Medizin

Will Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner uns für dumm verkaufen? – Ein Kommentar zur geplanten Reform des Tierarzneirechts

Dr. Alexander von Paleske — 15.9. 2012 —- Heute kam die folgende Meldung über den Ticker:

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) will den Missbrauch von Arzneien in der Tierhaltung stoppen.

„Wir müssen alles daran setzen, dem übermäßigen Einsatz von Tierarzneimitteln (Antiinfektiva) Einhalt zu gebieten

sagte die Ministerin am Rande einer Konferenz der Verbraucherminister von Bund und Ländern am vergangenen Freitag in Hamburg.

Und weiter:

Es handelt sich um eine der tiefgreifendsten und ehrgeizigsten Reformen der Tierarzneimittel-Gesetzgebung“

Weitere Details der geplanten Reform siehe hier.
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Heisse Luft
Bereits am Mittwoch kommender Woche soll das Bundeskabinett die Novelle des Arzneimittelgesetzes beschließen.

Bei näherem Hinsehen entpuppt sich die diese „tiefgreifende und ehrgeizige Reform“ jedoch als heisse Luft.

Der Antibiotika-(Antiinfektiva-)Einsatz soll nämlich nur insoweit verboten bzw. eingeschränkt werden, als diese zur Heilung von Menschen „besonders bedeutend“ sind, soll wohl heissen „lebensrettend“ sind, also wohl im Wesentlichen um Breitspektrum-Antibiotika wie Cefalosporine der dritten Generation, Beta-laktamasefeste Breitspektrum-Penicilline und Chinolone.

Erklärtes Ziel: Die Resistenzentwicklung der Bakterien gegen potente Antibiotika zu verhindern.

Der Gesetzentwurf verfolge das Ziel, „das Risiko der Entstehung und Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen zu begrenzen

sagte Aigner der Rheinischen Post.

Jedoch: Nur dem mit der Materie nicht Vertrauten kann dieses geplante Gesetzesvorhaben als „Meilenstein“ imponieren.

Resistenz der Bakterien kann und wird durch Info-Transfer (z.B. durch Plasmide) zwischen Bakterien übertragen. Diese Resistenz kann nicht nur eine Medikamentengruppe betreffen, sondern auch andere.

Mehr noch: Nur wenn Tiermäster mit ihrem Antibiotika-Verbrauch den gesamtdeutschen Durchschnittswert übertreffen, müssen sie überhaupt Pläne zur Verminderung dieser Medikamentenflut vorlegen – nur dann.

Ausserdem: Sollten die noch bei der Tiermast erlaubterweise eingesetzten Medikamente unwirksam werden, dann wird ohnehin wieder auf die wirksameren Medikamente umgestellt.

Viel zu schwammig
Der Begriff „zur Heilung von Menschen besonders bedeutend“ ist ausserdem schwammig, und die Züchterlobby wird alles tun, um die Gruppe der auzuschliessenden Medikamente so klein wie möglich zu halten, mit dem zutreffenden Argument, dass die zum Einsatz verbleibenden Medikamente bereits heute in der Tiermast unwirksam sind.

Mit scheinbar drohendem Unterton erklärte die Ministerin:

„Ich will ausdrücklich klarstellen, dass der Einsatz von Antibiotika zur Wachstumsförderung ebenso verboten ist wie der präventive Einsatz – und zwar bereits seit Jahren.“

Was die Ministerin entweder nicht versteht, oder nicht verstehen will: Massentierhaltung und Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung gehören notwendigerweise zusammen, weil die Tiere, insbesondere das Federvieh, es ohne sie gar nicht bis zum Schlachttag schaffen.


Brutstätten der Antibiotikaresistenz: Tierfabriken – Screenshot: Dr. v. Paleske

Das eine geht ohne das andere nicht
400 Millionen Hühner pro Jahr allein in Niedersachen bekommen während ihres kurzen Lebens statistisch gesehen 2,5 mal Antibiotika. Anders schaffen sie es gar nicht bis zum Schlachttag.

Das im Jahre 2006 verhängte Verbot der prophylaktischen Verfütterung von Antibiotika (Antiinfektiva) stiess deshalb auch völlig ins Leere, denn irgendwelche Tiere sind bei dieser artwidrigen Aufzucht immer krank. Und so stieg der Verbrauch – seit 2006 – weiter signifikant an, statt abzunehmen. Im vergangenen waren es 1734 Tonnen – 40 mal so viel wie in Krankenhäusern und 7 mal mehr als in der gesamten Humanmedizin.
Wer den Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung beseitigen will – das ist längst überfällig – kann dies nur auf dem Wege der Beseitigung der Massentierhaltung selbst tun, und das will Ministerin Aigner – und mit ihr die Züchterlobby – natürlich auf gar keinen Fall.

Was Frau Aigner vorschlägt, beseitigt keineswegs die Resistenzprobleme. Von tiefgreifender Reform kann deshalb keine Rede sein, es handelt sich vielmehr um blosse Augenwischerei.

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