Medizin

Tuberkulose, Südafrika und deutscher Journalismus

Dr. Alexander von Paleske —– 24.1. 2014 —– Die Tuberkulose grassiert im Afrika südlich der Sahara ganz besonders.
Nun wurden in der vergangenen Woche Berichte in der deutschen Presse veröffentlicht :

In Südafrika werden viele ohne Heilung entlassen.


Tageszeitung Die Welt vom 18.1. 2014

Weiter hiess es:

In Südafrika werden regelmäßig Patienten mit einer gegen Antibiotika höchst resistenten Tuberkulose aus der Klinik entlassen, obwohl sie nicht geheilt sind. Das stelle eine tödliche Gefahr für die Menschen im Umfeld der Kranken dar.

Bezug genommen wird auf eine Langzeit-Studie in der Medizinzeitschrift LANCET, veröffentlicht von einem südafrikanischen Forscherteam, das untersuchte, in welchem Umfang an teil- oder voll-medikamentenresistenter Tuberkulose- Erkrankte geheilt, bzw. krank nach Hause entlassen werden, in welchem Umfang sie eine Gefahr für andere darstellen, und wie es mit der Lebenserwartung nach der Entlassung aussieht.

Drei Fragen
Es stellen sich in diesem Zusammenhang zunächst drei Fragen die völlig unzureichend in den Artikeln behandelt werden::

1.Welche Tuberkulose ist heilbar, und in welchem Umfang?

2. Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr, und für wen?

3. Welche Massnahmen können / sollten getroffen werden, um die Ansteckungsgefahr zu verhindern bzw. zu vermindern?

Ein Blick zurück
Zur Klärung zunächst ein Blick zurück:
Nerlson Mandela sagte in seiner grossartigen Verteidigungsrede im Rivonia-Prozess, der mit seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft endete:

Poverty goes hand in hand with malnutrition and disease. TB and other diseases bring death and destruction of health . According to the Medical Officer of Health for Pretoria, Tuberculosis kills 40 people a day.

Zur Zeit, als Nelson Madelas dieses Statement abgab, begannen die antituberkulösen Medikamente INH, Ethambutol und Rifampicin, in Kombination gegeben, ihren Siegeszug im Kampf gegen die Schwindsucht anzutreten.

Rückblickend lässt sich diese Zeit der 60er bis zum Ende der 80er Jahr als das „goldene Zeitalter“ im Kampf gegen die Tuberkulose bezeichnen.


…unter dem Mikroskop: Tuberkelbakterien (rot). Foto: Dr. v. Paleske

In Europa war die Tuberkulosekrankheit massiv zurückgedrängt worden, die TB-Sanatorien schlossen, Universitätskrankenhäuser hatten oftmals Mühe, den Studenten Patienten vorzustellen, die an TB erkrankt waren.

Auch in Afrika und Asien, wo weltweit die meisten an TB Erkrankten leben, konnte ein deutlicher Abfall der Erkrankungsfälle erreicht werden..

Die Chancen, wieder dahin zurückzukehren, stehen aber zur Zeit ausserordentlich schlecht, denn mittlerweile ist die Zahl der Tuberkulosekranken weltweit wieder massiv angestiegen: 8,6 Millionen Neuerkrankungen im Jahre 2012 allein (WHO) – bei hoher Dunkelziffer.

Das ambitionierte Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Tuberkulose bis zum Jahre 2050 nahezu auszurotten, kann unter den gegenwärtigen Umständen nur als höchst ungesunder Optimismus bezeichnet werden, ein Ziel das – jedenfalls mit den zur Zeit herkömmlichen Mitteln – unerreichbar ist
.
Gründe dafür sind :

– Die weiterbestehende Armut und Unterernährung in vielen Teilen der 3. Welt

– Kriege und Flüchtlingselend mit dem Zusammenpferchen in Flüchtlingslagern

– Die HIV Krankheit

– Die ständige Zunahme der Medikamentenreistenz:

Formen der Medikamentenresistenz
Die Medikamentenresistenz der TB- Erreger hat sich, wie bei anderen Infektionen auch, in den vergangenen 15 Jahren deutlich und stetig ausgebreitet

– Zunächst die Multidrug Resistant TB (MDR-TB), bei der die Tuberkelbakterien gegen zwei Medikamente der Erstlinientherapie resistent sind,

– dann die extensiv resistente Tuberkulose (XDR), bei der die Erreger zusätzlich gegen zwei weitere Medikamente resistent sind.

– Mittlerweile gibt es auch erste Berichte über Tuberkelbakterien, die gegen sämtliche verfügbaren Medikamente resistent sind (TDR).


Resistenzen Inzwischen weltweit

Zwischen 2001 und 2006 gab es in 81 Ländern MDR–TB, im Jahre 2012 waren es bereits 450.000 Fälle weltweit.

Die Todesrate bei MDR TB liegt bei rund 37% (bei der unkomplizierten TB normalerweise unter 10%).

Von 1,3 Millionen Menschen, die jährlich an TB sterben, litten 170.000 an MDR-TB (13%). Die Todesrate bei MDR-TB liegt bei rund 37%

Am stärksten von MDR-TB betroffen ist zur Zeit Russland, wo der Prozentsatz von MDR-TB bei bereits 17 % liegt, in den Haftanstalten bei bis zu 50 %.
7% dieser MDR-TB-Patienten leiden aber tatsächlich bereits an der extensiv resistenten TB (XDR-TB), bei der die Todesrate von 35% bei der MDR auf mehr als 70-90% ansteigt

Die Behandlungskosten pro Patient pro Jahr sehen so aus:

– Behandlung der unkomplizierten Tuberkulose, das ist immer (noch) die weit überwiegende Mehrheit: 72 US Dollar

– Behandlung der MDR-TB: 1200 US Dollar

– Behandlung der XDR-TB : 7200 US Dollar

Die Behandlung der XDR-TB ist letztendlich meistens erfolglos: die weit überwiegende Mehrzahl der Patienten verstirbt innerhalb eines Jahres an der Krankheit.

Krankenhausentlassung logische Konsequenz
Insofern ist die Entlassung nach Fehlschlag der Behandlung, angesichts der Knappheit von Krankenhausbetten, eine logische Konsequenz, anders als es die Artikel in der deutschen Presse zu suggerieren versuchen, und damit nicht anders als beispielsweise bei austherapierten Krebspatienten.

Nur: die entlassenen Patienten, wenn sie weiter eine offene TB haben, und das trifft gerade für die häufigste Form mit Befall der Lunge zu, gefährden ihre Umwelt: Sie können andere anstecken, und diese Patienten erkranken dann sofort an einer medikamentenresistenten TB.

Enger Kontakt als Risiko
Insbesondere steigt die Übertragungsrate, wenn Menschen auf engem Raum zusammenleben. Aber auch in Verkehrsmitteln, wie den Massentaxis, wo die Fahrgäste auf engem Raum zusammensitzen, ist die Ansteckungsgefahr erhöht.

Nicht jeder Mensch, der Tuberkelbakterien einatmet, erkrankt
daran, bzw. erkrankt so daran, dass er behandelt werden muss.
Aber gerade die armen, oftmals nicht ausreichend ernährten Teile der Bevölkerung, die oft genug auch noch auf engem Raum zusammen wohnen, sind besonders gefährdet. Und natürlich Menschen, die auch an der HIV-AIDS Krankheit leiden, welche die natürliche Abwehr auch gegen Tuberkelbakterien deutlich einschränkt, insbesondere im fortgeschrittenen Stadium der HIV-Erkrankung.

Und so können die Kliniken gar nicht anders, als diese Patienten zu entlassen, die vielfach schon im Krankenhaus nicht isoliert werden können, sondern zunächst auf Allgemeinstationen liegen, wo sie eine Gefahr für andere Patienten, Ärzte und Pflegepersonal, aber auch für Besucher darstellen.

Notwendige Isolierung
Diese Patienten müssten unverzüglich strikt isoliert werden, und zwar solange sie andere Menschen anstecken können, also noch an offener Tuberkulose leiden, d.h. im Lungenauswurf unter Therapie weiterhin Tuberkelbakterien nachgewiesen werden können.

Die setzt jedoch zweierlei voraus:

– Einmal entsprechende medizinische Einrichtungen zu schaffen, wo die Patienten – bei XDR-TB notfalls für den Rest ihres Lebens – betreut werden können.

– Und zweitens die gesetzliche Grundlage zu schaffen, uneinsichtige Patienten notfalls auch gegen ihren Willen dort unterzubringen.

Für beides fehlen der politische Wille und die notwendigen Ressourcen – keineswegs nur in Südafrika.
Und deshalb kann sich die Medikamenten-resistente Tuberkulose weiter ausbreiten. Nicht nur in Südafrika.

Zur Tuberkulose
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linkDiagnosis of disseminated Tuberculosis in bone marrow aspirates

linkLymph node aspirates in Tuberculosis-Diagnosis: New challenges, new solutions – a second study of 545 patients
linkDiagnosis of disseminated Tuberculosis in bone marrow aspirates – Results of a second study

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Ein Gedanke zu “Tuberkulose, Südafrika und deutscher Journalismus

  1. Suedafrika kannst Du vergessen Die von der ANC angefuehrte Regierung hat ganz andere Prioritaeten auf dem Schirm. Die halten die Top-Prio-Liste verkehrt und merken es nie.
    Nun geht es erstmal darum die ReGIERungsmitglieder reich zu machen. Nkandla ist zum Beispiel ein Projekt welches die Zukunftsfaehigkeit des Landes sichert.
    Verrostete Schultoiletten, in die hin und wieder mal ein Erstklaessler durchplumpst und ertrinkt, sind nicht so schlimm. Ausserdem waere das Kind eh nie Praesident geworden.

    Liken

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