Medizin

Weiter bergab im europäischen Gesundheitswesen

Dr. Alexander von Paleske — 6.10.2012 — In der hochangesehenen Medizinzeitung Lancet finden sich im Septemberheft ( Lancet 15 September 2012, Vol 330) gleich mehrere Beiträge zum Gesundheitswesen in Europa. Allerdings keine erfreulichen.

Zentraler Artikel ist eine Bestandsaufnahme aller europäischen Länder im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO:

WHO European review of social determinants of health and health divide.

Durchgeführt wurde sie von einem Team um Prof. Sir Michael Marmot vom University College London (UCL).Die Arbeitsgruppe weist auf die enormen Unterschiede innerhalb Europas hin – so gehört z.B. Portugal zur Gruppe der drittschlechtesten Länder und wird dazu auch noch von den aufgezwungenen Sparmassnahmen weiter schwer getroffen.

Nicht nur Bestandsaufnahme
Aber es handelt sich nicht nur um eine Bestandsaufnahme, sondern gleichzeitig werden detaillierte Änderungsvorschläge zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung und deren Determinanten insgesamt gemacht, insbesondere die Sicherstellung eines allgemeinen und ungehinderten Zugangs zum Gesundheitswesen, Abbau der innerstaatlichen Disparitäten und Bekämpfung der Armut.

Einleitend heisst es in der Bestandsaufnahme:

„The results of this review are clear: With the right choice of policies progress can be made across all countries including those with low income. Action is needed – on the social determinants of health across the life course and in wider social and economic spheres – to achieve greater health equity and protect future generations.

In einem Kommentar dazu in der gleichen Ausgabe des Lancet wird nicht zu Unrecht festgestellt und bitter beklagt:

Europe’s policy makers have lost sight of the health and humanitarian disaster unfolding across the region”.

Magere Bemühungen
Die mageren bisherigen Bemühungen der Staatsmänner, so fährt der Kommentator fort, haben wenig bewirkt, um die Lage der europäischen Bürger zu verbessern, einschliesslich der 150.000 Immigranten in Spanien, die jetzt keinen freien Zugang zum Gesundheitswesen mehr haben.

Sie haben sicherlich auch nicht dem 77 jährigen griechischen Rentner geholfen, der sich in seiner Verzweiflung vor dem Parlamentsgebäude im April erschoss, oder die vielen anderen Menschen, die sich wegen ihrer verzweifelten finanziellen Lage und dem Verlust jeglicher Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Griechenland Irland und Italien das Leben nahmen.

Humanitäre Krise
Der Kommentar weist auf einen Report von Save the Children Titel:- It should not happen here“ darauf hin, dass bereits jetzt 3,5 Millionen Kinder in Grossbritannien in Armut leben, eine Zahl die bis zum Jahre 2015 auf vermutlich knapp 4 Millionen ansteigen wird.

Jedes 8. Kind in dieser Gruppe hat keine warme Mahlzeit pro Tag und die Eltern essen vielfach weniger, damit die Kinder wenigstens satt werden.

Der Kommentar schliesst: Europa steckt tief in einer Krise, einer humanitären Krise.

Politische Entscheidungen verschärfen die Lage
Dass die politischen Entscheidungen in eine ganz andere Richtung gehen, zeigt der Bericht auf Seite 1 der britischen Tageszeitung Guardian vom 5.10. 2012 über die Lage in Grossbritannien:

Cancer and health experts face the axe

Hunderte von Onkologen, Kardiologen und Internisten mit Schwerpunkt der Schlaganfallbehandlung, sollen entlassen, bestehende hocheffektive Arbeitsgruppen aufgelöst werden. Und dies, obgleich Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs und Schlaganfälle – wie auch in Deutschland – zu den Top-Todesursachen gehören.

Die britische Regierung hat sich der Verantwortung für derartige Massnahmen entledigt, indem sogenannte Konsortien jetzt die Entscheidung fällen, der Minister sich also aus der Schusslinie begeben hat.

Gleichzeitig stehen diesen Konsortien vergleichsweise weniger Mittel zur Verfügung, als zuvor in diesen Bereichen bereitgestellt wurden. Wir berichteten mehrfach darüber.

Empfehlungen werden ignoriert
Die Empfehlungen der von der WHO eingesetzten Arbeitsgruppe dürften unter diesen Umständen weitgehend ignoriert werden. Wer glaubt, dass Deutschland von dieser Negativentwicklung ausgespart bleibt, der dürfte sich täuschen.
Beginnen wird es mit den zu erwartenden Krankenhausschliessungen.
Parallel zur Wirtschafts-und Finanzkrise geht es in Europa mit dem Gesundheitswesen bergab.

Sparmassnahmen schicken Europas Gesundheitswesen auf die Krankenstation
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