Medizin

Grossbritannien: Die Regierung betreibt die Abschaffung des nationalen Gesundheitsdienstes (NHS)

Dr. Alexander von Paleske — 3.4. 2012 — Die konservativ-liberale Regierung Cameron / Clegg in England hat einen Gesetzentwurf zur Gesundheitsreform eingebracht, der eine erhebliche Beeinträchtigung der umfassenden allgemeinen und gleichen Gesundheitsversorgung befürchten lässt.

Die Gesundheitsversorgung wird im Vereinigten Königreich – anders als in Deutschland – direkt aus Steuergeldern finanziert und über den National Health Service (NHS) sichergestellt.

Ein Blick zurück
Der NHS wurde nach dem 2. Weltkrieg gegründet, nachdem Grossbritannien Schulter an Schulter zusammenstehend Hitler-Deutschland zunächst allein, und später als Teil der Alliierten bekämpft und schliesslich besiegt hatte.
In den kritischen Jahren 1941/1942, als Grossbritannien in grösster Gefahr war, wurde das Konzept einer umfassenden solidarischen Gesundheitsversorgung ausgearbeitet, und 1942 der Öffentlichkeit vorgestellt . Es sollte sicherstellen, dass ärztliche Behandlung und die Versorgung mit Medikamenten nicht länger eine Frage des Geldes war, und Krankheit nicht zur Verarmung führt.

Das Konzept wurde nach Kriegsende von der Labour-Regierung unter Premier Clement Attlee Gesetz und 1948 entstand der NHS.


Offizieller Beginn des NHS 1948 mit Gesundheitsminister Aneurin Bevan

Trotz aller Probleme mit dem NHS in der Folgezeit, insbesondere die nicht selten langen Wartezeiten: Die Briten wollen auf gar keinen Fall darauf verzichten. Der NHS geniesst hohe Wertschätzung.

Skandale als Vorwand
Jüngste Skandale im Zusammenhang mit der Krankenversorgung , von der Boulevardpresse ordentlich aufgebauscht, haben als vorzüglicher Vorwand gedient, um das Projekt „Drastische Kostensenkung im Gesundheitswesen“ mit aller Macht voranzutreiben.

Natürlich kann die Regierung dieses Ziel der Öffentlichkeit nicht direkt „verkaufen“, gerade auch angesichts der Milliardenbeträge, die in den Krieg in Afghanistan gepumpt und durch die Banken vor dem Kollaps gerettet wurden. Stattdessen wird nebulös von „notwendigen Verbesserungsreformen“ gesprochen.


Premier David Cameron ….mit irreführenden Parolen zum Ziel der Abschaffung des NHS

Eckpunkte eines unsozialen Reformwerks
Eckpunkte dieses unsozialen Reformwerks sind:

– Die Krankenhauseinweisungen drastisch zu vermindern

– Den niedergelassenen Ärzten (sog. Consortia-Konsortien) – oftmals ohne ausreichende Sachkenntnis auf Spezialgebieten – ein erhebliches Mitspracherecht bei der Ausstattung und den zu unterhaltenden Fachabteilungen der jeweiligen Krankenhäuser einzuräumen

– Krankenhäuser zu privatisieren

– Verbleibende staatliche Krankenhäuser in Zukunft bis zu 40% ihrer Mittel durch Einnahmen von Privatpatienten verdienen müssen

– Den Krankenhäusern bzw. dem Konsortien von niedergelassenen Ärzten die Freiheit einzuräumen, selbst zu bestimmen, für welche Bezirke die Krankenhäuser jeweils zuständig sein sollen.

– Die unmittelbare Verantwortung des Gesundheitsministers für den nationalen Gesundheitsdienst abzuschaffen

Unbewisener Reformzwang
Bis heute hat es die Cameron/Clegg Regierung vermieden wirklich den Reformbedarf, der diese Änderungen angeblich notwendig macht, substantiell zu erklären. Denn das hiesse, die Katze der drastischen Mittelkürzungen aus dem Sack zu lassen.

Durch den Zwang, 40% der laufenden Kosten durch Einnahmen von Privatpatienten zu decken, werden die Krankenhäuser sich auf lukrative Fachabteilungen konzentrieren, wie Orthopädie, Herz-und Gefässchirurgie, während Abteilungen wie Psychiatrie und Geriatrie das Nachsehen haben werden.

Von universaler Krankenversorgung kann dann keine Rede mehr sein.

Hinzu kommt, dass Krankenhäuser in sozial schwächeren Stadtteilen weit weniger Privatpatienten anlocken werden, sodass die Krankenversorgung dort – dank der Knappheit der Mittel – sich deutlich verschlechtern wird.

Das liegt allerdings ganz auf der Linie des Klimas, das zur Zeit gerade auch in bestimmten Medien geschürt wird: Nicht alle Personen „verdienen“ gute Gesundheitsversorgung, also das sogenannte „Schmarotzer“-Denken.

Durch die abzusehenden Streitereien um die Aufteilung der zugewiesenen Mittel zwischen Consortia und Krankenhäusern, werden die Ärzte vermutlich gegeneinander antreten, statt miteinander für höhere Zuweisungen sich einzusetzen.

Zusammengefasst
Unter dem Deckmantel der Reform wird de facto die Abschaffung des NHS als umfassende Solidareinrichtung betrieben.


Wohl zutreffend……Aufmacher des Massenblattes „Daily Mirror“Screenshot: Dr. v. Paleske

Proteste allenthalben
Die Proteste gegen diese Reform sind nicht ausgeblieben. Weniger allerdings seitens der Allgemeinheit, der, insbesondere von der Sensationspresse aus dem Stalle Murdoch, ständig eingebleut wird, wie „notwendig“ die Reformen seien, sondern vorwiegend von Seiten der Ärzteschaft und von den Medizinstudenten.


Protestdemonstration in London – Screenshot: Dr. v. Paleske

Die Ärzteschaft in den Krankenhäusern und die Medizinstudenten haben in verschiedenen Stellungnahmen darauf hingewiesen, welche katastrophalen Auswirkungen diese Reform auf die medizinische Versorgung der Bevölkerung haben wird.

Jüngst protestierte die Gesellschaft der Internisten „College of Physicians of London“, wo 79% der Teilnehmer einer ausserordentlichen Mitgliederversammlung die sofortige Zurücknahme des Gesetzes forderten.

Dem angeschlossen hat sich die die Vereinigung MEDSIN, welche die Interessen von rund 3000 Medizinstudenten vertritt, und die insbesondere darauf hinweist, dass mit der angestrebten Privatisierung und Fragmentierung die Qualität der Medizinerausbildung erheblich in Mitleidenschaft gezogen wird.

Bis zu vergangenen Woche sah es so aus, als könne die Regierung dieses Programm trotz aller Widerstände durchziehen.

Skandal schwächt Regierung
Nun aber hat ein neuer Skandal die konservative Partei erschüttert: Investigative Reporter der Sunday Times filmten heimlich ein Gespräch mit Peter Cruddas dem Schatzmeister der Tories, der konservativen Partei, in welchem dieser Privatgespräche bzw. gemeinsame Dinners mit dem Premier Cameron gegen Bares zu vermitteln anbot: Bares in Höhe bis zu 250.000 Pfund, wo dann die grosszügigen Spender ihre „Sorgen“ und Anregungen dem britischen Premier – höchstpersönlich – nahebringen konnten.

Die Opposition schäumt und der Premier geriet in die Defensive.

Es ist denkbar, dass er jetzt den Protestierern gegen die NHS-Reform mehr Gehör schenkt – ohne dass diese zuvor Bares dem Schatzmeister über den Tresen reichen müssen.

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