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Kunduz, Afghanistan – nicht nur Taliban-Kämpfer, sondern jetzt auch IS

Dr. Alexander von Paleske — 8.5. 2015 —
Kunduz, dort war einmal ein ein Feldlager, der Bundeswehr von dem aus eine ganze Region friedlich gehalten werden sollte.

Statt Frieden: Krieg
Im Oktober 2003 kamen die ersten Bundeswehr-Soldaten dort an. Die Bewohner empfingen sie keineswegs unfreundlich, viele hofften auf dauernden Frieden und grosszügige Entwicklungshilfe.

Sie sollten sich irren: Sie bekamen stattdessen Krieg, und wenig änderte sich an ihrer sozialen Lage. Aber in den Aufbau und die Unterhaltung das Militärlagers Kunduz wurden alleine 250 Millionen Euro gesteckt.

Von der Schutztruppe zur Kampftruppe
Kunduz, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, galt als friedlich, damals im Oktober 2003. Die Bundesregierung hatte Kundus ausgesucht, auch weil es weitab lag von Grenze zu Pakistan. Die Bundeswehr sollte ja nur als Schutztruppe, aber nicht als Kampftruppe eingesetzt werden.

Gründlich geändert

Das sollte sich im Laufe der folgenden vier Jahre aber gründlich ändern: Die Taliban sickerten dort ein, errichteten Parallelstrukturen bauten Sprengfallen, und verwickelten von 2007 an die Bundeswehr in Gefechte. Auch das Feldlager in Kunduz wurde in der Folgezeit häufig beschossen.

25 Bundeswehrsoldaten wurden bei Gefechten mit den Taliban im Raum Kunduz getötet, oder kamen bei Selbstmord- bzw. Bombenanschlägen ums Leben.

Im Jahre 2009 dann der Luftangriff auf zwei von den Taliban entführte Tanklastwagen der über Hundert Menschen, darunter auch Kinder, das Leben kostete.

Die Gefechte mit den Taliban rückten näher an Kundus heran und
Selbstmordattentäter sickerten in die Stadt ein. Allerdings waren die Taliban damals viel zu schwach, um die Stadt einzunehmen. Jedoch: Immer deutlicher schälte sich heraus, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist.

Vorwärts, wir müssen zurück
Im Jahre 2010 fiel die Entscheidung zum Rückzug aus Afghanistan. Der Krieg sollte innerhalb von vier Jahren „afghanisiert“ werden, wie weiland der Krieg in Vietnam 1973 vietnamisiert wurde – für zwei Jahre.

Im Oktober 2013 schliesslich, 10 Jahre nach dessen Errichtung, räumte die Bundeswehr das Lager Kunduz, und übergab es an afghanische Truppen.

Schreckensbilanz
Die Bilanz des deutschen Einsatzes in Afghanistan ist niederschmetternd:

– Dutzende Bundeswehr-Soldaten starben Hunderte wurden körperlich und / oder psychisch schwer traumatisiert.

– die Zivilbevölkerung geriet zwischen die Fronten,

– die Unterstützung der Zivilbevölkerung für die ISAF Truppe, sofern sie je bestand, schwand dahin

– der Mohnanbau der ja auch durch den Militäreinsatz gestoppt werden sollte, floriert besser denn je.

Weniger statt mehr
Mittlerweile ist die Sicherheitslage in Kunduz schlechter denn je:. Vergangene Woche hiess es in den Medien, die Stadt Kunduz stehe vor dem Fall an die Taliban.

Der Gouverneur forderte eine Brigade Soldaten (rund 3000) an, um die Frühjahrsoffensive der Taiban in der Provinz Kunduz zu stoppen. Er bekam gerade mal ein Bataillon (600).


Afghanische Soldaten in Kunduz …auf verlorenem Posten? — Screenshot: Dr. v. Paleske

Das afghanische Militär hat nun eine Gegenoffensive gestartet, die kaum über den Stadtbereich Kunduz hinauskommen dürfte: in den Randbezirken der Stadt wird bereits heftig gekämpft, was eine neue Flüchtlingswelle zur Folge hat.


Neu angekommene Flüchtlinge in KunduzScreenshot: Dr. v. Paleske

Die Religionsfaschisten kommen
Nun sind in Kunduz auch noch die internationalen Brigaden der Religionsfaschisten des Islamic State (IS) aufgetaucht. Diese brutalen Kämpfer kommen vor allem aus Tschetschenien und kämpfen Seite an Seite mit den Taliban. Sie kommen, um mit heroischen Taten in Afghanistan notfalls zu sterben: durch Selbstmordattentate, oder im Kampf mit der afghanischen Armee.

Diese Armee ist nicht in der Lage, gegen die Taliban die Oberhand zu gewinnen, und das Auftauchen der IS zeigt nur das ganze Ausmass der Fehlentscheidungen dort:
.
– Als Strafaktion nach dem 11.. September 2001 gestartet, stand der Aufbau Afghanistans nicht wirklich zur Debatte

– die gewachsenen Traditionen und Strukturen der afghanischen Bevölkerung wurden ignoriert

– die westliche Staatengemeinschaft alimentierte eine durch und durch korrupte Regierung in Kabul.

700 Milliarden für den Krieg
Der Grossteil der zum Schluss insgesamt 700 Milliarden bis 1 Billion US Dollar floss in den Krieg, änderte jedoch nichts an der jämmerlichen Lage der Zivilbevölkerung, die durch die Kampfhandlungen auch noch zu Flüchtlingen im eigenen Land wurde.

Schlimmer noch: den IS-Religionsfaschisten wurde in Afghanistan ein Lotterbett bereitet.

Unverzeihlich, dass die im Bundestag vertretenen Parteien – mit Ausnahme der Linken – das Afghanistan-Kriegsabenteuer wieder und wieder abnickten, und selbst heute noch von „begrenzten Erfolgen“ reden, wo doch längst feststeht, dass es diese Mission in jeder Hinsicht ein totaler – vorhersehbarer – Fehlschlag war.

Wie Hohn liest sich die Stellungnahme grüner Bundestags-Abgeordneter aus dem Jahre 2014:

Die Entscheidung, den ISAF Militäreinsatz zu beenden und die Sicherheitsverantwortung vollständig an die afghanische Regierung zu übergeben, war und bleibt richtig.
Damit wird dem politischen Prozess endlich Vorrang gegeben. Denn nur politisches und ziviles Engagement kann der afghanischen Bevölkerung eine wahrhaft nachhaltige Perspektive bieten. Nur zivile Aufbauhilfe kann zum Aufbau von Verwaltungsstrukturen, eines Justiz-, Bildungs- und auch Gesundheitssystems beitragen. Nur durch die zivilen Anstrengungen kann sich eine nachhaltige Wirtschaftsperspektive entwickeln. Die zivile Aufbaustrategie darf militärischen Zielsetzungen nicht untergeordnet werden.“

Noch lange nicht Schluss
Dass die afghanische Regierung den Krieg gewinnen kann, erscheint so gut wie ausgeschlossen. Dennoch sollen 800 Bundeswehr-Soldaten als Ausbildungstruppe in Afghanistan bleiben.
.
Der Krieg in Afghanistan ist noch lange nicht zu Ende. IS wird dafür sorgen, dass er noch einige Grade brutaler wird, auch und gerade gegenüber der Zivilbevölkerung.

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