Medizin

Antibiotika-Resistenz – Schuldige in Indien gefunden, oder: auf einem Auge blind

Dr. Alexander von Paleske —– 7.5. 2017 —–

„Hohe Zahl Supererreger rund um indische Pharmafabriken“ lauteten die Schlagzeilen in den Medien in der abgelaufenen Woche. Forscher aus Leipzig hatten Proben aus Gewässern rund um Pharmafabriken in Indien genommen, und dabei folgendes festgestellt:

– hohe bis extreme hohe Belastung der Gewässer rund um die Pharmafabriken in Hyderabad/Indien mit Antiinfektiva, darunter Fluconazol (Mittel gegen systemische Pilzerkrankungen), und Moxifloxacin (breit antibakterielles Medikament, auch im Einsatz gegen Tuberkulose).

– als Folge davon multiresistente Keime in den Gewässern, die dann über die Nahrungskette, oder direkt im Menschen landen, und so die heute verfügbaren Antibiotika wirkungslos machen.

Keine Überraschung
Überraschend ist das kaum. Herrliche Produktions-Bedingungen herrschen dort: Umweltschutz – Fehlanzeige. Abwässer gelangen ungeklärt in Flüsse und Seen. Die Behörden werben geradezu mit der laschen Umweltgesetzgebung und dem Fehlen von Auflagen, wie sie mittlerweile in Europa selbstverständlich sind.. Und, noch schöner: die Löhne sind extrem niedrig.

In Deutschland frisch auf den Tisch
Aber das sieht man ja den Medikamenten nicht an, wenn sie in deutschen Landen frisch auf den Tisch kommen. Und Deutschland bezieht einen Grossteil der Generika, also Medikamente, deren Patentschutz abgelaufen ist, und die überall ohne Lizenz hergestellt werden können, von dort.

Ein weiteres Problem, wie es zur Resistenzentwicklung der Bakterien kommt, ist, wie in vielen anderen Ländern auch, keineswegs nur in Indien: die hergestellten Antibiotika sind frei erhältlich auf den Märkten, wo auch Obst, Gemüse und Lebensmittel verkauft werden. Keine Rezeptpflicht. Kein vorheriger Arztbesuch vonnöten. Wie einfache Schmerzmittelüber die Theke. Dem Misssbrauch ist damit Tür und Tor geöffnet.

Gröhes Wort zum Sonntag

Schon meldet sich Bundesgesundheitsminister Gröhe zu Wort. Originalton:

„Es ist wichtig, Industrie- und Umweltstandards zu erarbeiten, die am Produktionsort durch Fachleute kontrolliert werden. Es ist unerlässich, dass Pharmaunternehmen ihre Abwässer entsprechend aufbereiten“

Der Herr sollte erst einmal vor seiner eigenen Türe kehren. Zwar dürfen in Europa Pharmaunternehmen die Abwässer nicht mehr ungeklärt in die Flüsse leiten. Aber die Abwässer aus Krankenhäusern, dort wo ebenfalls resistente Keime auftreten wie zuletzt in der Frankfurter Universitätsklinik, wo extrem resistente Klebsiellen vermutlich zum Tode von drei Patienten beitrugen, passieren keine Bakterienfilter.

Mehr noch: Auch hier gelangen Antibiotika von Patienten ausgeschieden, in die Abwässer. Zwar nicht ungeklärt in die Flüsse, aber über den Klärschlamm wieder auf die Felder.

Nur die halbe Wahrheit
Die wissenschaftliche Arbeit der Leipziger Forscher ist zu begrüssen, aber es ist nur die halbe Wahrheit, denn auch in Deutschland führt der ungezügelte Antibiotikaverbrauch insbesondere in der Massentierhaltung, zur Resistenzentwicklung.

Die gefährlichen Brutstätten der Antibiotikaresistenz sind vor allem in den Mastbetrieben zu finden. Insbesondere die Geflügeltierhaltung, wo es kein Viech ohne Antibiotika bis zum Schlachttag schafft. Hier gibt es keinerlei engmaschige Kontrolle sowohl bei der Tierhaltung selbst, wie auch in den Schlachtbetrieben und bei der zum Verkauf bereitliegenden Ware.

Dabei sind die Ergebnisse von Stichproben, durchgeführt von Nichtregierungsorganisationen, und keineswegs von staatlichen Gesundheitsämtern, schon alarmierend genug, wir berichteten mehrmals darüber.

Muss verschwinden
Der Massentierhaltung – allein in Niedersachsen sind es 400 Millionen Viecher pro Jahr – muss energisch zu Leibe gerückt werden, und genau davor drückt sich Gröhe, drücken sich die Parteien. Auch die Grünen, soweit sie an der Regierung beteiligt sind, wie z.B. in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hessen und Nordrhein Westfallen, lassen keinerlei Ansätze erkennen, die Massentierhaltung wirksam zu bekämpfen.

Nicht nur auf und im Schlachtvieh lassen sich vielfach resistente Bakterien nachweisen, sondern auch die Gülle der Mastbetriebe, die auf den Feldern landet, ist mit Antibiotika und resistenten Bakterien belastet, die so den Weg wieder in die Nahrungskette finden. Guten Appetit kann man da nur wünschen.

.Auch in der Dritten Welt
Die Massentierhaltung mit zügellosem Antibiotikamissbrauch hat sich mittlerweile ebenfalls in der 3. Welt ausgebreitet, wie ein Artikel vor zwei Wochen in der simbabweschen Zeitung deutlich belegt.

Am schlimmsten ist zweifellos die Situation in den USA, wo 80% aller hergestellten Antibiotika an Tiere verfüttert werden. Die Trump Administration hat gerade die Mittel für die Umweltbehörde EPA drastisch zusammengestrichen. Dringend notwendige Aktionen sind von dort deshalb nicht mehr zu erwarten.

Zu fehlenden Massnahmen gegen die drohende Klimaveränderung gesellt sich die Antibiotikaresistenz, die nach konservativen Schätzungen im Jahre 2050 bereits 10 Millionen Tote fordern könnte.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO, die dieses Problem nicht erst seit ein paar Jahren kennt, hat in Sachen Massentierhaltung bestenfalls lauwarm reagiert.

Nicht nur deswegen könnte der britische Astrophysiker Stephen Hawking recht behalten, der jetzt das Ende der Menschheit nicht mehr erst in 1000 Jahren, sondern bereits in 100 Jahren kommen sieht. Allerdings ist sein Vorschlag, nach bewohnbaren Planeten Ausschau zu halten, kaum ein Ausweg.

Fazit:
Es muss rasch gehandelt werden, nicht nur in Indien. Wer Indien sagt, der muss z.B. auch Deutschland, und Gröhe sagen, muss auch Massentierhaltung und deren Folgen nennen.

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