Medizin

Antibiotikaresistenz, McDonald’s Hühnerfleisch und die Bundesregierung

Dr. Alexander von Paleske —– 22.3. 2015 —
Die letzten Schreckensmeldungen über Patienten, die an multiresistenten Bakterien verstorben sind, liegen gerade erst acht Wochen zurück. Sie stammen aus der Uniklinik Kiel, wo mehr als 30 Patienten sich im Krankenhaus mit dem resistenten Bacterium Acinetobacter Baumanii infiziert hatten, und mehr als ein Dutzend daran verstarb.
Keineswegs handelte es sich nur um alte, multimorbide Patienten. Das Alter reichte von 27 bis 88 Jahren.

Auch das Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf kämpfte mit multiresistenten Keimen, in diesem Fall mit Klebsiellen, ein besonders gefürchteter Keim, insbesondere auf Neugeborenenstationen.

Erfreuliche Nachrichten?
Nun kamen scheinbar erfreuliche Nachrichten aus dem Hause der Fast Food Kette Mc Donalds: Die Kette will keine Antibiotika-belasteten Hühner mehr verarbeiten.


McDonalds …………..erfreuliche Nachrichten?

Das ist ja wunderbar – möchte man glauben. Nur:

– das ganze beschränkt sich auf die USA, wo bereits 80% aller dort hergestellten Antibiotika in der Tiermast eingesetzt werden.

– Wo Antibiotika auch routinemässig dem Futter beigemischt sind, was in der EU (erst) seit 2006 verboten ist.

– Wo die Hühner im Kot stehen, weil die Ställe nicht ausgemistet werden während eines Durchgangs

– Wo bereits die auszubrütenden Eier mit Antibiotika beimpft werden.

– Es ist auch nicht das erste Mal, dass diese Fast Food Kette eine derartige Ankündigung macht, aber prompt meldet das Handelsblatt:


Wirklich das Aus?

Schön wär’s, aber es empfiehlt sich, erst einmal das Kleingedruckte zu studieren: Keineswegs sollen die Antibiotika aus der Massentierhaltung verbannt werden.

Weiterhin Antibiotika in der Massentierhaltung
In den USA dürfen Zulieferer für McDonalds weiterhin Antibiotika bei der Hühnerzucht verwenden, sofern sie nicht in der Humanmedizin eingesetzt werden.

Originalton McDonalds:

Unsere Kunden wollen Nahrung, bei der die Lebensmittelkette stimmt, von der Farm bis zum Restaurant Es werde mit den Hühnerfarmen zusammenarbeiten, um den Einsatz der für den Menschen wichtigsten Antibiotika zu stoppen. Die 14.000 Filialen in den USA sollen die Entscheidung binnen zwei Jahren umsetzen. McDonald’s wird nur noch Hühner beziehen, die ohne Antibiotika großgezogen wurden, die wichtig für die Humanmedizin sind. Es werde sich dabei an den Vorgabe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) orientieren. Die Züchter würden aber weiter verantwortungsvoll Antibiotika-Typen nutzen, die speziell für die Gesundheit von Hühnern entwickelt wurden“.

Radikale Wende?
Was ist von den Massnahmen in den USA zu halten, stellen sie wirklich – sofern umgesetzt – eine radikale Wende dar?
Die Frage kann mit einem glatten NEIN beantwortet werden.

„McDonald’s wird nur noch Hühner beziehen, die ohne Antibiotika großgezogen wurden, die wichtig für die Humanmedizin sind“,

heisst es.

Das lässt Tür und Tor offen für den weiteren ungezügelten Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung.

– Selbst wenn bestimmte Antibiotika nur in der Massentierhaltung eingesetzt werden, bedeutet dies keineswegs, dass sie nicht gruppenmässig zu den gleichen gehören, die in der Humanmedizin zum Einsatz kommen.
Mehr noch: Resistenzen können die Bakterien, die Antibiotika ausgesetzt sind, auch gegen ähnliche Antibiotika entwickeln, und sie können diese Resistenzen per Info-Transfer, auch an andere Bakterienstämme weitergeben.

– Weiter will McDonalds keine Hühner von Betrieben beziehen, die Antibiotika zur Tiermast und prophylaktisch einsetzten. Dies ist jedoch völlig irrelevant, weil der Verbrauch von Antibiotika trotz dieser Massnahme nicht zurückgeht, vielmehr weiter ansteigt, wie das Beispiel Deutschland zeigt: trotz des seit 2006 geltenden Verbots der prophylaktischen Verabreichung von Antibiotika in der Tiermast kein Rückgang sondern weiterer Anstieg des Verbrauchs.

Der Grund: kein Hähnchen schafft es ohne Antibiotika bis zum Schlachttag. Und individuell lassen sich die kranken Tiere ohnehin nicht behandeln, also rein mit den Antibiotika, statt ins Futter eben ins Trinkwasser.

– Das Versprechen, die Vorgaben der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, einzuhalten, kann kaum Enthusiasmus auslösen. Die WHO kann in Sachen Antibiotikaresistenz – wie auch bei der Ebola-Epidemie – nur als „Schlafmützenverein“ bezeichnet werden.

Deren Vorgaben hinken der drohenden Krise der Antibiotikaresistenz meilenweit hinterher, wie wir bereits früher scharf kritisiert haben.

Bis heute hat die WHO sich nicht dazu aufraffen können. die Massentierhaltung als einen entscheidenden Schrittmacher bei der dramatisch zunehmenden Antibiotikaresistenz zu benennen. Von der Forderung nach einem generellen Verbot des Einsatzes von Antibiotika in der Massentierhaltung ganz zu schweigen.

– Schliesslich ist es nicht das erste Mal, dass McDonalds eine derartige Ankündigung macht: Zuvor bereits im Juni 2003. Da hiess es in der Presse:

On June 19, the fast-food titan McDonald’s announced it would ask its meat suppliers to stop using antibiotics to promote growth, and to cut back on antibiotics used in animals for other purposes. Close to 25 million pounds of antibiotics are fed every year to livestock almost eight times the amount given to humans to treat disease according to the Union of Concerned Scientists. The unregulated, widespread use of antibiotics in animals has led to bacteria that are resistant to older drugs such as penicillin and tetracycline, making them less effective in treating sick humans.”

12 Jahre danach
Nach 12 Jahren eine kaum veränderte Geschäftspolitik bekanntzugeben, zwingt zu der Frage: was hat das Unternehmen denn in der Zwischenzeit getan, um seine Forderung gegenüber den Hühnerzüchtern durchzusetzen? Es drängst sich der Verdacht aus, dass die erneute Ankündigung der fast Food Kette eine, wenn nicht folgenlose, so doch in Sachen Antibiotikaresistenz wirkungslose Massnahme ist.

Der wirtschaftliche Hintergrund
Der Umsatz von McDonalds ist zunehmend ins Stocken geraten. In den USA sind sogenannte Fast-Casual Restaurants wie Chipotle Mexican Grill oder Panera im Kommen, die sich als Premium-Label mit Bio-Anspruch vermarkten. Jetzt soll Hühner- Bio McDonalds zum Umsatzplus verhelfen.

Abwegige Schlagzeile
Die Schlagzeile des Handelsblattes:

Mc Donalds überholt Bundesregierung

ist somit abwegig.

Richtig daran ist, dass die Bundesregierung sich im Nichtstun übt, angesichts dieser gefährlichen Entwicklung.

Die neueste Mitteilung aus dem Ministerium für Verbraucherschutz hört sich so an:

„Der Bund überprüft bei allen Antibiotika, ob sie weiterhin in der Landwirtschaft eingesetzt werden sollten. Eine Liste mit Mitteln sei in Arbeit. Alle würden intensiv geprüft…… Verbote sind nicht ausgeschlossen“.

Na, dann prüft mal schön, während die Katastrophe ihren Lauf nimmt.

Woher weiss der Minister ……..
Schliesslich versteigt sich Landwirtschaftsminister Schmidt auch noch zu der Feststellung:

“ Ein Grossteil der Antibiotikaresistenzen entsteht in der Humanmedizin“.

Woher weiss der Minister das? Es gibt keine umfassende Studie, die das belegen kann, und die Richtigkeit der Aussage ist schon deshalb zweifelhaft, weil in der Massentierhaltung 40 mal so viel Antibiotika verbraucht werden, wie in allen Krankenhäusern zusammen, und immer noch sieben mal so viel wie in der gesamten Humanmedizin in Deutschland.

Das Ministerium hat offenbar auch keine umfassende Studie in Auftrag gegeben, welche diese wichtige Frage klären könnte.

Nutzlose Grüne
Wie wenig die Grünen diese Entwicklung beeinflussen können und / oder wollen, zeigt sich auch daran dass der agrarpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Friedrich Ostendorff die Bundesregierung aufforderte,

„das Signal von McDonald’s aufzunehmen und Reserveantibiotika in der Tiermast gänzlich zu verbieten. Die Regierung wird beim Verbraucherschutz von der Fastfoodkette überholt, dies ist vor allem für Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) blamabel. Die problematische Abgabe von äußerst wichtigen Reserveantibiotika steigt auch in Deutschland gefährlich an“.

Dass von Überholen höchstens im Zusammenhang mit der Wortwahl geredet werden kann, scheint diesem grün angehauchten Herrn überhaupt nicht in den Sinn zu kommen, zumal die Mc Donalds –Massnahmen ja nur für die USA, nicht aber für Deutschland gelten. Wie schön.

In das gleiche, harmlose grüne Horn tutet auch die grüne Agrarministerin Hessens, Priska Hinz. Keine Überraschung angesichts des hessischen Koalitionsvertrags, den wir bereits mehrfach heftig kritisiert haben.

Die Grünen sollten sich vielmehr ein Beispiel an Greenpeace nehmen: Statt unberechtigter Lobhudelei demonstrierten Greenpeace-Aktivisten am 20.3.2015 vor der McDonalds Deutschland-Zentrale in München gegen Gentechnik, Antibiotika und schlechte Tierhaltung bei den Zuliefererfirmen der Fast Food Kette.

Und so geht es weiter mit Volldampf in die Resistenzkatastrophe..

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Ein Gedanke zu “Antibiotikaresistenz, McDonald’s Hühnerfleisch und die Bundesregierung

  1. Danke für so viel Aufklärung.
    “ Wo die Hühner im Kot stehen, weil die Ställe nicht ausgemistet werden während eines Durchgangs“
    Da bekommt das Chlorbad der Hühnchen einen Sinn.
    Wie kann man da noch TTIP zustimmen?

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