Krieg

Günter Grass, ein Gedicht und das Jerusalem-Syndrom

Dr. Alexander von Paleske — 7.4. 2012 —
In einer Meldung von Tagesschau.de heisst es heute:

Es klingt absurd, aber in Jerusalem kommt es öfter vor: Menschen stehen in weißen Umhängen in der Stadt, predigen und halten sich für einen der zwölf Apostel oder die Jungfrau Maria. Mediziner nennen das „Jerusalem-Syndrom“, eine Krankheit

Eine derartige Krankheit scheint derzeit auch in Deutschland zu grassieren: das „ich bin der Verteidiger Jerusalems bzw. Israels“-Syndrom.
Es geht um die Reaktionen auf ein Gedicht von Günter Grass. Reaktionen, die schon fast ins Psychopathologische reichen.

Was war geschehen?
Günter Grass nahm die bevorstehende Lieferung eines deutschen U-Bootes, ein U-Boot, von dem aus auch Atomraketen abgefeuert werden können, zum Anlass, nicht nur dagegen mit literarischen Mitteln zu protestieren, sondern auch nachdrücklich auf die unmittelbar drohende Kriegsgefahr im Nahen und Mittleren Osten hinzuweisen, nachdem der israelische Premier Benjamin Netanyahu im Chor mit seinem politischen Zwilling Ehud Barak mehrfach einen israelischen Erstschlag gegen Irans Atomeinrichtungen in allernächster Zeit in Aussicht gestellt hatte.


Duo infernale: Verteidigungsminister Ehud Barak (l) und Premier Benjamin Netanyahu (r) Screenshot: Dr. v. Paleske

Reale Kriegsgefahr
Die Gefahr ist in der Tat real, und was Israel offenbar im Augenblick (noch) davon abhält ist der Druck seitens des US Präsidenten Barack Obama, wir schrieben mehrfach darüber.

Letztlich besteht die grosse Gefahr, dass Israel zum Erstschlag ausholt, und über die Gegenreaktionen des Iran dann die USA in den Krieg mit hineinzieht.

Interessanterweise setzen sich die meisten Stellungnahmen zum Grass-Gedicht nicht etwa mit der drohenden Kriegsgefahr und der deutschen U-Boot Lieferung, oder mit der Frage, ob der Iran tatsächlich eine Atombombe besitzt, sondern mit dem Gedicht auseinander, welches als

antisemitisch bzw. judenfeindlich

künstlerisch miserabel

und als Hassgesang
bezeichnet wird.

Den Vogel schiesst wieder einmal der ZEIT-Herausgeber Josef Joffe ab, der laien-tiefenpsychologistisch über eine krude Interpretation des Gedichts – dabei sich auf Sigmund Freud berufend – den Antisemitismus in dem Hirne von Günter Grass geortet zu haben glaubt.

Aber damit nicht genug: Nachdem er bereits vor Wochen in einem Leitartikel die Kriegsgefahr versuchte herunterzuspielen, bezeichnet er jetzt verharmlosend die U-Boot Lieferung Deutschlands an Israel als ein für beide Seiten vorteilhaftes Geschäft, als ob es sich um eine Lieferung von Käse oder Dachlatten handeln würde.

U-Boot ist Angriffswaffe
Die deutschen U-Boote, noch dazu mit deutschen Steuermitteln deutlich subventioniert dienen nur dem Zweck , ein entfernteres Land, in diesem Falle Iran, anzugreifen, nicht aber zur Selbstverteidigung oder zur Abschreckung, dafür hat Israel ohnehin genug Atomwaffen.

Es handelt sich um Distanz-Angriffswaffen, die in Spannungsgebieten nichts zu suchen haben sollten.

Die Fehler eines Nobelpreisträgers
Günter Grass hat allerdings den Fehler gemacht, ein hochpolitisches, komplexes Thema in Gedichtform abzuhandeln.

Gedichte sind sehr geeignet, um z.B. politische Satire darin unterzubringen. Sie sind aber völlig ungeeignet, um ein komplexes Thema substantiell mit der nötigen Tiefe zu bearbeiten.

Hinzu kommt noch, dass Grass, seinerzeit eingezogener Waffen-SS-Soldat und als Deutscher, sich hier auf ein Minenfeld begeben hat, das nur bei genauester Abtastung – nicht jedenfalls in Gedichtform – sachgerecht überwunden werden kann.

Grass hätte daher einen ausführlichen Artikel schreiben können und müssen, der genau diese seine Sorgen artikuliert, und dabei wirklich jedes Wort auf die sogenannte Goldwaage legen müssen.

Auch wenn die Schlüsse die gleichen gewesen wären, die Kritik daran wäre ganz anders ausgefallen und hätte sich nicht hinter Antisemitismusvorwürfen und dem Vorwurf der erbärmlichen Kunst verstecken können, sondern sich zur Kriegsgefahr im Nahen Osten und zur U-Boot Lieferung äussern müssen.

So hat Grass es seinen Kritikern ermöglicht, vom Thema abzulenken, und eine neue Antisemitismus-Diskussion in Gang zu setzen, die wir in dieser hochexplosiven Lage ganz bestimmt nicht brauchen.

Denn Israels Weg in den Krieg mit dem Iran datiert lange zurück, und wir haben immer wieder darauf hingewiesen:

Die Lieferung von Massenvernichtungswaffen, der Giftgase Sarin und Senfgas, samt den Blaupausen zur Errichtung einer Fabrik zu deren Herstellung, von China in den Iran in den 90er Jahren mit Hilfe des britischen Auslands-Geheimdienstes Mi6, des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet und des Bundesnachrichtendienstes

Die Anschaffung von 25 Langstreckenbomber des Typs McDonnell-Douglas (jetzt Boeing) F-15- I zum Stückpreis von damals 84 Millionen US-Dollar, geordert vom seinerzeitigen der Chef der Luftwaffe, Generalmajor Eitan Ben Eliyahu, kurz nach seinem Amtsantritt,
General Eliyahu hatte an dem Angriff auf den irakischen Atomreaktor in Osirak am 7.6. 1981 teilgenommen, und wollte Israel auf einen möglichen Schlag gegen den Iran militärisch optimal vorbereiten.
Zu einem Zeitpunkt, als eine angebliche iranische Atombombe noch gar nicht zur Diskussion stand.

Die Kaperung des Frachters Arctic Sea in der Ostsee im Juli 2009 durch vom israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad angeheuerte Berufskriminelle aus den baltischen Ländern. Das Schiff hatte Boden-Luft-Raketen des russischen Typs S300 geladen. Diese Raketen würden in den Händen des Iran die Abschüsse von israelischen Kampfbombern im Falle eines Angriffs um wenigstens 60% erhöhen .

Die Mordanschläge im Iran auf Atomwissenschaftler

Der Anschlag auf die iranische Militärbasis

Der Stuxnetangriff (Computerviren) eingeschleust in das Atomprogramm des Iran

Der logische nächste Schritt wäre jetzt der Erstschlag, da hat Grass völlig recht.

Weitere Schnitzer
Nur: er machte abgesehen von der Form, in die er seine Kritik kleidete, noch folgende unnötige Fehler:

– Er sprach von Israel, statt von der israelischen Regierung, und tat damit den zahlreichen Kriegsgegnern in Israel unrecht. Das hat er mittlerweile korrigiert.

– Er bezeichnete die Reaktion der deutschen Medien auf sein Gedicht als „Gleichschaltung“. Ein übler Ausrutscher. Gleichschaltung ist ein Vorgang, der zu einer Diktatur passt.

Die überaus notwendige Warnung eines angesehenen Intellektuellen, der den 2. Weltkrieg noch als Soldat miterlebt hat, droht nun unterzugehen.

Kein Mangel an Argumenten
Dabei hätte es an Argumenten ja nun wirklich nicht gemangelt:

1. Selbst wenn der Iran die Bombe hätte, würde er sie mit Sicherheit nicht zum Einsatz bringen, weil es mit dem sofortigen atomaren Gegenschlag der USA und der Vernichtung des Iran beantwortet würde. Man kann den Iranern alles vorhalten, aber Selbstmörder sind sie nicht.

2. Die Angriffspläne Israels haben daher, wie wir schon früher hervorgehoben haben, mehr mit der geplanten Annexion Ost-Jerusalems und der Westbank, Angriffen auf Gaza und dem Libanon zu tun.

3. Ein Krieg mit dem Iran würde auch Syrien mit hineinziehen und den Libanon. Die Folgen wären unabsehbar. Mittlerweile hat auch China in der bisher nachdrücklichsten Form sich gegen einen Angriff ausgesprochen.

Wörtlich:

An attack on Iran would invite devastating retaliation that would envelop the region and destabilise the global economic recovery, and added that the international community had to restrain itself from war.

Israel, seit der Kaperung des mit 200 Tonnen Uranoxid beladenen Frachters Scheersberg A, im Jahre 1968, und der Anreicherung im Atomreaktor Dimona, im Besitz von Dutzenden von Atombomben, gefördert noch durch die atomare Zusammenarbeit mit Apartheid-Südafrika, will im Nahen Osten alleinige Atommacht bleiben, um dort – wie gehabt – notfalls unter Verletzung internationalen Rechts, schalten und walten zu können.

So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass sich solche Parolen der Siedler in der Westbank an den Hauswänden finden:

.


Besetzte Westbank – An Häuserwände gesprühte Siedlerparolen. Screenshots: Dr. v. Paleske

Es ist höchste Zeit, endlich im Nahen Osten Frieden zu schaffen.

Wenn Israel als notwendige Voraussetzung dafür sich endlich aus Ost- Jerusalem und der Westbank zurückziehen würde, und es dann zu einem umfassenden Frieden käme, dann wäre selbst eine iranische Atombombe nichts anderes als ein Papiertiger.

Aber genau das ist nicht die Politik der gegenwärtigen Regierung.

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3 Gedanken zu “Günter Grass, ein Gedicht und das Jerusalem-Syndrom

  1. Israels Atombomben Israel hat sich Atombomben angeschafft und dabei geholfen, dass ein Land welches Rassentrennungspolitik betrieb Atommacht wurde.
    Dieses Land wurde weltweit kritisiert und Sportler durften nicht an internationale Sportveranstaltungen (Olympiade etc.) teilnehmen.

    Israel fuehlt sich offensichtlich nicht sicher mit seiner Atombombe. Was fuer eine schwachssinige Aktion war denn die Anschaffung der Atombombe? Wenn ich eine Ratte in die Enge treibe und sie mir an die Gurkel springt, dann helfen keine Atombomben weiter. Da hilft nur eins: Gehirn einschalten und reflektieren warum mir die Ratten an die Gurkel springen.

    Israel sollte, solange er als westlicher Staat nicht den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet und weiterhin UNO-Resolutionen missachtet, von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden.

    Der Holocaust-Bonus hat Feierabend.

    “We know too well that our freedom is incomplete without the freedom of the Palestinians.”
    ― Nelson Mandela (1997)
    http://www.roadmaptoapartheid.org

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  2. Eilmeldung Pakistanische Generaele fordern eine militaerische Kooperation mit dem Iran. Iran solle demnach von Pakistan aus befaehigt sein, bei einem Angriff Israels, Atombomben auf den Kriegstreiber abzufeuern.

    Das olympische Kommitee (zu 100% Antisemiten) beschliesst, dass israelische Sportler nicht mehr an den Wettkaempfen teilnehmen duerfen wie einst Suedafrika. waehrend der Rassentrennungspolitik.

    IBM, Saab, Volvo usw. schliessen Ihre Niederlassungen in Israel und stoppen jegliche Zusammenarbeit in der Apartheidsnation 2.0.

    Das auserwaehlte Volk muss umdenken, nachdem sich herausgestellt hat, dass der liebe Gott kein Grundstuecksmakler ist.

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  3. Was mich maßlos ärgert, das jede Kritik an der Politik Israels als „Antisemitisch“ abgetan wird. Ich halte zwar auch die Gedichtform für nicht angemessen. Das ändert aber nichts an dem grundsätzlichen Problem. Jedes Land dieser Erde darf man scharf angehen, nur Israel nicht. Sobald irgendein Deutscher Kritik übt, ist er schon wieder ein böser Nazi. Das geht mir sehr auf den Nerv. Ob die wirklich den Unterschied nicht kennen?

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