden „Citizen Kane“.

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