Medizin

Das Zeitalter der Antibiotika droht zu Ende zu gehen – mit katastrophalen Folgen

Dr. Alexander von Paleske — 20.11. 2015 —Die laufende Woche wurde vom „Schlafmützenverein“ Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur World Antibiotika-Awareness Week erklärt.
Das Augenmerk der Welt soll auf die zunehmende Resistenz vieler Bakterien gegen Antibiotika gerichtet werden.

Die Schreckens-Vision der WHO: im nächsten Jahrhundert könne die „Post Antibiotika Ära“ anbrechen, mit hohen Todeszahlen nach selbst simplen Infektionen, die nicht mehr beherrscht werden können.

Voraussage falsch
Diese Voraussage ist so falsch, wie vieles, was die WHO in den letzten Jahren getan und gesagt hat: Die Dynamik der Resistenzentwicklung und das Fehlen neuer Antibiotika lassen dieses Ereignis bereits in rund 35 Jahren wahrscheinlich machen. Möglicherweise sogar noch früher..

Bereits im Jahre 2050, so lauten die Prognosen, wird es keine einigermassen wirksamen Antibiotika mehr geben. Die daraus projektierten Todeszahlen pro Jahr sind hier aufgelistet.

Schon jetzt sterben in Deutschland pro Jahr bis zu 10.000 Patienten an Infektionen mit resistenten Keimen.

Bereits wesentlich früher können dann bestimmte Behandlungen, wie z.B. Knochenmarktransplantationen, intensive Krebstherapie und komplizierte Operationen, nicht mehr durchgeführt werden, weil bakterielle Infektionen, die unter der Therapie regelhaft auftreten, sich nicht mehr beherrschen lassen.

Resistenzen gegen Reserveantibiotikum
Nun platzten auch noch die Ergebnisse einer chinesischen Studie, veröffentlicht in der angesehenen Medizinzeitung Lancet Infectious Diseases , auf den Nachrichtentisch: dass nunmehr auch Resistenzen gegen ein wichtiges Reservemedikament namens Colistin, das in verzweifelten Fällen weitgehender Resistenz der Bakterien gegen die gängigen Antibiotika zum Einsatz kommt, nachgewiesen werden konnten, und zwar, wie sollte es anders sein, zuerst in den Ställen der Massentierhaltung.

Die Fünf-Jahres-Regel

Einmal in einem Land aufgetreten, dauert es rund drei Jahre, bis die Resistenz weltweit festgestellt werden kann, und dann noch einmal zwei Jahre, bis in den jeweiligen Ländern die meisten Proben diese Resistenz aufzeigen.

Also insgesamt 5 Jahre, bis ein Medikament weltweit wirkungslos wird, wie die Infektiologin Susan Hopkins vom Royal Free Hospital in London gegenüber der BBC erklärte.

Die Resistenz gegen Colistin ist bereits in indischen Krankenhäusern aufgetaucht, und wird demnächst dann auch Europa erreichen.

Auch Resistenzen bei sexuell übertragbaren Erkrankungen
Aber es sind nicht nur die neuen Schreckensmeldungen – diesmal aus China – die Schlagzeilen machen, sondern gleichfalls Nachrichten über die zunehmende Resistenz der Erreger sexuell übertragbarer Erkrankungen.

Nachdem die Erreger der Gonorrhoe (Tripper) eine weitverbreitete Resistenz gegen Standardmedikamente wie die Chinolone zeigten, werden mittlerweile auch Resistenzen gegen Ausweichmedikamente gemeldet, und bald könnte die Gonorrhoe unbehandelbar werden, und bei der Syphilis auf das ausserorentlich toxische Salvarsan ziurückgegriffen werden , aus der Steinzeit der Behandlung der Geschlechtskrankheiten, wir berichteten darüber .

Auch das Mycoplasma Genitalium, eine oftmals asymptomatisch verlaufende sexuell übertragbare Erkrankung, die aber auch zu Hodenschmerzen, Unterleibsschmerzen Entzündungen der Harnröhre und des Muttermundes der Gebärmutter führen können, wird zum Problem:.Bereits 1% aller Menschen in Grossbritannien sind damit infiziert, und – wie bei der Gonorrhoe – mussten weitverbreite Resistenzen festgestellt werden

Hinzu kommt, dass die sexuell übertragbaren Erkrankungen weiter stark im Anstieg begriffen sind, offenbar gefördert durch leider nicht gerechtfertigte Sorglosigkeit: „Lässt sich leicht behandeln, wozu also Kondome“ – ein gefährlicher Irrglaube, der aber weit verbreitet ist.

So stieg die Gonorrhoe-Infektionsrate in Grossbritannien letztes Jahr um 19%, bei der Syphilis sind es schon 33%. Insgesamt rund 33.000 Fälle wurden vergangenes Jahr gemeldet, die allesamt auf ungeschützten Verkehr hinweisen.

Massentierhaltung muss verschwinden
An allererster Stelle in der Resistenzvermeidung steht – neben dem überlegten Einsatz in der Humanmedizin, äusserster Hygiene und der Beseitigung der Antibiotikareste aus den Hospitalabwässern – vor allem die Unterbindung des Einsatzes in der Tiermedizin, wo immer noch deutlich mehr Antibiotika eingesetzt werden als in der gesamten Humanmedizin.

Wie ungenau Medien über die notwendigen Massnahmen zur Eindämmung der Resistenz bei der Massentierhaltung berichten, zeigt der SPIEGEL Artikel vom 19.11. 2015:

„Ein Gen macht rettende Antibiotika unwirksam“

Dort heisst es
.
…….dass dort In der Tierhaltung (der SPIEGEL vermeidet das Wort Massentierhaltung“) so häufig Antibiotika eingesetzt werden, trägt mit dazu bei, dass resistente Erreger entstehen. In der Nutztierhaltung in Deutschland deutet sich derzeit allerdings eine Kehrtwende an: Inzwischen werden immerhin etwas weniger Antibiotika eingesetzt als noch vor wenigen Jahren, berichtete das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Anfang November.

Welche Kehrtwende?
Von welcher Kehrtwende berichtet der Autor? Es gibt bisher keine Kehrtwende, die diesen Namen verdient: weder in der Massentierhaltung noch im Antibiotikaeinsatz. Zwar wird ein leichter mengenmässiger Rückgang im Antibiotikaverbrauch festgestellt, dafür kommen aber mehr hochpotente Antibiotika zum Einsatz, die so ebenfalls wirkungslos gemacht werden. Auch das Colistin.


……..kaum zu glauben. Mit Massentierhaltung?

Der ungezügelte Fleischverbrauch, den die Massentierhaltung mit der notwendigen Antibiotikaverfütterung ermöglicht, kann so nicht weitergehen, wenn wir weiter lebensrettende Antibiotika zur Verfügung haben wollen.

Die Zeit drängt.

Zur Antibiotikaresistenz
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