vermischtes

Ein Jahrestag und eine Rede: Bundespräsident Gauck zum Holocaust-Gedenktag im Bundestag

Dr. Alexander von Paleske —- 28.1. 2015 —- Bundespräsident Joachim Gauck hat zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee gestern im Bundestag eine denkwürdige Rede gehalten.

In Auschwitz waren in den Jahren 1940-1945 1,1 Millionen Menschen „fabrikmässig“ ermordet worden.


KZ Auschwitz – Screenshots Dr. v. Paleske

Linke klatscht Beifall
Eine Rede, zu der selbst die Linke Beifall klatschte, gehalten von einem Mann – das sollte nicht vergessen werden – dessen Eltern glühende Nazis waren, die Mutter bereits vor Hitlers Machtantritt 1932 in die NSDAP eingetreten war, der Vater kurz danach, und die der Bundespräsident später verharmlosend in seinem 4-Jahreszeiten-Buch als „Mitläufer“ bezeichnet hatte.


Nazi-Vergangenheit der Eltern verharmlost

In der Tat eine bewegende Rede, die noch einmal aufzählte, was sich in Auschwitz selbst, und in Deutschland und in der deutschen Gesellschaft im Umgang mit dieser Vergangenheit abgespielt hat.

Rolle der Roten Armee gewürdigt
Gauck vergass auch nicht, die Rolle der Roten Armee bei der Befreiung des Konzentrationslagers am 27.1. 1945 zu würdigen.

Nachdem er zu Recht beklagte, wie sehr die deutsche Nachkriegsgesellschaft diese furchtbare Vergangenheit verdrängt hatte, findet sich dann folgende Stellungnahme:

Anders hingegen verhielt es sich mit der selbstkritischen Reflexion. In den 1960er Jahren setzten Intellektuelle wie Alexander und Margarete Mitscherlich fort, was Hannah Arendt schon früher begonnen hatte. Sie fragten auch nach der Mitschuld des „kleinen Mannes“, der sich einem verbrecherischen Führer verschrieben hatte und für die Folgen keine Verantwortung übernehmen wollte. Erst da gewannen die Auseinandersetzungen mit den Verbrechen größere gesellschaftliche Bedeutung. Vorangetrieben und unterstützt durch eine wachsende Zahl kritischer Intellektueller und Künstler lernten die Westdeutschen langsam zu akzeptieren, dass es auch ganz „normale“ Männer und Frauen gewesen waren, die ihre Menschlichkeit, ihr Gewissen und ihre Moral verloren hatten: oft Menschen aus der nächsten Nachbarschaft, sogar Freunde und Mitglieder der eigenen Familie.“

Rolle der Studentenbewegung unterschlagen
Es waren jedoch nicht etwa die durchaus ehrenwerten Alexander und Margarete Mitscherlich, es war vor allem die Studentenbewegung, der während und nach dem 2. Weltkrieg Geborenen, die nun ihren Eltern Fragen stellten, Fragen nach dem Unrecht und wie es überhaupt geschehen konnte.

Die Eltern wehrten ab, sie hatten angeblich von alledem ja nichts gewusst.

Gerade auch gegen diese Heuchelei, dieses Nicht-wahr- haben-wollen, aber auch gegen die Weiterbeschäftigung hoher und höchster, schwer belasteter Amtsträger in der Bundesrepublik, und gegen die Verbrechen, die nun von der Sieger- und Befreiungsmacht USA in Vietnam verübt wurden, richteten sich die Proteste der APO, der ausserparlamentarischen Opposition, die 1968 ihren Höhepunkt erreichten.

Selbst der israelische Botschafter Asher Ben Nathan bemerkte Jahre später über die APO:

„Die hat ja immerhin die letzten Nazis weggefegt“.

Und diese Bewegung führte schliesslich auch Willy Brandt an die Macht, der dann 1970 – nicht für sich selbst – Abbitte stellvertretend für alle, auch die, die Abbitte zu leisten hatten aber es nicht taten, in Warschau am Denkmal für die Opfer des Faschismus niederkniete.

Brandt, der eine Versöhnungspolitik mit den von den Nazis geschundenen Ländern Osteuropas, insbesondere Polen, einleitete, die seine Vorgänger im Amt des Bundeskanzlers nicht einleiten wollten oder konnten. Sein unmittelbarer Vorgänger: Kurt- Georg Kiesinger, seinerzeit NSDAP Mitglied und im Auswärtigen Amt beschäftigt.

Auch Ernst Klee vergessen
Aber auch Personen wie Ernst Klee, die in mühevoller Detailarbeit die Vernichtungsmaschinerie der Nazis offenlegten, und halfen, diese Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, kamen in der Rede Gaucks nicht vor.

Klee, der Namen von teilweise noch lebenden, hochbelasteten Medizinern nannte („Was sie taten, was sie wurden“), welche die Vernichtungsmaschinerie der Nazis ölten, mithalfen, „menschenunwertes Leben“ der Todesmaschinerie zu überantworten.

Mediziner wie der führende Ärztefunktionär Professor Hans Joachim Sewering, der Patienten zur Euthanasie freigegeben hatte, im Nachkriegs-Deutschland Karriere machte, und noch in den 70er Jahren mit Orden überschüttet wurde.

Nein, Mitscherlich, statt Willy Brandt und Ernst Klee, das zeigt überdeutlich, wie der Bundespräsident die Geschichte Nachkriegs-Deutschlands einordnet.

Nicht gegen BILD-Kampagne aufgetreten
Und wer, wie Gauck in seiner Rede, zu Recht den Rotarmisten dankt, die nicht nur das KZ Auschwitz befreiten, der sollte sich eigentlich gegen eine Kampagne verwahrt haben, wie sie die BILD-Zeitung noch vor einigen Monaten losgetreten hatte:

„Weg mit den russischen Panzern aus dem Tiergarten“.


Ehrenmal im Berliner Tiergarten


Kampagne der BILD-Zeitung

Über irgendwelche Proteste gegen diese erbärmliche Kampagne, sei es aus dem Bundeskanzleramt oder aus dem Schloss Bellevue, ist diesseits jedoch nichts bekannt.

Mehr zu der BILD-Kampagne
Danke BILD, danke BILD-Kai (Diekmann) für die Kampagne „Weg mit den russischen Panzern aus dem Tiergarten“

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