Medizin

Wie viele tausend Tote durch ärztliche Behandlungsfehler? – oder: Ein sinnloser Streit um Zahlen statt um Ursachen.

Dr. Alexander von Paleske …. 28.1. 2014 — Die AOK hat in ihrem Krankenhausreport Horrorzahlen veröffentlicht, wonach angeblich rund 19.000 Patienten pro Jahr in deutschen Krankenhäusern durch ärztliche Behandlungsfehler starben.

Es handelt sich natürlich nicht um genaue Zahlen, sondern um Schätzungen, Hochrechnungen aus internationalen Studien. Und schon entbrennt ein Streit um diese Zahlen .

Die deutsche Krankenhausgesellschaft, Interessenvertretung der Krankenhäuser, macht eine andere Rechnung auf, die sich vorwiegend auf die Schadensbank der Haftpflichtversicherer stützt, maximal 1200 Tote durch Behandlungsfehler.

Der ärztliche Dienst der Krankenkassen geht von 8500 Behandlungsfehlern mit Todesfolge aus, bei insgesamt 190.000 Behandlungsfehlern mit Gesundheitsschäden.

In Nordrhein Westfalen schlossen die Gutachterkommissionen der Ärztekammern im vergangenen Jahr mehr als 3000 Verfahren ab, in 14,5% der Fälle wurden Behandlungsfehler mit Gesundheitsschäden festgestellt.

Wenig aussagekräftig
Da längst nicht jeder Fall von Ärztepfusch mit Todesfolge in einem Verfahren endet, sind letztlich all diese Zahlen bestenfalls grobe Schätzungen, und nur zum Teil überhaupt aussagekräftig.

Wenn Patienten durch Behandlungsfehler sterben, seien es

– Diagnosefehler

– Indikationsfehler

– Behandlungsfehler einschliesslich Operationsfehler:

wer sich nicht mit den Ursachen beschäftigt, der wird an auch den Zuständen nichts ändern.

Aber auf die Ursachen für die nicht geringen Behandlungsfehler – mit und ohne Todesfolge – und vor allem deren Vermeidung, gehen die Kontrahenden nur am Rande ein.

Immerhin benennt der AOK-Report eine der Ursachen: Operationen durch Ärzte und in Krankenhäusern, denen die notwenige Erfahrung fehlt, denn die Mehrheit der Behandlungsfehler geschehe im Zusammenhang mit Operationen.

Wie konnte es dazu kommen?
Komplizierte Operationen durch unerfahrene Ärzteteams, und überhaupt der Drang zu Operationen, waren in der Vergangenheit bestenfalls die Folge übertriebenen Ehrgeizes einiger Ärzte, nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme.

Operationen ohne klare Indikation, also überflüssige Operationen gab es zudem in weit geringerem Umfang als heute.

Mit der Einführung der Fallpauschale durch die rot-grüne Koalition, unter Federführung der Affären-Ministerin und jetzigen Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmidt, hat sich das alles geändert:Heute ist dieser finanzielle Aspekt, der bei der zuvor gängigen Tagespauschale nur eine untergeordnete Rolle spielte, zum entscheidenden Faktor geworden.

Blosse Liegezeit im Krankenhaus bringst nichts ein, mehr noch, ist ein Verlustgeschäft, wenn nicht gleichzeitig diese Liegezeit durch Eingriffe „vergoldet“ wird. Uns so hat sich die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus von rund 20 Tagen in der 90er Jahren auf jetzt 7,7 Tage im Durchschnitt verringert, zusammen mit der der drastischen Reduzierung der Bettenzahl.

Operationen, die mit einer hohen Fallpauschale gesegnet sind, bei gleichzeitig kurzer Liegezeit , darunter gehören z.B. der Kniegelenkersatz, und Operationen an der Wirbelsäule, sowie stabile Herzinfarkte, die angiografiert und dann ggf. „gestentet“ werden, bringen ordentlich Geld in die Kasse der ums Überleben kämpfenden mittleren und kleineren Krankenhäuser, die dank der Fallpauschale massiv ins Minus gerutscht sind.

Und so sind – kaum überraschend – insbesondere Kniegelenkersatz, Hüftgelenkersatz und Operationen an der Wirbelsäule explosionsartig in die Höhe geschossen, auch wenn sich an den jeweiligen Leiden, die derartige Eingriffe notwendig machen, in der Gesamtstatistik kaum etwas geändert hat. Mehr Operationen und natürlich auch mehr Komplikationen.

Haben Sie Herzschmerzen? – Dann ab zum Herzkatheter-Labor.
Und dort, wo früher Kniegelenkbeschwerden erst einmal konservativ behandelt wurden, nicht selten mit gutem bzw. befriedigendem Ergebnis , wird jetzt oft – zu oft – der Skalpell gezückt, manchmal mit völlig unbefriedigendem Ergebnis.

Unter Rechtfertigungsdruck
Ärzte stehen unter Rechtfertigungsdruck, nicht nur beim Einsatz teurer Medikamente, auch die Therapiedauer und z.B. die Dauer von intravenöser Verabreichung von Medikamenten, statt möglicher oraler, wird mittlerweile vorwiegend durch finanzielle Erwägungen beeinflusst.

Der Arzt, der Anwalt des Patienten sein sollte, wird so zum Vollstrecker, zum Büttel von Vorgaben seitens der Krankenhausverwaltung degradiert, die wiederum nur die jeweiligen Fallpauschalen im Auge hat.

Das alles findet sich natürlich nicht in dem AOK-Bericht, und auch nicht in der der Stellungnahme der Krankenhausgesellschaft.

Hinzu kommt, dass immer weniger Zeit für die Patienten seitens der Ärzte und des Pflegepersonals zur Verfügung steht. Auch Folge der Verbürokratisierung des Ablaufs: Bereits bis zu 50% der Arbeitszeit verbringen viele Krankenhausärzte damit, Daten in den Computer einzugeben. Eine Aufgabe, die früher von Stationssekretärinnen verrichtet wurde, die es nicht mehr gibt, eine Tätigkeit, für die kein sechsjähriges Medizinstudium erforderlich ist.

Dann die Privatisierung von einstmals staatlichen bzw. kommunalen Krankenhäusern mit der folgenden Streichung von Stellen, Verdichtung des Arbeitstages, um sie so profitabler zu machen.

Statt diese Mißsstände zu benennen, wird noch mehr Spezialisierung gefordert, also ab in die Grosskrankenhäuser, auch wenn sie weit weg liegen, und fort mit den kleinen und mittleren Krankenhäusern. Dabei könnten sie gerade als erste Krankenhaus-Anlaufstelle die notwendigen Voruntersuchungen durchführen und dann ggf. verlegen, aber damit wären sie gleichzeitig vom goldenen Topf der Fallpauschale abgekoppelt, und so gibt es für sie keine Überlebenschance. Da schliesst sich der Teufelskreis.

So beschäftigen sich viele Presseberichte auch gar nicht ernsthaft mit diesem Thema, sondern machen Vorschläge, wie Patienten gegen die Ärzte vorgehen können – sofern sie noch am Leben sind – sonst eben die Angehörigen.

Ärztemangel und Verständigungsprobleme
Hinzu kommt zu dieser krassen Fehlentwicklung der Ärztemangel: in vielen Krankenhäusern gefolgt von der zunehmenden Beschäftigung von Ärzten, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, und die selbst bei guter Ausbildung deshalb keine vernünftige Anamnese erheben können, der erste wichtige Schritt zu einer korrekten Diagnose.

So sind die Horror-Zahlen der AOK nichts als Sensationsmache, bestenfalls geeignet das Misstrauen in die Ärzte und Krankenhäuser zu schüren, nicht aber in die Politiker, die mit ihren erbärmlichen „Reform“-Gesetzen dafür die Rahmenbedingungen erst geschaffen haben.


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Ärzte und Medizinzeitschriften als „Prostituierte“ der Pharmaindustrie?

Sinkende Bereitschaft zur Organspende und Vertrauensverlust: Die Folgen der Ärzteskandale in Deutschland

Siehe auch die informativen ZEIT-Artikel:

Klappe halten und wegsehen ZEIT vom 20.9. 2012 S. 32

Das Ende der Schweigepflicht ZEIT vom 15.5. 2012

Zu Ulla Schmidt
linkLimburger Bischof beglückwünscht SPD–Ex-Affärenministerin Ulla Schmidt zur Bundestagsvizepräsidentschaft

Ministerin Ulla Schmidt: Nie wieder unter Hartz IV- Bedingungen leben
linkSPD-Ulla Schmidt schreibt an SPD-Hoffnungsträger Peer Steinbrück

linkDanksagung an Event-Manager Manfred Schmidt für die Ulla-Schmidt-Geburtstagsparty
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2 Gedanken zu “Wie viele tausend Tote durch ärztliche Behandlungsfehler? – oder: Ein sinnloser Streit um Zahlen statt um Ursachen.

  1. Keine Interesse: Eine Ursache der postoperativen Thromboembolie Postoperative Thromboembolie trifft in gynäkologischen Kliniken nur in Deutschland mehrere Hundert Frauen jährlich. Es gibt ein klares technisches Problem, das dazu beiträgt und eine Haftptlichtverantwortung begründet. Leider gibt es seit Jahren keine Interesse es zu anerkennen und zu beseitigen, nicht bei den Klinikleitungen, nicht bei den Krankenkassen und nicht bei den Aufsichtsbehörden. Dazu mehr hier:
    http://www.youtube.com/watch?v=pqmOO91aFQY
    http://www.youtube.com/watch?v=TIGkdLgHzNE
    http://www.youtube.com/watch?v=iwFGwOpAIyQ
    http://www.youtube.com/watch?v=VOvgkn0lij8

    Liken

  2. Ärtzte Die Überheblichkeit mancher Ärztinnen und Ärzte schreit zum Himmel, haben sie doch zu oft ein Menschenbild, das durchaus „Resource“ genannt werden kann.
    Ich hatte Glück, hab mit einer sehr guten Ärztin meine Elefantenhaxerln in den Griff bekommen, hab selber eine Lymphdrainagenausbildung gemacht, und Rflexzonen und Akupressur und massage und …, aber das darf´s doch nicht sein, haben wir doch ein Sytem das dies übernehmen sollte.

    Widersprich nie einem Arzt oder einer Ärztin, die haben ein Cpyright auf alles (Ich weiss das, hab ich doch einen Arzt, zu dem ich nie gehen würde, in der Familie).
    Allerdings, Ärzte kann man auch ablehnen.

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