Krieg

Afghanistan – noch mehr (auch deutsche) Truppen? Eine Stellungnahme von Ex-Botschafter Dr. Werner Kilian

Dr. Alexander von Paleske ——- 21.2. 2018 ——

In den letzten Wochen hat es wieder schwere Selbstmord-Anschläge in der afghanischen Hauptstadt Kabul gegeben. Entweder gingen sie auf das Konto der national-islamistischen Taliban, oder auf die mittlerweile erstarkenden Terrorbanden des islamischen Staates (IS).

Die Hauptlast des Krieges trägt nach dem Abzug des Grossteils der ISAF Truppen jetzt die afghanische Armee, die im Jahre 2016 rund 7000 Tote zu beklagen hatte. Gleichwohl ist ein durchschlagender Erfolg dieser Armee gegen die Aufständischen nicht festzustellen.
Ganz im Gegenteil: grosse Teile der ländlichen Gebiete werden mittlerweile von den Taliban kontrolliert. Als Terror-Konkurrenz ist jetzt auch noch der Islamische Staat (IS) aufgetaucht, dessen Terrorangriffe sich nicht nur gegen den Staat, sondern auch gegen die moslemischen Schiiten richten, die sie als Gotteslästerer ansehen.

Gibt es überhaupt noch einen Ausweg aus dieser völlig verfahrenen Lage?

Ich bat den ehemaligen deutschen Botschafter Dr. Werner Kilian, erneut um eine Stellungnahme. Er war zu Beginn seiner diplomatischen Karriere drei Jahre als politischer Botschaftsrat und stellvertretender Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Afghanistan. Er hat das Land kreuz und quer bereist und auch später die dortigen Ereignisse intensiv verfolgt.


Botschafter a.D. Dr. Werner Kilian

Dr. Werner Kilians Stellungahme

Die Lage in Afghanistan ist wieder einmal völlig verfahren. Die Soldaten der regulären afghanischen Armee schaffen es trotz der massiven Unterstützung der USA und ihrer Verbündeten nicht, der Taliban Herr zu werden.

Wer sind die Aufständischen
Unter der pauschalen Bezeichnung „Taliban“ werden etwa ein Dutzend bewaffneter Organisationen bezeichnet, einschließlich al Qaida und dem afghanischen Zweig des Islamischen Staats, die alle gegen die Regierung in Kabul kämpfen, und ungefähr 40% des Landes kontrollieren.

Die Zahl der aktiven Kämpfer wird von amerikanischer Seite auf etwa 60.000 geschätzt. Der Präsident des BND geht in einem Interview von nur 30.000 aus.

Taliban Kerntruppe
Die Taliban sind jedenfalls die Kerntruppe des Widerstands. Sie haben ihre Wurzeln in den paschtunischen Stammesgebieten beiderseits der afghanisch-pakistanischen Grenze. Sie genießen vielfältige Unterstützung von pakistanischer Seite.

Die von ihnen getragene Führung des „Islamischen Emirats“ lehnte 2001 die von den USA geforderte Auslieferung des Osama bin Laden ab, was die Regierung in Washington zur bewaffneten Intervention und zum Einmarsch in Afghanistan veranlasste.

Die Taliban berufen sich noch heute darauf, dass die USA keine Beweise für die Schuld Osama bin Ladens am Terroranschlag auf das World Trade Center geliefert hätten und sie daher wegen des traditionellen afghanischen Gastrechts die Auslieferung als „unislamisch“ ablehnen mussten.

Verständnis von Deutschland erwartet
Gerade bei den Deutschen erwarten sie Verständnis für diese Haltung. Hatte doch die afghanische Regierung im zweiten Weltkrieg die von den Alliierten geforderte Auslieferung der verbliebenen 180 deutschen Staatsangehörigen verweigert und für sie freies Geleit ausgehandelt.

Nationale Idee
Die Taliban stützen sich auf die nationale Idee, dass sie das Land gegen eine erneute Invasion verteidigen müssen. Sie sehen sich in der Tradition ihrer Vorfahren, die dreimal die Aggression der Briten und in neuerer Zeit die übermächtigen Sowjets aus dem Land gezwungen haben.

Sie glauben auch dieses Mal an den Sieg ihrer zermürbenden Partisanentaktik über die technisch weit überlegene Macht der „Ungläubigen“.

Erfolge der Taliban
Sie haben durchaus Erfolge zu verbuchen. Wenn man die Bilder von den ersten Kontingenten der deutschen Truppen im Norden Afghanistans mit den heutigen Aufnahmen der Berater im eingeigelten Camp vergleicht, sieht man auf den ersteren kleine Gruppen von Soldaten, die zu Fuß durch Dörfer gehen und mit den Bewohnern leutselig Tee trinken. Heute leben sie hinter hohen Mauern, die sie wegen der unberechenbaren Talibanangriffe nicht verlassen dürfen.

Zu den Erfolgen der Taliban zählt auch, dass es ihnen immer wieder gelingt, mit Sprengstoffladungen in die Hochsicherheitsquartiere in Kabul einzudringen.

Motive der Selbstmordattentäter
Man fragt sich, warum es so viele Menschen gibt, die bereit sind für ein Sprengstoffattentat oder eine Harakiriaktion ihr Leben zu opfern,

Die Aussicht auf Privilegien im Paradies (12 Jungfrauen) wird nicht das alleinige Motiv sein. Im religiös-moralischen Bereich wird man auch die Verachtung für den maroden Sittenkodex der Ungläubigen in Betracht ziehen müssen. Nicht wenige werden von dem Drang nach Rache für misslungene US-Bombardements und Drohnenangriffe und den dadurch verursachten „Kollateralschaden“ in ihrem Umkreis getrieben sein.

In erster Linie aber werden Todesdrohungen, Erpressung von Angehörigen, Geldzahlungen für die hinterbliebene Familie oder Gruppenzwang im dörflichen Umfeld die entscheidende Rolle bei der Rekrutierung von „Märtyrern“ spielen.

Kein Sieg im offenen Kampf
Weder die Taliban noch die anderen regierungsfeindlichen Gruppen werden in der Lage sein, in offenem Kampf zu siegen..

In der historischen Schlacht von Maiwand konnten vereinigte afghanische Stämme 1880 die Briten schlagen, weil sie in Zahl und Ausrüstung leicht überlegen waren.

Heutzutage sind umgekehrt die Regierungstruppen und ihre Verbündeten in jeder Hinsicht überlegen. Aber diese Überlegenheit lässt sich nicht in einen militärischen Endsieg verwandeln.

Wir erleben seit dem massiven Rückzug westlicher Truppen um 2014 eine Pattsituation. Taliban und IS kontrollieren größere Territorien als jemals seit der US-Intervention von 2001. Das könnte sich nur ändern, wenn die US-geführte Allianz wieder mehr Truppen in Afghanistan einsetzen würde. Das aber ist angesichts der enormen Kosten und der Kriegsmüdigkeit in der westlichen Welt nur sehr begrenzt und nur für einen überschaubaren Zeitraum möglich.

Das alternative Ziel, das noch heute verfolgt wird, ist die Hoffnung, dass es gelingen könnte, die afghanischen Streitkräfte so gut auszubilden, dass sie allein mit den Partisanen im Land fertig werden.

Kein Sieg durch afghanische Armee
Auch diese Hoffnung schwindet, weil allzu viele Soldaten desertieren und aus den verschiedensten Motiven die Seiten wechseln. Die Anschläge der Taliban sind zahlreicher geworden und ereignen sich überall im Land. Diese Omnipräsenz der Partisanen hat dazu geführt, dass sich die deutschen Rest-Truppen in ihren Camps einigeln und in erster Linie ihre eigene Sicherheit verteidigen.

Die Amerikaner sind dazu übergegangen, die führenden Köpfe der Taliban durch Drohnen zu eliminieren. Die Tage, in denen sie glaubten, die Gegner zu zermürben und sie zu Verhandlungen, möglicherweise zur Teilhabe an der Regierungsverantwortung überreden zu können, sind ergebnislos vergangen.

Was tun? Gibt es eine Lösung, die das sinnlose Blutvergießen zu Ende bringt?
Als sich die US-Regierung 2001 dazu entschloss, mit Billigung der UNO und aktiver Unterstützung der NATO in Afghanistan einzumarschieren, hatte sie zwei Ziele: einmal die Auslieferung Osama bin Ladens, zum anderen die Absetzung der Taliban-Regierung unter Mullah Omar, die als „Islamisches Emirat Afghanistan“ etwa 95% des Landes unterworfen hatte, aber nur von ganz wenigen Staaten als legitime Regierung Afghanistans anerkannt wurde.

Den Taliban wurden zahlreiche Verletzungen der Menschenrechte vorgeworfen. Nach westlichen Vorstellungen sind diese Vorwürfe durchaus berechtigt. Die Taliban entstanden aus einer Bewegung von paschtunischen Koranschülern aus den pakistanischen Madrassen, die Afghanistan zu einem strenggläubigen islamischen Staat nach den Gesetzen der Scharia umformen wollten.

Man wird nicht fehlgehen, wenn man neben dem religiösen Reformeifer die Verärgerung der Paschtunen als Triebfeder sieht, weil sie, der größte unter den afghanischen Stämmen, in der international anerkannten Regierung der „Islamischen Republik Afghanistan“ nicht vertreten waren. Die Paschtunen hatten immer die Könige und zuletzt auch die Präsidenten des Landes gestellt. Nun wurde ihnen zugemutet, sich von den Tadschiken, Usbeken und Hasaras in der Nordallianz regieren zu lassen.

Historische Gegensätze als Haupthindernis
Man kommt nicht umhin, die historischen Gegensätze zwischen den vielen Stämmen des Landes als Haupthindernis für seine Befriedung anzusehen. Manche fragen sich, ob Afghanistan jemals ein Staat im traditionellen Sinn war, ob es nicht eher der Gruppe von „failed states“ zugerechnet werden muss, für die unsere Kriterien freier Wahlen, einer effektiven Zentralregierung, Gewaltenteilung, Gleichberechtigung, Menschenrechte usw. nur als ferne Ziele gelten können.

Ehemalige Verfassungswirklichkeit als Anknüpfung
Man sollte vielleicht von der Verfassungswirklichkeit in den letzten Jahren des Friedens, also den Jahren der konstitutionellen Monarchie bis 1973 ausgehen. Damals gab es zwar eine zentrale Regierung und Provinzgouverneure, aber ihre Autorität fand ihre Grenze in den respektierten lokalen Machtbefugnissen der Stammes- und Dorfältesten. Nur mit ihrer Zustimmung konnte von Kabul aus in die entferntesten Landesteile hineinregiert werden.

Islam und Kampf gegen Eindringlinge als nationaler Kitt
Der nationale Kitt war eine strenge Auslegung des Islam und das Zusammenstehen der Stämme gegen britische und russische Invasoren. Auch gab es das gemeinsame Interesse an einer möglichst gleichmäßigen Verteilung der ausländischen Entwicklungshilfe, die früher noch reichlich in das neutrale Land floss.

Die wichtigsten Geberstaaten hatten ihre bevorzugten Gebiete. So bestand die Sowjetunion auf Exklusivität im gesamten Norden entlang ihrer Grenze, die Bundesrepublik Deutschland konzentrierte sich auf die paschtunische Kernprovinz Paktia, wo zeitweise bis zu 100 deutsche Experten in allen möglichen Bereichen tätig waren. Im übrigen Land konkurrierten viele westliche und auch ungebundene Staaten wie Indien und Jugoslawien, zum Teil mit vorzeigbaren Erfolgen für den wirtschaftlichen Aufschwung Afghanistans.

Nur mit wirtschaftlichen Fortschritten
Nur auf diesem Wege sichtbarer wirtschaftlicher Fortschritte lässt sich Licht am Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen ahnen. Das größte Hindernis dabei wird sein, die Taliban, al Qaida, den afghanischen Ableger des IS und die anderen Gruppen in den fragilen Staatsapparat einzubinden und ihnen die schweren Waffen aus den Händen zu nehmen. Dies mag ebenso schwierig sein wie die Wiederbelebungsversuche an den zerschlagenen Staaten wie Irak, Libyen und Syrien.

Aber dies wird die wichtigste Aufgabe zahlreicher Außenministerien rund um den Globus in den nächsten Jahren und wahrscheinlich sogar Jahrzehnten sein.

Mit einer Verstärkung der westlichen Truppen wird der Krieg in Afghanistan nicht gewonnen sondern nur verlängert.

Dr. Werner Kilian wurde 1932 in Mainz geboren und studierte Jura in Bonn und Berlin sowie Völkerrecht und Politik in Genf. Es folgten Tätigkeiten als Assessor und die Dissertation im internationalen Seerecht. Von 1961-1997 war Dr. Kilian im Bonner Auswärtigen Dienst mit Auslandsstationen in Paris, London, Kabul, Bukarest, Harare. Zuletzt war er Leiter der Ausbildungsstätte des Auswärtigen Amtes im Treptower Park für Jungdiplomaten aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks.

Veröffentlichungen von Dr. Werner Kilian

Adenauers Reise nach Moskau. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2005

Die Hallstein-Doktrin. Der diplomatische Krieg zwischen der BRD und der DDR 1955-1973. Aus den Akten der beiden deutschen Außenministerien. Duncker und Humboldt Verlag, Berlin 2001

Schrecken ohne Ende? – Ein Interview mit Botschafter a.D. Dr. Werner Kilian
Nach der Afghanistankonferenz – Dr. Werner Kilian im Interview

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