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Australien: Debatte im Parlament über eine Entschuldigung, die viel zu spät kommt

Dr. Alexander von Paleske — 23.8. 2012 —-
Es mutete etwas gespenstisch an, was sich in der vergangenen Woche im australischen Parlament abspielte: Parlamentsabgeordnete hatten einen Antrag eingebracht, Australien sollte sich für sein Verhalten gegenüber seinem Athleten und 1968-Olympia-Silbermedaillengewinner Peter Norman entschuldigen.

Der Hintergrund
Peter Norman nahm am 200m Finale der Herren bei der Olympiade in Mexiko 1968 teil, und gewann die Silbermedaille.

Das Bild der Siegerehrung zeigt ihn neben zwei US Athleten, Afroamerikanern, welche die Goldmedaille (Tommie Smith) und die Bronzemedaille (John Carlos) gewonnen hatten.


Siegerehrung 1968 – Tommie Smith (Mitte) Peter Norman (l) und John Carlos (r)

Als die Nationalhymne der USA erklang,reckten Smith und Carlos die Faust, der Gruss der seinerzeitigen Black Panther. Das Bild ging um die Welt.

Nicht nur Fäuste
Neben dem Erheben der Fäuste traten Carlos und Smith auch ohne Schuhe zur Siegerehrung an, um auf die Armut der Schwarzen in den USA aufmerksam zu machen, von denen viele sich nicht einmal Schuhwerk leisten konnten.
Beide trugen auch eine Perlenkette, mit der sie auf die ungenannten Menschen aufmerksam machen wollten, die einfach so gelyncht oder ermordet wurden, und für die keiner ein Gebet sprach.

Carlos liess zudem seine Trainingsjacke offen, damit wollte er an die Schichtarbeiter in den USA erinnern, die Underdogs.

Die Handschuhe trugen sie, weil die sie nicht die blosse Hand dem damaligen IOC Präsidenten Avery Brundage, einem ausgewiesenen Rassisten, reichen wollten.

Button OPHR
Und sie trugen den Button „Olympic Project for Human Rights” (OPHR) auf ihrer Trainingsjacke. OPHR war eine Bewegung in den USA, die sich gegen die Diskriminierung der schwarzen Athleten einsetzte, und seinerzeit auch den Boykott der olympischen Spiele in Erwägung gezogen hatte.

1968 war nicht nur das Jahr, in dem der Bürgerrechtler Martin Luther King ermordet wurde: 1968 war das Jahr der Studentenproteste weltweit, auch in Mexiko, wo die Polizei in Mexiko-City rund 200 Demonstranten erschoss.

Auch Peter Norman
Was aber weitgehend unbeachtet blieb – nicht jedoch in seiner Heimat Australien: Auch der Silbermedailliengewinner Peter Norman trug den OPHR-Button.

Norman hatte von der geplanten Aktion der schwarzen Athleten erfahren und fragte, ob er helfen könne, was er dann mit der Anheftung des Button tat, den er sich von einem Mitglied des US-Teams, der die Bewegung unterstützte, besorgt hatte.

Strafe auf dem Fusse
Smith und Carlos mussten auf Anordnung des Chefs des olympischen Komitees der USA binnen 48 Stunden das olympische Dorf verlassen. Sie bekamen von den Medien nach ihrer Rückkehr jede Menge Feindseligkeit zu spüren, und schlugen sich mit Gelegenheitsjobs durch.

Carlos schaffte es trotzdem zu studieren und zu promovieren. Er arbeitet heute an einer High School in Palm Spings.

Tommie Smith arbeitet mittlerweile als Leichtathletiktrainer.

Beide sind nach wie vor politisch aktiv, Carlos unterstützte aktiv die Occupy-Bewegung.

Lebenslange Strafe für Peter Norman
Australien bestrafte Norman für seine Solidarität mit den schwarzen Athleten. Er war in Australien fortan geächtet – über Jahrzehnte – und durfte an den olympischen Spielen 1972 in München nicht teilnehmen, obgleich der sich dafür qualifiziert hatte.

Mehrfach wurde ihm geraten, sich für seine Aktion zu entschuldigen, dann sei ihm alles verziehen. Peter Norman lehnte ab, seine sportliche Karriere war zu Ende. Seine damailge australische Rekordzeit über 200 m steht allerdings bis heute.

Selbst zur Eröffnung der olympischen Spiele im Jahre 2000 in Sydney war er nicht eingeladen. Auf Betreiben von Tommy Smith und John Carlos nahm er jedoch als Gast der US-Abordnung daran teil..

Die Reaktion seinerzeit in Australien ist kaum überraschend: Das Land praktizierte gegenüber den australischen „Schwarzen“ den Indigenen (Aborigines) übelsten Rassismus, der bis in die jüngste Zeit reichte: von der Landwegnahme, Kindswegnahme bis zur täglichen Diskriminierung. Details siehe hier.

Norman, Carlos und Smith hielten nach Mexiko 1968 Kontakt. John Carlos nannte ihn „mein Bruder von einer anderen Mutter“.

Norman starb 2006 nach einem Herzinfarkt. Smith und Carlos reisten zur Beerdigung an und waren seine Sargträger.


Carlos und Smith bei der Beerdigung Screenshot: Dr. v. Paleske

Der Antrag im Parlament
Der Antrag im Australischen Parlament, eingebracht von den Abgeordneten Rob Oakshott und Andrew Leigh, lautete:

That this House; Recognises the extraordinary athletic achievements of the late Peter Norman, who won the silver medal in the 200 metres sprint running at the 1968 Mexico City Olympics, in a time of 20.06 seconds, which still stands as the Australian record;

Acknowledges the bravery of Peter Norman in donning an Olympic Project for Human Rights badge on the podium, in solidarity with African-American athletes Tommie Smith and John Carlos, who gave the black power salute;

Apologises to Peter Norman for the wrong done by Australia in failing to send him to the 1972 Munich Olympics, despite repeatedly qualifying; and Belatedly recognises the powerful role that Peter Norman played in furthering racial equality.”

Kommentar von Tommie Smith:

There is no one in the nation of a Australia that should be honored, recognized and appreciated more than Peter Norman. He should be recognized for his humanitarian concerns, his character, his strength and his willingness to be a sacrificial lamb for justice“

Für Peter Norman kommt allerdings diese längst überfällige Entschuldigung zu spät.
Zweifel kommen jedoch auf an der Ernsthaftigkeit einer derartigen Entschuldigung, angesichts der Behandlung des australischen Boxers Damien Hooper bei den diesjährigen olympischen Spielen in London: Hooper, der von den Indigenen (Aborigines) den australischen Ureinwohnern, abstammt, hatte bei seinem ersten Boxkampf ein T-Shirt mit den Nationalfarben der Indigenen getragen, um damit auf seine Volksgruppe mit ihren Leiden aufmerksam zu machen. Er wurde prompt vom Chef des australischen olympischen Komitees verwarnt.

Olympia London 2012 – Kurzer Kommentar zur langen Eröffnungsfeier

Ganoven, Goldgräber, Geheimdienste und Diplomaten

Ein Gedanke zu “Australien: Debatte im Parlament über eine Entschuldigung, die viel zu spät kommt

  1. wie immer Das ist heutzutag auch so. Wenn man den Mächtigen in die Quere kommt, wird man einfach kaltgestellt. Ich sehe das auch bei uns in der Firma, wo man dann Menschen einfach abschiebt und sie auf unwichtigen Arbeitsplätzen versauern lässt.

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