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Frühchentod und Antibiotikaresistenz

Dr. Alexander von Paleske— 20.11. 2011
Der Tod der Frühchen in einem Bremer Krankenhaus durch multiresistente Bakterien, die bis dato hochaktive Antibiotika mit Hilfe der Extended Spectrum Beta-Lactamase (ESBL)aufknacken, und damit wirkungslos machen, hat das Problem der zunehmenden Antibiotikaresistenz, aber auch die Krankenhaushygiene, wieder in die Schlagzeilen gebracht.

Ein Blick zurück
In den 60er und 70er Jahren wurden eine Reihe von Keimen gegen die damals verfügbaren Antibiotika resistent, weil sie das Enzym Beta-Lactamase entwickelt hatten,

Der pharmazeutischen Industrie gelang es aber, sogenannte Beta-Lactamase-feste Antibiotika zu entwickeln, und das Wirksamkeits-Spektrum dieser Antibiotika auch auf die Krankenhaus-Problemkeime, insbesondere Pseudomonas, E- coli und Klebsiellen auszudehnen

Vom Siegeszug zur Niederlage
Es war ein Siegeszug – ein zeitlich begrenzter, wie sich nun herausstellt – der den gefürchteten Infektionen den Garaus machte. An erster Stelle ist das von der seinerzeitigen Firma Hoechst entwickelte Cefotaxim (Claforan) zu nennen, das bei seiner Einführung 1979 ein enormes Wirkungsspektrum gegen diese Problemkeime hatte.

Bereits Anfang der 80er Jahre, kurz nach der Einführung dieser „Superantibiotika“ gab es warnende Stimmen, die sich gegen den schrankenlosen Einsatz aussprachen, vielmehr forderten, diese Antibiotika in einem „Panzerschrank“ aufzubewahren.

Sie wurden ignoriert. Effektive Hygiene-Massnahmen und die Überwachung der Einhaltung unterbleiben. Nur 5% aller Kliniken in Deutschland „leisteten“ sich einen Hygienearzt.

Das Ergebnis ist heute zu besichtigen
Der Leiter der Hygiene-Abteilung an der Essener Universitätsklinik, Professor Walter Popp, erklärte in einem Interview mit der ARD-Tageschau nach dem Tod der Frühchen in Bremen auf die Frage, wie weit verbreitet derartige resistente Keime sind:

„Das wissen wir nicht, wir wissen nur, dass diese Keime in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen haben und ein Riesenproblem für die Zukunft werden, weil wir zum Teil keine Reserveantibiotika haben“.

Popp wies im weiteren Verlauf des Interviews als Ursache für die Resistenz auf den ungezügelten Einsatz von Antibiotika in Krankenhaus und Praxen hin.

Massentierhaltung als Brutstätte ignoriert
Das Problem der Massentierhaltung, wo tonnenweise Antibiotika regelhaft verfüttert werden, eine Brutstätte für Resistenzen, blieb jedoch weitgehend ausgespart.

Allein in Niedersachsen reifen pro Jahr 400 Millionen Hühner in derartigen Tierfabriken heran, und jedes Huhn bekommt durchschnittlich 2,3 mal Antibiotika in seinem kurzen Leben bis zur Schlachtbank.

Ohne Antibiotika haben unter diesen fabrikmässigen Bedingungen die Hühner kaum eine Überlebenschance.

Der unglaubliche Umfang der Antibiotikaverfütterung wurde gerade wieder durch eine Studie in Nordrhein-Westfalen bestätigt.

Experten schlagen Alarm
Nun schlugen in der vergangenen Woche Gesundheitsexperten erneut wegen der dramatisch zunehmenden Antibiotika-Resistenz Alarm.

Das Europäische Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention (ECDC) nutzte den European Antibiotic Awareness Day in der vergangenen Woche, um eine neue Strategie zur Bekämpfung der Antibiotika-Resistenz zu verkünden.

Das Zentrum warnte, dass erstmals gleich eine ganze Reihe europäischer Länder Resistenzen gegenüber Reserveantibiotika gemeldet hätten, die sich Ärzte eigentlich für Notfälle aufsparen.
Der Direktor des Zentrums, Marc Spranger, erklärte:

Wenn wir nicht handeln, wird in Zukunft die Behandlung schwerer Infektionen erheblich eingeschränkt sein“.

Der Hintergrund: die Ausbreitung der Antibiotika-Resistenzen durch Carbapenamasen, New Delhi Metallo Betalactamase (NDM1), die bereits erwähnten Extended Spectrum Betalactamasen (ESBL)und die Methicillin resistenten Staphylokokken (MRSA).

Spät, sehr spät
Erst nach dem Tod von drei Säuglingen in der Uniklinik Mainz vor einem Jahr hatte der damalige Gesundheitsminister Philipp Rösler, selbst Arzt, angekündigt, mit den Bundesländern über neue Regelungen zur Hygiene in deutschen Krankenhäusern zu beraten.

Bis zu 600.000 Menschen infizieren sich jährlich in deutschen Krankenhäusern, bis zu 40.000 sterben daran, das sind grobe Schätzungen, die Dunkelziffer könnte erheblich sein. EU-weit sterben mehr als 25.000 Menschen jedes Jahr an Infektionen durch antibiotikaresistente Bakterien.

Mittlerweile ist im Juni dieses Jahres in Deutschland ein Hygienegesetz verabschiedet worden, das im Juli in Kraft trat.
Ziel: Ärzte müssen im Kampf gegen Infektionen künftig den Stand des medizinischen Wissens beachten. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit – sollte man meinen.

Mehr noch
Die Ärzte sollen lernen, über den Tellerrand hinaus zu blicken.
Der einzelne Arzt befindet sich bei der Behandlung von Infektionen in einer Art Konflikt: Hat er nur seinen Patienten im Blick, so tut er diesem vielleicht im Einzelfall etwas Gutes, wenn er ihm das neueste Antibiotikum verschreibt, oder eines, das eine ganze Bandbreite von Erregern bekämpft. Der Gesellschaft aber schadet ein solch unreflektierter Einsatz von Medikamenten; führt er doch dazu, dass immer mehr Keime kaum noch auf Antibiotika reagieren.

Das neue Gesetz schreibt daher folgendes vor:

-Klinikleiter werden verpflichtet, die aktuellen Hygiene-Regeln, die das Robert-Koch-Institut aufstellt, zu kennen und an ihre Mitarbeiter weiterzugeben

– Arztpraxen haben künftig in speziellen Hygieneplänen innerbetriebliche Verfahrensweisen zur Verhütung von Infektionen zu definieren. Eine Überprüfung erfolgt durch die Gesundheitsämter.

– Krankenhäuser müssen Hygienebeauftragte einstellen.Der Gesetzgeber räumt den Kliniken hierbei eine Übergangsfrist von 5 Jahren ein, .

– Ferner haben Krankenhäuser sie eine Hygienekommission zu bestellen und bei der Behandlung von Patienten, die mit Methicillin resistenten Stapylococcus aureus- Bakterien (MRSA) infiziert sind, Verfahrensweisen zu berücksichtigen.

– Der Gemeinsame Bundesausschuss hat den Auftrag, Maßnahmen zur Verbesserung der Hygienequalität in seinen Richtlinien zu verankern. Die Ergebnisse sollen Bestandteil der verpflichtenden Qualitätsberichte der Krankenhäuser sein.

– Das Robert Koch-Institut richtet eine Kommission zu „Antiinfektiva, Resistenz und Therapie“ (ART) ein, die die Aufgabe hat, den verordnenden Ärzten „klare Empfehlungen zum fachgerechten Einsatz von Diagnostika und Antiinfektiva bei der Therapie resistenter Infektionserreger“ zu geben.

Bindende Empfehlungen
Diese Empfehlungen sind für die Leiter von Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen verpflichtend.

Für die Krankenhäuser sollte das eigentlich längst selbstverständlich sein, es gibt gleichwohl nur wenige Krankenhäuser, die es bisher verwirklicht haben. Motto offenbar: wozu Hygienevorschriften, wir haben doch Antibiotika.

Damit ist es jetzt dank der Resistenzentwicklung vorbei. Sie ist nicht zuletzt auch das Resultat des verantwortungslosen Einsatzes von Antibiotika im Krankenhaus und in der Praxis, wobei nicht selten in Praxen auch banale Virusinfektionen antibiotisch behandelt werden, gegen die Antibiotika ohnehin wirkungslos sind., während im Krankenhaus in Unkenntnis der jeweiligen Resistenzlage einfach „breit abgedeckt“ wird, also die Schrotschussmethode zum Einsatz kommt.

Das neue Hygienegesetz stellt klar: Hygiene ist kein Luxusproblem. Der Kampf gegen resistente Keime ist eine gesellschaftliche Aufgabe, hinter der andere Interessen zurückstehen müssen.

Starke Worte
Starke Worte, allerdings fehlen viele Taten bzw. Konsequenzen.
insbesondere ist die Übergangsfrist von 5 Jahren viel zu lang, weil die Zeit drängt.

Mehr noch: solange das Problem der Tiermast mit Antibiotika nicht wirklich angepackt wird, was nur über die Abschaffung der Massentierhaltung bewerkstelligt werden kann, werden all diese Massnahmen letztlich die weitere Resistenzentwicklung nicht aufhalten.

Die Antibiotikaresistenz wird sich daher weiter ausbreiten und ihre Opfer fordern, vermeidbare Opfer.

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