Medizin

Sinkende Bereitschaft zur Organspende und Vertrauensverlust: Die Folgen der Ärzteskandale in Deutschland

Dr. Alexander von Paleske —– 16.9. 2013 —
Der Skandal um die Verstösse leitender Ärzte gegen die Transplantationsrichtlinien, nun offenbar auch in Münster, sowie in Göttingen, Leipzig, München (Klinikum rechts der Isar), haben Vertrauen zerstört, und den ärztlichen Berufsstand erneut ins Zwielicht gebracht.

Die Bundesärztekammer hat zwar nach dem Bekanntwerden der ersten Verstösse in Göttingen eine Untersuchungskommission eingesetzt, die alle Transplantationszentren einer genauen Überprüfung unterzog, und prompt auch anderswo fündig wurde.

Aber das konnte die schwerwiegendste Folge des Skandals, das drastische Sinken der Bereitschaft zur Organspende, was wiederum verhindert, dass Schwerkranke mit einem dringend benötigten Organ versorgt werden können, nicht verhindern: Um 19% fiel die Zahl der Organ-Spender nach dem Bekanntwerden der Skandale in diesem Jahr.
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Fragen über Fragen
Das schiere Ausmass dreister Verstösse gegen klare Transplantationsrichtlinien, verbunden mit der Meldung von gefälschten Patientendaten an die Organ-Vermittlungs- und Zuteilungsagentur Eurotransplant, wirft allerdings weit mehr Fragen auf, als die, wer im einzelnen was, wo gemacht hat. Denn es handelt sich leider keineswegs um den einzigen Skandal im Medizinbereich in den letzten Jahrzehnten.


….aufgrund gefälschter Daten Organe zugeteilt

Dieser Transplantationsskandal ist vielmehr nur einer in einer langen Liste von Skandalen in den letzten 50 Jahren, wenngleich sicherlich der schwerwiegendste.

Schwarze Flecken auf weissen Kitteln
Angefangen hatte es nach dem Ende des Nazi-Herrschaft mit der Nichtverfolgung der allermeisten Mediziner, die tief in die braune Vernichtungsmaschinerie verstrickt waren. Wer gegen Kollegen mit brauner Vergangenheit, wie z.B Prof. Hans Joachim Sewering, der es sogar bis in den Vorstand der Bundesärztekammer schaffte, seine Stimme erhob, wurde als „Nestbeschmutzer“ angesehen. Motto: eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

Und so schaffte es die deutsche Ärzteschaft erst im Jahre 2011 diese Vergangenheit aufzuarbeiten, und im Jahre 2012 sich öffentlich zu entschuldigen, zu einem Zeitpunkt, als nahezu alle seinerzeit Verantwortlichen bereits verstorben waren.

Es war bis dahin nicht die Ärzteschaft, die diese braune Vergangenheit der Mediziner ans Tageslicht zerrte sondern der dieses Jahr verstorbene Journalist Ernst Klee.

Die letzten 20 Jahre sahen wiederum ein Anhäufung von Skandalen in den Bereichen Wissenschaftsbetrug, Bestechlichkeit, unerlaubte Patientenversuche und betrügerische Bereicherung.

Der Hintergrund
Nach dem 2. Weltkrieg gab es für alle Mediziner genügend Aufstiegschancen, und bei den niedergelassenen Ärzten noch kein Gedrängel, selbst in den Ballungsgebieten.

Wer eine akademische Karriere anstrebte, konnte, selbst wenn er es nicht bis zum Lehrstuhl schaffte, zumindest mit einer lukrativen Chefarztstelle in einem grossen Krankenhaus rechnen.

Diese Zeiten sind vorbei. Im wissenschaftlichen Bereich findet mittlerweile härtester Wettbewerb statt, 150 Publikationen sind Mindeststandard für eine Professorenstelle, möglichst in peer reviewed Journals. Und selbst dem Oberarzt mit Professorentitel winkt keineswegs mehr automatisch eine Chefarztstelle in einem grossen Krankenhaus.
Vielmehr findet auf allen Ebenen ein härtester Konkurrenzkampf statt, auf dessen Boden eben auch das rechtswidrige Verhalten gedeiht.

Und nicht nur beim Aufstieg zum Lehrstuhl, sondern auch bei der Einwerbung von Drittmitteln für Forschungsprojekte spielt die Präsenz mit Vorträgen auf der inflationär zunehmen Zahl von Kongressen und Publikationen in den ebenfalls inflationär zunehmenden, einschlägigen Journals eine entscheidende Rolle. Eine Fehlentwicklung, die den Boden für Wissenschaftsbetrug geradezu bereitet.

Skandal-Uniklinik Freiburg
Die spektakulärsten (bekannten) Wissenschaftsbetrügereien in Deutschland spielten sich in der Universitätsklinik Freiburg in den Abteilungen für Hämatologie /Onkologie und der Abteilung Sportmedizin ab.


Altes Siegel, neue Skandale

Gerade in der erstgenannten Abteilung war das Ausmass der Fälschungen durch den Oberarzt und Professor Fiedhelm Herrmann geradezu atemberaubend.

Aber auch gegen den prominenten Freiburger Sportmediziner Professor Hans-Hermann Dickhuth hagelte es Plagiatsvorwürfe.

Als wäre das noch nicht genug: Es folgte der Skandal um den Unfallchirurgen Professor Hans Peter Friedl. Eine extrem lange Publikationsliste korrelierte mit offenbar dünner klinischer und operativer Erfahrung.
Zu der langen Publikationsliste gesellte sich nach Amtsantritt dann eine lange Liste von angeblichen und nachgewiesenen Behandlungsfehlern, bis schliesslich die Klinik ihn vom Operationstisch verbannte.

Mittlerweile gibt es Beispiele von Universitäts-Klinikchefs in nichtoperativen Fächern, die wegen „wissenschaftlicher Verpflichtungen“ entweder gar keine oder kaum noch Stationsvisiten mehr machen, und trotzdem unbehelligt bleiben, obgleich die Krankenversorgung essentieller Teil der Aufgaben dieser Medizinprofessoren ist.

Weitere Skandale
Genannt sei ebenfalls Professor Bodo E. Strauer, zuletzt Ordinarius in Düsseldorf, der „Erfinder“ der Stammzelltransplantation nach einem Herzinfarkt: ein nach wie vor hochumstrittenes Verfahren, bei dem Knochenmark-Stammzellen nach einem Herzinfarkt in eine Koronararterie gespritzt werden.

Strauer legte mit dieser Behandlungsmethode los, ohne zuvor in Tierversuchen die Wirksamkeit dieser Massnahme und deren Risiken überprüft zu haben.

Strauer, der ausserdem für unerquickliches Betriebsklima gesorgt haben soll – einer seiner Assistenzärzte, Dr. Kl., nahm sich das Leben – ist mittlerweile im Zentrum eines Skandals angekommen, nachdem sich herausstellte, dass in seinen publizierten Studien sich angeblich auch noch Hunderte von Fehlern befanden, wie der SPIEGEL vermeldete.

Bis heute gibt es zwar Studien, die genau diese Behandlungsmethode überprüfen, aber keine genügend hohe Anzahl von Patienten, die, verglichen mit einem unbehandelten Vergleichskollektiv, in einer sauber randomisierten Studie, eindeutig besser abschnitten.

Gleichwohl tönte Strauer, als er noch Lehrstuhlinhaber war, gegenüber der Presse von seinen grossartigen Erfolgen, und die Medien griffen das begierig auf, ohne kritische Fragen zu stellen – Sensationsjournalismus der billigsten Sorte.

Aber nicht nur derartig fragwürdige Behandlungen ohne vorangegangene Grundlagenforschung wachsen auf diesem vergifteten Boden..

Geld, davon kann man nie genug haben
Auch hochbezahlte Medikamentenstudien, wie die des Mainzer Psychiatrieprofessors Otto Benkert , machten Schlagzeilen. Benkert „versäumte“ es, die Einkünfte der Universitätsverwaltung zu melden und dann anteilig abzuführen. Er wurde im Jahre 2000 wegen Betrugs bestraft und nahm seinen Hut, um einer disziplinarischen Amtsentfernung zuvorzukommen.


Hospital Tribune vom 19.12. 2000

Der weit schwerer wiegende, gegen ihn seinerzeit erhobene Vorwurf, er habe psychiatrische Patienten ohne deren Einwilligung, und ohne sie aufzuklären, mit neuen, noch in der Erprobungsphase befindlichen Medikamenten behandelt, wurde von der Staatsanwaltschaft gar nicht erst weiter verfolgt nach dem Motto: Psychiatriepatienten sind keine geeigneten Zeugen.

Eine Mitteilung an die jeweiligen Hausärzte der Patienten
über die eingeschlagene „neue Therapie“ unterblieb oft genug.

Gier, rücksichtslose Karrieresucht, und gnadenloser Kampf um Forschungsgelder sind der Boden, auf dem derartige Skandale prächtig gedeihen, zumal in den meisten Fällen die Mediziner, so sie überhaupt erwischt werden, oft genug mit lächerlichen Strafen bzw. sogar ohne beamtenrechtliches Disziplinarverfahren davonkamen.

So wurde ein Disziplinarverfahren gegen den Leiter der Hämatologie / Onkologie in Freiburg, Professor Roland Mertelsmann, erst gar nicht durchgeführt, und der „verunfallte“ Freiburger Chirurg Hans Peter Friedl wurde, nachdem er wegen mehrfacher Körperverletzung verurteilt worden war, mit einer millionenschweren Abfindung wegen „entgangener Einkünfte“ – aus der Uniklinik „getragen“ Ein Disziplinarverfahren mit dem Ziel der abfindungslosen Amtsentfernung eröffnete der Dienstherr wegen angeblicher „Aussichtslosigkeit“ nicht. Ein Skandal im Skandal.

Fortsetzung folgt
Kassenärzte liessen sich von Pharmafirmen dafür bezahlen, deren Medikamente einzusetzen.
Die Staatsanwaltschaft klagte an, das Verfahren endete mit dem Freispruch des Mediziners der sicherlich kein Einzelfall war: Der Vorwurf der Bestechlichkeit musste fallengelassen werden, weil Kassenärzte keine Angestellten der Krankenkassen sind, sondern einen freien Beruf ausüben – frei von Strafbarkeit wegen Bestechlichkeit. Wie schön.

Und Kassenärzte liessen sich von bestimmten Krankenhäusern finanziell belohnen, ihre Patienten dorthin, und nicht woanders stationär einzuweisen, auch „Fangprämie“ genannt.

Fallpauschale als Treibsatz
Aber – auch das darf nicht unter den Tisch fallen: die Bundesregierung, mit der seinerzeitigen Dienstwagen-Affäre- und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, hat mit der Einführung der Fallpauschale das ihrige getan, um nicht nur überflüssige Operationen in die Höhe zu treiben, wir berichteten darüber, sondern gleichzeitig den Druck auf die Ärzteschaft massiv erhöht, und die Ärzte gezwungen, in wirtschaftlichen Kategorien zu handeln nach dem Motto: Gut ist, was dem Krankenhaus Geld in die Kasse spült.

Dass dies nicht gerade kompatibel mit einer patientenorientierten menschlichen Medizin ist, versteht sich von selbst.
Und da viele Jungärzte angesichts dieser Zustände in den Krankenhäusern das Weite suchen, werden dann Gastärzte eingestellt, die oftmals nicht der deutschen Sprache mächtig sind, oder aber denen woanders wegen ärztlichen Fehlverhaltens oder anderweitiger krimineller Aktivitäten der Laufpass gegeben wurde.

Schliesslich noch die hohe Zahl von fehlerhaften Behandlungen, die von den Kassen jüngst veröffentlicht wurde.

Fazit:
Das verlorene Vertrauen muss wiederhergestellt werden. Solange sich an den beschriebenen Zuständen nichts ändert, dürfte das kaum gelingen. Das kann aber kaum die alleinige Aufgabe der Bundesärztekammer sein.

Der Verfasser ist Internist, Hämatologe und leitender Arzt, ebenfalls ehemaliger Rechtsanwalt beim Landgericht Frankfurt (M)

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Siehe auch die informativen ZEIT-Artikel:

Klappe halten und wegsehen ZEIT vom 20.9. 2012 S. 32

Das Ende der Schweigepflicht ZEIT vom 15.5. 2012

Zu Ulla Schmidt
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linkDanksagung an Event-Manager Manfred Schmidt für die Ulla-Schmidt-Geburtstagsparty
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