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Südafrika: Das Massaker an Minenarbeitern und seine Hintergründe

Dr. Alexander von Paleske — 19.8. 2012 —
Es waren Bilder, wie aus der schlimmsten Apartheidzeit Südafrikas: Die Polizei schoss am 16.8. 2012 mit scharfer Munition auf streikende Minenarbeiter der Platin-Mine Marikane nahe Rustenberg, westlich von Johannesburg gelegen, die zum britischen Minenkonglomerat LONMIN gehört.


Notwehrexzess oder schiesswütige Polizei? – Einsatz in Marikane – Screenshots: Dr. v. Paleske

Tote und Verletzte
Am Ende der Gewaltorgie waren 44 Tote und 78 Verletzte zu beklagen.

Ist die südafrikanische Polizei, wie zu Apartheidzeiten, zu einer Terroreinheit geworden?

Leider ist die Lage komplizierter, sind die Zusammenhänge verwickelter, als es auf den ersten Blick aussieht: Also nicht nur die schiesswütige Polizei hie und die demonstrierenden Minenarbeiter da.

Ein Blick zurück
Die südafrikanischen Minenarbeiter – es sind insgesamt mehr als 400.000 – waren bis vor kurzem allein in der Gewerkschaft National Union of Mineworkers (NUM) organisiert.

Die südafrikanische Minengewerkschaft, mit einer Mitgliederzahl von rund 300.00, wurde 1982 gegründet und gewann rasch eine breite Basis unter den grösstenteils schwarzen Minenarbeitern, darunter auch viele Wanderarbeiter aus den Nachbarstaaten, insbesondere Mozambique.

Eine Gewerkschaft und ihre politischen Verbindungen
Die NUM war eng mit dem seinerzeit verbotenen und jetzigen Regierungspartei ANC, der ebenfalls seinerzeiit verbotenen kommunistischen Partei Südafrikas, und der dem ANC seinerzeit nahestehenden Oppositionsbewegung United Democratic Front (UDF) verbunden.

Sekretär der Gewerkschaft wurde der Jurist Cyril Ramaphosa, der später auch zum Empfangskomitee für Nelson Mandela nach dessen Freilassung im Jahre 1990 gehörte, und der dann auch führend und sehr erfolgreich an den Verhandlungen über einen friedlichen demokratischen Wandel in Südafrika ( CODESA) beteiligt war, die zu den ersten freien Wahlen in Südafrika im Jahre 1994 führten.


Cyril Ramaphosa

Unerfüllte Erwartungen
Wie wir in früheren Beiträgen bereits dargestellt haben, sind viele mit dem Übergang verbundenen hochgesteckten Erwartungen der Arbeiter und armen Township-Bewohner bisher unerfüllt geblieben.
Und so wächst die Ungeduld, in den Townships, aber auch in den Minen, denn immerhin sind mittlerweile 18 Jahre seit den ersten freien Wahlen in Südafrika, und dem Beginn der Präsidentschaft Nelson Mandelas, vergangen.

Mehr noch: der Nachfolger im Amt des Präsidenten, Thabo Mbeki, etablierte ein sogenanntes Black Economic Empowerment Programm (BEE). Neben der Verpflichtung der Betriebe zur Beschäftigung einer Mindestquote von schwarzen Angestellten, mussten Grossbetriebe 33% ihrer Aktien an einstmals benachteiligte Schwarze übertragen, de facto an ein eine dünne Schicht von ANC-Funktionären und Regierungsmitgliedern, die diese über Nacht steinreich machten.

Zu dem Kreis dieser so Begünstigten gehört auch Cyril Ramaphosa.

Viel für Wenige, wenig für Viele
An der sozialen Lage der Bevölkerung in den Townships änderte sich jedoch wenig, viel zu wenig, und die Bezahlung der schwer schuftenden Minenarbeiter blieb alles andere als fürstlich.

Gleichtzeitig breitete sich die Korruption wie ein Krebsgeschwür aus. Woche für Woche berichtet die investigative Wochenzeitung Mail & Guardian über neue Skandale, die insbesondere die Vergabe von öffentlichen Aufträgen betreffen, wir berichteten mehrfach darüber.

NUM und seine Funktionäre
Die Funktionäre der National Union of Mineworkers (NUM) liessen es sich ebenfalls gutgehen: ein Teil ihrer Führungsspitze – nicht nur Cyril Ramaphosa – wechselten entweder in die Regierung oder in hoch dotierte Positionen in der Privatwirtschaft.

Aber selbst wenn sie weiter in der NUM an der Spitze blieben, brauchten sie keineswegs Hunger zu schieben. So erhielt der Sekretär der NUM, Frans Baleni, allein im vergangenen Jahr eine 40%ige Gehaltserhöhung, und kann jetzt ein Netto-Gehalt von umgerechnet 10.000 Euro pro Monat nach Hause tragen.

Es war daher nur noch eine Frage der Zeit, bis die Minenarbeiter die NUM als Teil des Regierungsapparates, und nicht mehr als ihre Interessenvertretung ansahen. So kam es zur Gründung einer Konkurrenzgewerkschaft mit dem Namen Allied Mine Workers and Construction Union (AMCU


Joseph Mthunjwa. Präsident der AMCU – Screenshot: Dr. v. Paleske
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Das nicht unerwartete Resultat: Die Minenarbeiter verliessen in Scharen die NUM und traten der AMCU bei. In den LONMIN-Minen, zu deren Top-Management nun auch der ehemalige NUM Sekretär Cyril Ramaphosa gehört, sank die Mitgliederzahl von 66% auf 49%. der Arbeiter

Die AMCU forderte für die am schwersten schuftenden Driller eine Lohnerhöhung von bisher umgerechnet 400 Euro auf 1200 Euro pro Monat – gerechtfertigt gerade auch wegen den hohen Lebenshaltungskosten in Südafrika.

Die Leitung der LONMIN– Minen weigerten sich jedoch mit der AMCU zu verhandeln, und die rief daraufhin zum Streik auf.

Die Auseinandersetzungen beginnen
Die NUM-Funktionäre hingegen riefen ihre Mitglieder nicht zur Beteiligung an dem Streik auf, und prompt kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedern der rivalisierenden Gewerkschaften, in die auch die Polizei eingriff.

Von friedlichem Streik mit Demonstrationen konnte zu keinem Zeitpunkt die Rede sein. Viele Minenarbeiter waren mit Speeren und Macheten bewaffnet, und vereinzelt auch mit Schusswaffen, und sie machten Gebrauch davon.


Demonstrierende Minenarbeiter in Marikana – Sundy Times (Südafrika) 19.8. 2012


Demonstrierende Minenarbeiter – Screenshot: Dr. v. Paleske

Bereits in den Tagen vor dem Massaker gab es mehrere Tote, darunter auch ein Polizist. Die Forderung der AMCU, die Polizei solle abziehen, konnte unter diesen Umständen kaum nachgekommen werden. Vielmehr erhielt die Polizei von der Provinzregierung den Auftrag, mit aller Härte durchzugreifen. Und so kam es zum Exzess.

Nicht überraschend
Allerdings ist die Polizei keineswegs blindlings in diese Auseinandersetzungen geraten. Bereits vor Monaten kam es zu einem Streik in den Impala Platin Minen in der Nähe, auch der von der AMCU ausgerufen, und auch der endete mit Toten und Verletzten.

Nicht nur Gewerkschaft
Die neue Gewerkschaft AMCU organisierte nicht nur die Arbeiter, sondern war, wie eine politische Partei, auch in den Townships der Minenarbeiter aktiv, forderte damit direkt die Regierungspartei ANC heraus.
Die gewaltsamen Auseinandersetzungen, an denen sich auch viele Frauen der Minenarbeiter und andere Township-Bewohner beteiligten, haben insofern längst die Form einer politischen Auseinandersetzung angenommen.

Parallel dazu werden Forderungen laut, alle Minen zu verstaatlichen. Insbesondere der einstige Chef der ANC-Jugendliga, Julius Malema, der sich schamlos und betrügerisch an öffentlichen Aufträgen bereichert hatte, rief immer wieder dazu auf.

Ironie der Geschichte: Südafrikas Präsident Jacob Zuma, der nun versprach, eine unabhängige Untersuchungskommission mit der Aufklärung zu beauftragen, befand sich zum Zeitpunkt des Massakers in Zimbabwe, um dort die rivalisierenden Parteien MDC und ZANU / PF auf eine friedliche Zukunft festzunageln. Zur gleichen Zeit brannte es im eigenen Haus.

Südafrika geht einer unruhigen Zukunft entgegen, die Mandela-Jahre sind längst Geschichte.

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4 Gedanken zu “Südafrika: Das Massaker an Minenarbeitern und seine Hintergründe

  1. Ein solches Massaker ist in einer Demokratie unfassbar. Demonstranten mit Speeren und Konflikte zwischen zwei rivalisierenden Gewerkschaften können keine Begründung sein.

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  2. wie überall Es ist halt in Südafrika wie überall auf der Welt. Wenige kassieren ab und lassen es sich gutgehen. Irgendwann lassen sich das aber die einfachen Arbeiter nicht mehr gefallen und es gibt dann einen Aufstand. Das ist immer eine Frage der Zeit.

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