Medizin

Preisexplosion bei Krebsmedikamenten – Bleibt die Behandlung bezahlbar?

Dr. Alexander von Paleske — 23.8. 2015 —-
Die Preise für neue onkologische Medikamente sind nicht nur kräftig angestiegen, sie sind geradezu explodiert. In den letzten 15 Jahren haben sich die Preise für Krebsmedikamente um das fünf- bis zehnfache verteuert.

Alle 2014 zugelassenen Medikamente werden zu mehr als 120.000 US Dollar (rund 110.000 Euro) pro Patient pro Therapie angeboten. Die Krankenversicherungen in den USA haben daraufhin die Selbstbeteiligung für diese Medikamente auf 20-30% erhöht, und dies bei einem Jahres-Haushalts-Durchschnittseinkommen von 52.0000 US Dollar.

Selbst die Schauspielerin Shannen Doherty aus der Serie „Beverly Hills 90210″ verzögerte die Brustkrebsbehandlung aus finanziellen Gründen – sie war nicht krankenversichert.

Onkologen in den USA protestieren
Rund ein Drittel der Brustkrebspatienten benötigt das Medikament Trastuzumab (Herceptin). Therapiekosten: 150.000 Euro.

Am 23 Juli 2015 unterschrieben nun 118 US-Onkologen eine Erklärung worin sie eine deutliche Reduzierung der Preise fordern:

In support of a Patient –Driven Initiative and Petition to Lower the High Price of Cancer Drugs

Neu, teuer – und besser?
Steht der Preis für die die Innovation und den therapeutischen Gewinn und Lebenszeit?
Wissenschaftler des nationalen Krebsinstituts der USA haben alle im Zeitraum von 2009 bis 2013 in den USA neu zugelassenen Krebsmedikamente auf Wirksamkeit und Preis untersucht:.

– Von 51 neu zugelassenen hatten 21 (41%) tatsächlich einen neuen Wirkungsmechanismus, 30 (59%) waren hingegen lediglich Nachfolgepräparate

– Die Jahrestherapiekosten mit diesen Medikamenten bewegten sich um die 120.000 US Dollar – gleichermassen für Neuentwicklungen wie auch Nachfolgepräparate, wo die Entwicklungskosten regelhaft erheblich niedriger liegen.

– Auch bestehe keine Korrelation zwischen der Lebensverlängerung einerseits und den Medikamentenkosten andererseits.

Der pharmakritische Arzneimittelbrief (Ausgabe Mai 2015) sieht hier ein abgekartetes Spiel am Werk mit dem Ziel, ein kollektives Monopol aufrechtzuerhalten.

Nur Wochen und Monate gewonnen
Oftmals lässt sich der therapeutische Zugewinn durch neue Krebsmedikamente nur in Wochen und Monaten – nicht hingegen in Jahren – messen, von Heilung gar nicht zu reden, was gleichwohl in der Onkologie und den onkologischen Fachzeitschriften als „grosser Fortschritt“ gefeiert wird, obwohl es sich bestenfalls um gar keinen wirklichen Fortschritt, oder nur um einen sehr bescheidenen Fortschritt handelt. Zumal viele dieser Medikamente nicht unerhebliche Nebenwirkungen haben, welche in der gewonnen Zeit die Lebensqualität nicht unerheblich beeinträchtigen können.

Verzweiflung führt zu Akzeptanz
Dass von Seiten der Patienten dies akzeptiert wird, ist verständlich: die Verzweiflung des Patienten nach Diagnosestellung lässt viele zum therapeutischen Strohhalm greifen.

Manche Onkologen verabreichen Medikamente sogar „bis zum letzten Atemzug“ zur Lebensverlängerung, dabei würde diesen Patienten eine palliative Behandlung weit besser helfen.

Jetzt wurde in einer Studie an einer New Yorker Klinik nachgewiesen, dass diese „Bis zum Letzten-Atemzug-Therapie“ bei sehr kranken Krebspatienten nicht hilft, bei Krebskranken im Endstadium mit in etwas besserer physischer Verfassung jedoch eindeutig schadet, weil dadurch die Lebensqualität nicht unerheblich beeinträchtigt wird.

So ist es keine Überraschung: Bei einer Befragung unter Krebsärzten lehnte es die Mehrheit ab, sich einer Chemotherapie selbst in einem früheren Stadium zu unterziehen, wenn die Heilungschance Null und die Überlebenswahrscheinlichkeit zeitlich in Monaten, und nicht in Jahren gemessen werden muss.

Auch der international bekannte britische Hämato-Onkologe Professor John Goldman machte da keine Ausnahme: er litt an Gallengangskrebs, eine bösartige Erkrankung, die nur höchst ungenügend auf Chemotherapie anspricht, und wählte den Freitod.

John Goldman war es, der das Management der Firma Novartis überzeugte, das Krebsmedikament Imatinib zur Behandlung der chronischen myeloischen Leukämie weiterzuentwickeln und verfügbar zu machen. Eine der nicht gerade zahlreichen Neuentwicklungen, die tatsächlich einen Riesenfortschritt darstellen
Therapiekosten allerdings: 41.000 Euro pro Patient pro Jahr. Es muss aber angemerkt werden, dass Novartis das Medikament in Low Income Countries kostenlos über die Max Foundation zur Verfügung stellt.

Viele neue Medikamente auch zur Behandlung des Melanoms
Für des maligne Melanom, ein besonders bösartiger Hautkrebs mit hohem Metastasierungs-Potential kamen und kommen in kurzer Folge neue Medikamente auf den Markt, allesamt das Resultat der rasanten Fortschritte in der Entschlüsselung der Krebsentwicklung, und der Möglichkeiten in diesen Ablauf therapeutisch einzugreifen. Nicht mehr das ungezielte Flächenbombardement mit zytostatischen Substanzen, sondern die gezielte Kugel. Und allesamt sehr teuer. Therapiefortschritt beim Melanom: bisher bescheiden zumindest was das Gesamtüberleben angeht.

Schwer verständliche Logik der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
Für Low Income Countries, in denen mit einer starken Zunahme der Krebserkrankungen gerechnet werden muss, der hat die Weltgesundheitsorganisation jetzt eine Liste mit unverzichtbaren (essentiellen) Medikamenten zusammengestellt.
Darunter auch das 150.000 Dollar teure Trastuzumab (Herceptin), das zur einer landesweiten Behandlung des Brustkrebses in diesen Ländern, wegen des exorbitanten Preises, völlig ausser Reichweite ist.

Hinzu kommt, dass es oft – viel zu oft – an Histologie-Laboratorien mangelt in denen festgestellt werden kann, ob der Patient von einer derartigen Therapie überhaupt profitieren würde.

Es stellen sich erneut Fragen an die WHO – diesmal über die Logik derartiger Empfehlungen, insbesondere wenn die preiswerten Standard-Medikamente zur Brustkrebsbehandlung vielfach bereits unerschwinglich sind, und es zudem noch an Onkologen mangelt.

Mehr noch: sehr viele Patientinnen befinden sich in einem fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung, wenn sie zur Behandlung kommen, eine kurative Behandlung damit ohnehin ausgeschlossen ist.

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