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Discounter ALDI-Süd, ein ehemaliger leitender Angestellter, Günter Wallraff und der SPIEGEL oder: Angriff ganz unten?

Dr. Alexander von Paleske — 01.08. 2012 — Alle reden von Olympia, wir heute nicht. Wir reden stattdessen über den Discounter Aldi-Süd, einen ehemaligen leitenden Mitarbeiter dieser Firma, der im April ein Buch über seine dortigen Erfahrungen veröffentlichte, über den führenden deutschen Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff, und über ein Deutsches Nachrichtenmagazin. Über die beiden letzteren allerdings nicht zum ersten Mal….

Selbst dort eingekauft
Auch ich habe vor meinem Umzug ins südliche Afrika vor 25 Jahren öfter bei ALDI eingekauft: konsequent einfach und vor allem preiswert.

Mein Appetit auf Einkäufe bei ALDI ist mir allerdings jetzt gründlich vergangen, nachdem mir während meines jetzigen Besuchs in Deutschland das Buch von Andreas Straub in die Hände fiel:

„Aldi, einfach billig. Ein ehemaliger Manager packt aus“

Andreas Straub berichtet als ehemaliger Insider aus dem Discounter-Reich ALDI-Süd, wo er als junger Volkswirt im Alter von 23 Jahren anfing, und eine steile Karriere hinlegte.

Was er aufgrund seiner dort in drei Jahren gemachten Erfahrungen in seinem Buch beschreibt, ist allerdings skandalös.

Nicht nur

– dass offenbar nicht selten Überstunden in ALDI-Filialen und auch im unteren Management geschrubbt werden, nicht nur geschrubbt, sondern erwartet werden,

– Dass ein erhebliches Arbeitstempo angesagt ist, das allerdings in der heutigen Arbeitswelt keineswegs mehr ungewöhnlich, gleichwohl kaum zu billigen ist.

Bei ALDI kommt nach Straubs Schilderungen offenbar als besondere Spezialität oft genug eine unglaubliche Menschenverachtung dazu, indem Einschüchterung und Angsterzeugung bis hin zur Gefahr der Zerstörung der Persönlichkeit entweder bewusst eingesetzt oder zumindest billigend in Kauf genommen werden.

Nach Straubs Schilderungen wurden offenbar systematisch:

– Gründe für Abmahnungen absichtlich herbeigeführt, um bei beabsichtigter Kündigung durch „Vorratshaltung“ in der Personalakte ggf. schon etwas in der Hand zu haben.

– Beschäftigte, die man rauswerfen wollte – „rausnehmen“ wie es dort offenbar verschleiernd heisst – mit mehreren „Terminatoren“ – teilweise mehrstündig – unter Duck setzte, sodass die Betroffenen dann keinen anderen Ausweg sahen, als einen bereits vorbereiteten Aufhebungsvertrag zu unterschreiben. Wobei bestimmte ALDI-Manager offenbar nicht davor zurückzuschrecken, selbst Lügen und unhaltbare Behauptungen nicht nur in diesen „finalen Gesprächen“ aufzutischen, sondern selbst in Arbeitsgerichtsprozessen, wie im Falle des Autors Straub. Bösartig könnte man das als „Vorbereitungshandlung zum Prozessbetrug“ bezeichnen.

– Zur Verachtung von Angestellten gesellte sich auch offenbar mangelnder Respekt vor der Justiz. „Facetten der Wahrheit“ wie man offenbar beliebte das zu bezeichnen

Ich will nicht verhehlen, dass ich einigermassen entsetzt und empört nach Lesen dieser Schilderungen war.

Gleichzeitig entwickelte ich Respekt von dem Autor Andreas Straub, der nicht mehr auf eine Karriere im Managment-Bereich irgendeiner Firma nach diesen explosiven Enthüllungen zu hoffen braucht. Er hat also mit dem Verfassen des Buches auch ein hohes persönliches Risiko bereits zu Beginn seines Berufslebens auf sich genommen.

Es ist ausserordentlich ermutigend, dass es immer wieder Menschen gibt, die das Gewissen über eine „gekaufte Gewissenlosigkeit“ siegen lassen.

Vorwort und Vorbild von Günter Wallraff
Das Vorwort zu dem Buch hat Günter Wallraff geschrieben, an den sich viele Menschen wenden, wie an einen Ombudsmann, in der Hoffnung, dass er auch die Missstände in ihrem Betrieb bzw.in ihrer Branche ins Visier nimmt.

Und er hat offenbar Andreas Straub als Vorbild gedient.

Günter Wallraff ist und bleibt einer der ganz wenigen investigativen Journalisten in Deutschland.

Wallraff und der SPIEGEL
Hier kommt nun der SPIEGEL ins Spiel.
Vor rund fünf Wochen tischte SPIEGEL-Online einen Kommentar-Artikel auf, der zu den Enthüllungen Wallraffs über die Zustände bei dem Paketzusteller GLS Stellung nahm, einen Artikel, den wir wegen seiner Erbärmlichkeit hier verrissen haben.

Wir schrieben:
Der Verfasser zweifelt zwar den Wahrheitsgehalt der Reportage (Wallraffs) nicht an, ergeht er sich aber in Kritteleien über die Form der Reportage, und versucht in doch recht kläglicher Form Wallraff Selbstdarstellung nachzuweisen.

Zitat:

„Im Anschluss an die Reportage sitzt er dann bei „stern TV“, um dort noch mal effizient gegen die Versandindustrie zu wettern. Das aktuelle „Zeit-Magazin“, das er wohl in die Kamera halten wollte, liegt da nur vor gerechter Wut und mit schwitzigen Händen zerknittert auf seinem Schoß.
Wer bei der großen volksaufklärerischen Markenkooperation eigentlich von wem profitiert? Die Bildungsbürgerpostille vom Boulevard bestimmt nicht. Aber Günter Wallraff von allen anderen Beteiligten.“

Näheres hier.

Weiter schrieben wir:

Man glaubt Neid zu spüren und Bedauern, dass dieser Bericht nicht bei SPIEGEL-TV gesendet oder im SPIEGEL gedruckt wurde.
………Kehrt vor Eurer Tür, möchte man diesem SPIEGEL-Schreiber zurufen, statt an stocksolidem Enthüllungsjournalismus anderer herumzukritteln. Kehrt anständig, denn Ihr habt es bitter nötig.

Die nächste SPIEGEL-Attacke
Nun also der nächste Angriff im SPIEGEL dieser Woche (SPIEGEL 31 / 2012, Seite 110).


SPIEGEL Artikel …….wer agiert ganz unten?

Wieder gegen Wallraff
Vorgestellt wird Wallraff „mehr als Aktivist, denn als Journalist“, schon das ziemlicher Quark.

Weiter geht es nicht mit Herumkritteln an seiner journalistischen Arbeit, sondern diesmal ist Sozialbetrug und die angeblich miserable Bezahlung eines seiner Mitarbeiters das „SPIEGEL-Enthüllungsthema“.

Wallraff soll Zustände herbeigeführt haben, die er selbst bei anderen anprangert.

Tenor: Wallraff hat nicht nur viel Geld aus seinen Büchern eingenommen , besitzt sogar Häuser, sondern beutet andere angeblich auch noch aus. Wallraff ist ein Heuchler, und damit natürlich -auch wenn der SPIEGEL das nicht ausdrücklich sagt – unglaubwürdig.

Dass der angeblich Ausgebeutete offenbar nach einem psychischen Breakdown von Wallraff aufgefangen wurde, wird zwar geschrieben, auch dass der Zeuge der „SPIEGEL-Anklage“ eine schillernde, teils kriminelle Vergangenheit hat, wird erwähnt.

Letztlich bleibt gleichwohl unklar, wer hier die Wahrheit sagt. Selbst wenn der SPIEGEL mit einem „schillernden Zeugen“ wie seinerzeit in der Barschel-Affäre mit seinem „Kronzeugen“ Reiner Pfeiffer Unrecht hat, es gilt der Spruch:

„ Audacter calumniare, semper aliquid haeret.“ – „Verleumde nur dreist, etwas bleibt immer hängen.“

Die Frage bleibt: Wer handelt hier „ganz unten“ – abgesehen von ALDI-Süd: Der SPIEGEL ?

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