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Günter Wallraff als Paketzusteller – eine persönliche Anmerkung

Dr. Alexander von Paleske — 25-6- 2012 —- Vergangene Woche fiel mir das Buch Drum – The Making of a Magazine wieder in die Hände. Es berichtet über die Entstehung der ersten Zeitschrift für Schwarze im Apartheid-Südafrika in den 50er Jahren.
Und es handelt von einer Gruppe ganz ausserodentlicher schwarzer Journalisten, allen voran Henry Nxumalo.


DRUM – Redaktion. Links (mit Pfeife) Henry Nxumalo

Die Zustände stanken damals zum Himmel: Misshandlungen der Schwarzen in den Gefängnissen, brutalste Ausbeutung auf den Farmen, das rechtswidrige Kontrakt-System, die Rassentrennung selbst in den Kirchen, die Brutalität der Polizei usw.

Viel liess sich von aussen aus berichten: durch Befragung der Betroffenen, aber das war letztlich alles aus „zweiter Hand“., Authentizität war gefragt. Und so liess Henry Nxumalo sich erstmals 1952 als Farmarbeiter anheuern, und später noch einmal auf einer Farm, wo zuvor ein schwarzer Arbeiter von einem weissen Farmer zu Tode geprügelt worden war.

Auch eine Reportage über die Zustände in den Gefängnissen folgte, nachdem Nxumalo wegen einer strafbaren Lappalie, die er zu diesem Zweck begangen hatte, verhaftet worden war.

Die Auflage des Magazins Drum schoss in die Höhe. Die authentischen Reportagen „Ich war dabei, ich habe es selbst erlebt“ machten die Zeitschrift zu einem Sprachrohr derer, die sonst kein Gehör fanden, deren Leiden und Unterdrückung in den Apartheid-Medien keine Beachtung fand.

Das wäre eigentlich keinen neuen Artikel wert, denn schon früher hatten wir in anderem Zusammenhang darüber berichtet.

Günter Wallraff und seine Reportagen
Anlass war vielmehr die neueste Reportage von Günter Wallraff, der diese Art des investigativen Journalismus mit seinen Reportagen auch in Deutschland, 15 Jahre später, etablierte und praktizierte: „Ich habe es selbst erlebt“, und dadurch seine zahlreichen Reportagen so authentisch gemacht hat.

Mehr noch: der die schmutzigen Ecken unserer Gesellschaft immer wieder ausleuchtete, die so gerne übersehen werden:

– die Ausbeutungsbedingungen türkischer Arbeiter , indem er selbst sich als Türke verkleidete und anheuern liess

– sich als Afrikaner verkleidete, um den gewöhnlichen Rassismus in unserer Gesellschaft zu dokumentieren

– der sich bei BILD –Hannover einstellen liess, um in der Höhle der „Fehlgeburt des Journalismus“ zu erleben, wie Nachrichten manipuliert wurden.

– der sich bei der sich in der Hauptverwaltung der Gerling-Versicherung als Bote einstellen liess, um das merkwürdige Gehabe leitender Angestellter zu beobachten

– der sich unter die Obdachlosen mischte, um zu zeigen, wie es wirklich am äussersten Rand der Gesellschaft aussieht

– der vom Axel Springer Konzern, der immer das Hohelied der Pressefreiheit und der Freiheit der westlichen Welt anstimmte, gnadenlos mit einer Prozesslawine überzogen wurde, die der Axel Springer-Verlag jedoch schliesslich weitestgehend mit Pauken und Trompeten verlor.

Gegen das Weggucken
Wallraff ist unbequem, weil wir so gerne weggucken und Wallraff ist bitter nötig, um diese Misstände anzuprangern, und Abhilfe einzufordern. Er hat öffentlich gemacht, was das Licht der Öffentlichkeit scheute.

Wallraff fing und fängt dort an zu arbeiten, wo viele – zu viele- Journalisten regelmässig aufhören.

So ist es auch mit seiner neuesten Reportage aus der Welt der Paketzusteller, mit dem Hauptthema: Die unerträglichen Arbeitsbedingungen der Paketboten bei der Firma GLS:

– wo Arbeitskräfte aber auch Subunternehmer, derer sich die GLS bedient, offenbar wie Zitronen „ausgequetscht“ werden

– wo offenbar Arbeits-Schutzbestimmungen missachtet werden

– wo offenbar täglich unbezahlte Überstunden Teil des Arbeitsplans sind, weil das Arbeitspensum innerhalb der regulären Arbeitszeit gar nicht geschafft werden kann.

Die Reportage, sowohl als Fernsehbericht im Privatsender RTL, als auch im ZEIT-Magazin in gedruckter Form, fand grossen Widerhall. Angezweifelt wurde der Bericht nur von GLS, nicht aber in den Medien.


Wallraff (r) berichtet im ZEIT-Magazin

Wallraff und ein SPIEGEL-Artikel
Eigentlich kein Grund, eine aufgewärmte Version zu bringen.
Der Grund, warum wir hier eine Stellungnahme abgeben, ist ein Artikel bei SPIEGEL-Online zum Thema:
.
Wallraff bei RTL – Einer trage des anderen Päckchen

verfasst von einem Christian Buss.

Der Verfasser zweifelt zwar den Wahrheitsgehalt der Reportage nicht an, ergeht er sich aber in Kritteleien über die Form der Reportage, und versucht in doch recht kläglicher Form Wallraff Selbstdarstellung nachzuweisen. Näheres hier.

Zum Schluss des Artikels heisst es:

Im Anschluss an die Reportage sitzt er dann bei „stern TV“, um dort noch mal effizient gegen die Versandindustrie zu wettern. Das aktuelle „Zeit-Magazin“, das er wohl in die Kamera halten wollte, liegt da nur vor gerechter Wut und mit schwitzigen Händen zerknittert auf seinem Schoß.
Wer bei der großen volksaufklärerischen Markenkooperation eigentlich von wem profitiert? Die Bildungsbürgerpostille vom Boulevard bestimmt nicht. Aber Günter Wallraff von allen anderen Beteiligten.“

Man glaubt Neid zu spüren und Bedauern, dass dieser Bericht nicht bei SPIEGEL-TV gesendet oder im SPIEGEL gedruckt wurde.

Kein Zufall
Das ist jedoch kein Zufall. Der SPIEGEL wurde von seinem 2002 verstorbenen Gründer und Herausgeber Rudolf Augstein seinerzeit zu Recht als das „Sturmgeschütz der Demokratie“ bezeichnet.

Der SPIEGEL, das war investigativer Journalismus „at it’s best“.

Wir haben mehrfach ausgeführt, dass der SPIEGEL sich mehr und mehr zu einem harmlosen Lifestyle Magazin entwickelt hat, beginnend mit dem Chefredakteur Stefan Aust, der gerade eine Art „Festschrift“ zum 60. Geburtstag der BILD für dieses „Drecksblatt“ (Hans Leyendecker von der SZ über BILD) verfasst hat, man möchte es kaum glauben.

Originalton Aust:

Die „BILD“ ist eine große Kanone, die man verantwortungsvoll handhaben muss.

Ist der Aust jetzt zum kleinen Ballermann geworden?

Schwache Nachfolger
Aber auch Austs SPIEGEL-Chefredakteurs-Nachfolger ergehen sich in Hahnenkämpfen, entblöden sich nicht, Themen wie „Schlaflosigkeit“ zum Aufmacher zu machen, oder gar dem Thilo Sarrazin den Vorabdruck (auch noch gegen Bezahlung) seines Deutschlandabschaffungsschinkens (ging dann zur BILD) anzubieten.

Kehrt vor Eurer Tür, möchte man diesem SPIEGEL-Schreiber zurufen, statt an stocksolidem Enthüllungsjournalismus anderer herumzukritteln. Kehrt anständig, denn Ihr habt es bitter nötig.

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